Donnerstag, 25. Januar 2024
Weg mit den Märtyrerfotos!
Ich habe endlich mal wieder ein "Kleines Fernsehspiel" gesehen (damals, als ich noch ein einsamer Student war und alle Zeit der Welt hatte, vor allem nachts, da hab ich keins verpasst): "Stille Post".
Das war jetzt künstlerisch nicht so die größte Meisterleistung, aber natürlich alles andere als plump oder gar klischeehaft, nein, nur ein bisschen simpel und ungelenk in der Machart, dafür aber klug und sympathisch - eben typisch "Kleines Fernsehspiel".

Also: Ein Berliner Kurde bekommt 2015 Videos aus Erdogans Bürgerkrieg im Kurdengebiet zugespielt, die die Verbrechen der türkischen Armee hautnah zeigen. In der Kamerafrau erkennt er - an der Stimme, an dem Leberfleck an ihrem Bein, ... - seine totgeglaubte Schwester - und lässt sich auf einen Deal mit dem mysteriösen Überbringer ein: Wenn es ihm gelingt, mit Hilfe seiner Freundin, einer Fernsehjournalistin, die Bilder ins deutsche Fernsehen zu bringen, wird ihm der Kontakt zu seiner Schwester vermittelt. Seiner Schwester, die damals, als seine Eltern ermordet wurden, ihren Tod fingierte, um unterzutauchen, und die nun als Kamerafrau für die PKK agiert.

Natürlich traut die deutsche Redaktion den Bildern mit unischerer Herkunft nicht, und zwar vor allem, weil sie unspektakulär sind: Die Szene mit der Leiche ist viel zu verwackelt, und eine jammernde Frau mit Kopftuch in einer Ruinenlandschaft ist ihr auch nicht aussagekräftig genug, und in dem Moment, da in die demonstrierende Menge geschossen wird, sind nur lauter Beine im Bild.

Also frisiert die Freundin die Aufnahmen ein bisschen auf: mixt noch Flugzeuglärm und ein paar Detonationen in die Tonspuren, macht das Demostrantengeschrei lauter und schneidet das Ganze geschickt zusammen. Und schon erscheint das Material den Deutschen glaubhaft und schafft es in die Nachrichten und auch Claudia Roth im Bundestag zeigt sich erschüttert.

Als Gegenleistung gibt es einen Videocall mit der Schwester (die Freundin lädt ihn live ins Internet) - und es stellt sich heraus, dass diese auch nicht ganz echt ist, es ist eine andere Kämpferin, der Protagonist wurde gelinkt, damit er die Nachricht lanciert ...

Am Ende holt dieser enttäuscht und erbittert die Märtyrerfotos seiner Eltern, seiner Schwester von der Wand im Berliner Kurdenklub. Und tut damit das beste, was er in seiner Situation tun kann!

So simpel die Geschichte ist, so wahr ist sie auch - die Videos aus Kurdistan sind es jedenfalls: Es sind echte Videos, die der Regisseur persönlich dort eingesammelt hat. Und weil solche Videos, die so ergreifend unspektakulär, verwackelt und authentisch sind, hierzulande kein Mensch sehen will, hat er dann diesen kleinen Spielfilm um sie herum gestrickt. Und selbst das reicht dann nur fürs "Kleine Fernsehspiel" und irgendwelche Winkel-Filmfestspiele. Das große Publikum will die Wahrheit nicht sehen. Oder allenfalls industriell zubereitet als Kitschfilm.

Also, liebe Leser (soweit es Sie überhaupt gibt) - vergessen Sie die Wahrheit dieses Films nicht bei Ihrem täglichen Medienkonsum von Ereignissen, bei denen Sie nicht dabei waren.

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Freitag, 1. Dezember 2023
Zwei Bücher
Ach, wie schön, im Blog darf mensch, wie einst im Tagebuch, einfach drauflos schreiben, auch mit der privatesten, irrelevantesten Idee, und auch wenn ich die beiden zugrundeligenden Bücher grade mal angelesen habe …

Also, das kam so, dass ich dringend ein Buch brauchte, einen schönen, opulenten Roman zum Drinversinken am besten, denn wenn ich nichts zum Lesen habe, werd ich nervös und fühl mich leer (meine Frau behauptet, Bücher wären meine wahren und einzigen Freunde). Da fand ich ich in den FAZ-Papierstapeln meines Vaters eine Rezension zu Zadie Smith‘ neuem Roman „Betrug“. Ja, von Zadie Smith hatte ich schon gehört, vielleicht wärs an der Zeit, mal was von ihr zu lesen. Normalerweise greif ich als Geizhals und zum Antesten in einem solchen Fall zunächst zu einem früheren Roman der selben Person, die gibts im Internet in der Regel für fast umsonst, aber hier ergab die Internetrecherche, dass mich die früheren Romane von Zadie Smith nicht interessieren. Also fuhr ich vorbei bei der Buchhandlung und fand den aktuellen Roman dort tatsächlich vorrätig. Und im Rausgehen, beim schnellen Durchsehen der Auslagen (was man in meiner Buchhandlung, Christiansen in Ottensen, nie versäumen darf, die ist wirklich wohl sortiert), fiel mir noch ein kritisches Buch von Omri Boehm über Identitätspolitik auf, das ich kurz entschlossen gleich mitnahm. Da ich Omri Boehm wegen seiner Idee einer Haifa-Republik positiv, der Identitätspolitik dagegen kritisch gegenüberstehe, war es ja wahrscheinlich, dass das was bringt.

Dann begann ich gleich zu lesen – und wunderte mich selbst, dass es mich zunächst zu Boehm und gar nicht zu dem Roman zog. Also, das Buch, „Radikaler Universalismus jenseits von Identität“, ist großartig: klug und kenntnisreich, ich musste mich richtig anstrengen, um zu verstehen. Gleichzeitig von einem hohen Ethos getragen, das den Lesenden erschauern lässt durch seine Reinheit. Grundidee: Die erhabene Idee, dass alle Menschen als gleich zu betrachten sind, zu ihr gelangt man nicht durch verhandelten Konsens, nicht durch schnöden Pragmatismus (von Spinoza über Nietzsche bis hin zu den Denkern des Liberalismus und Neoliberalismus), der die Menschen zu „klugen Tieren“ degradiert, sie muss schon als metaphysisch, also göttlich, genau genommen mehr als göttlich (wie er mit einleuchtenden Beispielen aus der Bibel demonstriert) akzeptiert werden, sonst ist sie nichts wert.

Die Lektüre begeisterte mich, gab mir ein Gefühl von Reinheit, Schönheit, wahrhafter Gerechtigkeit. An einer Stelle jedoch fand ichs zu radikal: als er davon brichtet, wie nach der großen Schlacht im amerikanischen Bürgerkrieg in Gettysburg die Toten exhumiert wurden, um sie in Gut und Böse zu teilen: Die Nordstaatler wurden an Ort und Stelle und nun würdig wieder begraben, da das Schlachtfeld im Folgenden geheiligt wurde – die Südstaatler dagegen aussortiert und zur Beerdigung an ihre Heimatorte verbracht. Boehm fand das richtig, denn „die Wahrheit, dass alle Menschen zum Volk gehören müssen, wird durch den Ausschluss der konföderierten Soldaten hochgehalten“. Da fehlte mir dann ein bisschen die christliche Nächstenliebe, die Ungerechtigkeit hinnimmt, wenn sie dem armseligen Nächsten gegenüber Gnade walten lässt.

Ich schwenkte um zu Smith, und auch die verwirrte mich: ein historischer Roman, sehr englisch, sehr bodenständig, historisch präzise und voll bissigem Spott. Messerscharf im Sezieren familiärer und gesellschaftlicher Machtverhältnisse, ohne ein gelassenes Lächeln angesichts der Lächerlichkeit der Protagonisten, bitter in seiner Wahrhaftigkeit.

Also letztendlich so gnadenlos wie Boehm. Nur auf einer anderen Ebene, nicht in den Höhen philosophischer Ideen, sondern in den Niederungen historisch konkreter Alltäglichkeit. Dabei – ich hoffe, Sie verstehen mich nicht falsch - gefallen mir beide Bücher ganz außerordentlich. Sie sind halt heftig, gehen zur Sache. Und wo mir das englische 19. Jahrhundert doch zu beklemmend wird, schalte ich um zu Boehms menschheitsumarmenden Ideen – und wo mir der zu sehr abschwebt, zurück zur Bissgkeit von Zadie Smith. Ich freue mich auf schöne Leseabende.

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Mittwoch, 8. November 2023
Berlin Prepper
Durch Zufall begegnete mir der Thriller „Berlin Prepper“ von Johannes Groschupf, ein wunderbares Buch: klug, spannend, nah an der Realität. Es geht um prekäres Leben in Berlin, um Hasskommentare im Netz und natürlich um Prepper. Erschienen 2019, tagespolitisch natürlich nicht mehr ganz aktuell, umso mehr aber, was die Verhältnisse betrifft. Ich frage mich, wieso so ein Buch nicht rauf und runter durch die Feuilletons besprochen wurde - es ist jetzt vermutlich kein besonders herausragendes sprachliches Meisterwerk, aber welche von den in aller Munde seienden Büchern sind das schon? Und dieses hier - es ist nicht nur solide und ordentlich erzählt, es ist auch gesellschaftlich relevant. Unbedingte Leseempfehlung!

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Dienstag, 26. September 2023
Schein-Debatte
Wahrscheinlich haben Sie es gar nicht gehört, da es so nebensächlich ist und blieb – ich schon, denn ich interessiere mich für DDR und für Literatur, und so erfuhr ich auch, dass die in Westdeutschland geborene Autorin Charlotte Gneuß einen Roman geschrieben hat, der in der DDR der siebziger Jahre spielt.

Sandra Kegel nahm das zum Anlass, in der FAZ zu fragen „Darf sie das?“ - und sogleich laut „ja“ zu rufen, wohl wissend, dass auch niemand etwas anderes behauptet oder gefordert hat. Wie kam sie also auf die abwegige Frage? Nun, der ostdeutsche Schriftsteller Ingo Schulze hatte ihm Vorwege der Veröffentlichung und offenbar in bestem Einvernehmen mit der Autorin das Manuskript des Romans gelesen und als Zeitzeuge einige Anmerkungen gemacht. Diese Anmerkungen gelangten auf merkwürdigen Wegen an die Jury des Deutschen Buchpreises, wo Gneuß‘ Roman auf den vorderen Plätzen mitspielt. Jury-Mitglied Katharina Teutsch (FAZ) machte den Vorgang öffentlich, sodass Kegel das zum Anlass nehmen konnte, Schulzes Anmerkungen zu einer philiströsen Meckerei an einem Kunstwerk aufzublasen.

Alle Feuilletons berichteten natürlich, aber niemand wollte sich so recht auf eine Debatte einlassen. Gerrit Bartels fragte im Tagesspiegel zu Recht, was das ganze Spiel nun sollte. Das frage ich mich auch. Ging es darum, wie es Bartels für möglich hielt, Gneuß‘ Buch von der Shortlist zu verdrängen (um Platz für den anderen zur Verfügung stehenden DDR-Roman zu schaffen, den mit der, so scheint es, konsequenteren Anti-DDR-Ideologie) oder doch umgekehrt darum, Gneuß‘ Roman die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen? Oder sollte nur der Ruf von Ingo Schulze ein bisschen beschädigt werden? Oder Dirk Oschmanns bitter wahres Diktum von Ostdeutschland als westdeutscher Erfindung?

Vielleicht ja gar nichts von alldem und es sollten nur die Seiten im Feuilleton gefüllt werden. Wenn dieses Letztere der Fall wäre, wäre das sehr schade, denn Sie sehen an meinem Text, wie viele hässliche Gedanken das unten in der Bevölkerung erzeugt, wenn oben nur ein ganz kleines bisschen gemogelt wird, um eine Debatte zu erfinden.

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Mittwoch, 30. August 2023
Zum Nachdenken für Pädagogen: Wissen ist Sein
Mal wieder ein Zitat aus der aktuellen Lektüre: Von Ann Cotten habe ich vor Jahren schon ein Buch gelesen, „Der schaudernde Fächer“, ein Buch mit Erzählungen und einigen eingestreuten Versen, das war ganz schön versponnen, originell, vieles habe ich gar nicht verstanden, oft aber gab es so treffende Formulierungen und Geschichtchen, z. B. bei dem Portrait von Berliner Hipsterfrauen als „Seekühe der Kunst“ habe ich herzlich gelacht, und klug war es auch.

Jetzt fiel mir in einem Buchladen „Die Anleitungen der Vorfahren“ in die Hände, ein großartiges Buch. Teils Kurzprosa, teils Gedichte, was das Leseerlebnis nochmal schöner macht, weil Cotten offenbar ein ziemliches dichterisches Talent hat - fast jedes zweites Gedicht eine richtige Perle. Und die Prosastücke, obwohl inhaltlich oft eher banal (Berichte über einen Studienaufenthalt in Hawaii) so originell und klug und umso klüger, je mehr sie ins Essayistische abschweifen – es ist einfach eine Freude!

Da begegnete mir vorgestern bei der Abendlektüre folgender Satz: „Wissen ist Sein, nicht ein Vorrat zum Wegpacken.“ Wie klug ist das denn! Es zeigt nicht nur, wie blöd das Bulimie-Lernen ist, das einfach Wissen reinstopft und vergisst. Es zeigt auch, dass die derzeit übliche Lernideologie falsch ist: dass man nämlich in der Schule eher nur Kompetenzen erwerben sollte, damit das Ich des Lernenden in die Lage versetzt wird, sich mithilfe der Kompetenzen für die eigenen persönlichen Ziele und Wünsche halt das Wissen selbst anzueignen, das es für seine individuellen Ziele und Wünsche benötigt. Nein, das ist letztendlich eine neoliberale, kapitalistisch besitzergreifende, ichbezogene Denkweise. Das Ich ist kein fertiges Ich, das weiß, was es will, und Wissen ist kein Vorrat, den mensch sich greift, um vorwärts zu kommen. Das Wissen selbst ist Bestandteil des Ichs, wo es lebt und das Sein, die Ziele und Wünsche mitbestimmt. Du musst die Welt kennen, um dich in ihr zu orientieren, um in ihr etwas wollen zu können.

Apropos Neoliberalismus: Zwei Seiten weiter heißt es bei Cotten: „Ob das auch eine Präfiguration einer Kamikaze-Melancholie darstellt, auch eine Präfiguration der Bescheuertheit, Muster des Ignorierens oder Beiseiteredens der brennenden Erde, um weiter den Kult der Notwendigkeitsillusionen, des koks- oder kaffeegestützten Gefühls der Kompetenz im Augenblick zu feiern?“

Treffender, schöner hab ich das noch nie gelesen.

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Sonntag, 25. Juni 2023
… und eine Geschichte, an der alles stimmt: "Das Buch vom Verschwinden" von Ibtisam Azem
(Kopie meines Kommentars bei mir selber - wenn ich meine Texte schon auf so einer Winkelplattform wie blogger.de veröffentliche, muss ich sie ja nicht auch noch zusätzlich in den Kommentaren verstecken)

Ich habe jetzt noch einen Roman einer Palästinenserin gelesen, „Das Buch vom Verschwinden“ von Ibtisam Azem, der mich begeistert, und ich sollte doch, wenn ich schon über die nur so halb guten Bücher abnörgele (während ich die belanglosen Lektüren wie neulich „Melody“ von Martin Suter in der Regel gar nicht erwähne), dann auch Loblieder auf die richtig guten verfassen.

Ich lese den schon 2014 erschienen und leider jetzt erst ins Deutsche übersetzten Roman jetzt gleich zum zweiten Mal, weil ich den wunderbar melancholischen Grundton beim ersten Lesen gar nicht genießen konnte, denn ich musste ich musste ständig unterbrechen und in Wikipedia nachblättern, weil ich von den als bekannt vorausgesetzten Hintergründen keine Ahnung hatte.

Eigentlich passiert nicht viel in dem Buch. Es geht um einen arabischstämmigen Bewohner von Tel Aviv, der die lückenhafte Erinnerung an die Geschichte seiner Familie nicht zu fassen kriegt: Deren Heimatstadt Jaffa ist längst von ihrem einstigen Vorort Tel Aviv geschluckt und zu einem nachgebauten Künstler- und Touristenviertel gemacht worden; der größte Teil seiner Familie wurde schon vor seiner Geburt vertrieben. Und die geliebte Großmutter, Hüterin der Familienerinnerung, ist gerade gestorben. Aber auch sein jüdischstämmiger Freund weist eine solche lückenhafte Familienerinnerung auf und treibt wie er wurzellos durch Tel Aviv. Dann lösen sich auf einmal und auf mystische Weise alle palästinensischen Menschen (inklusive der Hauptfigur) aus Israel und den besetzten Gebieten in Luft auf und nach einigen Tagen des Schocks gibt sich das Land seiner über Nacht gewonnenen Reinrassigkeit und damit dem Vergessen, der Erinnerungslosigkeit und der Leere der kapitalistischen Gegenwart hin.

Eine einfache, aber kluge Parabel, geschrieben in einem traurigen Tonfall, der mich jedenfalls sofort sehr berührte. Jetzt beim zweiten Lesen beginne ich auch langsam die ersten Anspielungen zu verstehen: Da sind zum Beispiel zwei Freunde, ein Jude und ein Araber, die einst als Tagelöhner bei den Gurkenverkäufern auf dem Markt arbeiteten – die Gurken waren köstlich, sie hatten so gelbe Blütenkrönchen, wie kleine Türkenfeze. Die beiden arbeiten da längst nicht mehr, die Gurken schmecken auch nicht mehr, nur noch wässrig. Und eine Palästinenserin aus dem Westjordanland bringt ihre Familie durch, indem sie auf israelischen Gebiet in einem Gewächshaus voller Chemiedunst Gewürznelken pflückt, während ihr aus dem Gefängnis entlassener Mann bewegungslos zu Hause am Küchentisch sitzt und Löcher in die Luft starrt. Oder die von der Schuld ihrer Vorfahren besessene Deutsche, die auf einer Party ihrem Kollegen den Quoten-Araber ihres Freundeskreises vorstellt, in aschkenasischem Hebräisch – worauf dieser betont mizrachisches Hebräisch anstimmt. Oder die alte Jüdin aus Bagdad, deren Familie nach Tel Aviv vertrieben wurde, dort aber gesellschaftlich ausgeschlossen bleibt, wie sie sich freut, als der palästinensische Arzt sie mit einer arabischen Höflichkeitsfloskel beruhigt.

Und natürlich das dominierende Symbol der „weißen Stadt“ Tel Aviv mit ihren neusachlichen Bauhausbauten. Für mich, der kommunistisch erzogen wurde, und für den das Bauhaus der Inbegriff des Guten war und der sich als Kind schon wunderte, weshalb er das Bauhausgebäude in Dessau eigentlich nicht schön finden konnte – für mich war das Symbol der weißen Stadt sehr eindringlich und einleuchtend, die weiße Stadt als künstlich erdachter Fremdkörper (mit dem künstlichen erdachten und aller Geografie widersprechenden Namen Tel Aviv), der die Erinnerungslosigkeit mit sich bringt und die alte Stadt Jaffa auffrisst und deren Reste in die Erinnerungslosigkeit verstößt.

Lesen Sie dieses Buch!

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Freitag, 27. Januar 2023
Eine Geschichte, an der nichts stimmt
Wieder ein zufälliger Griff im Buchladen: Adania Shibli "Eine Nebensache". Ein schmaler Band von 100 Seiten, "Roman" steht vorne drauf. Komisch, denke ich: ein bisschen kurz für einen Roman. Der Klappentext verrät, dass es um den jüdisch-palästinensischen Konflikt geht, ein kurzes Reinlesen stehend im Laden zeigt, dass hier jemand klar und präzise erzählt, und offenbar von konkreten Einzelereignissen, nicht von den großen Linien der Politik, die der Wahrheitsfindung so oft hinderlich sind. Gut, ich kaufe es.

Also, ein Roman ist das tatsächlich nicht. Es ist eine Erzählung, genauer: eine Doppelerzählung – erst läuft die erste Erzählung ab, einfach und geradlinig, dann die zweite, auf dieselbe Art.

Die erste Erzählung schildert einen militärischen Vorfall in der Negev-Wüste aus dem Jahr 1949. Ein Trupp Soldaten schlägt sein Lager auf und durchstreift die Wüste auf der Suche nach Arabern. An einer Oase treffen sie auf Beduinen, erschießen die Männer, nehmen ein Mädchen fest, das sie später im Lager vergewaltigen und dann ebenfalls ermorden. Das Ganze detailgenau erzählt aus der Sicht des Kommandeurs. Aber irgendwie merkwürdig: Wir sehen jedes kleine Detail, das er sieht - nur die eigentlichen Verbrechen, die Erschießungen und Vergewaltigungen, bleiben ausgespart und werden dem Leser nur durch Andeutungen klar, und außerdem sehen wir zwar alles mit den Augen des Kommandeurs, erfahren aber null und nichts von seinen Gefühlen, Überlegungen und Beweggründen. So bleibt die Geschichte, so brutal sie ist, leer und lässt mich als Leser ratlos zurück.

Die zweite Erzählung bringt dann ein bisschen Licht ins Dunkel. Wir haben nun eine Ich-Erzählerin, eine palästinensische Frau aus dem besetzten Gebiet, eine unsichere, vor Panik flatternde Frau, der es nicht gelingt, die täglichen Schrecken der Besetzung auch nur für einen Moment zu verdrängen und zu sich zu kommen. Ganz typisch für so einen Menschen: Einerseits starrt sie wie das Kaninchen auf die Schlange immer wieder auf die (in der Tat monströsen) Ungerechtigkeiten, die ihr und den ihrigen täglich widerfahren, gleichzeitig nimmt sie in vorauseilendem Gehorsam oft deren Sichtweise ein: Sie beschuldigt sich selbst, ein Mensch zu sein, der tolpatschig immer wieder Grenzen übertritt - ohne mal zu fragen, ob diese Grenzen nicht vielleicht ihre normalsten Bedürfnisse beschneiden oder ob es - in anderen von ihr genannten Fällen - nicht einfach Grenzüberschreitungen aus Trotz und Wut sind. Denn ihre eigenen Gefühle nimmt sie nicht wahr und beschuldigt sich selbst absurderweise des Narzissmus. Und sie fühlt sich "schwach und hilflos wie die Bäume", die "der Wind erbarmungslos in alle Richtungen biegt". Nun, solange die Bäume nicht brechen oder umstürzen, kann ich daran nichts Hilfloses finden.

Diese Ich-Erzählerin erfährt durch einen israelischen Zeitungsartikel von dem Vorfall aus dem Jahr 1949 und macht sich auf, die Geschichte des Mädchens genauer zu recherchieren. Sie leiht sich von einer Jerusalemer Kollegin einen Ausweis (denn mit ihrem könnte die Fahrt kompliziert werden), ein Freund mietet ihr ein Auto, und sie fährt nach Israel, um Näheres zu erfahren. Natürlich findet sie in israelischen Museen nichts Neues (außer Details zu Ausrüstung und Bekleidung der Soldaten damals), sie glaubt später am Ort des Geschehens zu sein, erkennt später ihren Irrtum und findet den richtigen Ort. Am Ende folgt sie einer spontanen Intuition und entdeckt eine Oase in militärischem Sperrgebiet, wo Soldaten das Feuer auf sie eröffnen.

Nun erkennt der Leser die erste Erzählung als Produkt der Ich-Erzählerin und begreift, warum sie so hirnlos und täterfixiert daherkommt: Es ist der gescheiterte Versuch der Ich-Erzählerin, die Geschichte des Opfers zu erzählen, voller irrelevanter (die Bekleidung der Soldaten) und falscher Details (der irrtümlich angenommene Ort des Geschehens). Und das Mädchen, dessen Geschichte ja eigentlich erzählt werden sollte, erscheint nur als sprachloses Objekt aus dem Blick des Kommandeurs. Es gelingt der Erzählerin nicht, dem Mädchen als Person nahezukommen - so wie sie sich selbst ja auch nicht nahekommt. Dazu passt, dass sie am Ende ihre eigene Erschießung imaginiert: Sie schafft es nicht, dem Opfer eine Würde zu verleihen, also versucht sie, sich in dessen Würdelosigkeit einzufühlen.

Nein, Frau Shibli, wenn die Geschichte des Opfers verloren ist, dann ist es so. Es genügt, des Opfers zu denken und vor allem nicht immer wieder die Geschichte der Täter zu repetieren! Man kann die Ohnmacht auch herbeireden: Wenn die Erzählerin mit einem falschen Ausweis reist, um sich diese oder jene Schikane zu ersparen, und die Soldaten mit ihren unzähligen Kontrollposten nichts merken - wer ist dann eigentlich hilflos? Und ja, es ist ungerecht, dass Israel palästinensische Dörfer von der Landkarte verschwinden ließ, und diese Ungerechtigkeit gehört benannt. Aber warum nennt die Erzählerin im israelischen Alltag nicht ihren arabischen Namen? Stärkt sie damit nicht diejenigen, die die Araber weghaben wollen? Und schwächt die Araber, die es doch in Israel ziemlich viel gibt?

Wer bedrängt wird, ist nicht weg. Er soll nicht jammern, er soll "ich" sagen, "ich bin da und habe meine Rechte". Oder verlang ich da zu viel aus meiner deutschen Komfortzone?

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Montag, 16. Januar 2023
"Ein simpler Eingriff" von Yael Inokai
Jetzt hab ich mal einen Roman von der ganz jungen Generation gelesen. Der Name der Autorin war mir schon da und dort begegnet, und neulich im Buchladen lag da ihr Buch, ich hab reingelesen – und war gleich ganz angetan von der kühlen, eleganten, präzisen Sprache, die sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern der Geschichte ihren Lauf lässt.

Inhaltlich geht es um eine Krankenschwester, die kaserniert in einem Schwesternwohnheim lebt und im Krankenhaus bei Gehirnoperationen assistiert, die brutal, neuartig und insgesamt wenig erfolgreich sind, um es gelinde zu sagen. Langsam emanzipiert sie sich von dieser Funktionswelt – privat durch die Liebesgeschichte mit ihrer Zimmerkameradin, beruflich, indem sie zunehmend ihre Verantwortung wahrnimmt, die Götter in Weiß hinterfragt und zu einem Gegengewicht zu ihnen wird; am Ende befreit sie mit ihrer Freundin eine Patientin.

Das Geschehen wird historisch nicht konkret verortet, aber der schmerzhaft treffend beschriebene Leistungs- und Funktionswahn, das Unterdrücken der Individualität, die technokratische Arroganz weisen schon ziemlich deutlich in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, zumal ja auch die mysteriösen Hirnoperationen nicht zufällig an die Lobotomie erinnern, die diesem Geist und dieser Epoche entsprungen ist.

Überraschend, ja fast atemberaubend fand ich den Kunstgriff der Autorin, in diese eiskalte Technokratenwelt eine Ich-Erzählerin zu setzen, die mit der Feinfühligkeit eines heute im Überfluss der ersten Welt lebenden jungen Menschen die Lage peilt, feinste Machtdifferenzen erspüren kann und bis ins kleinste Gesten wie das Anheben einer Kaffeetasse richtig zu deuten weiß. Man fragt sich geradezu, weshalb sie sich nicht schon viel früher aus diesem plumpen, brutalen Apparat verabschiedet hat. Und noch mehr fragt man sich, woher sie ihre Sensibilität hat – aus ihrer zeittypisch unsensiblen Kinderstube (die ebenfalls recht treffend skizziert wird) kann es jedenfalls nicht sein.

Vor allem aber frage ich mich, warum ich hier an einem Text rumnörgle, der mich doch beeindruckt hat. Na, eben deshalb: Beeindruckt hat er mich, aber nicht auf seine Seite gezogen. Ich komm von der anderen, der romantischen Seite, ich mag die menschenfreundliche Spötterei eines Frank Schulz, die philosophische Melancholie eines Orhan Pamuk, die kratzbürstige Einsamkeit einer Judth Hermann – da bin ich zu Hause. Den disziplinierten, klug komponierten, fein, doch kühl und präzise gearbeiteten Text von Inokai kann ich bestaunen, mögen kann ich ihn nicht.

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Dienstag, 25. Oktober 2022
Der Industrietaucher - Christian Petzold und seine "Undine" neulich im Fernsehen
Ach, dieser Christian Petzold - so klug und so spröde, so voller Sehnsucht nach der Romantik und doch gefangen in zeitgenössisch rationalistischer Ideologie! Da lässt er Undine, die Nixe, als moderne junge Frau, freiberufliche Führerin durch Ideen und Modelle Berliner Stadtgestaltung, auftreten. Sie wird von ihrem Freund verlassen und findet sofort einen neuen, den Industrietaucher Christoph. Der wird dann aber von ihrem Vater, einem dicken Wels aus den Tiefen eines westdeutschen Stausees, bedroht und beinahe zu Tode gebracht - nur indem Undine ihren alten Lover ertränkt, kann sie ihren neuen retten. Sie selbst aber muss zurück ins Wasser. Christoph bindet sich nach ihrem Verschwinden an eine neue Frau. Nur einmal ist er versucht, der immer noch geliebten Undine ins Wasser zu folgen, schreckt aber im letzten Moment zurück und bleibt doch in der banalen Realität.

Das stimmt doch alles hinten und vorne nicht, sagte ich mir, als ich das Geschehen betrachtete. Im Nachhinein jedoch, mit Nachdenken, ergab es auf andere Weise doch auch wieder Sinn, für mich jedenfalls.

Na ja, vielleicht bin ich auch falsch reingerutscht in den Film: diese Anfangsszene, in der Undine ihrem Freund in theaterhaft künstlicher Rede androht, dass sie ihn töten wird, falls er sie verlässt - das erlebte ich keineswegs als romantisches Motiv, nur als überzogene Reaktion einer Dramaqueen. Zu bestätigen schien sich das, als sie sich keine fünf Minuten später leidenschaftlich in den Nächsten verliebte. Die dann folgenden Liebesszenen mit Christoph hab ich dann nur noch als kitschig wahrgenommen: Meine Güte - wenn zwei Menschen sich lieben, wie viel Auf und Ab, wie viel Kreuz und Quer gibt es da, wie interessant und überraschend kann das sein! Aber hier nur die immerselbe Liebesleidenschaft.

Erst mit dem Beinahe-Tod von Christoph wurde der Film für mich wieder interessant. Undines Telefonat mit dem bereits hirntoten Christoph, die Errettung Christophs durch Ertränken des Ex-Lovers - da hat sich mir zwar die Logik nicht so recht erschlossen, aber spannend war es schon. Und wie Undine dann geht und Christoph ihr beinahe, aber dann doch nicht folgt, das war richtig bewegend. Da hab ich richtig mitgebangt und gehofft, dass er es wagt zu gehen, wie einst Anselmus im "Goldenen Topf". Aber Industrietaucher bleibt eben Industrietaucher und wird nimmermehr ein Wassermann. Wie wahrscheinlich auch Petzold selber.

Denn das gewisse Etwas, das den romantischen Motiven des Films so sehr fehlte (diese albernen Unterwasserszenen!), dieses leicht Schräge, die Wirklichkeit Transzendierende, Poetische - das hatte der Film durchaus, nur eben ganz woanders: da, wo Undines gelehrte Monologe über Stadtgestaltung einfach viel zu lange weiterlaufen und die Handlung beiseite drängen. Da war wirklich drängendes Interesse, Herzblut spürbar. Noch gesteigert dadurch, dass Christoph abends auf dem Sofa, anstatt mit ihr zu knutschen, lieber das Referat über das Berliner Stadtschloss hören will - und es auch kriegt.

Und das, obwohl sich Undine gar nicht für das Stadtschloss interessiert, sie hat das Referat nur widerwillig für eine kranke Kollegin übernommen! (Sie ist ja auch eine Nixe, was soll ihr das Stadtschloss?) Richtig klar wurde mir das, als sich im 2. Teil des Films nochmal so ein Stadtgestaltungsmonolog breitmachte, der der professionellen Kollegin. Der war scharf, klar, befasste sich mit Bedeutung des Bodenpreises für das Stadtbild und verwies damit Undines Reden über Stadtschloss oder realsozialistische Bauten in den Bereich des weniger relevanten Kulturgelabers.

Vielleicht liegt es daran, dass es meines Erachtens so richtig romantisch nur werden kann, wo die brennende Sehnsucht besteht, zu den Punkten vorzudringen, an denen es wehtut. Ob ein Mann bereit ist, sich auf Gedeih und Verderb an eine Frau zu binden oder ob er nicht doch lieber mit einer anderen abzieht - das war im 18. Jahrhundert so eine brennende Frage für eine Frau - heute in den Zeiten des schwindenden Patriarchats eben nicht mehr. Und berührt, mich jedenfalls, nicht. Solche eifersüchtigen Wels-Väter aber, die ihre Töchter aus dem Hintergrund überwachen, so dass diese es nur zu einem prekären Job im Berliner Kulturbetrieb bringen, die gibt es durchaus noch. Da wird es spannend. Denn es gibt Teilbereiche der Gesellschaft, in denen das patriarchale System noch funktioniert und das Zusammenleben in einer längst viel moderneren Gesellschaft stört: wo Männer mit Bodenpreisen spekulieren und hre Töchter nicht mitspielen, sondern lieber über Kulturfragen palavern lassen, wo Männer dafür sorgen, dass über die Frage des Bodenpreises geschwiegen (es ist kein Zufall, dass in Petzolds Film eine professionell agierende Frau die Frage anspricht) und lieber über einen oberflächlichen Mietendeckel oder gar die mühsam gefüllte Kopie eines Stadtschlosses diskutiert wird.

Sie sehen, da steckt richtig viel drin in dem Film. Auch wenn es Christian Petzold wieder nicht gelungen ist, richtig abzutauchen in die Poesie. Vielleicht gelingt ihm das ja mit seinem nächsten Film, der soll fast fertig sein.

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Samstag, 18. Juni 2022
Ein Zitat
Die familiäre Situation erfordert es, dass ich wieder öfter übers Wochenende bei den Eltern bin. Ich übernachte dann im ehemaligen Kinderzimmer, das schon vor Jahrzehnten zum Gästezimmer mutierte und in das im Lauf der Jahre die Massen der jeweils weniger relevanten Bücher eingelagert wurden, die in der elterlichen Bibliothek von Wichtigerem verdrängt wurden. Überproportional vertreten: Schriften aus dem aufklärerischen Zeitalter. Vor dem Einschlafen greif ich mir dann oft einen Band heraus, neulich hab ich mir sogar ein Zitat rausfotografiert, das ich außerordentlich treffend fand, ich weiß leider nicht mehr, von wem es ist.



Nun, der Tag, von dem hier die Rede ist, der geht offensichtlich dem Ende entgegen, eigentlich sind sich alle einig, dass dunklere Zeiten anbrechen. Aber wenn dem so ist, dann sind die europäischen Intellektuellen (denen ich mich als akademisch Ausgebildeter auch zurechne) für die Zukunft eher schlecht ausgerüstet mit ihrer rationalen Faktenfinderei und Religionsverachtung.

Ein gutes Beispiel: der Roman "Dunkelblum" von Eva Menasse, den ich heute Morgen zuende las. Das Buch umkreist die Schrecken der nationalsozialistischen Vergangenheit mit prächtiger Sprachkunst, mit herrlichem Wortwitz und elegantem Spiel mit der Mundart sowie mit außerordentlich geschickt eingesetzten Andeutungen, aber letztlich wie die Katze den heißen Brei. Die Erzählstimme des Buchs reflektiert das sogar: Es ist die Rede von einem "tief eingewurzelten Misstrauen ... gegen Geschichten, die gut ausgehen" sowie auch davon, wie die Einheimischen den regionalen Jungnazi "verspotteten und in seinem Furor lächerlich machten", ihm "insgeheim jedoch recht" gaben. Aus dieser Tradition kann sich auch das Buch selbst nicht lösen: Die Starken sind in ihm mächtig und furchteinflößend, die Schwachen hilf- und orientierungslos und gern auch ein bisschen debil, und auf das Volk blickt der Text mit einer teils mitleidigen, teils gleichgültigen Arroganz, wie sie eben nicht nur den Nazis, sondern auch den gebildeten Aufgeklärten eigen ist. Und aus dieser Arroganz entspringt die Hilflosigkeit, mit der die Wahrheitssucher und Sympathieträger des Romans auf die Nazis starren.

Das Schönste an diesem ebenso klugen wie unsympathischen Roman: dass er das alles selber weiß. Er endet damit, dass die Figur des Grünen (aus der aufgeklärten Sicht des Buches natürlich nicht gerade ein Sympathieträger) in der örtlichen Kirche Schutz sucht und angesichts des Altarbildes zu der Überzeugung gelangt, dass die im Roman ausgebliebene Aufklärung der Verbrechen unausweichlich kommen wird, wenn es nur gelingt, sich nicht auf die Teufel zu fixieren und sie gerade dadurch teuflisch zu machen. Wie Recht er hat!

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