Samstag, 16. Januar 2021
Inklusion, das potemkinsche Dorf
Eines Tages wurde dann auch in unserem Bereich (der Beschulung fremdsprachiger Jugendlicher) die Inklusion eingeführt. Die Behörde hatte zu diesem Zweck projektgebundene Gelder aus Brüssel herangeschafft. Es funktionierte so: Die Schule ernennt einen Lehrer als Inklusionsbeauftragten, an den sich die Kollegen wenden können, wenn da ein Schüler irgendwie übermäßig auffällig wird. Der reicht die Meldung weiter an die Behörde, die dann ein „Screening“ macht. Das heißt, zwei Leute von der Behörde (von Beruf Lehrer, wie ich vermute) setzen sich in den Unterricht und beobachten möglichst unauffällig Pi mal Daumen, ob sie den oder die Schüler auch auffällig finden. Wenn ja, werden der Schule entsprechend mehr Sozialpädagogenstunden zugeteilt, die individuell genutzt werden können.

An meiner Schule konnte auf diesem Wege eine weitere Sozialpädagogin gebucht werden – schulische Sozialpädagogen werden ja über outgesourcte Billigfirmen gebucht, damit man sie schlechter bezahlen und immer schön befristet anstellen kann. Die erfuhr an ihrem ersten Arbeitstag, dass sie mit der Hälfte ihrer Stelle für Inklusionsschüler zuständig sein soll. Sie hatte sich mit dem Thema zuvor nie beschäftigt, auch nie Sozialpädagogik studiert. Zum Glück eine engagierte und zupackende Frau, die in anderer Hinsicht viel Gutes bewirkte. Von Sonderpädagogik allerdings keine Spur.

Meine Kollegin L. hatte den Posten der Inklusionsbeauftragten inne. Sie hat selbst einen chronisch erkrankten Sohn im schulpflichtigen Alter, sodass ihr das Thema nicht ganz fremd ist. Ich fragte sie im Vertrauen: „Ist das nicht ein bisschen unprofessionell, was hier abläuft?“ - „Natürlich“, erwiderte sie, „das ist sogar manchmal zum Schmunzeln beim Treffen der Inklusionsbeauftragten, wenn sie dann alle ihre ersten Erfahrungen und Mutmaßungen austauschen und die Leute von der Behörde wissen auch nicht mehr … aber weißt du, ich erleb es ja bei meinem Sohn, dass manchmal die Ärzte auch nicht weiter wissen und manchmal ein engagierter Therapeut oder Berater einfach die entscheidenden praktischen Tipps gibt.“

Das ist sicher richtig., das hab ich auch schon erlebt, dass z. B. Heilpraktiker oder Physiotherapeuten entscheidende Heilungsprozesse initiieren, wo der Arzt wegen Überlastung oder Ideenlosigkeit nicht weiter kommt. Aber deshalb würde doch niemand auf die Idee kommen, die Ärzteschaft abzuschaffen …

… aber ich komme schon wieder ins Nörgeln und Übertreiben. Denn das passiert ja auch bei uns nicht: Natürlich gibt es weiter die psychologische Beratungsstelle der Schulbehörde, die psychotherapeutische Anlaufstelle für Migranten am Krankenhaus, die Produktionsschule für die Schulhasser und -schwänzer, und das eine, einzige Mal, dass uns tatsächlich ein körperbehinderter (nämlich nahezu gehörloser) Migrant als Schüler zugewiesen wurde, da kam der ganz ohne das Inklusionssystem ganz schnell an eine Schule für Gehörlose, wo er sich sehr wohl fühlen soll.

Inklusion, wie sie bei uns auftritt, scheint mir einfach nur ein weiteres, wenig effektives System zu sein, dass natürlich nicht ganz sinnlos ist: Natürlich hat ein verhaltensauffälliger Schüler, wenn er mehr individuelle Betreuung kriegt, mehr von seinem Schulbesuch. Aber irgendwie ist das auch wieder das System „Dorfschule“, das die Migrantenbeschulung auch in anderer Hinsicht ist (indem einfach alle zwischen 16 und 18 Jahren in einen Klassenraum gestopft werden). Und irgendwie ist es eines Sozialstaats nicht würdig, der seit Jahrzehnten etablierte Institutionen mit hochspezialisiertem Personal besitzt, um benachteiligten Menschen zu helfen.

Sie können sich vielleicht vorstellen, dass mich ein schadenfrohes Grinsen überkam, als ich erfuhr, was die Inklusionsschüler nach ihremSchulbesuch erwartet. Das Arbeitsamt ignoriert die Inklusionseinstufungen der Schulbehörde und lässt nach eigener Einschätzung und unter Aufsicht eigens eingestellter Psychologen testen.

Bleibt noch die Frage des Geldes. Solang das aus Brüssel floss, musste man nicht darüber nachdenken. Jetzt ist das Projekt vorbei, die Schulbehörde muss sparen, also „verstetigt“ sie die Errungenschaften (wie sie auf ihrer Webseite stolz verkündet), indem sie die „Screenings“ jetzt die Sozialpädagogen an den Schulen selbst durchführen lässt. Wenn das eh witzlos ist, dann kann das Billigpersonal es auch selbst durchführen. Die müssen schließlich auch später die Arbeit machen mit den schwierigen Schülern, frei nach dem Motto unserer Leistungsträger-Gesellschaft: Je härter die Arbeit, desto niedriger das Gehalt.

Also, ich wünsche der Behörde, die dieses System erfunden hat, dass die Sozialpädagogen jetzt einfach wahllos ganz viele Schüler zur Inklusion anmelden, um ihre eigenen Arbeitsplätze zu sichern. (Und sollte hier ein Rechter mitlesen und „Migrantenindustrie“ murmeln, dem kann ich nur zurufen: Mit „Industrie“ hat das gar nichts zu tun, im Gegenteil – es ist die Rache der Unterdrückten.)

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Freitag, 15. Januar 2021
nd, der alte Nörgler ...
… wie auch sonst manchmal – wenn man mal vornehm über seine Neigung zu Pathos und Übertreibung hinwegsieht - hat er auch hier völlig Recht: Sofern Sie irgendwo in Ihrer Umgebung ein Netflix-Abo nutzen können – gucken Sie diese Serie!

(Und wenn ich mir was wünschen dürfte: dann eine deutsche Serie über kulturelle Konflikte in Deutschland, die ebenso klug, differenziert und menschlich bewegend ist wie „Bir Baskadir - Acht Menschen in Istanbul“.)

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Donnerstag, 7. Januar 2021
Mein Arbeitsalltag ...
... als Lehrer im Moment. Es nervt.

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Dienstag, 29. Dezember 2020
Ostdeutscher Hass
In Ermangelung jeglicher Kreativität zitiere ich einfach aus meiner derzeitigen Lektüre:

„Schon kurz nach seiner Ankunft auf dem Montparnasse war eine seltsame Rückverwandlung mit ihm vorgegangen. Auf dem Boulevard, den er sich viel größer vorgestellt hatte und auf dem in der Dämmerung des Nachmittags schon die Lichter angingen, und auch die Schaufenster waren schon erleuchtet, und in den leeren Cafés brannten die Lampen, mitten in dieser von trauriger Nässe beherrschten Babylon war er wieder zu einem Individuum seiner Herkunft geworden. Zu einem DDR-Bürger, ganz ohne Abstriche, er war wieder, was er gewesen, und er war verloren … so deutlich und ausweglos hatte er seine DDR-Identität nie gespürt, auch dort in diesem Land nicht, das vielleicht schon zu existieren aufgehört hatte. Und er konnte nicht anders, als diese Identität für minderwertig zu halten. Gegen jede empirische Vernunft, er trug dieses Gefühl in seinem altwerdenden Körper herum, und er konnte nichts dagegen machen ...“

Und wenig später auf einer Zugfahrt mit der Bierflasche in der Hand:

„… es schien eine ganze Menge von Quellen in ihm zu geben, aus denen plötzlich der Hass hervorschoss, wie aus einer Vielzahl geöffneter Venen, deren pulsierender Strom nicht zu stoppen war. Er hielt sich an der Flasche fest, die vor ihm auf dem Abstellbrett am Fenster stand, er war erstarrt und lauschte auf das lautlose Wimmern, das irgendwo in seinem Körper war. Es dauerte eine Weile, bis er diese Gefühle stranguliert hatte, erst dann konnte er wieder denken.“

Meine Frau blätterte auch in dem Buch, meinte nur: „Und wie muss es erst Menschen aus dem Irak, Nigeria oder Tschetschenien gehen, wenn sie hier so umherwandern als Geflüchtete, Entronnene?“

Mein Gedanke war: Strangulation des Hasses – ja, aber nur kurzzeitig, um den sprudelnden Hassstrom aufzuhalten, dann muss es um gnädige Aufnahme der Fremden gehen: Akzeptanz der fremden Mentalität, damit sie mit der eigenen, der Mehrheitsmentalität, harmonisch amalgieren kann – dieses trotzige Betonen der DDR-Identität, wie mir das auf den Kranz geht! (Egal, ob es bockig von Ostdeutschen oder gutmenschelnd von Westdeutschen betrieben wird - oder sogar gleichzeitig: "Ostbeauftragter" - Ogottogott!) Das befestigt den Minderwertigen-, den Abgehängtenstatus doch nur und schürt den Hass. Und ebenso verhält es sich mit dem exotisierenden Verklären patriarchaler Traditionen aus dem Nahen Osten oder Westafrika. Nicht verklären, nicht verdammen – akzeptieren, um Entwicklung möglich zu machen: unsere eigene ebenso wie die der Hinzukommenden.

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Samstag, 19. Dezember 2020
In gröbster Verallgemeinerung …
… aber hoffentlich nicht ganz abwegig: Als das Virus das letzte Mal angriff (uns unter dem Namen SARS bekannt), versuchte es seine Lebensinteressen durchzusetzen, indem es Menschen befiel, die dann zwar schwer erkrankten oder starben, das Virus aber zuverlässig weitergaben. Die Menschen wehrten sich, indem sie konsequent Masken trugen und die Erkrankten isolierten. So konnte sich das Virus nicht weiter verbreiten.

Daraus hat das Virus gelernt: Es hat seine Infektionskraft deutlich verstärkt, außerdem lässt es die Menschen später und oft nicht so schwer erkranken oder gar sterben. So kann es seine Interessen wesentlich besser durchsetzen: Im Geheimen weitet es seine Macht aus.

Auch im Politischen gibt es solche Prozesse: Die Menschen haben sich immer mal wieder gegen das Virus der Unterdrückung gewehrt, besonders erfolgreich im Europa seit dem 18./19. Jahrhundert, sodass von dort ausgehend in vielen Gegenden mehr oder weniger demokratische Prozesse und die Einhaltung von (seit dem 20. Jahrhundert sogar konkret festgelegten) Menschenrechten üblich geworden sind, die das Virus stark eindämmen. Dieses setzt deshalb seitdem immer stärker auf die Entwicklung von Geheimdiensten, Geheimverhandlungen und halbprivaten Schiedsgerichten, die sich (in der Hoffnung, unbemerkt zu bleiben) den demokratischen Regeln entziehen.

Wir Menschen wären dumm, würden wir uns selbstgefällig an den verbleibenden Bereichen funktionierender Demokratie ergötzen und das untergründig wuchernde Virus nicht beachten. Jeder Mensch (egal, wie groß sein Verantwortungsbereich ist) muss eine Anti-Unterdrückungs-Maske tragen – zu groß ist die Gefahr, sich (durch Machtgemauschel, verlockende Vorteilsnahme, Befriedigung von Eitelkeiten oder wie auch immer) zu infizieren.

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Freitag, 18. Dezember 2020
Kritik der Kritiken
Meine Fernsehzeitschrift mochte ich schon immer, seit es sie gibt, weil sie so schöne Kurzkritiken schreibt. Besonders die Verrisse machen Spaß. Die hohe Kunst aber sind die Lobeshymnen, die aus markttechnischen Gründen als „Tipp des Tages“ verkauft werden müssen, obwohl sie von minderer Qualität sind. Wie uns da zwischen den Zeilen die Wahrheit mitgeteilt wird, das finde ich immer wieder elegant.

Hier zwei aktuelle Beispiele: „Mit aufdringlich heiterer Musik untermalt … drohen ‚Die Weihnachtstöchter‘ anfangs zielsicher ins Kitschige zu steuern. Doch dank der drei tollen Protagonistinnen … pendelt sich der Film … ein. Das Ende mag dann zwar nicht zu überraschen, doch der Weg dahin ist unterhaltsam anzusehen.“

Oder (Beispiel 2): „Herfurths … Regiedebüt ist eine … Liebesgeschichte, die … immer den richtigen Ton trifft, bevor es ein wenig kitschig wird. Die Besetzung ist perfekt …, am Drehbuch schrieb auch Til Schweigers ‚Keinohrhasen‘-Autorin Anika Decker mit. Irgendwie hätte man Karoline Herfurth zwar einen etwas persönlicheren Film für ihr Debüt hinter der Kamera gewünscht. Andererseits: Was könnte persönlicher sein als die Liebe?“

Besonders diesen Schlusssatz finde ich genial: Denn natürlich weiß sich der Kritik-Autor mit dem Leser einig, dass es in TV-Plots kaum etwas Unpersönlicheres, Klischeehafteres gibt als „die Liebe“. So wird dem Leser deutlich mitgeteilt, dass es sich bei beiden „Tipps des Tages“ um schlechte Filme handelt, es wird bei genauerem Lesen sogar deutlich, dass das erste Beispiel wahrscheinlich noch einigermaßen erträglich, das zweite aber ein völliges No-Go ist.

Und das nicht etwa, weil ich TV-Banalität grundsätzlich ablehnen würde – ganz im Gegenteil. Ich gucke ganz gern mal am Abend eine nette, belanglose Geschichte zur Unterhaltung, auch Liebe darf mit dabei sein. Solche Filme werden aber von meiner Zeitschrift wie folgt annonciert: „Voller Gefühl und erstaunlich kitscharm zeigt Austro-Argentinierin Catalina Molina, was im Leben wirklich zählt.“

P.S. Ich hab das jetzt ganz wertfrei ohne Ansehen der Person, d.h. des jeweiligen Films geschrieben. Beispiel 1 und 2 werd ich mir natürlich nicht ansehen, Nr. 3 wartet auf der Festplatte auf einen passenden, gemütlich-gelangweilten Abend.

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Samstag, 28. November 2020
Trübe Tage
(Vorsicht: Das ist nur wieder eine Sammelrezension des in den letzten Monaten konsumierten Medienwusts - scrollen Sie einfach kurz durch, ob was für Sie Interessantes dabei ist.)

Es ist grad eine stressige Zeit. Dabei sind die Einschränkungen durch die Pandemie nur nur das i-Tüpfelchen. Aber davon will ich nicht reden, verkriech mich lieber in die Medien. Dabei hab ich nicht mal ein ordentliches Buch zur Hand! Das letzte vernünftige, das ich in den Fingern hatte - „Das letzte Jahr“ von Martin Groß – das hab ich nun auch schon seit ein paar Wochen ausgelesen. Immerhin hat es mir mit seiner stillen Größe so einige trübe Herbstabende vergoldet (um mit Th. Storm zu sprechen). Ich werd es sicher nochmal zur Hand nehmen, wenn ich besser drauf bin – kluge Bücher haben ein zweites Mal verdient.

Also lese ich, was sich sonst so an Büchern angesammelt hat. Aber es ist nichts: „In Plüschgewittern“, berühmtes Buch, fand ich neulich in einem Verschenke-Karton in unserer Straße - ein grässliches Buch, ich gab nach ca. einem Drittel auf: Es erinnert mich an das furchtbare „Faserland“; auch wenn es etwas schöner geschrieben ist, so geht mir doch diese nörgelige, männlich-egozentrische Ichlosigkeit mit ihrem Hass auf alles, was schön ist, ziemlich auf die Nerven.

Na, dann eben die zwei Heinrich-Steinfest-Romane, die meine Schwester bei mir entsorgt hat: „Kannst du damit was anfangen?“ Von Steinfest hab ich ja immerhin mit großem Spaß „Der Allesforscher“ und „Das grüne Rollo“ gelesen, also warum nicht? „Die Büglerin“ griff ich mir zuerst, weil so ein gebundenes Buch mit elegantem Schutzumschlag ja zum Zugreifen verleitet. Leider ein völlig hohles Buch, wenn auch sehr geistreich und elegant geschrieben (viele schöne Bonmots und sprachliche Einfälle) und mit einer ordentlichen und abwechslungsreichen Romanhandlung versehen, sodass ich es dann doch zuende gelesen habe. Aber insgesamt hat sich für mich daraus kein Sinn erschlossen, sodass ich es am Ende mit einem ziemlich flauen Gefühl zuklappte. Und dann das überdicke Taschenbuch „Das Leben und Sterben der Flugzeuge“, das war äußerst witzig, aber sinnloser Unfug (oder wie würden Sie das nennen, wenn ein Spatz! seinen Tag mit den Worten „Die Zeit verging, der Mittag drehte sich wie eine Schraube in den Nachmittag und machte ihn fest.“ beschreibt) – darüber schmunzelt man 30 Seiten lang, danach reichts einem.

Also Fernsehen: Aber da kommt ja rein gar nichts, wenn man den Ankündigungen von TVSp**** glauben darf, die kürzlich wieder mal die Anzahl ihrer Spielfilmkritiken reduziert hat, um sich dem Schrott-Niveau ihrer FS-Zeitungs-Konkurrentinnen anzupassen – ich glaube, ich habe seit Monaten keinen Film mehr gesehen, der nicht auf arte lief.

Zum Glück sorgt die nächste Generation für Innovationen: Mein Sohn finanziert von seinem Taschengeld ein Netflix-Abo, ich dachte erst, das ist nichts für mich (aus reiner Neugier hab ich mal eine Folge von „Braking Bad“ mitgeguckt, ich fand das völlig abstrus und auch nicht witzig – als mein Sohn versuchte, mir die Sache durch eine Einführung in die größere Handlungslogik schmackhaft zu machen, glaubte ich immerhin zu verstehen, dass das wohl wie so eine Art Schachspiel funktioniert, wo ja menschliche Beziehungslogik und psychologische Wahrscheinlichkeit ebenfalls keine Rolle spielen) – jetzt hab ich zum ersten Mal seit Lars von Triers „Geistern“ (und das war damals in den 90ern!) eine ganze Serienstaffel durchgehalten und mich durchaus amüsiert: „Das letzte Wort“ von und mit Thorsten Merten (den ich seit „Stilles Land“ ja mag und gerne sehe) und Anke Engelke. Das ist wirklich lustig.

Gestern Abend hab ich dann zum Wochenende mal „Netflix Arthouse“ gegoogelt und tatsächliche einige Angebote bekommen. Ich entschied mich für "Atlantique“, einen in Cannes prämierten Film aus dem Senegal: Der war von Beginn an schön langsam und emotional intensiv, danach noch mit einer etwas seltsamen typisch westafrikanischen Geistergeschichte. Das war schonmal was.

Und heute morgen les ich auf taz.de von einer türkischen Netflix-Serie, die interessant klang: „Bir Baskadir – Acht Menschen in Istanbul“. Ich sah mir gleich die erste Folge an und war gleich zu Tränen gerührt. Das traf meinen Nerv, ich werd gleich die nächste Folge gucken. Denn die Welt da draußen, so schön sie optisch ist,

beginnt schon wieder im Dunkel zu versinken.

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Samstag, 7. November 2020
Phantomschmerz
Ich steh heute Morgen auf, taper ich in die Küche und mache das Radio an, um beim Kaffeekochen ein bisschen was Interessantes aus der weiten Welt zu hören. Aber ich hör nur „Pensylvania“ und Auszählung“ und schalte gleich wieder aus. Seit Tagen geht das nun so, einfach grässlich!

Nicht, dass ich nicht auch wissen wollte, wer der nächste US-Präsident wird – aber doch nicht tagelang von morgens bis abends! Nachdem ich seit Monaten genauestens über Kandidatenkür und Vorwahlen informiert wurde. Ist das nicht ein bisschen unverhältnismäßig? Wie das Kaninchen starren sie immer noch auf den Besatzer von vor Jahrzehnten, da sind die Putin-Versteher ja Waisenkinder dagegen.

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Freitag, 6. November 2020
Bonmot des Tages - aus dem Erfahrungshorizont meiner Schüler
Derzeit ist ja Lüften angesagt. Als ich während der Stunde die Fenster zu Vorplatz/Straße aufriss, kam mir entsetzlicher Fäkal-Gestank entgegen. Spontan rief ich: "Von wo stinkts denn hier so?" Ebenso spontane Antwort eines Schülers: "Wahrscheinlich kiffen die wieder."

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Samstag, 31. Oktober 2020
Fliegen heißt Landen
So heißt es bei den Piloten, wenn sie über die Fähigkeit reden, ein Flugzeug sicher zu führen. Das hab ich jedenfalls mal gehört. Auf jeden Fall aber trifft das auch auf Menschen zu, denen es vergönnt ist, ihr Leben einigermaßen regulär zuendezuführen.

Meine neunzigjährige, inzwischen demente Schwiegermutter, die ich sehr mag und die das mit dem Lebensende bisher recht gut hinbekommen hat, ist jetzt ins Krankenhaus gekommen, da sie nicht mehr aus dem Bett kam und auch fast nichts mehr aß. Und dort, im Krankenhaus, hat man dann festgestellt, dass das natürlich eine romantische Illusion war, unsere Beobachtung ihres langsamen, wohlgeordneten Dahinschwindens, das keine Medikamente und keinen Arzt benötigt, sondern dass da schon konkrete Krankheiten vorhanden sind, die man auch behandeln muss (auch wenn diese nicht die Ursache des Dahinschwindens sind, sondern dieses nur begleiten). Jetzt herrscht bei den Kindern natürlich Angst: das Schreckbild eines Sterbens im Krankenhaus, denn es ist sehr die Frage, ob ihr geschwächter Körper mit den aktuellen Herausforderungen klarkommt.

Anderseits, das sage ich mir als erst in zweiter Linie beteiligter Angehöriger: Es gehört zum Lebensende, dass der Raum, das Lebensumfeld, in dem man sich bewegt, immer kleiner wird. Und sie hat ja in den letzten Monaten auch ihre kleine Wohnung nicht mehr aktiv bespielen können. Wenn man krank im Bett liegt, ist ein Tod im unter ärztlicher Aufsicht im sauberen Krankenhausbett vielleicht wirklich angemessener als alleine in der Wohnung. Zumal die Angehörigen da wie dort nicht per se da sind, sondern zu Besuch kommen müssen.

Und wieder andererseits: Vielleicht kommt sie ja doch wieder auf die Beine und kann noch für eine (vielleicht sogar längere) Zeit mit ihrer Katze in ihrer Wohnung umhergehen. Denn das wissen wir alle aus eigener Erfahrung: dass jeder Tag, den wir auf dieser Erde leben dürfen, eine Kostbarkeit ist.

Oder mit anderen Worten gesagt, nämlich denen von Arno Geigers ebenfalls dementen Vater (in dessen wunderbarem Buch „Der alte König in seinem Exil“): Auf die Ansage eines Heim-Mitbewohners, dass oben bei Gott noch Wohnungen frei wären, meinte der: „Nein, ich möchte noch ein bisschen hier die Straße auf und ab wandern.“ Ja, das wollen wir doch alle. Und das Flugzeug dennoch irgendwie ohne Bruchlandung auf die Erde zu bringen, das ist gar nicht so einfach.

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