Montag, 11. April 2016
Mal ganz was Banales: Kraftfahrzeuge (aber andere schreiben ja auch über Fahrräder)
Es fing damit an, das meine Mutter mich fragte: Sie würden mir gern etwas schenken zum erfolgreichen Studienabschluss, ob ich denn einen Wunsch hätte. Eigentlich nicht. Ich musste lange überlegen, bis ein längst vergessener Wunsch aus der Jugendzeit wieder auftauchte: ein Moped. Das fanden meine Eltern natürlich blöd, sie hatten aber eine wunderbare Kompromissidee: Während ich das Interesse am Nachholen versäumten Jugendlebens hatte, hatten sie das Interesse an meinem bürgerlichem Fortkommen – sie schenkten mir den Autoführerschein, das passende Moped müsse ich mir selber kaufen. Und das tat ich. Mein Jugendfreund S., inzwischen Zahnarzt in der brandenburgischen Provinz, wollte seinen Roller loswerden, nachdem er einmal mit Sandalen hässlich gestürzt war. Ich durfte mir das Gerät abholen aus einem Schuppen in Berlin-Friedrichshagen – und fuhr es dann zwei Jahre lang, bis es völlig hinüber war.

Der nächste Schritt war natürlich ein Motorrad. Freunde entsetzten sich über das machohafte Teil, ich selbst auch: Ich fiel zweimal durch die Prüfung, wie um mir zu beweisen, dass das nicht meins wär. Aber als ichs dann hatte, fuhr ich sommers wie winters damit, und auch der Warnhinweis des Verkäufers („Das ist alt, das ist was für Schrauber.“) bewahrheitete sich nicht – meine Werkstatt kriegte es immer zu erträglichen Preisen hin.

Das Motorrad führte mich nicht nur zu L. nach Leer, der ich Schlimmes zu beichten hatte, auch zu ? In Hamburg, die meine Freundin wurde, und als unser Sohn geboren wurde und das Motorrad kaum noch ansprang und immer mehr Öl verlor, da ermunterte sie mich, das altersschwache Teil noch gegen ein neueres einzutauschen. Was natürlich Quatsch war. Ich hab das neue Motorrad nach wenigen Monaten verlustreich verkauft: Vater und Motorrad, das passt nicht.
Stattdessen – die berufliche Laufbahn ging immer weiter den Bach runter – nutzte ich 5000 Euro aus einer Abfindung, um für die Familie einen Kangoo zu kaufen. Über dem Verkaufsbüro des Autohändlers prangte ein großes Schild „Orientalische Lebensmittel“ und verrostet sah das Ding von unten auch aus – aber vier Jahre lang war es unser Schiff und Symbol der Familie, die eigentlich vierköpfig werden sollte.

Daraus wurde nichts und dem Kangoo brach die Achse, als sie durchgerostet war. Wir kauften einen billigen, aber technisch total in-ordnungen, etwas ps-schwachen Ford. Ein Auto für alle Fälle: selten kaputt, wenns sein muss, schafft er es auch voll beladen über die Alpen nach Kroatien, wenn man die Sitze umklappt, passt eine Ladung Flohmarkt rein und in Frankreich war er auch schon mit uns und dem Zelt. Nur hässlich ist er halt. Schwarz und langweilig wie alle diese kleinen Autos.
Als dann zwei Straßen weiter das Wohnmobil am Straßenrand stand mit einem Zettel im Fenster „zu verkaufen“, redete mir meine Liebste zu, obwohl wir uns das eigentlich nicht leisten können: Sie weiß, allein würd ichs nie wagen. Ich liebte ihn auf den ersten Blick. Trotz oder wegen seiner Roststellen und weil er so alt ist und noch richtig nach Blech aussieht und nicht nach Plastik+Elektronik. Und jetzt hab ich ihn. Meine Frau mag ihn nicht, nur meine Freude an ihm. Technisch ist er wohl so weit fit, nachdem plötzlich mein zehn Jahre älterer Cousin wieder in meinem Leben aufgetaucht ist, ein LKW-Fahrer, der einen ukrainischen Schrauber kennt, der für 1000 Euro das Gröbste ausbügelte. Heute habe ich zwei Stunden lang die Markise geschrubbt, die völlig vermodert war.

Ich kann die erste Tour kaum erwarten: Im Mai soll es zwei Tage durch Brandenburg gehen, so als erstes Anschnuppern.

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Mittwoch, 6. April 2016
Über die NSU-Filme
In den letzten Tagen liefen drei Fernsehfilme, die den NSU-Krimi zum Thema hatten. Ich hatte mich im Vorfeld gefragt: Gleich drei Filme - ist das nicht ein bisschen viel? Aber das war schon ganz richtig so: Wie sonst soll man dieses monsterhafte Thema (monsterhaft aufgrund des ihm reichlich innewohnenden Bösen, aufgrund der vielen erschreckenden Unklarheiten und seines Reichtums an Abstrusitäten) - wie soll man dieses Thema in 20.15-Uhr-gerechtes Fernsehen überführen? Das ist doch nur möglich, indem man es aufsplittet.
Und so gab es eben verschiedene Arten von Kitsch - für jede Zielgruppe etwas. Zunächst den Kitsch in der Tradition des Milieufilms, bei dem die NSU-Terroristen im Grunde Opfer der Umstände sind. Entsprechend wird Beate Zschäpes Unterschichtenherkunft in den Mittelpunkt gestellt. Da kommen die Linken dann aus dem Westen und sind nur was für Gymnasiasten und brave Bürger - die Rechten kommen dagegen ganz eigenständig aus besagter Unterschicht und ihre Gewalttätigkeit kommt aus der Verzweiflung.
Als Nächstes gab es dann den Migrantenkitsch in 68er-Tradition, der alles ideologisch begründet und den NSU letztendlich als Produkt einer sowieso schon latent rechten deutschen Gesellschaft ansieht. Das ging natürlich nur, wenn man das ossihafte Opfer Michele Kiesewtter weglässt.
Na, und heute endlich den Kitsch der Aufrichtigkeit, der ganz im Gegenteil zum zweiten Teil die rechtsradikalen Tendenzen in den Behörden herunterspielte und stattdessen den Thüringer Verfassungsschutz einfach als arrogant, fahrlässig und dekadent-westdeutsch darstellte und ihm einen aufrechten Polizisten gegenüberstellte mit dem Gesicht von Florian Lukas.
Da hatten sie mich. Das ist der Kitsch, bei dem ich schwach werde, gebannt vor dem Fernseher sitze und alles glaube. War der Film nun wirklich dichter an der Wahrheit oder nur dichter an der Wahrheit, für die ich mich interessiere? Mein Bauch jedenfalls sagte "Stimmt! Ich verstehe." (da war ja sogar der mysteriöse Auto-Tod des Heilbronner Polizeiinformanten glaubhaft, sinn- und effektvoll in die Handlung eingebunden), mehr als bei der etwas spiegel-tv-mäßigen Doku von Stefan Aust, die hinterher kam.

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Sonntag, 28. Februar 2016
Die Tristesse von "Auerhaus"
Ein Tag allein zu Hause, Auftrag: neues Regal in die Kammer dübeln. Habe Stunden dafür gebraucht und fühlte mich hilflos. (Hätt ich den Humor von nnier, dann hätte ich Ihnen hier einen schönen Fotobericht diverser Katastrophen posten können.) Ansonsten rumgehangen und „Auerhaus“ zuende gelesen. Macht einen noch trübsinniger. Ich wollte erst einen Verriss schreiben à la „fehlende soziale Dimension“, war dann aber doch eher traurig. Das passt schon, was da beschrieben ist, das ist ganz stimmig. „Sehr westdeutsch“, meinte mark793 ganz richtig: diese Leere unter brüchigem Firnis von Rest-Linkssein (man ist gegen die Bundeswehr und die Polizei, klaut im Supermarkt, aber möglichst nicht im Buchladen).
Das Buch beschreibt eine WG von ein paar Jugendlichen in den 80ern in der westdeutschen Provinz und kreist um die zentrale Erkenntnis: Wer in dieser Zeit, in dieser Generation relativ noch am meisten durchblickte, das waren die Verrückte und vor allem der Selbstmordkandidat. Die am Ende aus der Geschichte ausscheiden, durch Gefängnisaufenthalt bzw. Tod. Nur die ganz Ahnungslosen schaffen es, sich in ein normales Leben hinüberzuretten. Gut beobachtet.
Mich erinnerte das an meine Studienzeit in Bremen Anfang der 90er. Ich hatte dort einen Freund, der eigentlich nie so richtig mein Freund wurde, weil wir uns nie nahe kamen, obwohl wir ständig zusammen rumhingen. Eines Tages kam ich wie oft in seine WG und fragte: „Wo ist denn I?“. Entgeistert sah mich X. an: „Ich dachte, du bist sein bester Freund. I. ist in der Psychiatrie. Komisch, dass du das nicht weißt.“ Später kam er wieder raus und wir lebten weiter so unpersönlich mit- und nebeneinander her. Bis ich von Bremen wegging und der Kontakt abbrach. Es war eine tote, eine leere Zeit. Ein Auerhaus hätte das vielleicht gelindert. Grundsätzlich anders wär es nicht gewesen, wie ich jetzt in diesem Buch nachlesen konnte. Schade.
Irgendwie ist unsere Zeit jetzt schöner. Trotz rechtem Zeitgeist und drohender Katastrophen rings um das Wohlstandsland Deutschland. Oder vielleicht sogar deshalb. Vielleicht brauchen die Menschen ein bisschen Stress, um zu sich zu kommen.

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Samstag, 13. Februar 2016
Der 50. Geburtstag
Eigentlich wollte ich heute über den Film von gestern Abend ablästern ("Nacht ohne Morgen": tolle Kamera, eindringliche Stimmungen, aber ansonsten die übliche Thriller-Macho-Sauce), aber nicht eigentlich steht mir der Sinn grad eher nach Tagebuch-Besinnungstexten - wo sonst darf man sowas noch mit über 50, wenn nicht hier auf blogger.de, wo jeder sabbelt, was er will.
Also, es ist ja ein magisches Datum nach den Ritualen unserer Kultur, der Tag, an dem man das Lebensalter von exakt fünfzig Jahren erreicht hat. Da wir unser Dasein als einen "Lebensweg" begreifen und entsprechend eifrig bemüht sind, die Zufälligkeiten des Selbsterlebten in eine irgendwie logisch klingende chronologische Ordnung zu bringen, eine erzählbare Geschichte daraus zu machen, brauchen wir natürlich auch einen dramaturgischen Höhepunkt, und der wird üblicherweise auf das Alter von 50 gesetzt und am Tag des 50. Geburtstages symbolisch gefeiert. In diesem Alter hat man ja in aller Regel die Selbststilisierung des Ich so weit abgeschlossen und gefestigt, oft auch erwachsene Kinder, berufliche Erfolge und materiellen Besitz vorzuweisen, auf dass man sich nach dem Motto "mein Haus, meine Familie, mein Lebensstil" feiern lassen kann. (Ein Freund und Nachbar erzählte nicht ganz ohne Neid von einem Berliner Freund, der die Geburtstagsgesellschaft zu einer Spree-Dampferfahrt mit Übernachtung einladen konnte - er selbst brachte es nur zu einem Grillfest auf dem Hof der Genossenschaftswohnanlage, auf der er immerhin zwei Kinder vorweisen konnte, die beruflich erfolgreicher sind als er selbst ...)
Und ich, ich habe eine Frau, die ein halbes Jahr älter ist als ich, und die hatte die Idee, dass wir doch zusammen feiern könnten (die Mitte zwischen unseren Geburtstagen fällt in den Sommer und bietet sich zum Feiern an). Ich fand die Idee so schön, dass ich sonst keine Wünsch mehr verspürte zu meinem Geburtstag. Für uns wäre so ein Gartenfest in dem eben erwähnten Hof durchaus etwas Glanzvolles: Wir haben beide eine Vorliebe fürs Kleinbürgerliche und zumindest ich zelebriere diese Vorliebe auch gern, während meine Frau mit ihrer Unfähigkeit, sich selbst zu feiern und ein bisschen anzugeben - da ist es überhaupt schon etwas Tolles, wenn sie sagt: "Ja, ich möchte viele Leute einladen." Also besorgten wir uns zwei Bierzeltgarnituren und ein Partyzelt (denn natürlich war die Hamburger Wetterprognose durchwachsen), und dann luden wir ein ...
Dass es dann doch anders kam, da bin ich gar nicht sicher, ob das gut war, wahrscheinlich schon. Jedenfalls regnete es an dem besagten Tag, die Gartenparty musste ausfallen. Wir verschoben alles schnell auf abends in unsere kleine Wohnung, richteten das Schlafzimmer als zusätzlichen Patryraum ein. Den aus dem Berliner Raum anreisenden Verwandten konnten wir nicht mehr absagen, sie kriegten als Ersatzprogramm einen Ausflug auf den Michel. wo es aber auch zugig und kalt kalt war. Dafür wurde die Party richtig schön: zwanzig Leute auf 67 Quadratmetern, das wurde richtig schön eng und studentisch.
Als Geschenke hatten wir uns kleine Lobhudeleien gewünscht, von denen tatsächlich auch einige entzückende eintrudelten, und als Höhepunkt des Abends kamen Beamer und Leinwand zum Einsatz und ich zeigte je zehn Fotos aus der Vergangenheit der zu Feiernden.
Es wurde eine enge und kleine Feier, enger und kleiner, als sie eh schon geplant war. Ich kann Ihnen auch versichern, das wir zum Leben, zum Dasein mehr Talent haben als zum Feiern desselben. Dennoch: Ich denke gern daran zurück, der Abend passte zu uns, denn es war nicht nur eng und klein, sondern auch intim und intensiv. Und wer weiß, nächsten Sommer, vielleicht holen wir die Bierbankgarnitur wieder raus.

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Mittwoch, 20. Januar 2016
Zurückkehren, um zu ernten
Ich hab eine neue Arbeit (endlich Tariflohn - ich verspreche, nie wieder übers Geld zu nörgeln, jedenfalls vorerst) und einen neuen Arbeitsweg, der führt durchs Hamburg meiner Anfangszeit, eine richtige Sight-seeing-Tour: zuerst quer durchs verwinkelte Ottensen, das richtig hübsch ist, solange die Kreativarbeiter ("Wir schaffen 850 Kreativjobs in Altona und 47 Sozialwohnungen an der Behringstraße", garantiert mit 5% Dinkel) noch schlafen, an der Chistianskirche vorbei (in der ich bei einer sehr hippieesken Pfarrerin eine ziemlich unhippieeske Frau geheiratet habe), die klassizistische Palmaille entlang, wo Detlev von Liliencron wohnte, vorbei an Fischmarkt und St.-Pauli-Kirche und dann durch die Bernhard-Nocht-Straße (die Rückseite der Hafenstraße, wo ich damals mein erstes Punkkonzert erlebte) - heute Morgen glitzerte die Elbphilharmonie in der Ferne so wunderschön wie die Kräne von Blohm & Voss, hinter denen die Sonne aufging.
Es passte wirklich alles wunderbar zusammen, und ich fragte mich, ob dieses Gefühl des harmonischen Zusammenhangs nicht einfach nur der Sonne und guten Laune geschuldet ist. Wie war das damals, als ich - 1990 - ein Jahr lang hier in St. Pauli wohnte? Offiziell eingeschrieben für ein Studium des Lehramts für Gymnasien, hatte ich, glaub ich, alles andere im Kopf als das geradlinige Hinarbeiten auf ein späteres bürgerliches Lehrerdasein. Begeisterte mich eher für Foucault, Nietzsche und E.T.A. Hoffmann, und was ich an Realität mitkriegte, war, was man rund um den Hein-Köllisch-Platz so zu sehen bekam: die Penner, die Dealer und dazwischen die Studenten.
Wenn ich jetzt hier wieder durchfahre, inzwischen weit weg von diesem Milieu, hab ich doch irgendwie das Gefühl: Das passt zusammen. Oder um es mit Bernd Begemann zu sagen: "Ich bin der Typ, der immer zurückkehrt".

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Sonntag, 10. Januar 2016
Liegt die Heimat in der Vergangenheit?
Ich stehe am Wochenende selten so zeitig auf, dass ich im Deutschlandfunk noch „Denk ich an Deutschland ...“ höre, wo ein Prominenter über sein Heimatgefühl redet. Das letzte Mal war vor Monaten, da war Fatih Akin an der Reihe. Sehr angenehmer Mensch meiner Generation. Hat nichts Außergewöhnliches erzählt, aber es klang vernünftig, vertraut, schön. Heute Marion Brasch, auch sie aus meiner Generation, noch dazu sind ihre Migrationswurzeln nicht türkisch, sondern ostdeutsch – wie meine. Aber sie war mir fremd, sehr fremd. Deutschland – das war für sie offenbar nur ihre Familie. Ich hoffte, etwas über unsere gemeinsame Vergangenheit zu hören, dazu aber sagte sie in ihrer Gefangenheit nichts über die DDR, was über Banalstes hinausgegangen wäre. Traurig. Da bin ich nicht mehr zu Hause.
Ansonsten lese ich grade den Roman, den mir mein schwäbischer Schwager geschenkt hat, von Heinrich Steinfest, sehr süddeutsch, zudem mit nicht ganz wenig österreichischer Skurrilität. Entspricht jetzt nicht grad meiner Herkunftsmentalität, find ich aber amüsant und spannend. Heißt Heimat denn wirklich immer, in die müffelnde Vergangenheit hinabzutauchen?

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Sonntag, 20. Dezember 2015
Nur kurz zwischendurch: So rassistisch ermittelte die Polizei bei den Döner-Morden
Allgemein ist man sich ja einig, dass es "institutioneller Rassismus" war, weshalb das NSU-Trio damals nicht gefasst wurde. Wie dieser konkret aussah, kann man hier nachlesen: Nach dem Mord in Kassel ermittelte die Polizei den Verfassungschutzmitarbeiter Temme, der beim Mord anwesend war. Um eine eventuelle Verwicklung des Verdächtigen in den Fall zu prüfen, musste die Polizei natürlich die von ihm geführten V-Leute vernehmen. Der Verfassungschutz zögerte, bot dann aber an, der Vernehmung zuzustimmen, wenn er im Gegenzug Einsicht in die Ermittlungsunterlagen bekäme. Die Polizei ging auf den Deal ein und gab die Akten heraus. Daraufhin konnte Temme von seiner Chefin bei einem Treff auf einer Autobahnraststätte in Bezug auf sein weiteres Aussageverhalten gebrieft werden. Zur Vernehmung der V-Leute kam es dagegen aber nicht, da das hessische Innenministerium unter Volker Bouffier die Zusage des Verfassungschutzes zurückzog.
So, und wer ist jetzt der Rassist?

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Freitag, 4. Dezember 2015
Nochmal: Falscher Glanz oder ehrliches Mittelmaß – diesmal am Beispiel von Klaus Modick
Auf Klaus Modick wurde ich aufmerksam durch einen schönen Essay in der Neuen Zürcher Zeitung, in dem er beschrieb, wie er Unterhaltungsschriftsteller wurde: indem er nämlich eher durch Zufall hinter das Erfolgsrezept kam und - einmal erfolgreich – lieber damit sein Brot verdienen wollte als sich brotlos um große Kunst zu bemühen, von der noch ziemlich unklar war, ob sie ihm je gelingen würde. Mir war das sehr einleuchtend, zumal mich dabei einige persönliche Parallelen anrührten: Wie Modick, nur 15 Jahre später, habe ich eine literaturwissenschaftliche Dissertation verfasst und dabei wesentlich mehr Spaß am Schreiben als an wissenschaftlicher Theorie gehabt, und Modicks Doktorvater Mandelkow bin ich in meinen beiden ersten Semestern auch noch begegnet: Er war es, der überhaupt erst mein Interesse an der wissenschaftlichen Seite der Literaturbetrachtung weckte, die dann einige Jahre mein berufliches Leben dominierte.
Ich las dann noch mehr von diesem Autor, viel Freude hatte ich auch an „Bestseller“, einer kolportagemäßig geschriebenen, aber hochkomischen Abrechnung mit dem Literaturbetrieb, in der er seinen Frust darüber ablässt, dass er, der beim „U“-Literatur-Schreiben immerhin noch Maß hält und es nicht übertreibt, ins Hintertreffen gerät gegenüber denen, die die Gruseligkeiten der jüngeren Vergangenheit recht skrupellos zu Lesefutter verarbeiten und das den Lesern dann auch noch als „e“ wie ernsthaft verkaufen, wie Hans Magnus Enzensberger z. B. mit seiner Anonyma oder dieser Frauen-Flüchtlings-Roman (den ich jetzt nicht namentlich erwähnen möchte, weil ich ihn nicht gelesen habe und nicht ganz ausschließen kann, dass er vielleicht doch nicht so schlecht ist). Auch viele von Modicks Büchern arbeiten nach dieser Methode: der Stoff die jüngere Vergangenheit, die Story eingängig, ein bisschen Bildung, ein bisschen Kolportage, ein bisschen Politik. Aber bei ihm ist es elegant („Sunset“), manchmal sogar richtig bewegend („Die Schatten der Ideen“) - und immer richtig klug.
Er weiß eben, wie’s funktioniert. Und dann wird man wahrscheinlich eben doch irgendwann schwach und sagt sich: Mit ein bisschen weniger Aufwand geht’s doch auch: Da nahm er die schöne Grundidee von „Sunset“: das gegensätzliche Künstlerpaar. Aus Feuchtwanger/Brecht wurden Vogeler/Rilke. Er machte es auch etwas eindeutiger, also platter (Rilke-Bashing kommt immer gut); am Ende noch genügend Worpswede-Folklore drangemischt: fertig. Und siehe da: Das Publikum liebt es. Mehr als seine besseren Bücher. Und da man bei Erfolg nie aufhören darf, sondern noch einen draufsetzen muss, kommt jetzt „Bestseller“ als Taschenbuch neu raus und tut so, als wäre es das nagelneue Werk „Vom Autor des Bestsellers „Konzert ohne Dichter“, wie das Cover verkündet (nirgends ein Hinweis auf die Erstveröffentlichung). Das funktioniert garantiert.
Sogar bei mir, der „Bestseller“ damals als Bibliotheksexemplar, also auf Staatskosten, las, und als ich es jetzt in der Buchhandlung liegen sah, kamen schöne Erinnerungen hoch – und ich habs mir jetzt doch gekauft und les es nochmal, mit Genuss.
Dabei ist es ein schwacher Trost, dass ich vor einigen Monaten auf dem Grabbeltisch mit den aussortierten Titeln der Bücherhallen nicht den dicken Roman von der „Mittagsfrau“ kaufte für einen Euro, sondern Modicks schmales Bändchen „Moos“, das sich dann zwar nicht als das große Kunstwerk darstellte, als das er es selbst in seinem Essay angepriesen hatte, aber doch als ein qualitätvolles, kluges, sympathisches Buch, kein Geniestreich, sondern solides, ehrliches Mittelmaß. Warum liest man nicht mehr davon?

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Montag, 26. Oktober 2015
Traum von glänzender Nebensächlickeit
Heute Nacht im Traum stand ich als Abiturient im Vestibül der Schule, das die Form einer dunklen Felsenhöhle hatte. Ich sollte die Gäste begrüßen, die da aus dem Hellen hereinkamen. Der Erste, der kam, war Frank-Walter Steinmeier. Er erkannte mich, begrüßte mich freundlich und sagte einen netten Satz über mein hoffnungsvolles Talent und ging dann weiter in die Höhle. Im Hintergrund hörte ich ihn der Direktorin wiederum meine Fähigkeiten loben.
Aber dann kam von der Seite, aus dem Dunkel, meine Klassenkameradin und ich sah ihre Zukunft vor mir: Sie würde mit Freunden ein Nachrichtenportal im Internet gründen, damit landesweit berühmt werden, jedoch später in Zeiten der Zeitungskrise, pleitegehen und eine neue, unspektakuläre Berufskarriere starten müssen. Da wusste ich, dass auch ich nicht berühmt würde.
In der Wirklichkeit habe ich gerade nach dem Filmbesuch eine spannende, sehr aufschlussreiche Biografie über Fritz Bauer gelesen, die aber dennoch einige tendenziöse Aspekte enthielt. Ich wunderte mich erst, dass so ein kluges, korrektes Buch an unerwarteteten Stellen doch so eine Schlagseite bekommt und nicht mehr ganz aufrecht durch die Meere schifft. Aber natürlich: Als ich im Internet nachlas, wurde bald klar, dass das Buch sich natürlich in einer aufgeheizten kulturpolitischen Debatte positioniert und entsprechend bewusst Schwerpunkte setzen muss. An sich ein recht überflüssiger Streit: Es geht darum, ob das Andenken an Fritz Bauer, ohne Zweifel einen Held (man googele nach), nun eher traditionell antifaschistisch geehrt werden soll oder ob man nach neuer Mode eher das Judentum und das Homosexuelle an ihm betont. Ich beneide einfach die Menschen, die sich mit solch herrlichen Nebensächlichkeiten ihren Lebensunterhalt verdienen dürfen.
Mich selber hat der Weg nicht in diese Gefilde der Kulturdebatten geführt, und ich bin ihn auch nicht gegangen. Ich bringe jungen Menschen bei, wie man Kommas setzt, wie man einen vernünftigen Text schreibt oder einen Zeitungsartikel versteht – in meinen Augen eine grundsolide Arbeit, leider schlecht bezahlt (im Vergleich zu meinen Kollegen an der staatlichen Schule) und vor allem völlig unspektakulär. Ins Licht der fröhlichen Belanglosigkeiten werde ich wohl nie gelangen.

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Samstag, 3. Oktober 2015
Je eine Buchempfehlung zum Jahrestag der deutschen Einheit
Vor ein paar Tagen im Deutschlandfunk gab es eine Reportage über ein Schulprojekt irgendwo in Hessen, bei denen die Schüler den DDR-Alltag mit Fahnenappell usw. nachspielen konnten, denn – so die ossigeborene Lehrerin – man müsse schon in die Vergangenheit eintauchen, um den Ost-West-Gegensatz zu erleben, heutzutage gebe es da ja keine nennenswerten Unterschiede mehr. Vermutlich hatte sie dabei Supermarktregale und Werbeflächen im Auge, die sich tatsächlich in ganz Deutschland (und darüber hinaus) so ziemlich gleichen – und nicht etwa Vermögensverhältnisse. Schließlich hat man als DDR-Bürger ja gelernt, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse jenseits des öffentlich gepflegten Diskurses unter keinen Umständen thematisiert werden dürfen.
Na ja, aber mal Lästerei beiseite (es ist doch eigentlich normal, dass politische Aufklärung in der Schule zu allerletzt ankommt): Das Schöne an der vergangenen Zeit seit 1989 ist doch, dass sich die Wogen der Aufregung glätten und man beginnen kann, normal über die Dinge zu reden. Jens Wonneberger hat mit seinem aktuellen Roman „Sture Hunde“ etwas geschafft, das er noch 1999 mit seinem als Wenderoman gedachten „Wiesinger“ verfehlte: die Lebensverhältnisse in der ostdeutschen Provinz darzustellen und dabei die historisch-politische Situation weder zu verschweigen noch zu romantisieren – sie ist einfach dabei, wie ja die Vergangenheit bei uns allen Teil der Gegenwart ist. In „Sture Hunde“ geht es um einen Mann, der aus dem Dorf in Stadt gegangen ist, ohne sich dort je zu verwurzeln, und der nun zurück in sein Dorf, seine Heimat kommt, wo jeder Grashalm mit Bedeutung aufgeladen ist und warme Gefühle auslöst, ganz zu schweigen von den alten Kumpels oder gar der Nachbarin und Jugendfreundin. Und der am Ende wieder von dort weggeht, obwohl er nirgendwo anders heimisch sein kann. Sehr treffend. Besonders gut: die subtile Schilderung der Art, wie politische Vergangenheit Teil der Persönlichkeiten wird – der Enkel des LPG-Gründers hat eine andere Ausstrahlung als der Sohn des Gastwirts, der alte Landbesitzer bewegt sich anders als der Bürgermeister oder der Treckerfahrer – und das, obwohl sie in erster Linie individuelle Charaktere haben, ihr gesellschaftlicher Habitus nur ein kleiner Teil der jeweiligen Persönlichkeit ist.
„Sture Hunde“ ist übrigens im Jahr 2012 erschienen, im selben Jahr wie das westdeutsche Dorf-Buch, das ich ebenfalls in den letzten Wochen gelesen habe: „Brandhagen“ von Hinrich von Haaren. Auch dieses Buch ist sprachlich so qualitätvoll, dass es wohl nie auf irgendeine Bestsellerliste kommen wird. Auch hier wird der Mikrokosmos eines Dorfes treffend und genau beschrieben bis in die Einzelheiten kleinster Gewohnheiten, verschwiegenster Geheimnisse. Aber der Fokus ist ganz anders, westdeutsch eben: Es geht um Familienstrukturen und Geschlechterverhältnisse. Politisches, gar Historisches spielt gar keine Rolle, was natürlich die Verwerfungen der Sexualität inklusive der Konsequenzen im dörflichen Zusammenleben noch einmal größer und bedrohlicher werden lässt. Entsprechend ist es in diesem Buch gar keine Frage (wie in „Sture Hunde“), sondern eine Selbstverständlichkeit, dass man das Dorf verlässt: Der Autor von „Brandhagen“ lebt jetzt in London, das man als Metropole des europäischen Finanzkapitals kennt – der Autor von „Sture Hunde“ wohnt dagegen in Dresden, das im Moment eher mit Pegida assoziiert wird.

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