Mittwoch, 20. Januar 2016
Zurückkehren, um zu ernten
Ich hab eine neue Arbeit (endlich Tariflohn - ich verspreche, nie wieder übers Geld zu nörgeln, jedenfalls vorerst) und einen neuen Arbeitsweg, der führt durchs Hamburg meiner Anfangszeit, eine richtige Sight-seeing-Tour: zuerst quer durchs verwinkelte Ottensen, das richtig hübsch ist, solange die Kreativarbeiter ("Wir schaffen 850 Kreativjobs in Altona und 47 Sozialwohnungen an der Behringstraße", garantiert mit 5% Dinkel) noch schlafen, an der Chistianskirche vorbei (in der ich bei einer sehr hippieesken Pfarrerin eine ziemlich unhippieeske Frau geheiratet habe), die klassizistische Palmaille entlang, wo Detlev von Liliencron wohnte, vorbei an Fischmarkt und St.-Pauli-Kirche und dann durch die Bernhard-Nocht-Straße (die Rückseite der Hafenstraße, wo ich damals mein erstes Punkkonzert erlebte) - heute Morgen glitzerte die Elbphilharmonie in der Ferne so wunderschön wie die Kräne von Blohm & Voss, hinter denen die Sonne aufging.
Es passte wirklich alles wunderbar zusammen, und ich fragte mich, ob dieses Gefühl des harmonischen Zusammenhangs nicht einfach nur der Sonne und guten Laune geschuldet ist. Wie war das damals, als ich - 1990 - ein Jahr lang hier in St. Pauli wohnte? Offiziell eingeschrieben für ein Studium des Lehramts für Gymnasien, hatte ich, glaub ich, alles andere im Kopf als das geradlinige Hinarbeiten auf ein späteres bürgerliches Lehrerdasein. Begeisterte mich eher für Foucault, Nietzsche und E.T.A. Hoffmann, und was ich an Realität mitkriegte, war, was man rund um den Hein-Köllisch-Platz so zu sehen bekam: die Penner, die Dealer und dazwischen die Studenten.
Wenn ich jetzt hier wieder durchfahre, inzwischen weit weg von diesem Milieu, hab ich doch irgendwie das Gefühl: Das passt zusammen. Oder um es mit Bernd Begemann zu sagen: "Ich bin der Typ, der immer zurückkehrt".

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Sonntag, 10. Januar 2016
Liegt die Heimat in der Vergangenheit?
Ich stehe am Wochenende selten so zeitig auf, dass ich im Deutschlandfunk noch „Denk ich an Deutschland ...“ höre, wo ein Prominenter über sein Heimatgefühl redet. Das letzte Mal war vor Monaten, da war Fatih Akin an der Reihe. Sehr angenehmer Mensch meiner Generation. Hat nichts Außergewöhnliches erzählt, aber es klang vernünftig, vertraut, schön. Heute Marion Brasch, auch sie aus meiner Generation, noch dazu sind ihre Migrationswurzeln nicht türkisch, sondern ostdeutsch – wie meine. Aber sie war mir fremd, sehr fremd. Deutschland – das war für sie offenbar nur ihre Familie. Ich hoffte, etwas über unsere gemeinsame Vergangenheit zu hören, dazu aber sagte sie in ihrer Gefangenheit nichts über die DDR, was über Banalstes hinausgegangen wäre. Traurig. Da bin ich nicht mehr zu Hause.
Ansonsten lese ich grade den Roman, den mir mein schwäbischer Schwager geschenkt hat, von Heinrich Steinfest, sehr süddeutsch, zudem mit nicht ganz wenig österreichischer Skurrilität. Entspricht jetzt nicht grad meiner Herkunftsmentalität, find ich aber amüsant und spannend. Heißt Heimat denn wirklich immer, in die müffelnde Vergangenheit hinabzutauchen?

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Sonntag, 20. Dezember 2015
Nur kurz zwischendurch: So rassistisch ermittelte die Polizei bei den Döner-Morden
Allgemein ist man sich ja einig, dass es "institutioneller Rassismus" war, weshalb das NSU-Trio damals nicht gefasst wurde. Wie dieser konkret aussah, kann man hier nachlesen: Nach dem Mord in Kassel ermittelte die Polizei den Verfassungschutzmitarbeiter Temme, der beim Mord anwesend war. Um eine eventuelle Verwicklung des Verdächtigen in den Fall zu prüfen, musste die Polizei natürlich die von ihm geführten V-Leute vernehmen. Der Verfassungschutz zögerte, bot dann aber an, der Vernehmung zuzustimmen, wenn er im Gegenzug Einsicht in die Ermittlungsunterlagen bekäme. Die Polizei ging auf den Deal ein und gab die Akten heraus. Daraufhin konnte Temme von seiner Chefin bei einem Treff auf einer Autobahnraststätte in Bezug auf sein weiteres Aussageverhalten gebrieft werden. Zur Vernehmung der V-Leute kam es dagegen aber nicht, da das hessische Innenministerium unter Volker Bouffier die Zusage des Verfassungschutzes zurückzog.
So, und wer ist jetzt der Rassist?

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Freitag, 4. Dezember 2015
Nochmal: Falscher Glanz oder ehrliches Mittelmaß – diesmal am Beispiel von Klaus Modick
Auf Klaus Modick wurde ich aufmerksam durch einen schönen Essay in der Neuen Zürcher Zeitung, in dem er beschrieb, wie er Unterhaltungsschriftsteller wurde: indem er nämlich eher durch Zufall hinter das Erfolgsrezept kam und - einmal erfolgreich – lieber damit sein Brot verdienen wollte als sich brotlos um große Kunst zu bemühen, von der noch ziemlich unklar war, ob sie ihm je gelingen würde. Mir war das sehr einleuchtend, zumal mich dabei einige persönliche Parallelen anrührten: Wie Modick, nur 15 Jahre später, habe ich eine literaturwissenschaftliche Dissertation verfasst und dabei wesentlich mehr Spaß am Schreiben als an wissenschaftlicher Theorie gehabt, und Modicks Doktorvater Mandelkow bin ich in meinen beiden ersten Semestern auch noch begegnet: Er war es, der überhaupt erst mein Interesse an der wissenschaftlichen Seite der Literaturbetrachtung weckte, die dann einige Jahre mein berufliches Leben dominierte.
Ich las dann noch mehr von diesem Autor, viel Freude hatte ich auch an „Bestseller“, einer kolportagemäßig geschriebenen, aber hochkomischen Abrechnung mit dem Literaturbetrieb, in der er seinen Frust darüber ablässt, dass er, der beim „U“-Literatur-Schreiben immerhin noch Maß hält und es nicht übertreibt, ins Hintertreffen gerät gegenüber denen, die die Gruseligkeiten der jüngeren Vergangenheit recht skrupellos zu Lesefutter verarbeiten und das den Lesern dann auch noch als „e“ wie ernsthaft verkaufen, wie Hans Magnus Enzensberger z. B. mit seiner Anonyma oder dieser Frauen-Flüchtlings-Roman (den ich jetzt nicht namentlich erwähnen möchte, weil ich ihn nicht gelesen habe und nicht ganz ausschließen kann, dass er vielleicht doch nicht so schlecht ist). Auch viele von Modicks Büchern arbeiten nach dieser Methode: der Stoff die jüngere Vergangenheit, die Story eingängig, ein bisschen Bildung, ein bisschen Kolportage, ein bisschen Politik. Aber bei ihm ist es elegant („Sunset“), manchmal sogar richtig bewegend („Die Schatten der Ideen“) - und immer richtig klug.
Er weiß eben, wie’s funktioniert. Und dann wird man wahrscheinlich eben doch irgendwann schwach und sagt sich: Mit ein bisschen weniger Aufwand geht’s doch auch: Da nahm er die schöne Grundidee von „Sunset“: das gegensätzliche Künstlerpaar. Aus Feuchtwanger/Brecht wurden Vogeler/Rilke. Er machte es auch etwas eindeutiger, also platter (Rilke-Bashing kommt immer gut); am Ende noch genügend Worpswede-Folklore drangemischt: fertig. Und siehe da: Das Publikum liebt es. Mehr als seine besseren Bücher. Und da man bei Erfolg nie aufhören darf, sondern noch einen draufsetzen muss, kommt jetzt „Bestseller“ als Taschenbuch neu raus und tut so, als wäre es das nagelneue Werk „Vom Autor des Bestsellers „Konzert ohne Dichter“, wie das Cover verkündet (nirgends ein Hinweis auf die Erstveröffentlichung). Das funktioniert garantiert.
Sogar bei mir, der „Bestseller“ damals als Bibliotheksexemplar, also auf Staatskosten, las, und als ich es jetzt in der Buchhandlung liegen sah, kamen schöne Erinnerungen hoch – und ich habs mir jetzt doch gekauft und les es nochmal, mit Genuss.
Dabei ist es ein schwacher Trost, dass ich vor einigen Monaten auf dem Grabbeltisch mit den aussortierten Titeln der Bücherhallen nicht den dicken Roman von der „Mittagsfrau“ kaufte für einen Euro, sondern Modicks schmales Bändchen „Moos“, das sich dann zwar nicht als das große Kunstwerk darstellte, als das er es selbst in seinem Essay angepriesen hatte, aber doch als ein qualitätvolles, kluges, sympathisches Buch, kein Geniestreich, sondern solides, ehrliches Mittelmaß. Warum liest man nicht mehr davon?

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Montag, 26. Oktober 2015
Traum von glänzender Nebensächlickeit
Heute Nacht im Traum stand ich als Abiturient im Vestibül der Schule, das die Form einer dunklen Felsenhöhle hatte. Ich sollte die Gäste begrüßen, die da aus dem Hellen hereinkamen. Der Erste, der kam, war Frank-Walter Steinmeier. Er erkannte mich, begrüßte mich freundlich und sagte einen netten Satz über mein hoffnungsvolles Talent und ging dann weiter in die Höhle. Im Hintergrund hörte ich ihn der Direktorin wiederum meine Fähigkeiten loben.
Aber dann kam von der Seite, aus dem Dunkel, meine Klassenkameradin und ich sah ihre Zukunft vor mir: Sie würde mit Freunden ein Nachrichtenportal im Internet gründen, damit landesweit berühmt werden, jedoch später in Zeiten der Zeitungskrise, pleitegehen und eine neue, unspektakuläre Berufskarriere starten müssen. Da wusste ich, dass auch ich nicht berühmt würde.
In der Wirklichkeit habe ich gerade nach dem Filmbesuch eine spannende, sehr aufschlussreiche Biografie über Fritz Bauer gelesen, die aber dennoch einige tendenziöse Aspekte enthielt. Ich wunderte mich erst, dass so ein kluges, korrektes Buch an unerwarteteten Stellen doch so eine Schlagseite bekommt und nicht mehr ganz aufrecht durch die Meere schifft. Aber natürlich: Als ich im Internet nachlas, wurde bald klar, dass das Buch sich natürlich in einer aufgeheizten kulturpolitischen Debatte positioniert und entsprechend bewusst Schwerpunkte setzen muss. An sich ein recht überflüssiger Streit: Es geht darum, ob das Andenken an Fritz Bauer, ohne Zweifel einen Held (man googele nach), nun eher traditionell antifaschistisch geehrt werden soll oder ob man nach neuer Mode eher das Judentum und das Homosexuelle an ihm betont. Ich beneide einfach die Menschen, die sich mit solch herrlichen Nebensächlichkeiten ihren Lebensunterhalt verdienen dürfen.
Mich selber hat der Weg nicht in diese Gefilde der Kulturdebatten geführt, und ich bin ihn auch nicht gegangen. Ich bringe jungen Menschen bei, wie man Kommas setzt, wie man einen vernünftigen Text schreibt oder einen Zeitungsartikel versteht – in meinen Augen eine grundsolide Arbeit, leider schlecht bezahlt (im Vergleich zu meinen Kollegen an der staatlichen Schule) und vor allem völlig unspektakulär. Ins Licht der fröhlichen Belanglosigkeiten werde ich wohl nie gelangen.

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Samstag, 3. Oktober 2015
Je eine Buchempfehlung zum Jahrestag der deutschen Einheit
Vor ein paar Tagen im Deutschlandfunk gab es eine Reportage über ein Schulprojekt irgendwo in Hessen, bei denen die Schüler den DDR-Alltag mit Fahnenappell usw. nachspielen konnten, denn – so die ossigeborene Lehrerin – man müsse schon in die Vergangenheit eintauchen, um den Ost-West-Gegensatz zu erleben, heutzutage gebe es da ja keine nennenswerten Unterschiede mehr. Vermutlich hatte sie dabei Supermarktregale und Werbeflächen im Auge, die sich tatsächlich in ganz Deutschland (und darüber hinaus) so ziemlich gleichen – und nicht etwa Vermögensverhältnisse. Schließlich hat man als DDR-Bürger ja gelernt, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse jenseits des öffentlich gepflegten Diskurses unter keinen Umständen thematisiert werden dürfen.
Na ja, aber mal Lästerei beiseite (es ist doch eigentlich normal, dass politische Aufklärung in der Schule zu allerletzt ankommt): Das Schöne an der vergangenen Zeit seit 1989 ist doch, dass sich die Wogen der Aufregung glätten und man beginnen kann, normal über die Dinge zu reden. Jens Wonneberger hat mit seinem aktuellen Roman „Sture Hunde“ etwas geschafft, das er noch 1999 mit seinem als Wenderoman gedachten „Wiesinger“ verfehlte: die Lebensverhältnisse in der ostdeutschen Provinz darzustellen und dabei die historisch-politische Situation weder zu verschweigen noch zu romantisieren – sie ist einfach dabei, wie ja die Vergangenheit bei uns allen Teil der Gegenwart ist. In „Sture Hunde“ geht es um einen Mann, der aus dem Dorf in Stadt gegangen ist, ohne sich dort je zu verwurzeln, und der nun zurück in sein Dorf, seine Heimat kommt, wo jeder Grashalm mit Bedeutung aufgeladen ist und warme Gefühle auslöst, ganz zu schweigen von den alten Kumpels oder gar der Nachbarin und Jugendfreundin. Und der am Ende wieder von dort weggeht, obwohl er nirgendwo anders heimisch sein kann. Sehr treffend. Besonders gut: die subtile Schilderung der Art, wie politische Vergangenheit Teil der Persönlichkeiten wird – der Enkel des LPG-Gründers hat eine andere Ausstrahlung als der Sohn des Gastwirts, der alte Landbesitzer bewegt sich anders als der Bürgermeister oder der Treckerfahrer – und das, obwohl sie in erster Linie individuelle Charaktere haben, ihr gesellschaftlicher Habitus nur ein kleiner Teil der jeweiligen Persönlichkeit ist.
„Sture Hunde“ ist übrigens im Jahr 2012 erschienen, im selben Jahr wie das westdeutsche Dorf-Buch, das ich ebenfalls in den letzten Wochen gelesen habe: „Brandhagen“ von Hinrich von Haaren. Auch dieses Buch ist sprachlich so qualitätvoll, dass es wohl nie auf irgendeine Bestsellerliste kommen wird. Auch hier wird der Mikrokosmos eines Dorfes treffend und genau beschrieben bis in die Einzelheiten kleinster Gewohnheiten, verschwiegenster Geheimnisse. Aber der Fokus ist ganz anders, westdeutsch eben: Es geht um Familienstrukturen und Geschlechterverhältnisse. Politisches, gar Historisches spielt gar keine Rolle, was natürlich die Verwerfungen der Sexualität inklusive der Konsequenzen im dörflichen Zusammenleben noch einmal größer und bedrohlicher werden lässt. Entsprechend ist es in diesem Buch gar keine Frage (wie in „Sture Hunde“), sondern eine Selbstverständlichkeit, dass man das Dorf verlässt: Der Autor von „Brandhagen“ lebt jetzt in London, das man als Metropole des europäischen Finanzkapitals kennt – der Autor von „Sture Hunde“ wohnt dagegen in Dresden, das im Moment eher mit Pegida assoziiert wird.

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Montag, 14. September 2015
Heimatverbundene Vampire
Sicher spielen da auch noch viele, viele andere Sachen mit rein, aber so hab ichs erlebt, in einer Deutlichkeit wie noch nie zuvor:
Gestern Party, ich kenn die Leute nicht gut, meine Frau war noch gar nicht dort. Aber wir werden sofort herzlich aufgenommen. Ein Einfamilienhaus am Deich, mit einem Anbau, der noch einmal so groß ist. Dahinter eine Wiese, saftig wucherndes Grün, am Rande Schafe, Kinder spielen Fußball, andere hopsen auf dem Trampolin. Am Ende das andere Haus (dort wohnt die Schwester), ein Fachwerkbauernhaus mit Reetdach aus dem 18. Jahrhundert, der Urgroßvater hat es gebaut. Dahinter Boote, Wasser. Ein Partyzelt ist aufgebaut auf der Wiese, viele Leute sind gekommen, Verwandtschaft, Freunde, Geschäftspartner, alle Generationen durcheinander. Ein Bild von Heimat. Natürlich in weltoffenem Sinne: Es singt nicht nur Hans Albers vom Band und live nicht nur der Shanty-Chor aus der Nachbarschaft - unter den Gratulanten am Mikrofon ist auch ein arabisch-orientalisch aussehender Mensch, unter den Gästen auch eine vollbusige Schwarze. Mir fällt auf, dass meine Frau, die ja hier ganz unbekannt ist, fast noch herzlicher angesprochen wird als ich. Die Gastgeberin aus dem vorderen Haus verwickelt sie gleich in ein Gespräch, später erläutert uns die Schwester die gesamten Familienvorgänge, will uns gar nicht wieder aus dem Gespräch lassen. Ich glaube, ich kenne den Grund: weil meine Frau noch stärker als ich eine verlorene Seele ist, das wittern sie, die erdverbundenen Sesshaften, unsereins saugen sie auf.
Sie saugen es und es wuchert. Die Gastgeberin im vorderen Haus hat eine kleine Ein-Frau-Firma (nicht ihre erste Firma), zu der allerdings einiger Kundenverkehr gehört, im Haus ist immer viel Betrieb. Ihre eigene Tochter, irgendwann aus der Welt zurückgekehrt mit ihrem Kind, bewohnt jetzt mit dem Kleinen ein Zimmer irgendwo mittendrin in dem Trubel. Der Sohn, kommunikativ, Single, hat den Anbau: Unten wohnt er selbst, oben hat er er seine Firma, die in den letzten Jahren stark gewachsen ist - fünf Mitarbeiter in dem einen Raum, man hat sich mithilfe einer modernen Website deutschlandweit etablieren können.
Wir waren drei Stunden da und es war spannend und hat Spaß gemacht. Aber als wir nach Hause fuhren, bekam ich Hunger. "Warum hast du denn eben nicht zugegriffen? - das herrliche Buffet!" meinte meine Frau zu Recht. Aber "eben" war ich eben im Stress gewesen, unter Strom, auf der Rückfahrt begann ich wieder zu mir zu kommen. Und dann gerieten wir noch in das Verkehrschaos rings um die Cruise-Days und irrten gemeinsam mit Dutzenden anderer Autos durch die Gässchen im Portugiesenviertel ... Zuhause wollte ich nicht mehr reden und griff mir (am Samstagabend!) meine Zeitung, um das NZZ-Feuilleton zu studieren.
Meine Frau hat es dann heute erwischt. Sie blieb im Bett, bis ihr die Quasseleien von mir und unserm Sohn zu sehr auf die Nerven gingen. Erst lange später merkte ich, dass sie sich im Wohnzimmer unbequem auf das Sofa gelegt hatte und sich über die Unordnung dort ärgerte. Ich hab sie ins Bett zurück geschickt und die Schlafzimmertür zugemacht. Sie war total ausgelaugt. "Nein, das war doch intensiv gestern." meinte sie auf meine besorgte Nachfrage. Tja, eben: intensiv. Für unsereins Heimatlosen ist anonyme Großstadt vielleicht eben doch gesünder.

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Samstag, 12. September 2015
Selbstportrait von letzter Woche
Die Einschläge kommen dichter. Am Donnerstag Telefonat mit meinem Bruder, der nun doch schon an die Dialyse muss (noch vor kurzem hieß es, das sei irgendwann in den nächsten paar Jahren zu erwarten). Freitag T. zum Abendbrot hier, der nicht gut aussieht und auch jede Menge Krankengeschichten zu erzählen hat. Samstag: Mitten in eine schöne Situation - Freunde holen das letzte unserer jungen Kätzchen, es soll künftig ein Einfamilienhaus mit Riesen-Garten als Revier bekommen - klingelt das Telefon: R. aus dem Nachbarhaus: ob ich morgen früh Zeit hätte, ihn ins Krankenhaus zu fahren, die Schmerzmittel würden jetzt gar nicht mehr helfen.
Vielleicht braucht es diesen Hintergrund für die Idylle: Am Samstagabend schlafen wir zu viert - Mann, Frau, Kind und Katze - auf dem Doppelbett ein, ich bin noch ein Weilchen wach, als die anderen schon schlafen, und lausche dem Regen vor dem Fenster und bin glücklich.

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Mittwoch, 19. August 2015
Zugegeben: Es wird schlimmer
Stresemannstraße, Feierabendverkehr: Vor mir auf dem Radweg kugelt ein beleibter Mann über den Boden, offenbar sturzbetrunken. Erste Überlegung: Muss man helfen? Aber da sehe ich: Er hat zwei Begleiter, die sich bemühen, ihn an den Straßenrand zu ziehen, beide mit langen grauen Haaren und zerschlissener Kleidung, klassische Penner. Eine junge Frau in Sportkleidung und mit so einem digitalen Sportarmband tritt hinzu und versucht, dem Betrunkenen auf die Beine zu helfen. Darauf der Penner: „Das musst du nicht probieren. Das hab ich heut schon 80mal probiert. Doch, das muss ich sagen. Der packts nicht – so’ne Memme, ’n Jude!“

Vor zehn Jahren hätte so ein Penner das Wort „Jude“ nicht in seinem Sprachschatz gehabt, geschweige denn in dieser Wortbedeutung

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graphic novels
In diesem Urlaub habe ich nun zum dritten Mal so etwas gelesen, was man als "graphic novel" bezeichnet. Und wenn man aufgrund dieser hauchdünnen Datenlage schon ein Urteil abgeben könnte, dann wäre es dieses:
Es ist wie Hiphop. Der kühle Kopf muss anerkennen, dass hier Qualitätvolles entsteht. Aber ich mags nicht. Ist mir zu machohaft.

P.S. Die Bücher waren:
- "Nietzsche" von Michel Onfray und Maximilien Le Roy
- "Alois Nebel" von Jaroslav Rudiš / Jaromír 99
- "Die Sache mit Sorge" von Isabel Kreitz

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Empörungsroutine
Mich nervt die Ampel auch, an der der schöne Radweg am Isebekkanal unterbrochen wird und wo man dann auf den Knopf drücken und das Grün-Signal erwarten soll.
Der Radfahrer gegenüber heute Morgen drückt natürlich nicht und seinem Outfit (hochwertiges Rad, professionelle Regensachen) ist zu entnehmen, dass er nicht aus Dusseligkeit darauf verzichtet, sondern weil er vorhat, bei nächster Gelegenheit einfach bei Rot rüberzuzischen. Als diese dann da ist, nähert sich leider ein Streifenwagen, und als der endlich weg ist, ist keine Gelegenheit mehr. Endlich schaltet die Ampel für die Autofahrer auf Rot und der Mann fährt noch bei Fußgänger-Rot los - und stößt fast mit einem Auto zusammen, das schon bei Rot auch noch schnell durchwitschen wollte. Der Radfahrer reißt in gewohnter Empörungsroutine den Arm hoch und setzt zum Schreien an, dann stockt er und lässt den Arm sinken - ihm war klargeworden, dass er einem Gleichgesinnten begegnet ist.
So wie diesem Man geht es mir oft, wenn ich online zu politischen Themen nachlese.

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Sonntag, 7. Juni 2015
Sind Verschwörungstheorien allergische Reaktionen?
Ich hege ja geheime Sympathie für Verschwörungstheorien und bin im Grund eher geneigt, sie zu verteidigen, ich sage zum Beispiel: Verschwörungstheorien entstehen einfach aus Mangel an Transparenz. Wo der durchschnittlich Interessierte keine Chance mehr hat, die Dinge zu verstehen, da wird er anfangen, sich aus den ihm vorliegenden lückenhaften Informationen eine Erklärung zusammenzubasteln. Und daher sind Politiker und Journalisten die letzten, die sich aufregen dürften über die wilden Thesen der politischen Laien. Denn sie selber sind es ja, die unzureichend informiert, die zu wenig recherchiert haben und die nun Mitschuld daran tragen, dass die Unkundigen unkundig bleiben und sich stümperhaftes Zeug zusammenreimen müssen.
Das ist natürlich nur eine Seite der Medaille. Denn es gibt natürlich Theorien, die nicht in erster Linie entstehen, weil der Betreffende es nicht wissen kann, sondern weil er es nicht wissen will. Da meint zum Beispiel einer auf blogger.de, in Deutschland ständen die Grünen kurz vor der Machtübernahme und der Installation eines totalitären Reiches, ein anderer verlinkt zu einem Korea-Experten, der uns erklärt, dass Nordkorea eigentlich ein ganz normales Land sei, wenn man es nur nicht zu sehr mit europäischen Augen betrachte. Auch von den „Reichsbürgern“ bleibt Bloggersdorf nicht verschont, den Leuten, die glauben, dass die Bundesrepublik gar nicht existiert und dass sich Deutschland immer noch in einem Kriegszustand befinde, der ungefähr dem Zustand in ihrer eigenen Seele entspricht. Und neulich erklärte sogar jemand allen Ernstes, sein ganz persönlicher Fremdenhass erkläre sich aus einer „a priori“ im Menschen angelegten Abneigung gegen alles Fremde.
Nun könnte man es sich einfach machen und behaupten, solche Äußerungen wären einfach ideologisch motivierte Täuschungsversuche, ein bewusstes Zurechtbiegen der Wirklichkeit zum Zwecke politischer Missionierung. In dem einen oder anderen Fall mag das auch stimmen. Meistens spüre ich in den abstrusen Aussagen aber ehrliches Entsetzen darüber, dass viele Menschen die Regeln des Grundgesetzes einhalten, die Grünen wählen oder sich gar mit dunkelhäutigen Menschen anfreunden. Das kommt mir dann vor wie eine Autoimmunerkrankung, eine allergische Reaktion des Geistes: Da hat jemand als kleines Kind schon nicht gelernt, sich mit fremden Meinungen, mit nicht genehmen Tatsachen, mit Täuschung und Betrug auseinanderzusetzen, und jetzt als Erwachsener setzt ihn die nicht mehr verdrängbare Erkenntnis in Panik, dass sehr viele Menschen anders denken als man selbst und dass auch diese Menschen ihre Interessen vertreten. Dann können harmlose Anlässe Wut und Angstattacken auslösen und man hält das 15%-Wahlergebnis des politischen Gegners für so etwas wie einen Staatsstreich. Oder man hat davon gehört, dass auch Wikipedia-Artikel nicht immer ganz wertfrei sind und nun traut man sch gar nicht mehr dort nachzuschlagen und zieht lieber „Die Achse des Guten“ zu Rate.
Ich verstehe das alles ziemlich gut, denn auch ich bin jenseits jeder Streitkultur großgeworden und die kommunikativen Fähigkeiten meiner westdeutschen Sozialkontakte ängstigen mich oft und machen mich bockig. Sonst würd ich ja auch nicht immer wieder auf den lächerlichen Seiten derer nachlesen, denen es auch so geht.

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