Samstag, 18. Februar 2017
Wo man die Fenster nicht öffnen kann
Samstagvormittag allein zu Haus, wozu nutz ich die Zeit? Natürlich, indem ich im Bet bleib und schön einen Film von der Festplatte weggucke, der dort schon seit Wochen auf Abruf wartet. Heute "Die Falschspielerin" ("The Lady Eve" ist der schönere Originaltitel), eine berühmte Screwball-Komödie, die ich noch nicht kannte. Und tatsächlich: Sie gefiel mir sehr, da sie mit Witz und Tempo wieder wettmachte, was an Screwball-Komödien eigentlich immer ein bisschen nervt: die Null-Erotik der Hauptdarstellerin, das lächerlich Konstruierte und Holzschnitthafte der Romantik-Szenen, die Sprödigkeit und und das völlige Fehlen einer irgendwie glaubhaften Gefühlsebene ...
Ein Detail aus dem Gag-Feuerwerk fiel mir auf: "Sie wird ihn aus dem Zugfenster werfen!" - "In Zügen kann man die Fenster nicht öffnen". Aha, dachte ich, in den USA war das also schon 1941 so. Ich bin noch in 80ern den Kopf aus dem Zugfenster haltend ans Schwarze Meer gefahren. Die Zeit der Klimaanlagen und versiegelten Zugfenster begann für mich erst 1990. Inzwischen ist mir auch das vertraut.
Und deshalb schreckt mich auch ein öffentliches Klima nicht, das von maschinellen Meinungen und postfaktischem Schwachsinn beeinflusst wird. Dreistes Lügen und Meinungsmache sind mir noch aus DDR-Zeiten bekannt, inszenierten Jubel kennt man auch von Samstagabend-Fernsehshows. Wer den Wind um die Nase spürt, muss das nicht ernst nehmen.
Da lese ich zum Beispiel grade einen sehr schönen Unterhaltungsroman, "Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels" von Stefan Moster, und staunte nicht schlecht, wie gut und stimmig ein Wessi-Autor mit DDR-Tristesse und Stasi-Thematik umgehen kann. An einem winzigen Detail erkannte ich dann, warum dem Autor das gelang: Er erwähnt die Stasi-Hochschule in "Potsdam-Gollen". Tatsächlich heißt der Ort Golm, ich komm ja aus der Gegend. Offenbar hat der Autor also sein Wissen per Hörensagen erworben, nicht im Internet recherchiert. Auf diesem Übertragungsweg scheint das Wissen seine Echtheit zu behalten. "Die Macht kommt aus den Mündern, die kommt aus den Mündungen nicht." dichtete Wolf Biermann einst über Gewehrmündungen, die ihn als alten Kommunisten vielleicht doch etwas zu stark faszinierten. Recht hat er trotzdem.
Und daher müssen Sie auch nicht ernst nehmen, was ich hier ins Internet tippe.

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Mittwoch, 25. Januar 2017
Winter

Draußen vor dem Fenster schneit das Wohnmobil ein und hier drinnen in mir ist es Winter. An dem einzelnen Ferientag trink ich schon mittags zwei Bier, damit ich es schaffe, noch einen Abschnitt von meiner Erzählung zu schreiben, die mir immer kitschiger gerät. Mein Freund T. hat sich in die Psychiatrie einweisen lassen, meinen Freund S. verliere ich an PI-News, die er neuerdings statt der bisher umfangreich konsumierten Tageszeitungen frequentiert. A. und E. habe ich seit Wochen nicht gesehen und rufe auch nicht an. Ich habe keine Freude an meiner Frau, keine Freude an meinem Sohn. Bin auch in sonst niemanden verliebt. In meine Arbeit auch nicht. Es ist Winter und ich warte.

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Samstag, 21. Januar 2017
"Der Trump in mir"
So oder so ähnlich hat Don Alphonso neulich getitelt. Ja, natürlich, ich kenn meinen inneren Trump auch, und ich mag ihn auch, ich weiß aber, dass ich ihm nicht trauen kann. Dazu eine Erinnerung aus meinen Billig-Lehrer-Zeiten. Ich habe sie bewusst etwas pauschalisierend zugespitzt, wie das heute so üblich ist.
Wie berichtet, arbeitete ich da in einer Firma, einem sogenannten freien Bildungsträger. Die Firmengruppe war hervorgegangen aus gewerkschaftlichen Initativen in den achtziger Jahren, die sich immer weiter professionalisiert hatten. Man pflegte weiter einen lockeren, kollegial wirkenden Stil, man liebte die Sozialkitsch-Vorstellungen der alten Bundesrepublik, aber im tatsächlichen Handeln lebte man schon den Neoliberalismus der 90er/2000er. Jeder erzählte jedem gleich, wie sehr er oder sie soziale Arbeit liebt. Und wenn man sich näher kannte, gestand man sich irgendwann, wie und warum man aus der normalen Berufskarriere rausgeflogen war und wie froh, jetzt wenigstens überhaupt wieder Arbeit zu haben.
Die Bezahlung war miserabel, die Strukturen intransparent, es gab viel Mauschelei und Missgunst. Als z. B. der Geschäftsführer von einer der Tochter-GmbHs der Mutterfirma Mist baute und seinen Job verlor, veranstalteten einfach alle Geschäftsführer einen Ringtausch. Auf der Ebene hielt man schon zusammen. Einfache Mitarbeiter betraf das nicht: Eine Kollegin wurde befristet für ein halbes Jahr eingestellt, in ihrem Vertrag fand sich ein Hinweis auf eine sechmonatige Probezeit. Auf ihre Frage, wie das zu verstehen sei, bekam sie die freche Antwort, man sei ja schon daran interessiert, die Befristung eventuell zu verlängern.
Mich widerte die Doppelmoral an und ich glaubte zunächst, beim nächsten Bildungsträger besser dran zu sein. Dieser war vom Unternehmerverband gegründet worden. Der Geschäftsführer (wie bei der anderen Firma waren die Geschäftsführerposten durch Männer, die Abteilungsleiterposten durch Frauen besetzt) trug einen schicken Anzug und war sehr eloquent, ganz anders als die kumpelhaften Biedermännner bei der Konkurrenz. Er betonte bei jeder Gelegenheit, dass seine gGmbH ein Wirtschaftsunternehmen sei. Ich mochte das und fand das ehrlich. Meine Chefin war Ole-von-Beust-Fan und glaubte, dass Tüchtigkeit sich auszahlt. In ihrem Gehalt schlug sich das allerdings nicht wieder. Allerdings war sie ja auch alles andere als eine professionelle Chefin, betriebswirtschaftlich ging alles drunter und drüber. Ihr Talent bestand darin, mit ihrem Engagement und inhaltlichem Verständnis für die Sache gute Honorarkräfte an die Firma zu binden, trotz des lausigen Honorars. Als die Abteilung dennoch im Minus blieb, kündigte sie freiwillig. Erst später stellte sich heraus, wie das Minus zustande kam: durch Fehlbuchungen. Ungenau annoncierte Überweisungen von Ämtern, die unsere Bildungsleistungen bezahlten, hatte der Geschäftsführer, wenn er sie nicht auf den ersten Blick unserer Abteilung zuordnen konnte, halt einfach genommen, um jeweils dort Löcher zu stopfen, wo anderswo in der Firma Not am Mann war. Wie auch immer, nach dem Weggang der Chefin blieben dann auch die Honorarkräfte nach und nach weg, danach die fest Angestellten wie ich. Die Abteilung schloss. Alles, was der Firma blieb, war der Gewinn, den sie mit uns gemacht hatte. (Ja, ich weiß, gGmbHs dürfen nominell keinen Gewinn machen, sie müssen ihn halt in Immobilienbesitz o.ä. umwandeln.)
Fazit: Ich fürchte, es wird uns ähnlich gehen mit dem trumpismo, der jetzt überall in der westlichen Welt heraufdämmert - im ersten Moment spürt man Erleichterung, weil "die" es "denen" mal gezeigt haben. Im zweiten Moment merkt man dann, dass "die" auch nicht besser sind - sondern schlimmer.

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Samstag, 7. Januar 2017
Flucht vor Google gescheitert
Geht Ihnen das auch manchmal so, dass Sie sich auf die Flucht vor den Datenkraken begeben und dabei scheitern?
Bei mir ist ist es das Thema "Kalender". Ich hasse Pläne, Termine und Kalender - aber man brauchts nunmal. Das handschriftliche Führen eines Kalenders ist mir noch nie gelungen, spätestens im Februar bleiben die Seiten leer, die Termine finden sich verstreut auf Zetteln, und die jeweils kommende Woche hab ich in der Regel ja auch ganz gut im Kopf. Für weiter im Voraus liegende Termine (die ich sonst grundsätzlich vergessen würde) hat sich mein Kalender in Thunderbird bewährt, der mich rechtzeitig erinnert. Nur hätte man diese Termine manchmal auch ganz gern auf der Arbeit dabei. Deshalb bin ich schwach geworden und hab ich mir nach zwei Jahren Abstinenz doch wieder ein kleines Smartphone gekauft. Mithilfe meines Sohnes gelang es mir auch, innerhalb eines Nachmittags ein Thunderbird-Android-Synchronisierungssytem zu installieren, das ohne Internet einfach über den WLAN-Router funktionert. Es kam auch die Systemmeldung, dass sich die beiden Kalender erkennen. Daten kamen aber keine, weder in die eine noch in die andere Richtung. Da wurde ich schwach und gab der wiederholten Forderung meines neuen Handys nach, doch meine Daten mit dem Kalender zu synchronisieren, den ich bei meiner meistens brach und für Notfälle bereitliegenden Googlemail-Adresse einrichten könne. Das klappte natürlich sofort. Google hat wieder gewonnen. Leider.

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Montag, 12. Dezember 2016
Geld ist stärker als menschliche Treue
Als ich vor zweieinhalb Jahrzehnten per Wiedervereinigung ins Schlaraffenland Bundesrepublik Deutschland kam, genoss ich erstmal die wohlstandsbasierten Freiheiten und das Leben als Student. Ich studierte zwar „auf Lehramt“ , hatte aber kein Verständnis für die nicht wenigen meiner Kommilitonen, die ängstlich darauf bedacht waren, möglichst schnell Beamte zu werden. Ich belegte stattdessen zusätzliche Philosophieseminare und zog mit Magisterstudenten durch die Kneipen. Mitreferendare, die sich krummbogen für das Zweite Staatsexamen und die Aufnahme in den Staatsdienst, die verachtete ich nur. Ich hatte es halt noch nicht begriffen. Welche Rolle das Geld spielt.
Ernst Morwitz (so jedenfalls rekapituliert Ulrich Raulff in seinem wunderbaren Schmöker „Kreis ohne Meister“ Forschungen von Carola Groppe) war Jude und in der Weimarer Republik ein hoher Justizbeamter. Als die Nazis dann ihre Rassegesetze installierten, wurde er entlassen, seine Pension reichte aber aus, dass er zunächst als Privatier in Deutschland bleiben konnte. 1938 wurde das auch ihm zu brenzlig, er emigrierte in die USA und bekam (dank der Hilfe von Exkollegen) seine Pension nachgeschickt. Erst als die Nazis auch das unterbanden, begannen für ihn harte Jahre, da er in den USA nicht in seinem Beruf arbeiten konnte.
Nur vom Hörensagen weiß ich von der Existenz meiner Großtante, die ebenfalls Jüdin war, allerdings Hausfrau und keine Beamtengattin. Sie hatte keine Pension als Rettungsanker und also keine Ausreisemöglichkeit, nur einen als arisch geltenden Ehemann, der sie zu den wiederkehrende Terminen bei der Polizei begleitete, um sie zu schützen. Bei einem dieser Termine, wurde mein Großonkel mit Fußtritten aus der Tür befördert. Seine Frau hat er nicht wiedergesehen. Ein letztes Lebenszeichen war ein Zettel, den sie aus dem Zug auf einen polnischen Bahnsteig geworfen hatte. Unbekannte Polen (das sei nicht vergessen) müssen ihn in einen Umschlag gesteckt und meinem Großonkel zugesendet haben.
Ernst Morwitz wurde in den fünfziger Jahren von Deutschland nachträglich befördert und entsprechend entschädigt, so dass er auf seine alten Jahre noch ein paar Jahre in Europa herumreisen konnte. Eine späte Genugtuung, immerhin.
Polnische Zwangsarbeiter mussten allerdings bis in die achtziger Jahre überleben, um noch eine Entschädigung erhaschen zu können.
… na ja, vielleicht hat ja meine bockige Beamtenverachtung auch ihre historischen Wurzeln, in derselben Zeit. Mein anderer Großvater nämlich war damals Beamter, ein Aufsteiger aus der Arbeiterschaft. Um 1930 ist es ihm sogar gelungen, für seine Familie ein Haus errichten zu lassen, mithilfe eines großen Kredits und der Zusammenarbeit mit der links orientierten Konsum-Genossenschaft, die im Erdgeschoss einen Laden etablierte. Er hatte 1933 ein anderes, letztendlich weniger gewichtiges Problem: ein SPD-Parteibuch. Er überblickte pragmatisch die Lage, fand sich bereit, das SPD- gegen das verhasste NSDAP-Buch zu tauschen und im Weiteren die Klappe zu halten. Er behielt seine Arbeit, seine Familie konnte wohnen bleiben und er den Kredit abbezahlen. Nach 1945 wurde er als Mitläufer entnazifiziert.
Ist es ein wunder, dass ich irgendwie einen Moral-Tick habe?

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Samstag, 5. November 2016
Altmännerliteratur
„Altershausen" – Das müssen Sie lesen! meinte damals der Zweitgutachter meiner Dr.-Arbeit zum Thema Wilhelm Raabe. Er stand kurz vor der Emeritierung und ich dachte: Den Tipp heb ich mir für später auf, wenn ich selber alt bin. Später las ich irgendwo von Heinrich Detering denselben Tipp und hab mir dann doch schon mit 51 Jahren eine schöne Ausgabe von 1904 davon gekauft (für 5 Euro inkl. Versand!).

Also, so genial fand ich das nun auch wieder nicht, aber es war ein wunderschönes Stück Altmännerliteratur: ein „back tot he roots“, warmherzig leuchtend, ironisch, demütig, kaum sentimental.
Jetzt ein Jahr später les ich „Herkunft“ von Botho Strauß, das mich manchmal an „Altershausen“ erinnert: Es ist ebenso rührend offenherzig wie “Altershausen“, aber nicht fiktional, keine Erzählung, sondern eine genaue autobiographische Offenbarung, leider nicht ganz frei von den bekannten Straußschen Verbohrt- und Exaltiertheiten, doch sehr direkt persönlich echt. Tut einfach gut.
Und als Nächstes kommt dann der „Abschied von den Eltern“ von Peter Weiß, hab ich mir schon bestellt.
... so, das reicht für heute an Namedropping. Und falls der geneigte Leser nach meinem autobiografischen Hintergrund fragt: Ja, die Eltern werden alt, ich hab das am Wochenende wieder erlebt, und vor kurzem, im Sommer bei der großen Deutschland-Wohnmobilrundreise mit Frau und Sohn (einmal Norddeutschland – Schweiz und zurück), nutzte ich die Gelegenheit, dem Großelternhaus, dem Kindheitsort meines Vaters und meiner eigenen Grundschul-Frühjahrs- und Herbstferien, einen kurzen Besuch abzustatten: Die das gekauft haben, haben es sich dort wirklich hübsch gemacht, sieht besser aus als damals, ich konnte-musste mich verabschieden: Dem Haus geht es jetzt besser, nachdem es seine Herkunftsfamilie verlassen hat. Manchmal ist das so.

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Montag, 19. September 2016
Begeben wir uns mal auf das Niveau der Wahlanalysten ...
... und fragen ganz platt: In Berlin haben 4 Parteien ganz gut abgeschnitten - je eine von links und eine von rechts und zwei aus der Mitte. Aus wessen Sicht ist das jetzt ein Wahldebakel?

P.S. Natürlich wird es schon etwas problematischer, wenn man genauer hinschaut (gefunden via anders deutsch) - aber wenn man genauer hinschaut, dann macht Politik ja keinen Spaß mehr.

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Samstag, 3. September 2016
Lob der Kleinfamilie
Natürlich meine ich mit der Kleinfamilie, die ich hier loben will, meine eigene, und damit ich nicht ideologisch falsch verstanden werde, möchte ich meine beispielhaften Ausführungen mit dem Hinweis auf eine Person beginnen, deren Status „alleinerziehende Mutter“ ich absolut gutheiße.
X. hatte immer Probleme mit Beziehungen. Sie war zwar, da sie eine schöne Frau ist, nicht immer Single, aber es klappte auch nicht so, wie sie sich das wünschte. Und immer hatte sie Neurodermitis, mal mehr, mal weniger. Als sie über 30 war und selbst ihre psychisch ziemlich schräge beste Freundin auch schon eine Mutter, da warf sie sich R. geradezu an den Hals. „Ich weiß nicht“, meinte L. damals, „warum muss sie denn gleich nach dem zweiten Kaffeetrinken mit ihm ins Bett?“ Aber das war schon richtig. X. wurde schwanger, es wurde dann auch geheiratet. Natürlich hielt die Ehe nicht lange: Eine schwierige Frau von beinahe 40 und ein wohl witziger und kreativer, aber nie erwachsen gewordener Hippie von über 50 – das konnte nichts werden. Sie warf ihn raus. Und plötzlich verschwand auch die Neurodermitis. Was dazu führte, dass sie in letzter Sekunde noch verbeamtet werden konnte. Jetzt wohnt sie mit ihrer Tochter allein in einer teuren Stadt in einer teuren Wohnung. Sie lamentiert gern darüber, dass sie keinen Freund, keinen Mann hat. Sie weiß nicht, dass sie eigentlich glücklich ist.
Ganz anders verhält es sich mit Y., die ebenfalls alleinziehende Mutter ist. Y. und ich waren uns, als wir um die 20 waren, recht nahe, wir stammen aus ganz ähnlichen familiären Verhältnissen (haben uns auch über unsere Eltern kennen gelernt). Y. fiel es schwer, sich von ihrem dominanten Elternhaus, insbesondere ihrem Vater, zu lösen. Sie hatte immer Affären mit Jahrzehnte älteren, meist verheirateten Männern. Aus einer dieser unseligen Geschichten stammt dann auch das Kind, von dem die Ehefrau des Vaters nie etwas erfahren durfte: Die Unterhaltszahlungen kamen, soviel ich weiß, unregelmäßig und über geheimnisvolle Kanäle. Die Rettung kam für Y. in Form von Krebs, der sie über ihr Leben nachdenken ließ und ihr ihre üppige Blondinenfigur raubte – sie kam zu sich selbst und den Krebs überwand sie auch. Dann nahm sie sich ein Herz und verführte ihren gleichaltrigen Nachbarn, einen alles andere als perfekten Normalo und langjährigen Single, der sich bereiterklärte, ihren beruflichen Misserfolg mit seinem guten Gehalt abzusichern und sich zudem als wunderbarer Ersatzvater herausstellte. Leider wusste Y., die Vatertochter, nicht, dass man in einer Beziehung auch Forderungen stellen darf. Stattdessen verzweifelte sie still an seinen diversen Macken und verließ ihn irgendwann: Das Dümmste, was sie machen konnte. Jetzt lebt sie wieder vom Geld ihres Vaters und trinken tut sie auch.
Da hab ichs doch irgendwie besser hingekriegt, als es mir gelang, eine damals sehr verehrte, aber nie wirklich erreichbare Jugendfreundin Jahrzehnte später zu meiner Ehefrau zu machen, ein Kind mit ihr zu haben. Die normale Lebenswelt ist einfach zu isolierend. Ich habe neben meinen beruflichen Kontakten sowie einer Reihe von Bekanntschaften, die nicht besonders tief gehen, so ca. 1,5 – 2 gute Freunde. Ohne meine Familie wäre ich sehr einsam. In meiner Beziehung habe ich (neben Zärtlichkeit und Sex) ein Gefühl von Nähe, Bindung, Zuhausesein, ohne dass ich schwer durchs Leben käme.
Ich sehe das an Z.: Auch er kommt aus ähnlichen Familienverhältnissen wie ich, doch er ist allein geblieben. Denn was für die Vatertochter Y. die Affären waren, das war für Muttersöhne wie mich und für Z.: das völlige Fehlen von Sexualpartnern. Und dieses Fehlen ist wie ein schwarzes Loch: Es gehen dann irgendwann auch die Freundschaften verloren. Z. beweist das mit seiner Existenz: Er hat kaum jemanden. Meine Frau zum Beispiel mag ihn offensichtlich – und doch scheut sie seine Nähe: Sie findet seine Fingernägel und seine dreckigen Leinenbeutel eklig. Ich bin da ja etwas toleranter, aber neulich war ich mal in seiner Wohnung, in der ich sonst nie bin: Es roch schon etwas muffig und im Kühlschrank klebte eine tote Spinne in etwas offensichtlich schon vor Jahren Ausgelaufenem.
Und jetzt erzähle mir keiner, das sei die Freiheit und die Kleinfamilie spießig.

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Donnerstag, 21. Juli 2016
Ist Toni Erdmann ein guter Vater?
Wer den Mann nicht kennt, darf jetzt ruhig weiterklicken – ich jedenfalls habe „Toni Erdmann“ heute Abend gesehen: An einem lauen Sommerabend bin ich nach Ottensen reingeradelt – der Alma-Wartenberg-Platz schwirrte vom Geplauder und Gelächter der Freilichttrinker – und hab mir den Film von Maren Ade im Zeisekino angesehen. Nach den Geniestreichen „Der Wald vor lauter Bäumen“ und „Alle anderen“ waren meine Erwartungen sehr hoch und wurden dann doch ein bisschen enttäuscht, trotz der vielen wunderbar schrägen, klugen, komisch-peinlichen Szenen, die der Film auch enthält.
Es geht um eine junge deutsche Businessfrau, die in Rumänien auf die perverseste Art den Globalisierungsdiener gibt und dort von ihrem Vater, einem 68er-mäßigen Loser und Witzbold, heimgesucht wird. Verkleidet als ein Horst Schlämmer ähnlicher „Coach“ namens Toni Erdmann mischt er sich in ihre Geschäftsverhandlungen und macht alles lustvoll aggressiv zunichte. Am Ende versöhnen sich natürlich Vater und Tochter.
So banal kann man den Film auffassen, und dass man das kann, ist seine große Schwäche. Natürlich ist Maren Ade klug, viel klüger als diese Story. Sie zeigt genau, was hier abgeht: wie sehr sich Vater und Tochter gleichen: die Clownerien des Vaters sind nicht weniger plump und verlogen als das Businessgebaren der Tochter; wie sehr ein Machtgefüge das Geschehen beherrscht: Die Arroganz der Oberschicht gegenüber der Mittelschicht („Ich lebe in Frankfurt und Paris, es ist schön, in Ländern mit Mittelschicht zu leben – das entspannt.“) wiederholt sich in der Arroganz der Mittelschicht gegenüber der Unterschicht (die Tochter schikaniert die Rumänen, der Vater bringt ihnen nur verständnislose Höflichkeit entgegen) usw.
Und vor allem zeigt sie, dass die Tochter, die hier ihre Identität, ihre Würde viel zu billig an moralisch fragwürdige Firmen verkauft, ja gar nicht anders kann. Ihr Vater, der 68er, ist ein Clown, ein Provokateur, ein ewig Pubertierender. Von ihm hat sie keine Richtschnur fürs Leben bekommen können. Und jetzt, im Lebensherbst, ist er ein Einsamer, ein Verzweifelter, jemand, mit dem man Mitgefühl haben kann und muss, aber erst recht niemand, der einem etwas fürs Leben mitgeben kann.
All diese wichtigen Aspekte deutet die kluge Regisseurin in ihrem Film an. Schade, dass sie sie am Ende einer kitschigen Story opfert.

Nachsatz und Zurücknahme: Wenn Sie meinen Text gelesen haben, haben Sie sicher bemerkt, wie ich mir selbst widerspreche: Natürlich kann der Film gar nicht banal sein, da er ja doch, wie ich betonte, genau und konkret ist. Und eine "kitschige Story" - nun, die muss er ja haben, er will ja eine eine Komödie sein!
Dass ich gestern Abend dennoch leicht gestresst aus dem Kino kam und daher Lust hatte, ein bisschen im Netz abzunörgeln - das hatte vermutlich einen einfacheren Grund: Der Fim ist eine halbe Stunde zu lang. Das nervt. Ich finde, Filme sollten 80 bis 100 Minuten dauern, ein außerordentlich guter Film (wie dieser) darfs auch auf 2 Stunden bringen. 162 Minuten sind zu viel.
Na ja, aber einen Tag später ist diese kleine Pubikumsquälerei vergessen, und ich erinnere nur noch die Fülle wunderbarer Filmmomente (Das einsame Kleidanziehen mit der Gabel! Der Spermawurf aufs Petitfour! Die zarte Szene mit dem Tod des Hundes! usw.) und nachdenkenswerter Aspekte. Gehen Sie ins Kino, wenn Sie noch nicht da waren!

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Donnerstag, 23. Juni 2016
Erster Ausflug
Es ist bescheuert: Nie mag ich mich festlegen, ich hasse Pläne und singe ein Hohelied auf die Flexibilität, aber das Ende vom Lied ist, dass andere über meine Termine bestimmen.
So war es auch mit meiner ersten Wohnmobilreise: Für eine Ferienwoche geplant, wurde nur ein kurzer Ausflug daraus; es waren Besorgungen zu machen, wir konnten erst Dienstagmittag los, und Donnerstagabend mussten wir schon in Potsdam sein, wollten wir nicht alle sein (Eltern, Schwäger, eine alte Schulfreundin) verärgern. Die paar Stunden aber, die damals jr. und ich (meine Frau musste arbeiten) wirklich unterwegs waren, die waren es wert.
Wir begannen die Tour bei S*-Gas bei uns um die Ecke, eine neue Gasflasche kaufen. Problemlos (den passenden Schlüssel für die Installation konnte man am Tresen günstig hinzukaufen). Dann ab in den Norden. Das Navi empfahl die Autobahn nach Lübeck und dann die A20; ich zwang es aber, über Mölln zu fahren, da ich erinnerte, wie hübsch das Städtchen hinterm See über der Bundesstraße lagert. Und wurde belohnt: die letzten sieben Kilometer schickte uns das Navi über winzige Feldwege, dann kamen wir an: Der über Landvergnügen avisierte Hof (18.Jahrhundert, Reetdach, Storchennest) lag in einem 15-Häuser-Dörfchen in malerischer Hügellandschaft,

Wurde betrieben von zwei Frauen und kostete uns drei Euro für Klo und Dusche, die sich spartanisch, aber sauber in einem Bauwagen hinterm Haus befanden. Es gab Ziegen, Schweine, eine sehr zutrauliche Katze,

(die interessiert unser Wohnmobil durchstrolchte) und ansonsten: sagenhafte Ruhe. Genau das, was der gestresste Großstädter sich wünscht.
Als es dunkel wurde, stellte sich heraus, dass der Stromkreis mit der Beleuchtung nicht geht. Damals jr. und ich durchforsteten die von Vorbesitzern gezogenen Strippen und konnten den Fehler tatsächlich schnell beheben: Stolz.
Am nächsten Morgen wollte ich wiederum die A20 vermeiden, es zog mich nach Grevesmühlen,


das ich zuletzt vor 20 Jahren mit dem Moped besucht hatte, in einer vergeblichen erotischen Bemühung. Dass es ein Zentrum der Rechten sein soll, sieht man dem idyllischen Örtchen nicht an.

Dann weiter nach Wismar, dem Schauplatz von „Sansibar oder der letzte Grund“, damals ein wichtiges Buch für mich, wie für viele Kommunismus-Abtrünnige. Wir fuhren aufs Dach der berühmten Georgenkirche und aßen zu teuer am Markt in einem „Steigenberger“-Ableger. Dann deckten wir uns mit Literatur ein und machten irgendwo draußen in der Pampa eine Lesepause am Tümpelufer: Er hatte sich für Gregs Tagebuch, Teil 10, entschieden, ich für das aktuelle "Magazin“, das ich als durchaus lesenswert und deutlich besser als zu Ostzeiten empfand.
Nächste Übernachtung im weiträumigen Park eines Herrenhauses nahe Güstrow, das jetzt als Tagungshotel genutzt wird. Hier gab es sogar Strom umsonst.

Dafür keine Duschen, nur die schnieke Toilette der im Haupthaus einlogierten BWLer. Und einen frei verfügbaren Äppelkahn für eine Tour über den Dorfteich.
Letzter Tag: Nach 100 km Autobahn und nochmals ewig über Alleen: Ribbeck (Fontane!), das hatte ich mir gewünscht (wegen „Sonja “ von Judith Herrmann und weil ich bei der letzten Durchfahrt durch den Ort – nachts 1984 mit einer Militärkolonne – nicht anhalten durfte) War nicht so spannend. Wir fuhren weiter nach Potsdam und sortierten uns ins Chaos meiner immer noch großbürgerlich wohnenden,

aber zunehmend umständlich bis widersinnig agierenden Eltern. Aber das ist eine andere Geschichte.

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