Sonntag, 25. Juni 2023
… und eine Geschichte, an der alles stimmt: "Das Buch vom Verschwinden" von Ibtisam Azem
damals, 14:17h
(Kopie meines Kommentars bei mir selber - wenn ich meine Texte schon auf so einer Winkelplattform wie blogger.de veröffentliche, muss ich sie ja nicht auch noch zusätzlich in den Kommentaren verstecken)
Ich habe jetzt noch einen Roman einer Palästinenserin gelesen, „Das Buch vom Verschwinden“ von Ibtisam Azem, der mich begeistert, und ich sollte doch, wenn ich schon über die nur so halb guten Bücher abnörgele (während ich die belanglosen Lektüren wie neulich „Melody“ von Martin Suter in der Regel gar nicht erwähne), dann auch Loblieder auf die richtig guten verfassen.
Ich lese den schon 2014 erschienen und leider jetzt erst ins Deutsche übersetzten Roman jetzt gleich zum zweiten Mal, weil ich den wunderbar melancholischen Grundton beim ersten Lesen gar nicht genießen konnte, denn ich musste ich musste ständig unterbrechen und in Wikipedia nachblättern, weil ich von den als bekannt vorausgesetzten Hintergründen keine Ahnung hatte.
Eigentlich passiert nicht viel in dem Buch. Es geht um einen arabischstämmigen Bewohner von Tel Aviv, der die lückenhafte Erinnerung an die Geschichte seiner Familie nicht zu fassen kriegt: Deren Heimatstadt Jaffa ist längst von ihrem einstigen Vorort Tel Aviv geschluckt und zu einem nachgebauten Künstler- und Touristenviertel gemacht worden; der größte Teil seiner Familie wurde schon vor seiner Geburt vertrieben. Und die geliebte Großmutter, Hüterin der Familienerinnerung, ist gerade gestorben. Aber auch sein jüdischstämmiger Freund weist eine solche lückenhafte Familienerinnerung auf und treibt wie er wurzellos durch Tel Aviv. Dann lösen sich auf einmal und auf mystische Weise alle palästinensischen Menschen (inklusive der Hauptfigur) aus Israel und den besetzten Gebieten in Luft auf und nach einigen Tagen des Schocks gibt sich das Land seiner über Nacht gewonnenen Reinrassigkeit und damit dem Vergessen, der Erinnerungslosigkeit und der Leere der kapitalistischen Gegenwart hin.
Eine einfache, aber kluge Parabel, geschrieben in einem traurigen Tonfall, der mich jedenfalls sofort sehr berührte. Jetzt beim zweiten Lesen beginne ich auch langsam die ersten Anspielungen zu verstehen: Da sind zum Beispiel zwei Freunde, ein Jude und ein Araber, die einst als Tagelöhner bei den Gurkenverkäufern auf dem Markt arbeiteten – die Gurken waren köstlich, sie hatten so gelbe Blütenkrönchen, wie kleine Türkenfeze. Die beiden arbeiten da längst nicht mehr, die Gurken schmecken auch nicht mehr, nur noch wässrig. Und eine Palästinenserin aus dem Westjordanland bringt ihre Familie durch, indem sie auf israelischen Gebiet in einem Gewächshaus voller Chemiedunst Gewürznelken pflückt, während ihr aus dem Gefängnis entlassener Mann bewegungslos zu Hause am Küchentisch sitzt und Löcher in die Luft starrt. Oder die von der Schuld ihrer Vorfahren besessene Deutsche, die auf einer Party ihrem Kollegen den Quoten-Araber ihres Freundeskreises vorstellt, in aschkenasischem Hebräisch – worauf dieser betont mizrachisches Hebräisch anstimmt. Oder die alte Jüdin aus Bagdad, deren Familie nach Tel Aviv vertrieben wurde, dort aber gesellschaftlich ausgeschlossen bleibt, wie sie sich freut, als der palästinensische Arzt sie mit einer arabischen Höflichkeitsfloskel beruhigt.
Und natürlich das dominierende Symbol der „weißen Stadt“ Tel Aviv mit ihren neusachlichen Bauhausbauten. Für mich, der kommunistisch erzogen wurde, und für den das Bauhaus der Inbegriff des Guten war und der sich als Kind schon wunderte, weshalb er das Bauhausgebäude in Dessau eigentlich nicht schön finden konnte – für mich war das Symbol der weißen Stadt sehr eindringlich und einleuchtend, die weiße Stadt als künstlich erdachter Fremdkörper (mit dem künstlichen erdachten und aller Geografie widersprechenden Namen Tel Aviv), der die Erinnerungslosigkeit mit sich bringt und die alte Stadt Jaffa auffrisst und deren Reste in die Erinnerungslosigkeit verstößt.
Lesen Sie dieses Buch!
Ich habe jetzt noch einen Roman einer Palästinenserin gelesen, „Das Buch vom Verschwinden“ von Ibtisam Azem, der mich begeistert, und ich sollte doch, wenn ich schon über die nur so halb guten Bücher abnörgele (während ich die belanglosen Lektüren wie neulich „Melody“ von Martin Suter in der Regel gar nicht erwähne), dann auch Loblieder auf die richtig guten verfassen.
Ich lese den schon 2014 erschienen und leider jetzt erst ins Deutsche übersetzten Roman jetzt gleich zum zweiten Mal, weil ich den wunderbar melancholischen Grundton beim ersten Lesen gar nicht genießen konnte, denn ich musste ich musste ständig unterbrechen und in Wikipedia nachblättern, weil ich von den als bekannt vorausgesetzten Hintergründen keine Ahnung hatte.
Eigentlich passiert nicht viel in dem Buch. Es geht um einen arabischstämmigen Bewohner von Tel Aviv, der die lückenhafte Erinnerung an die Geschichte seiner Familie nicht zu fassen kriegt: Deren Heimatstadt Jaffa ist längst von ihrem einstigen Vorort Tel Aviv geschluckt und zu einem nachgebauten Künstler- und Touristenviertel gemacht worden; der größte Teil seiner Familie wurde schon vor seiner Geburt vertrieben. Und die geliebte Großmutter, Hüterin der Familienerinnerung, ist gerade gestorben. Aber auch sein jüdischstämmiger Freund weist eine solche lückenhafte Familienerinnerung auf und treibt wie er wurzellos durch Tel Aviv. Dann lösen sich auf einmal und auf mystische Weise alle palästinensischen Menschen (inklusive der Hauptfigur) aus Israel und den besetzten Gebieten in Luft auf und nach einigen Tagen des Schocks gibt sich das Land seiner über Nacht gewonnenen Reinrassigkeit und damit dem Vergessen, der Erinnerungslosigkeit und der Leere der kapitalistischen Gegenwart hin.
Eine einfache, aber kluge Parabel, geschrieben in einem traurigen Tonfall, der mich jedenfalls sofort sehr berührte. Jetzt beim zweiten Lesen beginne ich auch langsam die ersten Anspielungen zu verstehen: Da sind zum Beispiel zwei Freunde, ein Jude und ein Araber, die einst als Tagelöhner bei den Gurkenverkäufern auf dem Markt arbeiteten – die Gurken waren köstlich, sie hatten so gelbe Blütenkrönchen, wie kleine Türkenfeze. Die beiden arbeiten da längst nicht mehr, die Gurken schmecken auch nicht mehr, nur noch wässrig. Und eine Palästinenserin aus dem Westjordanland bringt ihre Familie durch, indem sie auf israelischen Gebiet in einem Gewächshaus voller Chemiedunst Gewürznelken pflückt, während ihr aus dem Gefängnis entlassener Mann bewegungslos zu Hause am Küchentisch sitzt und Löcher in die Luft starrt. Oder die von der Schuld ihrer Vorfahren besessene Deutsche, die auf einer Party ihrem Kollegen den Quoten-Araber ihres Freundeskreises vorstellt, in aschkenasischem Hebräisch – worauf dieser betont mizrachisches Hebräisch anstimmt. Oder die alte Jüdin aus Bagdad, deren Familie nach Tel Aviv vertrieben wurde, dort aber gesellschaftlich ausgeschlossen bleibt, wie sie sich freut, als der palästinensische Arzt sie mit einer arabischen Höflichkeitsfloskel beruhigt.
Und natürlich das dominierende Symbol der „weißen Stadt“ Tel Aviv mit ihren neusachlichen Bauhausbauten. Für mich, der kommunistisch erzogen wurde, und für den das Bauhaus der Inbegriff des Guten war und der sich als Kind schon wunderte, weshalb er das Bauhausgebäude in Dessau eigentlich nicht schön finden konnte – für mich war das Symbol der weißen Stadt sehr eindringlich und einleuchtend, die weiße Stadt als künstlich erdachter Fremdkörper (mit dem künstlichen erdachten und aller Geografie widersprechenden Namen Tel Aviv), der die Erinnerungslosigkeit mit sich bringt und die alte Stadt Jaffa auffrisst und deren Reste in die Erinnerungslosigkeit verstößt.
Lesen Sie dieses Buch!
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Freitag, 27. Januar 2023
Eine Geschichte, an der nichts stimmt
damals, 12:23h
Wieder ein zufälliger Griff im Buchladen: Adania Shibli "Eine Nebensache". Ein schmaler Band von 100 Seiten, "Roman" steht vorne drauf. Komisch, denke ich: ein bisschen kurz für einen Roman. Der Klappentext verrät, dass es um den jüdisch-palästinensischen Konflikt geht, ein kurzes Reinlesen stehend im Laden zeigt, dass hier jemand klar und präzise erzählt, und offenbar von konkreten Einzelereignissen, nicht von den großen Linien der Politik, die der Wahrheitsfindung so oft hinderlich sind. Gut, ich kaufe es.
Also, ein Roman ist das tatsächlich nicht. Es ist eine Erzählung, genauer: eine Doppelerzählung – erst läuft die erste Erzählung ab, einfach und geradlinig, dann die zweite, auf dieselbe Art.
Die erste Erzählung schildert einen militärischen Vorfall in der Negev-Wüste aus dem Jahr 1949. Ein Trupp Soldaten schlägt sein Lager auf und durchstreift die Wüste auf der Suche nach Arabern. An einer Oase treffen sie auf Beduinen, erschießen die Männer, nehmen ein Mädchen fest, das sie später im Lager vergewaltigen und dann ebenfalls ermorden. Das Ganze detailgenau erzählt aus der Sicht des Kommandeurs. Aber irgendwie merkwürdig: Wir sehen jedes kleine Detail, das er sieht - nur die eigentlichen Verbrechen, die Erschießungen und Vergewaltigungen, bleiben ausgespart und werden dem Leser nur durch Andeutungen klar, und außerdem sehen wir zwar alles mit den Augen des Kommandeurs, erfahren aber null und nichts von seinen Gefühlen, Überlegungen und Beweggründen. So bleibt die Geschichte, so brutal sie ist, leer und lässt mich als Leser ratlos zurück.
Die zweite Erzählung bringt dann ein bisschen Licht ins Dunkel. Wir haben nun eine Ich-Erzählerin, eine palästinensische Frau aus dem besetzten Gebiet, eine unsichere, vor Panik flatternde Frau, der es nicht gelingt, die täglichen Schrecken der Besetzung auch nur für einen Moment zu verdrängen und zu sich zu kommen. Ganz typisch für so einen Menschen: Einerseits starrt sie wie das Kaninchen auf die Schlange immer wieder auf die (in der Tat monströsen) Ungerechtigkeiten, die ihr und den ihrigen täglich widerfahren, gleichzeitig nimmt sie in vorauseilendem Gehorsam oft deren Sichtweise ein: Sie beschuldigt sich selbst, ein Mensch zu sein, der tolpatschig immer wieder Grenzen übertritt - ohne mal zu fragen, ob diese Grenzen nicht vielleicht ihre normalsten Bedürfnisse beschneiden oder ob es - in anderen von ihr genannten Fällen - nicht einfach Grenzüberschreitungen aus Trotz und Wut sind. Denn ihre eigenen Gefühle nimmt sie nicht wahr und beschuldigt sich selbst absurderweise des Narzissmus. Und sie fühlt sich "schwach und hilflos wie die Bäume", die "der Wind erbarmungslos in alle Richtungen biegt". Nun, solange die Bäume nicht brechen oder umstürzen, kann ich daran nichts Hilfloses finden.
Diese Ich-Erzählerin erfährt durch einen israelischen Zeitungsartikel von dem Vorfall aus dem Jahr 1949 und macht sich auf, die Geschichte des Mädchens genauer zu recherchieren. Sie leiht sich von einer Jerusalemer Kollegin einen Ausweis (denn mit ihrem könnte die Fahrt kompliziert werden), ein Freund mietet ihr ein Auto, und sie fährt nach Israel, um Näheres zu erfahren. Natürlich findet sie in israelischen Museen nichts Neues (außer Details zu Ausrüstung und Bekleidung der Soldaten damals), sie glaubt später am Ort des Geschehens zu sein, erkennt später ihren Irrtum und findet den richtigen Ort. Am Ende folgt sie einer spontanen Intuition und entdeckt eine Oase in militärischem Sperrgebiet, wo Soldaten das Feuer auf sie eröffnen.
Nun erkennt der Leser die erste Erzählung als Produkt der Ich-Erzählerin und begreift, warum sie so hirnlos und täterfixiert daherkommt: Es ist der gescheiterte Versuch der Ich-Erzählerin, die Geschichte des Opfers zu erzählen, voller irrelevanter (die Bekleidung der Soldaten) und falscher Details (der irrtümlich angenommene Ort des Geschehens). Und das Mädchen, dessen Geschichte ja eigentlich erzählt werden sollte, erscheint nur als sprachloses Objekt aus dem Blick des Kommandeurs. Es gelingt der Erzählerin nicht, dem Mädchen als Person nahezukommen - so wie sie sich selbst ja auch nicht nahekommt. Dazu passt, dass sie am Ende ihre eigene Erschießung imaginiert: Sie schafft es nicht, dem Opfer eine Würde zu verleihen, also versucht sie, sich in dessen Würdelosigkeit einzufühlen.
Nein, Frau Shibli, wenn die Geschichte des Opfers verloren ist, dann ist es so. Es genügt, des Opfers zu denken und vor allem nicht immer wieder die Geschichte der Täter zu repetieren! Man kann die Ohnmacht auch herbeireden: Wenn die Erzählerin mit einem falschen Ausweis reist, um sich diese oder jene Schikane zu ersparen, und die Soldaten mit ihren unzähligen Kontrollposten nichts merken - wer ist dann eigentlich hilflos? Und ja, es ist ungerecht, dass Israel palästinensische Dörfer von der Landkarte verschwinden ließ, und diese Ungerechtigkeit gehört benannt. Aber warum nennt die Erzählerin im israelischen Alltag nicht ihren arabischen Namen? Stärkt sie damit nicht diejenigen, die die Araber weghaben wollen? Und schwächt die Araber, die es doch in Israel ziemlich viel gibt?
Wer bedrängt wird, ist nicht weg. Er soll nicht jammern, er soll "ich" sagen, "ich bin da und habe meine Rechte". Oder verlang ich da zu viel aus meiner deutschen Komfortzone?
Also, ein Roman ist das tatsächlich nicht. Es ist eine Erzählung, genauer: eine Doppelerzählung – erst läuft die erste Erzählung ab, einfach und geradlinig, dann die zweite, auf dieselbe Art.
Die erste Erzählung schildert einen militärischen Vorfall in der Negev-Wüste aus dem Jahr 1949. Ein Trupp Soldaten schlägt sein Lager auf und durchstreift die Wüste auf der Suche nach Arabern. An einer Oase treffen sie auf Beduinen, erschießen die Männer, nehmen ein Mädchen fest, das sie später im Lager vergewaltigen und dann ebenfalls ermorden. Das Ganze detailgenau erzählt aus der Sicht des Kommandeurs. Aber irgendwie merkwürdig: Wir sehen jedes kleine Detail, das er sieht - nur die eigentlichen Verbrechen, die Erschießungen und Vergewaltigungen, bleiben ausgespart und werden dem Leser nur durch Andeutungen klar, und außerdem sehen wir zwar alles mit den Augen des Kommandeurs, erfahren aber null und nichts von seinen Gefühlen, Überlegungen und Beweggründen. So bleibt die Geschichte, so brutal sie ist, leer und lässt mich als Leser ratlos zurück.
Die zweite Erzählung bringt dann ein bisschen Licht ins Dunkel. Wir haben nun eine Ich-Erzählerin, eine palästinensische Frau aus dem besetzten Gebiet, eine unsichere, vor Panik flatternde Frau, der es nicht gelingt, die täglichen Schrecken der Besetzung auch nur für einen Moment zu verdrängen und zu sich zu kommen. Ganz typisch für so einen Menschen: Einerseits starrt sie wie das Kaninchen auf die Schlange immer wieder auf die (in der Tat monströsen) Ungerechtigkeiten, die ihr und den ihrigen täglich widerfahren, gleichzeitig nimmt sie in vorauseilendem Gehorsam oft deren Sichtweise ein: Sie beschuldigt sich selbst, ein Mensch zu sein, der tolpatschig immer wieder Grenzen übertritt - ohne mal zu fragen, ob diese Grenzen nicht vielleicht ihre normalsten Bedürfnisse beschneiden oder ob es - in anderen von ihr genannten Fällen - nicht einfach Grenzüberschreitungen aus Trotz und Wut sind. Denn ihre eigenen Gefühle nimmt sie nicht wahr und beschuldigt sich selbst absurderweise des Narzissmus. Und sie fühlt sich "schwach und hilflos wie die Bäume", die "der Wind erbarmungslos in alle Richtungen biegt". Nun, solange die Bäume nicht brechen oder umstürzen, kann ich daran nichts Hilfloses finden.
Diese Ich-Erzählerin erfährt durch einen israelischen Zeitungsartikel von dem Vorfall aus dem Jahr 1949 und macht sich auf, die Geschichte des Mädchens genauer zu recherchieren. Sie leiht sich von einer Jerusalemer Kollegin einen Ausweis (denn mit ihrem könnte die Fahrt kompliziert werden), ein Freund mietet ihr ein Auto, und sie fährt nach Israel, um Näheres zu erfahren. Natürlich findet sie in israelischen Museen nichts Neues (außer Details zu Ausrüstung und Bekleidung der Soldaten damals), sie glaubt später am Ort des Geschehens zu sein, erkennt später ihren Irrtum und findet den richtigen Ort. Am Ende folgt sie einer spontanen Intuition und entdeckt eine Oase in militärischem Sperrgebiet, wo Soldaten das Feuer auf sie eröffnen.
Nun erkennt der Leser die erste Erzählung als Produkt der Ich-Erzählerin und begreift, warum sie so hirnlos und täterfixiert daherkommt: Es ist der gescheiterte Versuch der Ich-Erzählerin, die Geschichte des Opfers zu erzählen, voller irrelevanter (die Bekleidung der Soldaten) und falscher Details (der irrtümlich angenommene Ort des Geschehens). Und das Mädchen, dessen Geschichte ja eigentlich erzählt werden sollte, erscheint nur als sprachloses Objekt aus dem Blick des Kommandeurs. Es gelingt der Erzählerin nicht, dem Mädchen als Person nahezukommen - so wie sie sich selbst ja auch nicht nahekommt. Dazu passt, dass sie am Ende ihre eigene Erschießung imaginiert: Sie schafft es nicht, dem Opfer eine Würde zu verleihen, also versucht sie, sich in dessen Würdelosigkeit einzufühlen.
Nein, Frau Shibli, wenn die Geschichte des Opfers verloren ist, dann ist es so. Es genügt, des Opfers zu denken und vor allem nicht immer wieder die Geschichte der Täter zu repetieren! Man kann die Ohnmacht auch herbeireden: Wenn die Erzählerin mit einem falschen Ausweis reist, um sich diese oder jene Schikane zu ersparen, und die Soldaten mit ihren unzähligen Kontrollposten nichts merken - wer ist dann eigentlich hilflos? Und ja, es ist ungerecht, dass Israel palästinensische Dörfer von der Landkarte verschwinden ließ, und diese Ungerechtigkeit gehört benannt. Aber warum nennt die Erzählerin im israelischen Alltag nicht ihren arabischen Namen? Stärkt sie damit nicht diejenigen, die die Araber weghaben wollen? Und schwächt die Araber, die es doch in Israel ziemlich viel gibt?
Wer bedrängt wird, ist nicht weg. Er soll nicht jammern, er soll "ich" sagen, "ich bin da und habe meine Rechte". Oder verlang ich da zu viel aus meiner deutschen Komfortzone?
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Montag, 16. Januar 2023
"Ein simpler Eingriff" von Yael Inokai
damals, 09:34h
Jetzt hab ich mal einen Roman von der ganz jungen Generation gelesen. Der Name der Autorin war mir schon da und dort begegnet, und neulich im Buchladen lag da ihr Buch, ich hab reingelesen – und war gleich ganz angetan von der kühlen, eleganten, präzisen Sprache, die sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern der Geschichte ihren Lauf lässt.
Inhaltlich geht es um eine Krankenschwester, die kaserniert in einem Schwesternwohnheim lebt und im Krankenhaus bei Gehirnoperationen assistiert, die brutal, neuartig und insgesamt wenig erfolgreich sind, um es gelinde zu sagen. Langsam emanzipiert sie sich von dieser Funktionswelt – privat durch die Liebesgeschichte mit ihrer Zimmerkameradin, beruflich, indem sie zunehmend ihre Verantwortung wahrnimmt, die Götter in Weiß hinterfragt und zu einem Gegengewicht zu ihnen wird; am Ende befreit sie mit ihrer Freundin eine Patientin.
Das Geschehen wird historisch nicht konkret verortet, aber der schmerzhaft treffend beschriebene Leistungs- und Funktionswahn, das Unterdrücken der Individualität, die technokratische Arroganz weisen schon ziemlich deutlich in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, zumal ja auch die mysteriösen Hirnoperationen nicht zufällig an die Lobotomie erinnern, die diesem Geist und dieser Epoche entsprungen ist.
Überraschend, ja fast atemberaubend fand ich den Kunstgriff der Autorin, in diese eiskalte Technokratenwelt eine Ich-Erzählerin zu setzen, die mit der Feinfühligkeit eines heute im Überfluss der ersten Welt lebenden jungen Menschen die Lage peilt, feinste Machtdifferenzen erspüren kann und bis ins kleinste Gesten wie das Anheben einer Kaffeetasse richtig zu deuten weiß. Man fragt sich geradezu, weshalb sie sich nicht schon viel früher aus diesem plumpen, brutalen Apparat verabschiedet hat. Und noch mehr fragt man sich, woher sie ihre Sensibilität hat – aus ihrer zeittypisch unsensiblen Kinderstube (die ebenfalls recht treffend skizziert wird) kann es jedenfalls nicht sein.
Vor allem aber frage ich mich, warum ich hier an einem Text rumnörgle, der mich doch beeindruckt hat. Na, eben deshalb: Beeindruckt hat er mich, aber nicht auf seine Seite gezogen. Ich komm von der anderen, der romantischen Seite, ich mag die menschenfreundliche Spötterei eines Frank Schulz, die philosophische Melancholie eines Orhan Pamuk, die kratzbürstige Einsamkeit einer Judth Hermann – da bin ich zu Hause. Den disziplinierten, klug komponierten, fein, doch kühl und präzise gearbeiteten Text von Inokai kann ich bestaunen, mögen kann ich ihn nicht.
Inhaltlich geht es um eine Krankenschwester, die kaserniert in einem Schwesternwohnheim lebt und im Krankenhaus bei Gehirnoperationen assistiert, die brutal, neuartig und insgesamt wenig erfolgreich sind, um es gelinde zu sagen. Langsam emanzipiert sie sich von dieser Funktionswelt – privat durch die Liebesgeschichte mit ihrer Zimmerkameradin, beruflich, indem sie zunehmend ihre Verantwortung wahrnimmt, die Götter in Weiß hinterfragt und zu einem Gegengewicht zu ihnen wird; am Ende befreit sie mit ihrer Freundin eine Patientin.
Das Geschehen wird historisch nicht konkret verortet, aber der schmerzhaft treffend beschriebene Leistungs- und Funktionswahn, das Unterdrücken der Individualität, die technokratische Arroganz weisen schon ziemlich deutlich in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, zumal ja auch die mysteriösen Hirnoperationen nicht zufällig an die Lobotomie erinnern, die diesem Geist und dieser Epoche entsprungen ist.
Überraschend, ja fast atemberaubend fand ich den Kunstgriff der Autorin, in diese eiskalte Technokratenwelt eine Ich-Erzählerin zu setzen, die mit der Feinfühligkeit eines heute im Überfluss der ersten Welt lebenden jungen Menschen die Lage peilt, feinste Machtdifferenzen erspüren kann und bis ins kleinste Gesten wie das Anheben einer Kaffeetasse richtig zu deuten weiß. Man fragt sich geradezu, weshalb sie sich nicht schon viel früher aus diesem plumpen, brutalen Apparat verabschiedet hat. Und noch mehr fragt man sich, woher sie ihre Sensibilität hat – aus ihrer zeittypisch unsensiblen Kinderstube (die ebenfalls recht treffend skizziert wird) kann es jedenfalls nicht sein.
Vor allem aber frage ich mich, warum ich hier an einem Text rumnörgle, der mich doch beeindruckt hat. Na, eben deshalb: Beeindruckt hat er mich, aber nicht auf seine Seite gezogen. Ich komm von der anderen, der romantischen Seite, ich mag die menschenfreundliche Spötterei eines Frank Schulz, die philosophische Melancholie eines Orhan Pamuk, die kratzbürstige Einsamkeit einer Judth Hermann – da bin ich zu Hause. Den disziplinierten, klug komponierten, fein, doch kühl und präzise gearbeiteten Text von Inokai kann ich bestaunen, mögen kann ich ihn nicht.
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Dienstag, 25. Oktober 2022
Der Industrietaucher - Christian Petzold und seine "Undine" neulich im Fernsehen
damals, 16:45h
Ach, dieser Christian Petzold - so klug und so spröde, so voller Sehnsucht nach der Romantik und doch gefangen in zeitgenössisch rationalistischer Ideologie! Da lässt er Undine, die Nixe, als moderne junge Frau, freiberufliche Führerin durch Ideen und Modelle Berliner Stadtgestaltung, auftreten. Sie wird von ihrem Freund verlassen und findet sofort einen neuen, den Industrietaucher Christoph. Der wird dann aber von ihrem Vater, einem dicken Wels aus den Tiefen eines westdeutschen Stausees, bedroht und beinahe zu Tode gebracht - nur indem Undine ihren alten Lover ertränkt, kann sie ihren neuen retten. Sie selbst aber muss zurück ins Wasser. Christoph bindet sich nach ihrem Verschwinden an eine neue Frau. Nur einmal ist er versucht, der immer noch geliebten Undine ins Wasser zu folgen, schreckt aber im letzten Moment zurück und bleibt doch in der banalen Realität.
Das stimmt doch alles hinten und vorne nicht, sagte ich mir, als ich das Geschehen betrachtete. Im Nachhinein jedoch, mit Nachdenken, ergab es auf andere Weise doch auch wieder Sinn, für mich jedenfalls.
Na ja, vielleicht bin ich auch falsch reingerutscht in den Film: diese Anfangsszene, in der Undine ihrem Freund in theaterhaft künstlicher Rede androht, dass sie ihn töten wird, falls er sie verlässt - das erlebte ich keineswegs als romantisches Motiv, nur als überzogene Reaktion einer Dramaqueen. Zu bestätigen schien sich das, als sie sich keine fünf Minuten später leidenschaftlich in den Nächsten verliebte. Die dann folgenden Liebesszenen mit Christoph hab ich dann nur noch als kitschig wahrgenommen: Meine Güte - wenn zwei Menschen sich lieben, wie viel Auf und Ab, wie viel Kreuz und Quer gibt es da, wie interessant und überraschend kann das sein! Aber hier nur die immerselbe Liebesleidenschaft.
Erst mit dem Beinahe-Tod von Christoph wurde der Film für mich wieder interessant. Undines Telefonat mit dem bereits hirntoten Christoph, die Errettung Christophs durch Ertränken des Ex-Lovers - da hat sich mir zwar die Logik nicht so recht erschlossen, aber spannend war es schon. Und wie Undine dann geht und Christoph ihr beinahe, aber dann doch nicht folgt, das war richtig bewegend. Da hab ich richtig mitgebangt und gehofft, dass er es wagt zu gehen, wie einst Anselmus im "Goldenen Topf". Aber Industrietaucher bleibt eben Industrietaucher und wird nimmermehr ein Wassermann. Wie wahrscheinlich auch Petzold selber.
Denn das gewisse Etwas, das den romantischen Motiven des Films so sehr fehlte (diese albernen Unterwasserszenen!), dieses leicht Schräge, die Wirklichkeit Transzendierende, Poetische - das hatte der Film durchaus, nur eben ganz woanders: da, wo Undines gelehrte Monologe über Stadtgestaltung einfach viel zu lange weiterlaufen und die Handlung beiseite drängen. Da war wirklich drängendes Interesse, Herzblut spürbar. Noch gesteigert dadurch, dass Christoph abends auf dem Sofa, anstatt mit ihr zu knutschen, lieber das Referat über das Berliner Stadtschloss hören will - und es auch kriegt.
Und das, obwohl sich Undine gar nicht für das Stadtschloss interessiert, sie hat das Referat nur widerwillig für eine kranke Kollegin übernommen! (Sie ist ja auch eine Nixe, was soll ihr das Stadtschloss?) Richtig klar wurde mir das, als sich im 2. Teil des Films nochmal so ein Stadtgestaltungsmonolog breitmachte, der der professionellen Kollegin. Der war scharf, klar, befasste sich mit Bedeutung des Bodenpreises für das Stadtbild und verwies damit Undines Reden über Stadtschloss oder realsozialistische Bauten in den Bereich des weniger relevanten Kulturgelabers.
Vielleicht liegt es daran, dass es meines Erachtens so richtig romantisch nur werden kann, wo die brennende Sehnsucht besteht, zu den Punkten vorzudringen, an denen es wehtut. Ob ein Mann bereit ist, sich auf Gedeih und Verderb an eine Frau zu binden oder ob er nicht doch lieber mit einer anderen abzieht - das war im 18. Jahrhundert so eine brennende Frage für eine Frau - heute in den Zeiten des schwindenden Patriarchats eben nicht mehr. Und berührt, mich jedenfalls, nicht. Solche eifersüchtigen Wels-Väter aber, die ihre Töchter aus dem Hintergrund überwachen, so dass diese es nur zu einem prekären Job im Berliner Kulturbetrieb bringen, die gibt es durchaus noch. Da wird es spannend. Denn es gibt Teilbereiche der Gesellschaft, in denen das patriarchale System noch funktioniert und das Zusammenleben in einer längst viel moderneren Gesellschaft stört: wo Männer mit Bodenpreisen spekulieren und hre Töchter nicht mitspielen, sondern lieber über Kulturfragen palavern lassen, wo Männer dafür sorgen, dass über die Frage des Bodenpreises geschwiegen (es ist kein Zufall, dass in Petzolds Film eine professionell agierende Frau die Frage anspricht) und lieber über einen oberflächlichen Mietendeckel oder gar die mühsam gefüllte Kopie eines Stadtschlosses diskutiert wird.
Sie sehen, da steckt richtig viel drin in dem Film. Auch wenn es Christian Petzold wieder nicht gelungen ist, richtig abzutauchen in die Poesie. Vielleicht gelingt ihm das ja mit seinem nächsten Film, der soll fast fertig sein.
Das stimmt doch alles hinten und vorne nicht, sagte ich mir, als ich das Geschehen betrachtete. Im Nachhinein jedoch, mit Nachdenken, ergab es auf andere Weise doch auch wieder Sinn, für mich jedenfalls.
Na ja, vielleicht bin ich auch falsch reingerutscht in den Film: diese Anfangsszene, in der Undine ihrem Freund in theaterhaft künstlicher Rede androht, dass sie ihn töten wird, falls er sie verlässt - das erlebte ich keineswegs als romantisches Motiv, nur als überzogene Reaktion einer Dramaqueen. Zu bestätigen schien sich das, als sie sich keine fünf Minuten später leidenschaftlich in den Nächsten verliebte. Die dann folgenden Liebesszenen mit Christoph hab ich dann nur noch als kitschig wahrgenommen: Meine Güte - wenn zwei Menschen sich lieben, wie viel Auf und Ab, wie viel Kreuz und Quer gibt es da, wie interessant und überraschend kann das sein! Aber hier nur die immerselbe Liebesleidenschaft.
Erst mit dem Beinahe-Tod von Christoph wurde der Film für mich wieder interessant. Undines Telefonat mit dem bereits hirntoten Christoph, die Errettung Christophs durch Ertränken des Ex-Lovers - da hat sich mir zwar die Logik nicht so recht erschlossen, aber spannend war es schon. Und wie Undine dann geht und Christoph ihr beinahe, aber dann doch nicht folgt, das war richtig bewegend. Da hab ich richtig mitgebangt und gehofft, dass er es wagt zu gehen, wie einst Anselmus im "Goldenen Topf". Aber Industrietaucher bleibt eben Industrietaucher und wird nimmermehr ein Wassermann. Wie wahrscheinlich auch Petzold selber.
Denn das gewisse Etwas, das den romantischen Motiven des Films so sehr fehlte (diese albernen Unterwasserszenen!), dieses leicht Schräge, die Wirklichkeit Transzendierende, Poetische - das hatte der Film durchaus, nur eben ganz woanders: da, wo Undines gelehrte Monologe über Stadtgestaltung einfach viel zu lange weiterlaufen und die Handlung beiseite drängen. Da war wirklich drängendes Interesse, Herzblut spürbar. Noch gesteigert dadurch, dass Christoph abends auf dem Sofa, anstatt mit ihr zu knutschen, lieber das Referat über das Berliner Stadtschloss hören will - und es auch kriegt.
Und das, obwohl sich Undine gar nicht für das Stadtschloss interessiert, sie hat das Referat nur widerwillig für eine kranke Kollegin übernommen! (Sie ist ja auch eine Nixe, was soll ihr das Stadtschloss?) Richtig klar wurde mir das, als sich im 2. Teil des Films nochmal so ein Stadtgestaltungsmonolog breitmachte, der der professionellen Kollegin. Der war scharf, klar, befasste sich mit Bedeutung des Bodenpreises für das Stadtbild und verwies damit Undines Reden über Stadtschloss oder realsozialistische Bauten in den Bereich des weniger relevanten Kulturgelabers.
Vielleicht liegt es daran, dass es meines Erachtens so richtig romantisch nur werden kann, wo die brennende Sehnsucht besteht, zu den Punkten vorzudringen, an denen es wehtut. Ob ein Mann bereit ist, sich auf Gedeih und Verderb an eine Frau zu binden oder ob er nicht doch lieber mit einer anderen abzieht - das war im 18. Jahrhundert so eine brennende Frage für eine Frau - heute in den Zeiten des schwindenden Patriarchats eben nicht mehr. Und berührt, mich jedenfalls, nicht. Solche eifersüchtigen Wels-Väter aber, die ihre Töchter aus dem Hintergrund überwachen, so dass diese es nur zu einem prekären Job im Berliner Kulturbetrieb bringen, die gibt es durchaus noch. Da wird es spannend. Denn es gibt Teilbereiche der Gesellschaft, in denen das patriarchale System noch funktioniert und das Zusammenleben in einer längst viel moderneren Gesellschaft stört: wo Männer mit Bodenpreisen spekulieren und hre Töchter nicht mitspielen, sondern lieber über Kulturfragen palavern lassen, wo Männer dafür sorgen, dass über die Frage des Bodenpreises geschwiegen (es ist kein Zufall, dass in Petzolds Film eine professionell agierende Frau die Frage anspricht) und lieber über einen oberflächlichen Mietendeckel oder gar die mühsam gefüllte Kopie eines Stadtschlosses diskutiert wird.
Sie sehen, da steckt richtig viel drin in dem Film. Auch wenn es Christian Petzold wieder nicht gelungen ist, richtig abzutauchen in die Poesie. Vielleicht gelingt ihm das ja mit seinem nächsten Film, der soll fast fertig sein.
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Samstag, 18. Juni 2022
Ein Zitat
damals, 17:08h
Die familiäre Situation erfordert es, dass ich wieder öfter übers Wochenende bei den Eltern bin. Ich übernachte dann im ehemaligen Kinderzimmer, das schon vor Jahrzehnten zum Gästezimmer mutierte und in das im Lauf der Jahre die Massen der jeweils weniger relevanten Bücher eingelagert wurden, die in der elterlichen Bibliothek von Wichtigerem verdrängt wurden. Überproportional vertreten: Schriften aus dem aufklärerischen Zeitalter. Vor dem Einschlafen greif ich mir dann oft einen Band heraus, neulich hab ich mir sogar ein Zitat rausfotografiert, das ich außerordentlich treffend fand, ich weiß leider nicht mehr, von wem es ist.

Nun, der Tag, von dem hier die Rede ist, der geht offensichtlich dem Ende entgegen, eigentlich sind sich alle einig, dass dunklere Zeiten anbrechen. Aber wenn dem so ist, dann sind die europäischen Intellektuellen (denen ich mich als akademisch Ausgebildeter auch zurechne) für die Zukunft eher schlecht ausgerüstet mit ihrer rationalen Faktenfinderei und Religionsverachtung.
Ein gutes Beispiel: der Roman "Dunkelblum" von Eva Menasse, den ich heute Morgen zuende las. Das Buch umkreist die Schrecken der nationalsozialistischen Vergangenheit mit prächtiger Sprachkunst, mit herrlichem Wortwitz und elegantem Spiel mit der Mundart sowie mit außerordentlich geschickt eingesetzten Andeutungen, aber letztlich wie die Katze den heißen Brei. Die Erzählstimme des Buchs reflektiert das sogar: Es ist die Rede von einem "tief eingewurzelten Misstrauen ... gegen Geschichten, die gut ausgehen" sowie auch davon, wie die Einheimischen den regionalen Jungnazi "verspotteten und in seinem Furor lächerlich machten", ihm "insgeheim jedoch recht" gaben. Aus dieser Tradition kann sich auch das Buch selbst nicht lösen: Die Starken sind in ihm mächtig und furchteinflößend, die Schwachen hilf- und orientierungslos und gern auch ein bisschen debil, und auf das Volk blickt der Text mit einer teils mitleidigen, teils gleichgültigen Arroganz, wie sie eben nicht nur den Nazis, sondern auch den gebildeten Aufgeklärten eigen ist. Und aus dieser Arroganz entspringt die Hilflosigkeit, mit der die Wahrheitssucher und Sympathieträger des Romans auf die Nazis starren.
Das Schönste an diesem ebenso klugen wie unsympathischen Roman: dass er das alles selber weiß. Er endet damit, dass die Figur des Grünen (aus der aufgeklärten Sicht des Buches natürlich nicht gerade ein Sympathieträger) in der örtlichen Kirche Schutz sucht und angesichts des Altarbildes zu der Überzeugung gelangt, dass die im Roman ausgebliebene Aufklärung der Verbrechen unausweichlich kommen wird, wenn es nur gelingt, sich nicht auf die Teufel zu fixieren und sie gerade dadurch teuflisch zu machen. Wie Recht er hat!

Nun, der Tag, von dem hier die Rede ist, der geht offensichtlich dem Ende entgegen, eigentlich sind sich alle einig, dass dunklere Zeiten anbrechen. Aber wenn dem so ist, dann sind die europäischen Intellektuellen (denen ich mich als akademisch Ausgebildeter auch zurechne) für die Zukunft eher schlecht ausgerüstet mit ihrer rationalen Faktenfinderei und Religionsverachtung.
Ein gutes Beispiel: der Roman "Dunkelblum" von Eva Menasse, den ich heute Morgen zuende las. Das Buch umkreist die Schrecken der nationalsozialistischen Vergangenheit mit prächtiger Sprachkunst, mit herrlichem Wortwitz und elegantem Spiel mit der Mundart sowie mit außerordentlich geschickt eingesetzten Andeutungen, aber letztlich wie die Katze den heißen Brei. Die Erzählstimme des Buchs reflektiert das sogar: Es ist die Rede von einem "tief eingewurzelten Misstrauen ... gegen Geschichten, die gut ausgehen" sowie auch davon, wie die Einheimischen den regionalen Jungnazi "verspotteten und in seinem Furor lächerlich machten", ihm "insgeheim jedoch recht" gaben. Aus dieser Tradition kann sich auch das Buch selbst nicht lösen: Die Starken sind in ihm mächtig und furchteinflößend, die Schwachen hilf- und orientierungslos und gern auch ein bisschen debil, und auf das Volk blickt der Text mit einer teils mitleidigen, teils gleichgültigen Arroganz, wie sie eben nicht nur den Nazis, sondern auch den gebildeten Aufgeklärten eigen ist. Und aus dieser Arroganz entspringt die Hilflosigkeit, mit der die Wahrheitssucher und Sympathieträger des Romans auf die Nazis starren.
Das Schönste an diesem ebenso klugen wie unsympathischen Roman: dass er das alles selber weiß. Er endet damit, dass die Figur des Grünen (aus der aufgeklärten Sicht des Buches natürlich nicht gerade ein Sympathieträger) in der örtlichen Kirche Schutz sucht und angesichts des Altarbildes zu der Überzeugung gelangt, dass die im Roman ausgebliebene Aufklärung der Verbrechen unausweichlich kommen wird, wenn es nur gelingt, sich nicht auf die Teufel zu fixieren und sie gerade dadurch teuflisch zu machen. Wie Recht er hat!
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Dienstag, 17. Mai 2022
Zweimal Kino
damals, 12:39h
Mit den Lehrer-Kollegen war ich in "Eingeschlossene Gesellschaft", einem Film von Sönke Wortmann nach einem Drehbuch von Jan Weiler. Das lässt ja schon das Schlimmste befürchten, und so war es dann auch: die Klischees so verstaubt, dass sich niemand angegriffen fühlen muss, die Gags so platt, dass jeder mitlachen kann. Was sich Lehrer halt eben gern angucken: einen Film, in dem die Welt eine überschaubare, seit Jahrzehnten bekannte Struktur aufweist.
Das macht man halt mit, aus Kollegialität, sagte ich mir, hielt mich für etwas Besseres und ging privat in den Film, auf dessen Erscheinen man als Kinoliebhaber schon seit Wochen wartet: "Rabyie Kurnaz gegen gegen George W. Bush". Aber wieder Fehlanzeige. Zwar war die Hauptdarstellerin großartig, blieb aber eingesperrt in einem eher sentimentalen Film. Kaum zu glauben, dass dafür derselbe Regisseur (und dieselbe Drehbuchautorin) verantwortlich sein sollen wie für den außerordentlichen "Gundermann".
Na ja, sagte ich mir, vielleicht liegts daran, dass der dem damaligen Film zugrundeliegende reale Gerhard Gundermann eine ziemlich widersprüchliche Figur gewesen ist - da ist Potential für eine differenzierte Ausgestaltung - während der Stoff des neuen Films, der Fall Kurnaz, so eine eindeutige und himmelschreiende Ungerechtigkeit darstellt, dass ein Filmemacher schon verlockt sein kann, seiner berechtigten Empörung nachzugeben und simpel, geradeaus und undifferenziert zu erzählen. Der Ton macht eben die Musik: Wenn die Bremer Kurnazfamilie ohne weitere Ausdifferenzierung einfach eben mal so hinskizziert wird mit ein bisschen Türkenfolkore, wenn die Anwalts- und Prozessgeschichte so langatmig dargestellt wird, wie sie in der Realität vermutlich auch gewesen ist, dann wird das nichts.
Ein kleines Detail fiel mir auf: Der Regisseur hat einen Cameo-Auftritt als Mitglied des Supreme Courts, der Geoge W. Bush wegen Guantanamo zurechtweist. Aber ein Filmregisseur soll nicht richten. Das steht ihm nicht zu und das kann er vermutlich auch nicht so gut. Er soll erzählen, differenziert und genau. Denn das kann Andreas Dresen.
(... solange ihm nicht nicht die leidige Politik dazwischenfunkt. Wie z.B. auch in "Willenbrock", einem seiner wenigen nicht so guten Filme, in dem er die Teufelsfigur eines russischen Mafioso aus der literarischen Vorlage von Christoph Hein flugs in die eines väterlichen Freunds umdeutet. Und ja, ich weiß, dass Dresen auch Laienrichter am brandenburgischen Verfassungsgericht ist. Das ist Politik, soll er machen, warum nicht? Aber er möge das bitte nicht in seine Filme reintragen.)
Das macht man halt mit, aus Kollegialität, sagte ich mir, hielt mich für etwas Besseres und ging privat in den Film, auf dessen Erscheinen man als Kinoliebhaber schon seit Wochen wartet: "Rabyie Kurnaz gegen gegen George W. Bush". Aber wieder Fehlanzeige. Zwar war die Hauptdarstellerin großartig, blieb aber eingesperrt in einem eher sentimentalen Film. Kaum zu glauben, dass dafür derselbe Regisseur (und dieselbe Drehbuchautorin) verantwortlich sein sollen wie für den außerordentlichen "Gundermann".
Na ja, sagte ich mir, vielleicht liegts daran, dass der dem damaligen Film zugrundeliegende reale Gerhard Gundermann eine ziemlich widersprüchliche Figur gewesen ist - da ist Potential für eine differenzierte Ausgestaltung - während der Stoff des neuen Films, der Fall Kurnaz, so eine eindeutige und himmelschreiende Ungerechtigkeit darstellt, dass ein Filmemacher schon verlockt sein kann, seiner berechtigten Empörung nachzugeben und simpel, geradeaus und undifferenziert zu erzählen. Der Ton macht eben die Musik: Wenn die Bremer Kurnazfamilie ohne weitere Ausdifferenzierung einfach eben mal so hinskizziert wird mit ein bisschen Türkenfolkore, wenn die Anwalts- und Prozessgeschichte so langatmig dargestellt wird, wie sie in der Realität vermutlich auch gewesen ist, dann wird das nichts.
Ein kleines Detail fiel mir auf: Der Regisseur hat einen Cameo-Auftritt als Mitglied des Supreme Courts, der Geoge W. Bush wegen Guantanamo zurechtweist. Aber ein Filmregisseur soll nicht richten. Das steht ihm nicht zu und das kann er vermutlich auch nicht so gut. Er soll erzählen, differenziert und genau. Denn das kann Andreas Dresen.
(... solange ihm nicht nicht die leidige Politik dazwischenfunkt. Wie z.B. auch in "Willenbrock", einem seiner wenigen nicht so guten Filme, in dem er die Teufelsfigur eines russischen Mafioso aus der literarischen Vorlage von Christoph Hein flugs in die eines väterlichen Freunds umdeutet. Und ja, ich weiß, dass Dresen auch Laienrichter am brandenburgischen Verfassungsgericht ist. Das ist Politik, soll er machen, warum nicht? Aber er möge das bitte nicht in seine Filme reintragen.)
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Freitag, 11. März 2022
Enttäuscht von Gert Loschütz ...
damals, 23:21h
... nachdem ich im Buchladen flink sein neuestes Buch kaufte - und es sich als ein altes herausstellte: den Roman "Flucht" von 1990, nun neu aufgelegt unter einem neuen Titel, da "Flucht?" inzwischen ganz andere Assoziationen wecke (als die aus der DDR in die BRD) und daher nicht mehr passe, wie der Autor in einer Nachbemerkung schreibt. Richtig. Aber der ganze Roman passt irgendwie nicht mehr. Allein die Tatsache, dass die beschriebene Flucht in den 50er Jahren mit einer normalen Eisenbahnfahrt zu bewältigen war ("Das ist ja lächerlich, das ist keine Flucht!" rief eine eritreische Schülerin sinngemäß, als Klassenkameraden von ihrer Flucht nach Deutschland per Flugzeug berichteten) und ihre eigentliche Härte nur im Ausgestoßensein als Ossi in der westdeutschen Provinz bestand (was übrigens beweist, dass Fremdenhass nichts mit Rassismus zu tun haben muss - er geht auch zwischen Deutschen verschiedener Regionen - und verschiedener sozialer Schichten).
Wie dem auch sei (jetzt hab ich mich schon in der Einleitung verzettelt): Mit Gert Loschütz geht es mir wie mit Wilhelm Raabe. Dessen realistisches Frühwerk interessiert mich nicht - den "Hungerpastor" zu lesen würde vermutlich nur meine Liebe für den Autor von "Stopfkuchen", von "Hastenbeck" und "Altershausen" trüben, und das muss ja nicht sein. Genau so fehlt mir das Interesse für den Alt68er Loschütz, den Herumreisenden und Tausendsassa, ich liebe den Romancier Loschütz, den älter und ruhig gewordenen und klug gebliebenen epischen Erzähler, und der beginnt mit "Flucht" von 1990.
Sicher ist das kein gutes, kein gelungenes Buch (ich ahnte das ganz richtig, als ich es mir nicht besorgte, bevor er es mir nun unterjubelte): schön und farbig, abwechslungsreich erzählt zwar, aber noch viel zu dicht an der biografischen Wirklichkeit, die wie jede Wirklichkeit trivial ist. Dadurch wirkt vieles ein bisschen weinerlich, und die dazugemixten seltsam-mystischen Episoden machen es nicht besser: Sie sind unterhaltsam zu lesen, wirken aber auch ein bisschen aufgesetzt. Das Gute an dem Buch: Es es ist die offenbar notwendige Vorarbeit für die beiden wirklich großen Romane Loschütz'.
In "Dunkle Gesellschaft" baut der Autor den surrealen Strang aus "Flucht" zu einem richtigen Privat-Mythos aus, der ergreifend und mitreißend, da in sich völlig stimmig ist, wobei der gesellschaftlich-politische Aspekt, die reale Existenz von Ungerechtigkeit und gesellschaftlichen Machtverhältnissen, immer auf kluge Weise mitschwingt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Umgekehrt in "Ein schönes Paar" (Was für ein schöner Titel! Wie er das Verhängnis, schön zu sein, für das Schöne zu sein, schon ironisch ankündigt!): Hier wird die harte Geschichte eines persönlichen Schicksals, eben der besagten Flucht, unter den Zwängen gesellschaftlicher Umstände erzählt (die weder im Osten noch im Westen sonderlich menschenfreundlich waren) und mit einer liebevoll ersonnenen Geschichte zart mystisch überhöht.
Und damit hats ein Ende. Schon der nächste Roman, "Besichtigung eines Unglücks", ist kein so großer Wurf mehr, nämlich ein bisschen gekünstelt konstruiert, wenn auch die einzelnen Episoden an sich wiederum sprachlich wunderbar, mitfühlend und politisch klug erzählt werden.
Und nun hat wohl der Verlag gedrängelt angesichts der vorherigen Erfolge oder Loschütz musste was für den Lebensunterhalt tun oder was weiß ich, jedenfalls diese Neuauflage von "Flucht" unter falscher Flagge - literarisch ist sie überflüssig, unpassend.
Wie dem auch sei (jetzt hab ich mich schon in der Einleitung verzettelt): Mit Gert Loschütz geht es mir wie mit Wilhelm Raabe. Dessen realistisches Frühwerk interessiert mich nicht - den "Hungerpastor" zu lesen würde vermutlich nur meine Liebe für den Autor von "Stopfkuchen", von "Hastenbeck" und "Altershausen" trüben, und das muss ja nicht sein. Genau so fehlt mir das Interesse für den Alt68er Loschütz, den Herumreisenden und Tausendsassa, ich liebe den Romancier Loschütz, den älter und ruhig gewordenen und klug gebliebenen epischen Erzähler, und der beginnt mit "Flucht" von 1990.
Sicher ist das kein gutes, kein gelungenes Buch (ich ahnte das ganz richtig, als ich es mir nicht besorgte, bevor er es mir nun unterjubelte): schön und farbig, abwechslungsreich erzählt zwar, aber noch viel zu dicht an der biografischen Wirklichkeit, die wie jede Wirklichkeit trivial ist. Dadurch wirkt vieles ein bisschen weinerlich, und die dazugemixten seltsam-mystischen Episoden machen es nicht besser: Sie sind unterhaltsam zu lesen, wirken aber auch ein bisschen aufgesetzt. Das Gute an dem Buch: Es es ist die offenbar notwendige Vorarbeit für die beiden wirklich großen Romane Loschütz'.
In "Dunkle Gesellschaft" baut der Autor den surrealen Strang aus "Flucht" zu einem richtigen Privat-Mythos aus, der ergreifend und mitreißend, da in sich völlig stimmig ist, wobei der gesellschaftlich-politische Aspekt, die reale Existenz von Ungerechtigkeit und gesellschaftlichen Machtverhältnissen, immer auf kluge Weise mitschwingt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Umgekehrt in "Ein schönes Paar" (Was für ein schöner Titel! Wie er das Verhängnis, schön zu sein, für das Schöne zu sein, schon ironisch ankündigt!): Hier wird die harte Geschichte eines persönlichen Schicksals, eben der besagten Flucht, unter den Zwängen gesellschaftlicher Umstände erzählt (die weder im Osten noch im Westen sonderlich menschenfreundlich waren) und mit einer liebevoll ersonnenen Geschichte zart mystisch überhöht.
Und damit hats ein Ende. Schon der nächste Roman, "Besichtigung eines Unglücks", ist kein so großer Wurf mehr, nämlich ein bisschen gekünstelt konstruiert, wenn auch die einzelnen Episoden an sich wiederum sprachlich wunderbar, mitfühlend und politisch klug erzählt werden.
Und nun hat wohl der Verlag gedrängelt angesichts der vorherigen Erfolge oder Loschütz musste was für den Lebensunterhalt tun oder was weiß ich, jedenfalls diese Neuauflage von "Flucht" unter falscher Flagge - literarisch ist sie überflüssig, unpassend.
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Donnerstag, 17. Februar 2022
Zwei Bücher
damals, 23:25h
die ich mir zu Weihnachten gewünscht hatte: Zunächst mal "Die Rache ist mein" von Marie Ndiaye. Den Namen der Autorin hatte ich schon länger auf dem Schirm, und als jetzt die Feuilletons berichteten, dass sie einen richtigen Thriller mit Kriminalfall geschrieben hat, dachte ich, das könnte es doch sein, endlich auch mal Ndiyae zu lesen.
Das Buch war sehr spannend, es war brilliant geschrieben und es störte auch gar nicht, dass der Kriminalfall (es geht um eine Frau, die ihre Kinder tötete, um sich aus ihrer Ehe zu befreien) sich bald nur als ein beinahe nebensächlicher Anlass, in diesem Fall kann man sogar sagen: Trigger, herausstellte, um in die inneren Abgründe der Protagonistin, einer Anwältin, einzutauchen. Ein Buch, das einen fesselt: aufregend, überraschend, geradezu irre. Letzteres war allerdings auch der Punkt, der mich nach anfänglicher Faszination dann allmählich immer weiter auf Distanz gehen ließ: Die ganze Geschichte wird aus der Sicht der Protagonistin erzählt, die ständig lügt, und zwar nicht aus strategischen, sondern aus neurotischen Gründen - auch sich selbst belügt sie in einem fort. Das nervt. Natürlich kennen wir das alle: Verdrängungen, Lebenslügen, innere Abgründe - wer hat das nicht in sich? Aber in dieser Dichte, dieses Ausreden- und Lügengespinst, das war schon schwer auszuhalten.
Vielleicht ist das für kriminalistisch geschulte Leser, die Lügen schneller und mit mehr Spaß auf die Spur kommen, ein Vergnügen - mich hat es gequält. Ich bin solchen Personen zwar auch im echten Leben schon begegnet, mit einer war ich sogar einige Zeit lang befreundet, aber im echten Leben ist es irgendwie einfacher, da kann man sich darauf einstellen, indem man Tatsachenaussagen der betreffenden Person immer erstmal dahingestellt sein lässt und nur von Herz zu Herz kommuniziert. Aber in dem Roman, da musste ich ja jede freche, abstruse Lüge von vorn bis hinten durchlesen, sonst hätte ich den Handlungsfaden verloren, und ich wollte schon wissen, wie es ausgeht. Doch am Ende gabs realistischerweise keine Auflösung und nur so ein halbes Happyend, sodass ich das Buch mit einem blöden Gefühl der Antipathie verließ. Schade um so viel vergeudete Sprachkunst und erzählerische Rafinesse.
Was für ein Labsal war dagegen mein nächstes Wunschbuch, "Sie kam aus Mariupol" von Natascha Wodin! Wodin ist Romanschriftstellerin, das Buch wirkt auch wie ein Roman - es ist aber ein Sachbuch: Wodin forscht darin nach ihren familiären Wurzeln, nach der Biografie ihrer Mutter, von der sie fast nichts wusste. Denn diese Mutter hat sich mit nicht einmal 40 Jahren umgebracht, als Wodin noch ein Kind war, nachdem sie etliche Katastrophen des Jahrhunderts - Bürgerkrieg, Stalinzeit und deutsche Besatzung in der Ukraine, Zwangsarbeit und Nachkriegselend als Displaced Person in Deutschland - erlitten hatte. Wodin schreibt darüber in einer schönen, aber einfachen Sprache, deren Wucht sich aus den Inhalten, aus der Authentizität des Gesagten, speist.
Diese Authentizität geht so weit, dass das Buch je nach den zugrunde liegenden Quellen unterschiedliche stilistische Färbungen annimmt. Da ist zunächst das Hirn der Autorin selbst: ihr Bericht von der Suche, ihre Erinnerungen an die Kindheit, an ihre Mutter. Diese Passagen berühren natürlich am meisten, sie sind am persönlichsten.
Ein großer Teil des Buches fußt auf dem Lebensbericht von Wodins Tante, der älteren Schwester ihrer Mutter, die als alte Frau Erinnerungen an ihre Jugend, insbesondere die Jahre als Gulag-Häftling am berüchtigten Belomor-Kanal, verfasste, Jahre, in denen ihr ihre erzählerische Phantasie mitunter das Leben rettete. Diese Passagen wirken in Wodins Buch ein bisschen opernhaft, und ganz sicher ist das der Mentalität ihrer Tante zu verdanken.
Über die Mutter als Zwangsarbeiterin hat Wodin keinerlei biografische Angaben, sie muss sich auf entsprechende deutsche Forschungsliteratur stützen, entsprechend wird es hier ein bisschen spröde, manchmal moralisierend.
Und damit will ich gar nichts gegen die Quellen sagen, die außerordentlich glaubhaft und aufschlussreich sind. Es sind einfach unterschiedliche Techniken, die passierten monströsen Verbrechen überhaupt erzählbar, aussprechbar zu machen: indem man einen tragischen Lebensroman daraus macht wie die russische Tante - oder indem man sie als trockenen Faktenbericht mit moralischen Dekorationen darbietet wie die deutschen Forscher. Und als dritte Lesart kommt noch das Zeugnis der Autorin selbst dazu: das Leid ihres Lebens mit den riesigen biografischen Leerstellen, auch das eine Folge der Verbrechen.
Diese Vielfalt im Umgang mit dem Geschehenen macht die Größe des Buches aus. Ganz das Gegenstück zum irrwitzig in sich selbst Gefangenen von "Die Rache ist mein": wahrhaftig, differenziert, direkt - eine seltene, wohltuende Mischung.
Das Buch war sehr spannend, es war brilliant geschrieben und es störte auch gar nicht, dass der Kriminalfall (es geht um eine Frau, die ihre Kinder tötete, um sich aus ihrer Ehe zu befreien) sich bald nur als ein beinahe nebensächlicher Anlass, in diesem Fall kann man sogar sagen: Trigger, herausstellte, um in die inneren Abgründe der Protagonistin, einer Anwältin, einzutauchen. Ein Buch, das einen fesselt: aufregend, überraschend, geradezu irre. Letzteres war allerdings auch der Punkt, der mich nach anfänglicher Faszination dann allmählich immer weiter auf Distanz gehen ließ: Die ganze Geschichte wird aus der Sicht der Protagonistin erzählt, die ständig lügt, und zwar nicht aus strategischen, sondern aus neurotischen Gründen - auch sich selbst belügt sie in einem fort. Das nervt. Natürlich kennen wir das alle: Verdrängungen, Lebenslügen, innere Abgründe - wer hat das nicht in sich? Aber in dieser Dichte, dieses Ausreden- und Lügengespinst, das war schon schwer auszuhalten.
Vielleicht ist das für kriminalistisch geschulte Leser, die Lügen schneller und mit mehr Spaß auf die Spur kommen, ein Vergnügen - mich hat es gequält. Ich bin solchen Personen zwar auch im echten Leben schon begegnet, mit einer war ich sogar einige Zeit lang befreundet, aber im echten Leben ist es irgendwie einfacher, da kann man sich darauf einstellen, indem man Tatsachenaussagen der betreffenden Person immer erstmal dahingestellt sein lässt und nur von Herz zu Herz kommuniziert. Aber in dem Roman, da musste ich ja jede freche, abstruse Lüge von vorn bis hinten durchlesen, sonst hätte ich den Handlungsfaden verloren, und ich wollte schon wissen, wie es ausgeht. Doch am Ende gabs realistischerweise keine Auflösung und nur so ein halbes Happyend, sodass ich das Buch mit einem blöden Gefühl der Antipathie verließ. Schade um so viel vergeudete Sprachkunst und erzählerische Rafinesse.
Was für ein Labsal war dagegen mein nächstes Wunschbuch, "Sie kam aus Mariupol" von Natascha Wodin! Wodin ist Romanschriftstellerin, das Buch wirkt auch wie ein Roman - es ist aber ein Sachbuch: Wodin forscht darin nach ihren familiären Wurzeln, nach der Biografie ihrer Mutter, von der sie fast nichts wusste. Denn diese Mutter hat sich mit nicht einmal 40 Jahren umgebracht, als Wodin noch ein Kind war, nachdem sie etliche Katastrophen des Jahrhunderts - Bürgerkrieg, Stalinzeit und deutsche Besatzung in der Ukraine, Zwangsarbeit und Nachkriegselend als Displaced Person in Deutschland - erlitten hatte. Wodin schreibt darüber in einer schönen, aber einfachen Sprache, deren Wucht sich aus den Inhalten, aus der Authentizität des Gesagten, speist.
Diese Authentizität geht so weit, dass das Buch je nach den zugrunde liegenden Quellen unterschiedliche stilistische Färbungen annimmt. Da ist zunächst das Hirn der Autorin selbst: ihr Bericht von der Suche, ihre Erinnerungen an die Kindheit, an ihre Mutter. Diese Passagen berühren natürlich am meisten, sie sind am persönlichsten.
Ein großer Teil des Buches fußt auf dem Lebensbericht von Wodins Tante, der älteren Schwester ihrer Mutter, die als alte Frau Erinnerungen an ihre Jugend, insbesondere die Jahre als Gulag-Häftling am berüchtigten Belomor-Kanal, verfasste, Jahre, in denen ihr ihre erzählerische Phantasie mitunter das Leben rettete. Diese Passagen wirken in Wodins Buch ein bisschen opernhaft, und ganz sicher ist das der Mentalität ihrer Tante zu verdanken.
Über die Mutter als Zwangsarbeiterin hat Wodin keinerlei biografische Angaben, sie muss sich auf entsprechende deutsche Forschungsliteratur stützen, entsprechend wird es hier ein bisschen spröde, manchmal moralisierend.
Und damit will ich gar nichts gegen die Quellen sagen, die außerordentlich glaubhaft und aufschlussreich sind. Es sind einfach unterschiedliche Techniken, die passierten monströsen Verbrechen überhaupt erzählbar, aussprechbar zu machen: indem man einen tragischen Lebensroman daraus macht wie die russische Tante - oder indem man sie als trockenen Faktenbericht mit moralischen Dekorationen darbietet wie die deutschen Forscher. Und als dritte Lesart kommt noch das Zeugnis der Autorin selbst dazu: das Leid ihres Lebens mit den riesigen biografischen Leerstellen, auch das eine Folge der Verbrechen.
Diese Vielfalt im Umgang mit dem Geschehenen macht die Größe des Buches aus. Ganz das Gegenstück zum irrwitzig in sich selbst Gefangenen von "Die Rache ist mein": wahrhaftig, differenziert, direkt - eine seltene, wohltuende Mischung.
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Freitag, 14. Januar 2022
Kleiner Lesetipp
damals, 19:06h
Ich habe dieser Tage einen Text gelesen, der mich bewegte, weil er im persönlichen Beispiel ein kluges Urteil über eine ganze historische Bewegung darbrachte, nämlich über die 1968er. Jetzt versteh ich besser, warum ich denen gegenüber so ambivalent reagiere, wenn sie (oder ihre Äußerungen, ihre Werke) mir begegnen. Einerseits bin ich fasziniert von ihrer anarchischen Frische, ihrem quicklebendigen Widerspruchsgeist, wie es ihn heute gar nicht mehr gibt (bzw. nur noch als Farce auf der rechten Seite und als Komödie auf der linken) und ich bin dankbar für das, was sie damit bewirkt haben - andererseits stößt mich ihre Grobheit ab, auch ihre Romantisierung ostdeutscher, osteuropäischer Ausbeutungssysteme, vor allem aber ihre feindliche Haltung gegenüber Geist und Intellekt.
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Sonntag, 7. November 2021
Nichts Neues am Büchermarkt
damals, 16:02h
Es ist die tote Zeit nach dem Sonntagsfrühstück. Auf dem Fernsehbildschirm sieht man eine Kaffeemaschine und wie Kaffee in so eine Gastronomietasse rinnt. Am unteren Bildrand der Buttom "lesenswert". Damit ist mein Interesse geweckt: Ich will wissen, um welches Buch es geht.
Bald ist klar: "Glitterschnitter" von Sven Regener. Ich mag Sven Regener, hab alle seine "Herr-Lehmann"-Romane gelesen. Zwei fand ich richtig gut (bezeichnenderweise die beiden, die nicht in Kreuzberg spielen: "Neue Vahr Süd" und "Magical Mystery"), die anderen mehr oder weniger amüsant. Nur in "Glitterschnitter" bin ich kürzlich nach der Hälfte steckengeblieben und hatte keine Lust mehr weiterzulesen. Es war weniger das zunehmend Konservative, das mir schon in "Wiener Straße" nicht so recht gefiel, sondern dass ich die immergleichen Witze einfach auch mal satt hatte und außer diesen Witzen fand in "Glitterschnitter" leider rein gar nichts statt.
Denis Scheck, der Moderator von "lesenswert", dagegen outete sich als begeisterter Leser. Er traf den Autor an einem Biergartentisch in Berlin. Regener nahm große Schlucke aus seinem Weißbierglas und machte auch sonst kein Hehl aus seiner Verwurzelung in den 80er Jahren. Er schnatterte munter drauflos, amüsant und eloquent, und streute ab und zu einen klugen Gedanken ein. Scheck hatte dem nichts hinzuzufügen. Er saß in dem gewohnten, für die Situation viel zu eleganten Anzug dabei und nippte an seinem Pils. Sein Resümee: Das Buch sei "ein Fest". Offenbar leicht zufriedenzustellen, der Mann.
Dann folgte ein (in den Feuilletons viel diskutiertes) Ritual: Scheck verreißt ein einst sehr beliebtes Buch plakativ und in wenigen Worten. Diesmal traf es den "Tod eines Märchenprinzen" von Svende Merian, einen wohl etwas in die Jahre gekommenen sogenannten Frauenroman, in dem sich eine Frau einfach autobiografisch ihre Geschichte von der Seele schreibt.
Das verwunderte mich, denn gleich darauf folgte ein großes Lob für einen ebensolchen, nur halt aktuellen Frauenroman, das neue Buch von Julia Franck, "Welten auseinander". Scheck traf die Autorin in einem nostalgisch eingerichteten Café, zu dem sein Anzug dann schon besser passte. Franck trug ihr Mädchengesicht (in dem ich das ihrer Großmutter wiedererkannte) und erzählte aus ihrem Leben. Ich fand daran vor allem eins interessant: wie eindringlich sie ihr Fremdheitsgefühl (als Ossi und Ökö-Tochter) darstellte, das sie bewog, sich immer anzupassen, ganz hinter dieser Anpassung zu verschwinden. Und dieses Angepasste, ganz in der Norm Verschwindende, das zeichnet ja auch ihre Bücher aus. Scheck genoss das Gespräch sichtlich, groß in den Dialog ging ist er aber auch hier nicht, er hörte einfach zu, die einzige tiefergehende Frage (warum sie denn als Ausgereiste so problemlos zwischen Ost und West hatte pendeln können in den 80er Jahren) beantwortete sie nicht, er hakte nicht nach, sondern beendete das Gespräch mit einem Blick auf die Armbanduhr und einem väterlich-jovialen "Na".
Und ich hoffe, dass ich jetzt nicht so herablassend gegenüber Scheck agiert habe wie er gegenüber Franck. Das ist nunmal sein Job, er muss sich an dem orientieren, was auf dem Buchmarkt los ist, dann soll es auch noch irgendwie interessant und unterhaltsam sein, mit genug Feier und plakativem Verriss. Das ist auch nicht einfach, da noch eine interessante Sendung hinzubekommen, wenn rein gar nichts los ist auf dem Bestsellermarkt.
Bald ist klar: "Glitterschnitter" von Sven Regener. Ich mag Sven Regener, hab alle seine "Herr-Lehmann"-Romane gelesen. Zwei fand ich richtig gut (bezeichnenderweise die beiden, die nicht in Kreuzberg spielen: "Neue Vahr Süd" und "Magical Mystery"), die anderen mehr oder weniger amüsant. Nur in "Glitterschnitter" bin ich kürzlich nach der Hälfte steckengeblieben und hatte keine Lust mehr weiterzulesen. Es war weniger das zunehmend Konservative, das mir schon in "Wiener Straße" nicht so recht gefiel, sondern dass ich die immergleichen Witze einfach auch mal satt hatte und außer diesen Witzen fand in "Glitterschnitter" leider rein gar nichts statt.
Denis Scheck, der Moderator von "lesenswert", dagegen outete sich als begeisterter Leser. Er traf den Autor an einem Biergartentisch in Berlin. Regener nahm große Schlucke aus seinem Weißbierglas und machte auch sonst kein Hehl aus seiner Verwurzelung in den 80er Jahren. Er schnatterte munter drauflos, amüsant und eloquent, und streute ab und zu einen klugen Gedanken ein. Scheck hatte dem nichts hinzuzufügen. Er saß in dem gewohnten, für die Situation viel zu eleganten Anzug dabei und nippte an seinem Pils. Sein Resümee: Das Buch sei "ein Fest". Offenbar leicht zufriedenzustellen, der Mann.
Dann folgte ein (in den Feuilletons viel diskutiertes) Ritual: Scheck verreißt ein einst sehr beliebtes Buch plakativ und in wenigen Worten. Diesmal traf es den "Tod eines Märchenprinzen" von Svende Merian, einen wohl etwas in die Jahre gekommenen sogenannten Frauenroman, in dem sich eine Frau einfach autobiografisch ihre Geschichte von der Seele schreibt.
Das verwunderte mich, denn gleich darauf folgte ein großes Lob für einen ebensolchen, nur halt aktuellen Frauenroman, das neue Buch von Julia Franck, "Welten auseinander". Scheck traf die Autorin in einem nostalgisch eingerichteten Café, zu dem sein Anzug dann schon besser passte. Franck trug ihr Mädchengesicht (in dem ich das ihrer Großmutter wiedererkannte) und erzählte aus ihrem Leben. Ich fand daran vor allem eins interessant: wie eindringlich sie ihr Fremdheitsgefühl (als Ossi und Ökö-Tochter) darstellte, das sie bewog, sich immer anzupassen, ganz hinter dieser Anpassung zu verschwinden. Und dieses Angepasste, ganz in der Norm Verschwindende, das zeichnet ja auch ihre Bücher aus. Scheck genoss das Gespräch sichtlich, groß in den Dialog ging ist er aber auch hier nicht, er hörte einfach zu, die einzige tiefergehende Frage (warum sie denn als Ausgereiste so problemlos zwischen Ost und West hatte pendeln können in den 80er Jahren) beantwortete sie nicht, er hakte nicht nach, sondern beendete das Gespräch mit einem Blick auf die Armbanduhr und einem väterlich-jovialen "Na".
Und ich hoffe, dass ich jetzt nicht so herablassend gegenüber Scheck agiert habe wie er gegenüber Franck. Das ist nunmal sein Job, er muss sich an dem orientieren, was auf dem Buchmarkt los ist, dann soll es auch noch irgendwie interessant und unterhaltsam sein, mit genug Feier und plakativem Verriss. Das ist auch nicht einfach, da noch eine interessante Sendung hinzubekommen, wenn rein gar nichts los ist auf dem Bestsellermarkt.
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