Donnerstag, 3. Januar 2019
Glückliche Leseabende in Sicht
Zum Fest bin ich reich mit Lesematerial beschenkt worden, teils hatte ich mir die Sachen gewünscht, teilweise kamen sie unerwartet. Ich freu mich auf alles - wären Sie nicht auch glücklich bei dieser Zusammenstellung?

* Inger-Maria Mahlke: Archipel
* Marina Leky: Was man von hier aus sehen kann
* Harald Meller/ Uli Michel: Die Himmelsscheibe von Nebra
* Ulli Lust/ Marcel Beyer: Flughunde, graphic novel
* Stephen King: Der Outsider
* Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste
* Susanne Röckel: Der Vogelgott
* J. D. Vance: Die Hillbilly-Elegie

Ganz unüblich für mich sind diesmal auch zwei amerikanische Titel dabei, und da ich ja neulich auch "Unschuld" von Jonathan Franzen am Wickel hatte, möchte ich demnächst hier eine USA-Sammelrezension einfügen, wenn ich erst alles gelesen habe.

Nur so viel vorweg: Ich stieß gerade bei Stephan King auf eine Szene, die ich kurz zuvor genau so bei Mariana Leky gelesen hatte: Der Arzt muss den Angehörigen auf dem Krankenhausflur erlären, dass der Patient verstorben ist (wahrscheinlich eine Standard-Szene in Romanen). Also, das war bei Leky um Meilen besser geschildert: zurückhaltend, originell, fast elegant, während King unbeholfen und grob geschnitzt daherkam. Was natürlich nur einen Aspekt betrifft: das Stilistische. Was der jungen Deutschen (jedenfalls im Vergleich mit dem alten Hasen aus USA) an Spannung, an politischem Interesse, ja Durchblick, fehlt, das macht sie locker mit sprachlichem Können wett. Und ich mag beides.

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Montag, 10. Dezember 2018
Ein antisemitischer Vorfall
Es ist schon ein paar Jahre her, es gab da eine neue Berufsschulklasse. In Deutsch ging es erstmal darum auszuprobieren, was die Neuen so können, wie es um die Rechtschreibung, wie um den Wortschatz steht, ob sie sinnvolle Sätze formulieren können und ihren Texten vielleicht sogar intuitiv Anfang und Schluss verpassen. Ich machte das mit Personenbeschreibung, sie konnten sich ein Portraitfoto ihrer Wahl aus dem Internet ziehen zur Beschreibung. Natürlich bekam ich die üblichen schrillen Gestalten zu sehen, Rapper, Glamour-Promis, gruftimäßige Figuren. Am schrillsten aber die Wahl einer wortkargen, blonden, etwas hektischen 18-jährigen mit osteuropäischem Hintergrund: Sie beschrieb das altertümliche Schwarz-weiß-Foto eines älteren Mannes mit langem Bart. Theodor Herzl, wie sich auch Nachfrage herausstellte.

Zwei Wochen später: Dieselbe Schülerin vertraut sich in ihrer Not der Schulsekretärin an, es ging um einen hässlichen Judenwitz-Post (über den Holocaust) in der Klassen-WhatsApp-Gruppe, der sie direkt traf. Die Sekretärin wandte sich zunächst an mich, da die Klassenlehrerin gerade stellvertretende Schulleiterin und eigentliche Organisatorin der ganzen Schule geworden war und ihre Klassenleitung so nebenher laufen ließ. Also organisierte ich eine Gesprächsrunde mit Klassenlehrerin und Klasse. Damit die Betroffene nicht so blöd als Opfer dasteht, hatte ich mir ausgedacht, dass vorab jeder erzählt, was ihm wichtig ist, was ihn verletzen würde, bevor sie dann drankam.

Es stellte sich nicht nur dabei nicht nur heraus, dass der Urheber des blöden Posts sich nicht ansatzweise klar gewesen war über das Hasspotential seines irgendwo aus dem Netz gezogenen Bildchens und auch angesichts von Theodor Herzl nicht geschnallt hatte, dass eine bekennende Jüdin neben ihm in der Klasse sitzt, es stellte sich auch heraus, dass von den 15 Schülern 5 heftige Mobbing-Erfahrungen mitbrachten 3 - 4 weitere familiäre Probleme, bei deren Schilderung mir der Mund offen stehen blieb. Als dann am Ende die Betroffene selbst zu Wort kam, war schon eine derart intime Atmosphäre im Raum entstanden, dass sie gar nicht mehr auf das eigentlich auslösende Problem eingehen wollte – sie schilderte stattdessen ihr persönliches Leiden, nämlich unter ihrem autoritären Vater, ihre Sehnsucht, einfach so, jenseits der Leistung, akzeptiert zu werden.

Was aus der Geschichte noch geworden ist, weiß ich nicht: Zwei Monate später ergab sich für mich eine unerwartete Karrierechance und ich verließ die Schule und damit auch diese Klasse, der ich, ohne es zu wollen, so nah gekommen war.

Was ich mitgenommen habe: die Erkenntnis, dass all die politischen Schlagwörter, der Antisemitismus, die Nation, die Migration oder was auch immer, das allerletzte sind, worum es wirklich geht, hier unten an der Basis, im wirklichen Leben. „Denke global, handele lokal!“ hieß es mal. Vielleicht sollten wir auch wieder mehr lokal reden, statt empörungsgierig Weltprobleme zu verhandeln, nur um von unseren eigenen, echten Problemen abzulenken.

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Samstag, 1. Dezember 2018
So war das, Teil 14
Und mit diesem „nein“, da war es wie im Herbst mit meinem Ja. Ich grübelte danach tagelang, ob das richtig war oder nur Trotz und Enttäuschung. Ich kam zu keinem Ergebnis und schob die Grübelei einfach beiseite. Als ich eine Woche später zwei Tage frei hatte – Ausgleich für den Wochenenddienst – da drängte es mich, irgendwas trieb mich, und um das Gefühl der Unruhe zu bekämpfen, ging ich los. Vor Kerstins Haus blieb ich stehen. Ich zog an der riesigen, verwitterten Haustür – sie war offen. Im Hausflur empfing mich Modergeruch, angenehm kühl und mild. An Kerstins Wohnungstür klebte ein Zettel mit ihrem Selbstportrait, die Klingel funktionierte. Aber sie war nicht da. Ich wartete einige Zeit, dann steckte ich einen Zettel neben dem Portrait in die Türritze und ging wieder. Draußen empfing mich eine Windbö. Die Leere hatte mich wieder und trieb mich durch Merseburg, am Bahnhof vorbei, durch die Altstadtstraßen. Es dauerte nicht lang, und ich stand am Fluss.

Aber auf das „komische Brückchen“ wollte ich nicht, ich bog ab zum Saaleufer. Es gibt einen Fußweg am Deich, den ich mit den Großeltern oft gegangen war. Von Leuna bis hier waren wir manchmal zu Fuß unterwegs gewesen, um dann im „Haus des Handwerks“ einzukehren, wo es Fassbrause gab, Kaffee für die Großeltern und ein Bier für den Großvater. Jetzt nahm ich den umgekehrten Weg. Und Sommer war es auch nicht gerade. Eher das Gegenteil. Ungemütliches Wetter, wenn auch kein Regen. Aber auf die Saale war Verlass. Sie floss wie immer träge in ihrem Bett. Ich ging ihr entgegen, weg von Merseburg, weg von der verschlossenen Tür, vorbei an dürrem Gestrüpp, dicken Rohren der Fernwärmeleitung, kahlem Brachland und nutzlosen Weidezäunen. Früher hatten hier Kühe gestanden, und die Mutprobe hatte für uns Kinder darin bestanden, den Elektrozaun anzufassen. Jetzt waren hier keine Tiere mehr zu sehen. Aber es war nicht trostlos, es war nur vorbei. Und so, wie ich damals mit den Großeltern nach Merseburg aufgebrochen war, voll Vorfreude auf das Schloss, auf den Raben und die Fassbrause, so ging ich jetzt zurück, nur dass ich nicht wusste, wohin. Ich folgte einfach dem vertrauten Pfad. Solange die Saale neben mir gurgelte, war alles gut.

Irgendwann rückte die Bebauung aus dem Hintergrund näher an den Weg, und dann war ich auch schon in Leuna. Ich ging die zwei Straßen vom Uferweg hinauf zu dem Haus, in dem immer noch meine Mutter wohnte. Ich sah hoch zu ihrem Küchenfenster, dann ging ich weiter zur Straßenbahnhaltestelle und fuhr nach Halle zum Bahnhof. Ich nahm den nächsten Zug nach Berlin.

Zwei Tage später war ich zurück, und die Sache war klar. Ich kündigte die Wohnung und den Arbeitsplatz, noch bevor ich mit irgendwem geredet hatte. Erik war schockiert, als er von meinen Plänen hörte. „Ich versteh das nicht“, meinte er, „du lernst in der Disko eine Frau kennen und beschließt ein paar Tage später, alles aufzugeben und zu ihr zu ziehen.“ - „Ja, sie stand neben mir an der Theke und sagte, du bist bestimmt schwul, aber sprech dich jetzt mal trotzdem an. Ich hab sie angesehen, und da wusste ich, dass sie die Richtige ist.“ So kitschig hab ich das Erik gesagt, und deshalb hat er mir vermutlich nicht geglaubt. In Wahrheit hab ich ihre alberne Punkfrisur im ersten Moment da im Kneipenschummerlicht auch überhaupt nicht gemocht. Ich war einfach nur haltlos. Und ich mochte die Art, wie sie mich in ihr Bett – nein, nicht zerrte, sondern freundlich einlud, und ich verstand sehr bald, warum es mit Kerstin nichts werden konnte.

Margit hatte Zeit, sie war neugierig, vorurteilsfrei. Wir lagen in einem riesigen Bett in einem leeren Zimmer, dahinter eine Reihe von Sälen, mit Stuckdecken und Doppelfenstern, so schien es mir. Vor diesen Fenstern, von denen die Farbe bröckelte, Straßenbäume und entfernte Geräusche der Stadt. Die Straße vorm Haus leer, wir beide allein mit uns und unseren weißen, nackten Körpern. Die DDR: vergessen, das Leben: möglich.

So war das Jahr 1989, so war es für viele: ein überraschendes Jahr. Für mich trägt es den Namen von Margit, auch wenn sie damals nicht so genannt werden wollte. Ich erfuhr, dass die Welt größer ist als Merseburg, und dass groß nicht grausam bedeutet. Wir nahmen uns die Freiheit zu sehen, was kommt. Natürlich hatten wir Angst, Margit hatte sich ein Visum für Ungarn besorgt für den Sommer, für alle Fälle. Aber sie nutzte es nicht. Sie saß mit mir in Cafés und wir fuhren in alle die Provinzstädte, nach Bautzen, nach Tangermünde, nach Stralsund an die Ostsee, natürlich auch nach Merseburg und Leuna, als wollten wir uns alles noch einmal ansehen. Aber meistens waren wir in Berlin unterwegs. Was um uns herum passierte, die Foren, die sich gründeten, die Künstler, die auftraten, und die Diskussionen, die alles begleitete, das nahmen wir hin wie ein Fest, auf das wir aus Versehen geraten waren.

Ganz nach Berlin gezogen bin ich erst im Herbst. Und dann kamen andere Zeiten. Ein Studium. Eine Familie. Und natürlich irgendwann eine süddeutsche Großstadt, denn da gibt es die Jobs.

Knut oder Kerstin hab ich nicht wieder getroffen. Nur Johanna ruft manchmal noch an. Sie lebt mit Erik in Dresden. Und sie meint, dass Knut doch ein IM gewesen sein muss, anders könne sie sich das nicht erklären, dass er 1989 so spurlos verschwand und nie wieder auftauchte. Und neulich kam sie mir sogar mit der Nachricht, Kerstin solle jetzt mit einer Frau zusammenleben. So genau will ich das alles gar nicht wissen. Es lag nicht an Kerstin, es lag nicht an Knut. Vielleicht lag es an Merseburg.

Wenn ich, selten genug, nach Leuna fahre, dann steige ich dort nicht aus, ich seh nicht mal aus dem Straßenbahnfenster. Und spätestens, wenn ich am Leunator und am „Heiteren Blick“ vorbeikomme, dann freue ich mich einfach, dass die Stadt und die Zeit so weit hinter mir liegen und dass ich irgendwie aus ihr herausgefunden habe.

So war das.

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Freitag, 30. November 2018
So war das, Teil 13
Danach ging jeder seiner Wege. An meinen freien Tagen besuchte ich meinen Cousin in Gera. Ich klapperte ein paar Pflegeheime ab. Bei Onkel und Tante in einem Dachkämmerchen würde ich erstmal wohnen dürfen. Aber es war nicht das Richtige. Obwohl mir einer der Chefs Hoffnung machte. In Gera lag Vorfrühlingsduft in der Luft, es war noch kalt, und eine so schwächliche wie intensive Sonne kitzelte mir die Nase. Bald würde alles aufwachen. Ich konnte jetzt in kein Dachkämmerchen ziehen, in keine Provinzstadt.

Einmal sprach ich mit Erik über die Stimmung im Land, die Atmosphäre der Veränderungen, die immer deutlicher wurde. Man merkte es an der Zahl der Menschen, auch unseres Alters, die die DDR nach Westen verließen, es gab jetzt immer öfter genehmigte Ausreisen, es gab Scheinehen mit Westlern, zunehmend auch genehmigte Besuchsreisen, von denen die glücklich Entflohenen nicht zurückkamen. Wir konnten die Leute verstehen, einerseits. Aber wir fühlten uns auch übertölpelt, abgehängt. „Eigentlich müsste man auch gehen.“, meinte Erik. Ich gab ihm Recht. Wenn ich nur gewusst hätte, wohin. Denn hier war mein Zuhause.

Aber dieses Zuhause gehörte mir nicht mehr. Das verstand ich, als ich Kerstin wiedertraf, beim Tiefen-Keller-Festival. Ich fand das ganze Fest albern. Die Denkmalpfleger hatten die mittelalterlichen Keller unter Merseburg für sich entdeckt, und jetzt machten sie ein Event daraus, ein gewollt lockeres Frühlingsfest mit Imbiss- und Infoständen. Man verteilte Flyer sowie eine Broschüre der Stadtverwaltung, beide verziert mit einer flott skizzierten Karikatur vorne drauf, auf der ein ungelenker Mensch in ein Kellerloch fällt. Ich fand das nicht witzig.

Natürlich wusste ich von den tiefen Kellern. Mein Großvater hatte darin gehockt, als die Bomben fielen. Und jetzt wurde das zum Event-Ort, jeder wollte nach unten kriechen in die alten Gewölbe. Irgendwie musste man da hingehen. Die DDR tat auf einmal, als ob sie lebte, und nun eroberte sie Merseburg. Es war, als nähmen sie es mir.

Am Eingang traf ich unter den Massen auf Kerstin. „Mario!“, rief sie. Ich reihte mich ein. Und ich ging mit ihr zusammen durch die Gewölbe. Sie fand das alles spannend, guckte sich alles an. Erzählte von ihrer Wohnung, von neuen Freunden. Ich wusste nichts dazu zu sagen. Als wir wieder draußen waren, der Moment des Abschieds da war, meinte sie: „Lass uns noch einen Kaffee trinken!“ Ich sagte nein.

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Donnerstag, 29. November 2018
So war das, Teil 12
Danach sahen wir uns erstmal nicht mehr. Dass ich nicht mehr bei der Wohnung helfe, teilte ich ihr schriftlich mit, auf einem ebensolchen Zettel, wie sie sie zu verteilen pflegte. Zeichnen konnte ich zwar nicht, aber die richtigen Worte zu finden, das gelang mir immer ganz gut, und hier waren kalte Worte die richtigen.

Ich hörte dann, dass andere ihr halfen mit der Wohnung. Es gab auch eine Einweihungsparty. Johanna und Erik gingen hin. Auch ich hatte ein Zettelchen mit so einer Kerstin-Kritzelei erhalten. Ich sah es mir lange an, es war schon genial, wie sie in wenigen schwarzen Federstrichen auf einem winzigen Papier eine zauberhafte Atmosphäre entstehen lassen konnte, die Idee einer Kerstin im Aufbruch, an der Schwelle eines selbstbestimmten Lebens. Eine Idee, von der ich glaubte, sie stimmt nicht.

Kerstin war nicht die einzige, die dieser Idee anhing im Frühjahr 1989. Erik engagierte sich neuerdings an der Uni, es ging um die Legalisierung von Schwarzwohnungen. Den Parteichef der Uni habe er schon auf seiner Seite, erzählte er mir stolz. „Und die Baupolizei kriegen wir auch noch überzeugt!“ Alle paar Tage saß nun eine Gruppe von Studenten bei uns in der Wohnung, außer Erik allesamt Schwarzwohner. Natürlich auch Johanna und Kerstin. Sie stellten eine Liste leer stehender Wohnungen zusammen, die Studenten zur Verfügung gestellt werden könnten – im Wesentlichen handelte es sich um die Wohnungen, in denen sie selbst illegal schon wohnten. Aber sie suchten noch weitere. So jedenfalls erzählte mir es Johanna, denn ich nahm an den Treffen nicht teil. Wenn die Leute kamen, verließ ich die Wohnung. Johanna war stolz, dass alle es wagten, ihre Schwarzwohnungsadressen preiszugeben: „Es sind wirkliche Verhandlungen, Mario,“ sagte sie, „und es geht um wirkliche Dinge. Nicht so ein Blödsinn wie der Friedenskreis. Und du musst nicht weggehen, wenn wir uns treffen in deiner Wohnung. Du gehörst zu uns.“

Und dann fuhr Kerstin überraschend nach Berlin. Auch das verriet Johanna mir. Und sie hatte Recht damit: Es war mir nicht egal. Ich spürte das in der Magengrube. Aber ich sagte nichts.

Als Kerstin aus Berlin zurückkam, kam sie zuerst zu mir. Jedenfalls klingelte sie an unserer Tür zur Abendbrotszeit. „Erik ist nicht da.“ sagte ich zur Begrüßung. „Ich weiß“, antwortete sie. „Lässt du mich trotzdem rein?“ Wir aßen Butterbemmen, ich hatte eine Flasche Wein dazugestellt. „Nur einen Tee, bitte.“, sagte Kerstin. – „Meinetwegen.“, erwiderte ich, „Wie wars in Berlin?“ – „Ganz okay. Knut geht’s gut. Aber was er eigentlich macht, weiß ich gar nicht.“ – „Und du?“ – „Ja, was soll ich sagen? Du weißt, dass Knut alle Frauen rumkriegt. Und das macht er gut. War ganz in Ordnung. Es ist erledigt.“ Ich sagte gar nichts. So direkt hatte ich das gar nicht gemeint, aber so direkt hat sie geantwortet. Wir saßen dann noch eine Weile zusammen und redeten über andere Sachen, und es war angenehm, so wie es mit Kerstin immer angenehm war, wenn sie mal nicht schwieg. Auch an die Inhalte von diesem Gespräch kann ich nicht mehr erinnern. Ich erinnere mich nur, wie es aussah: Kerstins Hose, ein rötlich-graues Pfeffer-und-Salz-Muster, die Teetassen mit dem längst kalt gewordenem, süßen Tee, die schwarze Haarsträhne über ihren graugrünen Augen. Und ich erinnere mich an unsere Abschiedsumarmung, die gut war, vertraut, leidenschaftslos. Ja, es war erledigt.

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Mittwoch, 28. November 2018
So war das, Teil 11
Aber auch ich wusste nicht, was werden sollte. Merseburg, das war vorbei. Knut in Berlin. Erik und Johanna immer öfter zu zweit unterwegs. Kerstin hatte sich erledigt, wie es schien. Was blieb, war meine Arbeit, in die ich zufällig geraten war und die zufällig gut funktionierte. Daran hielt ich mich fest, denn ich spürte, dass alles andere zu rutschen begann. Die ganze DDR begann zu rutschen, da hatte Knut schon Recht. Deshalb war er ja weg. Mir machte das Angst. Erik erzählte begeistert, dass an der Hochschule plötzlich unzensiert gestaltete Wandzeitungen möglich waren, dass sich die Parteileute dafür interessierten, was die Studenten zu sagen hatten, und dass altstalinistische Professoren auf einmal verängstigt schwiegen. Ich wollte nichts davon wissen. Ich suchte nicht nach Offenheit, ich suchte das Leben.

Deshalb musste ich weg von Merseburg. Aber was sollte ich tun? Alles, was ich hatte, das war hier, das war meine Arbeit, das war meine geliebte Altstadtwohnung. Und dann kam sogar Kerstin zurück. Was ich davon halten sollte, das wusste ich gar nicht. Sie bat mich, ihr bei der Renovierung der Wohnung zu helfen, die sie mit Knuts Hilfe gefunden hatte, zwei Zimmern mit Klo, ganz bei mir in der Nähe.

Es war ein ärmliches, dunkles Fachwerkhaus, in dem nur noch ein offizieller Mieter wohnte, ein Haus, das sehr danach roch, bald abgerissen zu werden – nachfragen konnte man nicht, da es galt, sich illegal einzuschleichen. Kerstin bat mich um Hilfe, und natürlich sagte ich nicht nein. Das neue Schloss hatte sie ja schon vor Wochen eingebaut, jetzt hieß es Malern, es ging um die Frage, wie sich ein Kochplatz einrichten ließ, und das Fenster nach hinten raus war ziemlich undicht. Genau genommen stand die Entscheidung an, ob die Wohnung überhaupt ernsthaft bewohnbar war. Ein bisschen muffig roch es schon. Aber die Zimmer hatten offensichtlich auch länger leer gestanden, und es war Winter, ein milder, nasser Winter.

Kerstin tat so, als gäbe es die Zweifel nicht. Sie war voll Elan, besorgte Farbe und Malerrollen, auch einen zweiflammigen Campingkocher mit Propangasflasche, denn einen Gasanschluss hatten wir nicht gefunden. Ich erinnere mich an einen Samstag, den wir in der kalten Wohnung damit verbrachten, die alten Tapeten mit Weiß zu überpinseln. Rein optisch überzeugte das Ergebnis, trotzdem stieg meine Skepsis. Und sie übertrug sich von der Wohnung auf Kerstin. Was war das zwischen ihr und Merseburg, zwischen ihr und mir? Eine vielleicht schon verpasste Chance? Ein sentimentaler Reflex? Als Erik bei mir einzog, da hatte ich mich nach der Hochschule gesehnt, ich hatte Studentinnen spannend gefunden, auch Kerstin hatte ich hinterhergeglotzt auf der Straße. Jetzt kannte ich Kerstin, und ich wusste, sie würde mir fremd bleiben. Was schön war an ihr, und das war fast alles, das war nicht für mich schön, das zeigte mir jede ihrer Gesten. Auch wenn ihr Mund etwas anderes sagte. Auch wenn die Situation nach außen hin anders aussah.

"Ein Innenklo!" sagte Johanna anerkennend, als ich in Arbeitssachen nach Hause kam und Erik und sie beim Abendbrot saßen. "Mensch, ich freu mich so für Kerstin. Dass sie endlich aus diesem Wohnheim rauskommt. Und wie ihr das zusammen macht, das find ich auch gut." Sie lächelte vielsagend. Sicher wollte sie jetzt hören, dass wir doch noch ein Paar geworden waren. Dann hätte alles seine Ordnung gehabt. Aber nichts hatte seine Ordnung in diesem Jahr 1989.

Als ich mich im März einmal nach einer Saufnacht im Bett von Eva wiederfand – da war es sehr schön, übrigens – da dachte ich beim Nachhausegehen morgens, in der Vormittagseinöde von Leuna: „Das hätte jetzt eigentlich Kerstin sein müssen.“ War sie aber nicht. Eva war die Falsche und Kerstin war nicht die Richtige, jedenfalls nicht geworden. Vor allem stank mir ihr Studentenstatus. Ich wurde richtig wütend, wenn ich daran dachte: War ich nicht eigentlich der Intellektuelle? Warum hatte sie Abitur und ich nur eine abgebrochene Ausbildung? Und wieso hatte sie kein Problem damit, nach dem Studium ins Werk übernommen zu werden? Was wollte sie da? Ihre Ironie, ihre blasse Skepsis, ihre verstockte Lust am Schweigen, alles, was ich an ihr mochte, das würde sie dort hinter sich lassen. Wieso war sie bereit, das zu tun? Ich hatte keine Lust mehr, ihr weiter bei der Wohnung zu helfen, dieser Alibiwohnung, mit der sie beweisen wollte, dass sie doch irgendwo unkonventionell sei. Aber trotzdem fand ich mich am nächsten Tag wieder in Arbeitssachen bei ihr ein.

Einmal, wir hatten gut was geschafft in ihrer Wohnung, saßen wir noch auf einen Tee bei mir und schwiegen. Eigentlich eine idyllische Situation. Aber es stimmte nichts. Da versuchte ich es ein letztes Mal und nahm ihre Hand. Kerstin krampfte sich zusammen und sagte leise: "Nicht." Ich ließ ab, erschrocken, beschämt. "Warum jetzt?", sagte sie, plötzlich aufbrausend, "Warum jetzt noch? Damals auf der Brücke. Oder als wir uns abends den Wein geholt haben. Aber du willst ja nicht.“ Sie nahm ihre Sachen. Ich ließ sie gehen.

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Dienstag, 27. November 2018
So war das, Teil 10
Kerstin sah ich bald wieder. Ich traf sie auf dem Weihnachtsmarkt, als ich leicht gestresst mein Rad zwischen Buden und Menschen durchschob. Einer dieser Menschen war sie. Ich erkannte es an der ganz typischen Krümmung ihres Nackens, mit der sie sich über ein heißes Getränk beugte und pustete. Offenbar war sie allein. Ihr schwarzes Haar quoll unter einer Strickmütze hervor und lag wie vergessen als loser Zopf auf dem Kragen ihrer Jacke. Als ich sie ansprach, wandte sie sich um. Aus ihren Augen blitzte etwas Böses, ihre Mundwinkel zuckten. Ich versuchte es mit banalen Nettigkeiten, ich wollte nicht anknüpfen an neulich. Kerstin sagte nichts, während ich redete und dabei mit starren Augen versuchte, einen Kontakt herzustellen. „Ich werde umziehen.“ sagte Kerstin plötzlich. „Du willst weg?“ Ich war erstaunt, das war das Letzte, das ich erwartet hätte. „Nein, wieso? Ich hab eine Wohnung gefunden, hier in Merseburg.“ Ihre Haltung straffte sich, sie sah mich direkt an. „Ich verstehe. Du denkst, ihr habt hier die Hoheit über die Schwarzwohnungen. Und ich, wenn ich nicht mehr im Wohnheim wohnen will, ich soll verschwinden. Ich verschwinde aber nicht. Knut hat mir einen Tipp gegeben: ein fast leer stehendes Haus. Gleich hier um die Ecke. Wir haben schon ein Schloss eingebaut. Der Nachbar, der da noch wohnt, ist auch einverstanden.“ Es entstand eine Pause. „Hast du eigentlich meinen Brief bekommen?“, meinte sie dann. „Den Zettel in meinem Briefkasten? Ja.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Unmut stieg in mir hoch. „Eine hübsche Geschichte. Schade, dass es so nicht gewesen ist.“ - „Ja, schade.“, sagte Kerstin.

Zu dieser Wohnungsgeschichte hätte ich Knut gern mal befragt. Aber die Gelegenheit ergab sich nicht, Knut war nie wirklich da, immer auf dem Sprung. „Was machst du eigentlich, wenn du weg bist?“, fragte ich ihn einmal in der Frühstückspause, zu seinen Diensten erschien er regelmäßig. Er antwortete nicht sofort. „Du kennst mich.“, meinte er dann, „ich halt das manchmal nicht aus, euer Schneckentempo hier. Weißt du, was in Dresden los ist grade?! Und in Berlin? Ich muss da einfach vorbeigucken manchmal … aber weißt du, das ist nur eine Phase. Eigentlich will ich in Merseburg bleiben. Ich muss das auch mit einer eigenen Wohnung endlich in Angriff nehmen, das geht doch so nicht weiter.“ Ich sah ihn fragend an. „Lass mir ein paar Wochen Zeit, Mario. Dann sehn wir klarer.“

Das tat ich. Aber anders wurde es nicht. Eher schlimmer: Knut war weniger und weniger da. So schmerzhaft, wie vorher manchmal seine Präsenz gewesen war, war jetzt seine Abwesenheit. Dabei wohnte er immer noch bei Erik und mir. Aber man wusste überhaupt nicht mehr, wann er da war und wann nicht. Häufig kam er irgendwann nachts, ging am Morgen zur Arbeit und verschwand danach wieder. Ich erinnere mich an einen Morgen, als ich ihn überraschend morgens in der Küche traf. Im Halbschlaf hatte ich ihn wohl nachts rumpeln gehört, als er kam, aber das hatte mein Bewusstsein nicht erreicht. „Guten Morgen!“ erscholl es, als ich die Küchentür öffnete. Er saß mit einer Tasse in der Hand am Fenster, er wirkte ernst, ganz anders als seine Stimme. Ich murmelte einen verschlafenen Gruß. „Knut an seinem freien Tag frühmorgens in der Küche – da staunst du!“ Das tat ich tatsächlich, war aber zu müde, es zu zeigen. „Ich hab einen Termin beim Chef, Mario. Wollen wir nachher zusammen losgehen?“

Und so geschah es. Es war ein eisiger Morgen, und da ich nicht redete, verstummte bald auch Knut. Erst am Nachmittag, nach der Schicht, verriet er mir, was los ist. Er saß da schon wieder in der Küche und Erik saß neben ihm. Erik war aufgekratzt, Knut eher still. Beides wohl eine Wirkung der Nachricht – Knut hatte gekündigt. Er deutete an, dass in Berlin neue Projekte warteten. „Schade.“, sagte ich, aber eigentlich war ich erleichtert. Das war im Februar 1989, dem später berühmt gewordenen Jahr, in dem sich alle unsere Wege trennen sollten.

Danach ging es auch mit dem Friedenskreis nicht mehr so richtig weiter. Als bekannt wurde, dass Knut plante, sich daraus zurückzuziehen, war es vorbei. Ohne Knut, ohne seine Energie, ging kein Friedenskreis. Wir hatten ja nicht wirklich ein Anliegen, ein Thema, nur diese vage Unzufriedenheit. Wir wussten nichts, hier in Merseburg. Was passierte, worauf wir reagierten, das war in Berlin, wohin Knut jetzt zurückging. Wahrscheinlich sah er es ein. Nach seinem Weggang trafen wir uns noch dreimal. Es waren quälende Abende, ich kann das bestätigen, denn ich war bis zum Schluss dabei.

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Montag, 26. November 2018
So war das, Teil 9
An diesen Satz musste ich in den folgenden Tagen oft denken. Der Herbst hatte unvermittelt auf Regen umgeschaltet, und ich verschob den Gang zum Studentenwohnheim. Ehe ich michs versah, war es Wochenende. Knut war in Berlin, Erik wollte nach Weimar. Am Samstagvormittag kam Johanna vorbei und holte ihn ab. „Falls Du Sehnsucht hast, Mario“, sagte sie mit einem komischen Lächeln, „Kerstin ist dieses Wochenende nicht in Merseburg Aber ich glaube, da liegt ein Brief in euerm Briefkasten.“ Auch das noch! Als die beiden weg waren, ging ich runter zum Briefkasten. Es war kein Brief, nur ein Zettel, bedeckt mit typischen Kerstin-Kritzeleien. Zu sehen war da ein Paar mit Weingläsern an einem Bistrotisch, mit einem Sternenhimmel darüber, und in einem nächsten Bild sah man den Mann auf äußerst zaghafte Weise mit der Entkleidung der Frau beschäftigt. War das wirklich ich? Und sollte das sie sein, die da so belustigt lächelt? Was sollte ich davon halten?

Ich ging wieder hoch in die Wohnung, aber auch da wurde ich nicht froh. Ich sah aus dem Fenster und versuchte, meine Gedanken zu sortieren. In der Mitte stand mein Satz: „Ich hab dich lieb.“ Stimmte das oder war das nur aus der Situation geboren? Und warum hatten wir uns so verkrampft dabei? Hatte ich mich so lächerlich benommen oder sie? Oder ging es gar nicht darum? Mir fiel plötzlich ein, dass sie erklärt hatte, ihr Studium in Merseburg abschließen zu wollen. Sie nahm also mit, was am Wegrand lag, und wenn das ich war ... Aber ich, hatte ich nicht sowieso gesagt, dass ich weg will? War es mir denn ernst?

Ich nahm meine Jacke und ging raus. Nur wohin? Lange konnte man sich draußen nicht aufhalten bei dem Wetter. Die Hochschulbibliothek hatte geöffnet. Eigentlich hatte ich da nichts zu schaffen. Trotzdem ging ich hin. Es war der 30. November, auch mittags nicht richtig hell. Die Hochschulgebäude, Bauten aus den fünfziger Jahren, zogen mich an. Auch im Regen strahlten diese Häuser, langgestreckte, hell verputzte Schachteln mit flachen Satteldächern, etwas naiv Optimistisches aus. Als meine Eltern jung gewesen waren, hatten sie das wahrscheinlich schön gefunden, mein Vater hatte da mal einen Lehrauftrag gehabt. Ich ging in den Lesesaal, in dem ich schon lange nicht mehr gewesen war und wo ich nie etwas gefunden hatte. Nur die Sehnsucht, dort Lösungen zu finden, die war immer noch in mir lebendig. Es fühlte sich richtig an, wie ich den Raum betrat und vor den Katalogen stand, schmalen Schränken aus hellem Holz, ich kramte einfach in den Schubkästen und erfreute mich an den penibel getippten Karteikarten.

Dann ging ich ans Regal und nahm mir ein Buch aus dem Lesesaalbestand, einen Fotoband über Merseburg, setzte mich damit an einen der Tische. Es war still, sehr still, außer mir nur zwei oder drei Menschen im Lesesaal. Ich lehnte mich zurück und ließ die Atmosphäre auf mich wirken. Der Fotoband langweilte mich schon nach ein paar Seiten. Ich zog Kerstins Zeichnung hervor und sah sie mir in Ruhe an. Was sie da aufgekritzelt hatte, in wenigen spröden Strichen, das war die Wahrheit, das musste man ihr lassen. Das war mein Happy End in Merseburg. Aber das wollte ich nicht. Ich steckte den Zettel ein und verließ die Bibliothek. Der Regen draußen gab mir Recht. Es war meine Heimat, aber es war nicht mehr mein Zuhause. Ich rannte rüber in meine Wohnung, ich war froh, dass niemand da war, und verkroch mich in meinem Bett.

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Sonntag, 25. November 2018
So war das, Teil 8
Und dabei blieb es. Am nächsten Abend war Friedenskreis, wie jeden Mittwoch. Diesmal konnte auch Erik nicht kommen. Dabei war es spannend. Knut platzte fast vor Unruhe, und er kam gleich zum Thema. Viel musste er nicht erklären, von den Verhaftungen hatten alle gehört. Aber niemand hatte geahnt, dass wir hier hinten in der Provinz da etwas tun konnten. Dabei war es so einfach: Man musste nur aufhören sich wegzuducken. Anfangen den Mund aufzumachen. Wir waren es nur noch nicht gewohnt. Mühsam begannen wir, einen Text zu formulieren, und je länger wir daran saßen, desto schneller kamen die Ideen. Ab und an half Knut, ungeschickte Formulierungen zu ändern. Manches war ihm zu direkt gesagt, anderes wiederum zu untertänig. Er hatte da die Erfahrung. Er war auch derjenige, der wusste, an wen wir eigentlich schreiben müssten, nämlich an die Eingabe-Stelle des Innenministeriums – da war mehr Aussicht auf Beachtung, als wenn wir gleich an Erich Honecker geschrieben hätten, wie manche von uns zuerst dachten. Nach gut zwei Stunden waren wir fertig und unterschrieben alle. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, während ich den Stift in der Hand hatte, aber danach, als ich meine Unterschrift da stehen sah, war mir wohl wie nie zuvor.

Also machte ich, was ich immer machte in solchen Situationen: Ich verließ die Gruppe, um draußen allein durch die dunklen Straßen zu streichen und das Gefühl zu genießen. Merseburg ist schön, sagte ich mir, als ich die Kleine Ritterstraße langging. Die Straße war menschenleer, ich konnte mitten auf der Fahrbahn gehen. Links und rechts die Häuser, kaum noch irgendwo ein Fenster erleuchtet, sie wirkten so friedlich, so intakt, sie ruhten so in sich, als hätten sie immer hier gestanden und würden immer hier stehen. Nein, Merseburg war stark. Sie würden nicht alles abreißen. Es würde sich etwas ändern.

In der Bahnhofstraße huschte etwas Dunkelhaariges an mir vorbei. "Kerstin!", rief ich. Sie war es tatsächlich. Stoppte und sah sich mit verirrtem Blick um. "Ach, du bist's.", sagte sie dann. "Warum musst du mich denn so erschrecken?" Ich begleitete sie ein Stück und sie taute zusehends auf, und ich sah ihr dabei zu, wie sie wuchs und sich mit Leben füllte. Nach 200 Metern war sie ganz die Kerstin, deren Charme ich so mochte. "Ich komm von der Volkshochschule." sagte sie und plauderte ein bisschen über die skurrilen Typen, mit denen sie da den Kurs im Aktzeichnen besuchte. „Die Möchtegernkünstler von Merseburg! Mit ihren Schnauzbärten und ihrem vernuschelten Sächsisch ...“ - „Warum gehst du dann hin?“ fragte ich (das mit dem Sächsisch hatte mich angepiekst, schließlich sprach ich es auch). „Du musst doch nicht.“ Kerstin sah mich groß an, machte eine abwehrende Geste. Einen Augenblick war es still. „Ich will was lernen.“, erwiderte sie dann. „Ich bin jetzt hier. Ich werde noch drei Jahre hier sein, und ich werde die Zeit nutzen.“ Sie stockte einen kleinen Moment, ihre Augen wirkten angriffslustig. Ich nahm sie sanft beim Arm. Sie lächelte. „Du hast Recht, jetzt ist Feierabend. Jetzt muss ich gar nichts mehr ... Weißt du", meinte sie dann und sah in den Nachthimmel, "jetzt müsste Sommer sein und noch ein bisschen Abendrot, und hier an der Ecke wär dann ein Straßencafé. Da könnten wir sitzen, ein Glas Wein trinken und gucken, ob schon Sterne zu sehen sind." - "Wir sind in Merseburg, Kerstin", sagte ich, ich war noch ein wenig grummelig, "es ist dunkel, und 'Die Rebe' hat mittwochs geschlossen. Aber wir können am Bahnhof eine Flasche Wein kaufen und uns hier auf eine Parkbank setzen." – „Mario!“ Sie sah mich strafend an. "Wie die Penner am Früh-und-Spät-Verkauf? Nein, nicht auf die Parkbank. Ich will nach Hause. Aber wenn du mich lieb bittest, kannst du mitkommen."

So war das damals, da war nichts zu machen. Also kauften wir die Flasche Wein und gingen untergehakt zum Studentenwohnheim. Unterwegs fingen wir zu knutschen an, denn darum ging es ja. Es verwunderte mich auch nicht, dass Kerstins Zimmergenossinnen beide nicht da waren an diesem Abend. Aber als wir halb ausgezogen in ihrem Bett lagen, ging es irgendwie nicht weiter. Kerstin verkrampfte sich, und ich – war davon genervt. „So geht das nicht.“, sagte Kerstin endlich. Ich richtete mich auf, regelrecht erleichtert, und nahm mir noch einen Schluck Wein. Kerstin sah mich verstört an, sie schien nicht weiter zu wissen. „Ich bin müde.“, sagte sie, obwohl sie gar nicht so wirkte. Ich durfte also gehen. Und diese Ansage, diese Erlaubnis löste irgendeine Sperre in mir, plötzlich durchflutete mich eine Welle der Zärtlichkeit für Kerstin, wie ich sie niemals vorher – und auch später nie mehr – erlebte. Ich nahm sie in den Arm und küsste sie und sie erwiderte das und wir sanken zurück und blieben noch lange so liegen, ohne Worte, ohne Bewegungen, ineinander verschlungen. „Mehr geht nicht.“, sagte ich, als ich ging. „Aber ich hab dich lieb. Sehr.“

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Samstag, 24. November 2018
So war das, Teil 7
Der nächste Tag war ein ganz normaler Dienstag, ich hatte Frühdienst und kaum drei Stunden geschlafen. Aber es ging gut. Ich fand schnell in die Routine und freute mich, dass ich meinen Job beherrschte, auch mit Kopfschmerzen und Kater. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, richtig zu sein in dieser Arbeit, in die ich aus Not geraten war. Am Nachmittag löste mich Knut ab. Auch er war längst nicht mehr bei den Ereignissen vom Vortag, er erzählte wieder einmal von neuen Verhaftungen in Berlin. Er meinte, dass sich Günter Kunert dazu geäußert hätte und ob wir nicht im Friedenskreis auch etwas schreiben sollten, einen Protestbrief oder so. "Lass uns am Mittwoch reden.", sagte ich ausweichend. - "Morgen ist Mittwoch." - "Ich weiß." - "Was ist los, Mario, hast du den Wein nicht vertragen? Aus dir wird nie ein echter Revoluzzer." Knut ließ sein trompetenhaftes Lachen erschallen und boxte mir in die Brust. "Nein, alles okay. Genieß den Feierabend. Erik und ich haben schon aufgeräumt."

Das hatten sie tatsächlich, die Wohnung sah tadellos aus. Aber trotzdem konnte ich mich nicht schlafen legen. Ich fing an, meine Sachen durchzugehen. Da war ganz viel, das konnte einfach weg: Bücher, Aufzeichnungen, auch Klamotten. Ich bekam mein Abschlusszeugnis in die Hand. Die Aufzeichnungen aus dem Nietzsche-Kurs bei der Jungen Gemeinde schmiss ich weg. Was man im Kopf hat, muss man nicht in Ordnern sammeln. Am Ende hatte ich zwei große Kartons und einen Berg Wäsche beisammen. Ich räumte alles auf den Flur und dann legte ich mich doch noch schlafen.

Ich erwachte davon, dass Erik fluchte. "Was ist denn hier los?! Da kommt ja kein Mensch mehr durch." Er klopfte. "Mario! Bist du da?" Ich rappelte mich hoch und machte Licht, es war bereits dunkel. Ich fühlte mich benommen, versuchte, erstmal wieder die Orientierung zu bekommen. Als ich aus dem Zimmer kam, stand Erik in der Küche und goss Tee auf. "Mensch, Mario!", sagte er, als er mich hereinkommen sah, "Wir hatten so schön aufgeräumt. Was hast du denn vor?! Willst du ausziehen?" - "Eigentlich ja", murmelte ich verschlafen. Erik wurde blass. Aber er sagte nichts. "Trinkst du einen Tee mit?“, fragte er dann.

Es wurde ein seltsames Gespräch, vielleicht das erste wirklich persönliche, das wir geführt haben, denke ich jetzt manchmal im Nachhinein. Erik erzählte mir von seinen ersten Begegnungen mit mir, wie es ihm erst nur darum gegangen war, eine Wohnmöglichkeit außerhalb des Studentenwohnheims zu finden, und wie sich dann, als er bei mir wohnte, allmählich eine Idee eines anderen Lebens entwickelt hatte. Wie er es spannend gefunden hatte, irgendwie abseits des staatlichen Plans zu leben. „Natürlich war mir klar, was der Staat mit mir vorhat und wozu er mir diesen Studienplatz bezahlt, und natürlich passte mir das nicht, aber weißt du, so wie du, sein Leben einfach wegschmeißen, das wollte ich auch nicht.“

Er erzählte mir dann auch von seiner geheimen Verbindung mit Johanna, von der wir doch alle instinktiv wussten und die wir unausgesprochen akzeptierten. Was mich erstaunte, war, dass das nicht nur eine Affäre war, dass die beiden Pläne hatten, dass sie planten, den Abschluss zu machen, aber nicht daran dachten, wie vorgeschrieben ins Werk zu gehen. Und dass sie auch schon wussten, wie sie sich aus der Berufsverpflichtung rausmogeln konnten und was sie danach machen wollten. „Und du willst also auch weg von Merseburg?“, schloss Erik seine Beichte. Was sollte ich darauf sagen? „Das kann man nicht so sagen.“, antwortete ich ihm, „Ich weiß nicht. Ich fühl mich einfach nicht mehr wohl. Du hast gesagt, ich schmeiß mein Leben weg ...“ - „Stopp, Mario, das seh ich doch längst anders, weißt du, ich meine, zum Beispiel gestern, so eine Party, das ist jetzt nicht mehr nur deine Wohnung, das ist ... – ohne dich wär das doch ...“ - „Danke für die Blumen, aber irgendwie – das passt nicht mehr. Aber mach dir keine Sorgen, ich kündige jetzt nicht einfach und lass dich ohne Meldeadresse. Und Knut auch nicht.“

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