Donnerstag, 21. Juli 2016
Ist Toni Erdmann ein guter Vater?
Wer den Mann nicht kennt, darf jetzt ruhig weiterklicken – ich jedenfalls habe „Toni Erdmann“ heute Abend gesehen: An einem lauen Sommerabend bin ich nach Ottensen reingeradelt – der Alma-Wartenberg-Platz schwirrte vom Geplauder und Gelächter der Freilichttrinker – und hab mir den Film von Maren Ade im Zeisekino angesehen. Nach den Geniestreichen „Der Wald vor lauter Bäumen“ und „Alle anderen“ waren meine Erwartungen sehr hoch und wurden dann doch ein bisschen enttäuscht, trotz der vielen wunderbar schrägen, klugen, komisch-peinlichen Szenen, die der Film auch enthält.
Es geht um eine junge deutsche Businessfrau, die in Rumänien auf die perverseste Art den Globalisierungsdiener gibt und dort von ihrem Vater, einem 68er-mäßigen Loser und Witzbold, heimgesucht wird. Verkleidet als ein Horst Schlämmer ähnlicher „Coach“ namens Toni Erdmann mischt er sich in ihre Geschäftsverhandlungen und macht alles lustvoll aggressiv zunichte. Am Ende versöhnen sich natürlich Vater und Tochter.
So banal kann man den Film auffassen, und dass man das kann, ist seine große Schwäche. Natürlich ist Maren Ade klug, viel klüger als diese Story. Sie zeigt genau, was hier abgeht: wie sehr sich Vater und Tochter gleichen: die Clownerien des Vaters sind nicht weniger plump und verlogen als das Businessgebaren der Tochter; wie sehr ein Machtgefüge das Geschehen beherrscht: Die Arroganz der Oberschicht gegenüber der Mittelschicht („Ich lebe in Frankfurt und Paris, es ist schön, in Ländern mit Mittelschicht zu leben – das entspannt.“) wiederholt sich in der Arroganz der Mittelschicht gegenüber der Unterschicht (die Tochter schikaniert die Rumänen, der Vater bringt ihnen nur hilflose Höflichkeit entgegen) usw.
Und vor allem zeigt sie, dass die Tochter, die hier ihre Identität, ihre Würde viel zu billig an moralisch fragwürdige Firmen verkauft, ja gar nicht anders kann. Ihr Vater, der 68er, ist ein Clown, ein Provokateur, ein ewig Pubertierender. Von ihm hat sie keine Richtschnur fürs Leben bekommen können. Und jetzt, im Lebensherbst, ist er ein Einsamer, ein Verzweifelter, jemand, mit dem man Mitgefühl haben kann und muss, aber erst recht niemand, der einem etwas fürs Leben mitgeben kann.
All diese wichtigen Aspekte deutet die kluge Regisseurin in ihrem Film an. Schade, dass sie sie am Ende einer kitschigen Story opfert.

Nachsatz und Zurücknahme: Wenn Sie meinen Text gelesen haben, haben Sie sicher bemerkt, wie ich mir selbst widerspreche: Natürlich kann der Film gar nicht banal sein, da er ja doch, wie ich betonte, genau und konkret ist. Und eine "kitschige Story" - nun, die muss er ja haben, sonst wärs ja keine Komödie!
Dass ich gestern Abend dennoch leicht gestresst aus dem Kino kam und daher Lust hatte, ein bisschen im Netz abzunörgeln - das hatte vermutlich einen einfacheren Grund: Der Fim ist eine halbe Stunde zu lang. Das nervt. Ich finde, Filme sollten 80 bis 100 Minuten dauern, ein außerordentlich guter Film (wie dieser) darfs auch auf 2 Stunden bringen. 162 Minuten sind zu viel.
Na ja, aber einen Tag später ist diese kleine Pubikumsquälerei vergessen, und ich erinnere nur noch die Fülle wunderbarer Filmmomente (Das einsame Kleidanziehen mit der Gabel! Der Spermawurf aufs Petitfour! Die zarte Szene mit dem Tod des Hundes! usw.) und nachdenkenswerter Aspekte. Gehen Sie ins Kino, wenn Sie noch nicht da waren!

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Donnerstag, 23. Juni 2016
Erster Ausflug
Es ist bescheuert: Nie mag ich mich festlegen, ich hasse Pläne und singe ein Hohelied auf die Flexibilität, aber das Ende vom Lied ist, dass andere über meine Termine bestimmen.
So war es auch mit meiner ersten Wohnmobilreise: Für eine Ferienwoche geplant, wurde nur ein kurzer Ausflug daraus; es waren Besorgungen zu machen, wir konnten erst Dienstagmittag los, und Donnerstagabend mussten wir schon in Potsdam sein, wollten wir nicht alle sein (Eltern, Schwäger, eine alte Schulfreundin) verärgern. Die paar Stunden aber, die damals jr. und ich (meine Frau musste arbeiten) wirklich unterwegs waren, die waren es wert.
Wir begannen die Tour bei S*-Gas bei uns um die Ecke, eine neue Gasflasche kaufen. Problemlos (den passenden Schlüssel für die Installation konnte man am Tresen günstig hinzukaufen). Dann ab in den Norden. Das Navi empfahl die Autobahn nach Lübeck und dann die A20; ich zwang es aber, über Mölln zu fahren, da ich erinnerte, wie hübsch das Städtchen hinterm See über der Bundesstraße lagert. Und wurde belohnt: die letzten sieben Kilometer schickte uns das Navi über winzige Feldwege, dann kamen wir an: Der über Landvergnügen avisierte Hof (18.Jahrhundert, Reetdach, Storchennest) lag in einem 15-Häuser-Dörfchen in malerischer Hügellandschaft,

Wurde betrieben von zwei Frauen und kostete uns drei Euro für Klo und Dusche, die sich spartanisch, aber sauber in einem Bauwagen hinterm Haus befanden. Es gab Ziegen, Schweine, eine sehr zutrauliche Katze,

(die interessiert unser Wohnmobil durchstrolchte) und ansonsten: sagenhafte Ruhe. Genau das, was der gestresste Großstädter sich wünscht.
Als es dunkel wurde, stellte sich heraus, dass der Stromkreis mit der Beleuchtung nicht geht. Damals jr. und ich durchforsteten die von Vorbesitzern gezogenen Strippen und konnten den Fehler tatsächlich schnell beheben: Stolz.
Am nächsten Morgen wollte ich wiederum die A20 vermeiden, es zog mich nach Grevesmühlen,


das ich zuletzt vor 20 Jahren mit dem Moped besucht hatte, in einer vergeblichen erotischen Bemühung. Dass es ein Zentrum der Rechten sein soll, sieht man dem idyllischen Örtchen nicht an.

Dann weiter nach Wismar, dem Schauplatz von „Sansibar oder der letzte Grund“, damals ein wichtiges Buch für mich, wie für viele Kommunismus-Abtrünnige. Wir fuhren aufs Dach der berühmten Georgenkirche und aßen zu teuer am Markt in einem „Steigenberger“-Ableger. Dann deckten wir uns mit Literatur ein und machten irgendwo draußen in der Pampa eine Lesepause am Tümpelufer: Er hatte sich für Gregs Tagebuch, Teil 10, entschieden, ich für das aktuelle „Magazin“, das ich als durchaus lesenswert und deutlich besser als zu Ostzeiten empfand.
Nächste Übernachtung im weiträumigen Park eines Herrenhauses nahe Güstrow, das jetzt als Tagungshotel genutzt wird. Hier gab es sogar Strom umsonst.

Dafür keine Duschen, nur die schnieke Toilette der im Haupthaus einlogierten BWLer. Und einen frei verfügbaren Äppelkahn für eine Tour über den Dorfteich.
Letzter Tag: Nach 100 km Autobahn und nochmals ewig über Alleen: Ribbeck (Fontane!), das hatte ich mir gewünscht (wegen „Sonja “ von Judith Herrmann und weil ich bei der letzten Durchfahrt durch den Ort – nachts 1984 mit einer Militärkolonne – nicht anhalten durfte) War nicht so spannend. Wir fuhren weiter nach Potsdam und sortierten uns ins Chaos meiner immer noch großbürgerlich wohnenden,

aber zunehmend umständlich bis widersinnig agierenden Eltern. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Dienstag, 14. Juni 2016
Kapitalismus verdirbt den Charakter ...
... und zwar sowohl der realsozialistische Kapitalismus wie auch der westlich-demokratische – insofern ist es völlig egal, ob die chinesische Wirtschaft künftig den Titel „Marktwirtschaft“ tragen darf: Denn wieso sollten kapitalistische Dumping-Tricksereien im Namen des Staatssozialismus gefährlicher sein als dieselben Tricksereien, wenn sie nur unter dem Label „Marktwirtschaft“ firmieren?
Na ja, das ist aber große Politik, das sollen Leute entscheiden, die sich dazu berufen fühlen. Ich berichte lieber aus meinem kleinbürgerlichen Umfeld, und da ist es eindeutig, was dieses Wirtschaftssystem anrichtet: Es bewegt nämlich Menschen, ihr persönliches Glück, ihren persönlichen Stolz herzugeben für irgendwelche finanziellen Interessen, die in der Regel auch nicht zu nennenswertem Reichtum und schon gar nicht zu einem lebenswerten Leben verhelfen.
Beispiel 1: Ein Ossi-Schicksal, wie es im Buche steht. Er übte in der DDR einen staatsnahen Beruf aus, 1990 arbeitslos, Umschulung zum BWLer, so sein Bericht. „Und was machst du jetzt so beruflich?“ fragt einer aus der bierseligen Männerrunde. „Für die Kapitalisten das Geld zählen!“ kommt prompt und zähneknirschend die Antwort voll unterdrückter Aggressivität. Ein unglücklicher Mensch. Warum tut er sich das an, die Tätigkeit, wenn er sie hasst? Ich fürchte, weil er glaubt, sich verleugnen zu müssen, um Geld zu verdienen.
Beispiel 2: Diesmal ein eher familiärer Kreis. Mehrere Elternpaare mit Einzelkindern. Eine Mutter berichtet, dass sie just ihren Job verlor, kurz bevor die Tochter aufs Gymnasium kam, und da ihr Mann sehr gut verdient, ließ sie sich halt Zeit mit dem Finden einer neuen Arbeit, stand der Tochter bei beim Übergang in die neue Schule und fing erst kürzlich wieder an zu arbeiten. Darauf eine andere Mutter hinter vorgehaltener Hand und voller Neid: „Na ja, wenn da so viel Geld da ist, da kannst du natürlich viel mehr rausholen aus deinem Kind.“ Rausholen?! Ich fass es nicht. Wie kann jemand, der selber Mutter ist, sich selbst so sehr entwerten und mütterliche Liebe und Fürsorge (wie auch immer man diese bewertet) als profitorientierte Produktentwicklung missverstehen?!
Wie gesagt: Kapitalismus verdirbt den Charakter.

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Sonntag, 5. Juni 2016
Woran erkennt man die Krise der Demokratie?
arboretum stellt ja gerne "Fragen der Menschhheit". Ich habe heute eine Frage der Menschheit in Deutschland:
Woran erkennt man die Krise der Demokratie hier? Am Erscheinen der AfD oder doch eher am Verschwinden der FDP?
Ich meine (wie Sie schon an der Fragestellung merken), dass ein bisschen Provokation und Bewegung an den politischen Rändern einer Demokratie nicht schadet, ja sie vielleicht eher belebt. Schlimmer ist es, wenn der liberale Kern fehlt. Die FDP hat sich binnen eines Jahrzehnts von einer teils rechts-, teils linksliberalen Partei erst zu einer Lobbygruppierung und dann zu so einer typischen egoistischen Splittergruppe entwickelt. Und bei den Parteien, die sich Parteien der Mitte nennen, kann ich auch wenig Interesse für bürgerrechtliche Fragen finden. Wie soll eine Demokratie funktionieren, in der ein liberales Klima und Bürgerfreiheiten wie selbstverständlich ökonomischen, bürokratischen oder ideologischen Erfordernissen untergeordnet werden?
(Da ist es doch logisch, dass auch die an den politischen Rändern keine Lust mehr haben, sich an liberale Regeln des Miteinander zu halten.)

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Dienstag, 31. Mai 2016
„...überall ist Matrial“
Im Frühjahr 1990, als wir Ostdeutschen langsam begriffen, was sich verändert, wenn die Welt sich öffnet, da sagte M., Kunstwissenschaftsstudentin, ihr Freund war bildender Künstler: „Das ist furchtbar: Es gibt ja so viele Geschichten, so viele Bilder, so viele Kunstwerke – das ergibt überhaupt keinen Sinn, noch irgendwie kreativ sein zu wollen. Es ist sowieso schon von allem zu viel da.“ Ich antwortete: "Das ist doch Quatsch. Was kümmern dich die Geschichten der anderen?" Aber insgeheim pflichtete ich ihr bei. Nachdem es im Osten darauf angekommen war, Bücher, Lesestoff überhaupt in die Hand zu bekommen (sei es ein Roman von Solschenyzin oder auch nur Kafka oder sogar bloß einfach ein Lehrbuch aus der Bibliothek, das zwanzig andere Studenten auch grad haben wollten), gab es jetzt einfach zu viel an Information und obendrein konnte man alles für wenig Geld kopieren. Als mir zum ersten Mal ein solcher Stapel mit Kopien aus diversen Büchern runterfiel und ich ihn nicht mehr geordnet bekam, da verstand ich auf einmal die Überzeugung der Postmodernen, dass inhaltlicher Sinn keine Rolle spiele.
Es war etwa in derselben Zeit, dass ich die Musik von Rio Reiser kennenlernte: Es gab da eine Party am Großneumarkt anlässlich der ersten freien Kommunalwahlen in der DDR, deren Ergebnis hier in Hamburg niemand verstand außer mir. Da sang Rio Reiser. Mich beeindruckte vor allem eine Zeile, die mir bis heute die treffendste Beschreibung der alten Bundesrepublik ist: „Wände aus Beton und Stahl, überall ist Matrial.“
Und mit der Digitalisierung ist es noch schlimmer geworden: Am Wochenende hatte meine Frau Geburtstag, und da wir beide k.o. und arbeitsüberlastet sind grade, wünschte sie sich nichts als ein Kuchenessen im Freien. Als also das Wetter wider Erwarten schön wurde, ging sie nach unten und fragte D., die Erdgeschossmieterin, ob wir da ein paar Stunden sitzen können. Na klar. D. setzte sich auf eine Kaffeetassenlänge dazu, es gab eine Torte vom Bäcker und dann kam noch unser Lieblingsnachbarpärchen und ein Paar aus dem Freundeskreis. Die Sonne schien und die diversen Kinder fanden trotz sehr unterschiedlichen Alters einen harmonischen Spielmodus. Eigentlich wunderbar.
Nur ich erlag der Versuchung, alles fotografisch dokumentieren zu wollen. Ich löschte zwar noch abends diszipliniert 30 der 50 wahllos getätigten Schnappschüsse, aber jetzt lagern also immer noch wieder 20 neue Dateien auf der Festplatte. Zwei oder drei bräuchte man. In Papier. Und wer nimmt sich die Zeit, die auszuwählen, auszudrucken?
Bei der Arbeit dasselbe: Wir haben da eine schwere, kraftraubende Aufgabe und weder die Mitarbeiter noch die Vorgesetzten wissen schon genau, ob und wie das alles funktionieren wird. Also holt man sich Hilfe und vernetzt sich, wie man das halt so macht in Westdeutschland: Täglich werd ich überschüttet mit Links und PDFs und Literaturhinweisen, von denen sicher viele sinnvoll sind. Aber wie, wann das alles lesen? Und vor allem: Mein Versuch, mir einen Überblick zu verschaffen, er führt nur dazu, noch mehr ins Schwimmen zu geraten, noch mehr den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Überfülle an Material macht die panische Angst, es nicht zu schaffen, nur noch größer, anstatt sie zu lindern. Wirklich etwas schaffen tue ich nur in den Momenten, in denen es mir gelingt, das Material zu vergessen, einfach ohne nachzudenken produktiv zu sein, zu arbeiten, als käme es nur auf mich an.
Ob es den anderen auch so geht? Ich weiß es nicht. Ich bin über fünfzig und in der Probezeit, also halt ich schön meine Klappe. Und sehne mich nach Ruhe, nach weniger Material, nach Bodenhaftung.
„Genug ist nicht genug“? Nein! Es ist zu viel.

P.S. Das Internet belehrt mich, dass ich den Ton-Steine-Scherben -Text ganz falsch verstanden habe (richtig soll es heißen: "müde alles Material") - nun, es hört eben jeder, was er glaubt.

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Montag, 9. Mai 2016
Auch Madame Tussauds ist lehrreich
Familienurlaub heißt immer auch Kinderprogramm. Aber nun sage man nicht, „Madame Tussauds“, das sei blöde Unterhaltung und einfach stumpfsinnig. Denkanstöße gibt es auch da. Meine Frau betrachtete sich z.B. die wächserne Taille von Herzogin Kate aus der Nähe und fragte sich, ob ein derart bulimischer Körper tatsächlich lebensfähig sein könnte. Ich blieb bei Audrey Hepburn stehen und überlegte, was diese verschleierte Frau wohl träumen mag: Hasst sie das christliche Abendland und sein Schönheitsideal oder eher im Gegenteil?


Na, und dann dachte ich noch, wie unrecht Sigmar Gabriel hat, wenn er meint, man solle die Politik doch lieber anhand der Inhalte beurteilen anstatt anhand der Personen. Bei Madame Tussauds lernt man, dass das Äußere schon einiges aussagt: Welchem ideologischen Führer würden Sie folgen? A (wie Atatürk), dessen Blick das ganze „Ich weiß Bescheid und ihr dumme Masse müsst mir folgen“ ausstrahlt? Oder lieber B mit seinem „Die Welt ist schön, wenn man nur richtig verdrängt!“?


Oder dann doch lieber C: „Ich weiß nicht, ob sich das wirklich lohnt, die vielen Gefängnisjahre, aber ich halts jetzt einfach durch, vielleicht folgt mir ja jemand.“? Oder D, dem ganz offensichtlich ein irrationaler Glaube die Kraft gibt, dieses Jammertal Welt würdig zu durchschreiten?


Ich persönlich neige ja zu C und noch mehr zu D. Madame Tussaud lehrt einen, den Ideologen ins Gesicht zu sehen, ihnen die Wahrheit aus dem Gesicht abzulesen.

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Montag, 11. April 2016
Mal ganz was Banales: Kraftfahrzeuge (aber andere schreiben ja auch über Fahrräder)
Es fing damit an, das meine Mutter mich fragte: Sie würden mir gern etwas schenken zum erfolgreichen Studienabschluss, ob ich denn einen Wunsch hätte. Eigentlich nicht. Ich musste lange überlegen, bis ein längst vergessener Wunsch aus der Jugendzeit wieder auftauchte: ein Moped. Das fanden meine Eltern natürlich blöd, sie hatten aber eine wunderbare Kompromissidee: Während ich das Interesse am Nachholen versäumten Jugendlebens hatte, hatten sie das Interesse an meinem bürgerlichem Fortkommen – sie schenkten mir den Autoführerschein, das passende Moped müsse ich mir selber kaufen. Und das tat ich. Mein Jugendfreund S., inzwischen Zahnarzt in der brandenburgischen Provinz, wollte seinen Roller loswerden, nachdem er einmal mit Sandalen hässlich gestürzt war. Ich durfte mir das Gerät abholen aus einem Schuppen in Berlin-Friedrichshagen – und fuhr es dann zwei Jahre lang, bis es völlig hinüber war.

Der nächste Schritt war natürlich ein Motorrad. Freunde entsetzten sich über das machohafte Teil, ich selbst auch: Ich fiel zweimal durch die Prüfung, wie um mir zu beweisen, dass das nicht meins wär. Aber als ichs dann hatte, fuhr ich sommers wie winters damit, und auch der Warnhinweis des Verkäufers („Das ist alt, das ist was für Schrauber.“) bewahrheitete sich nicht – meine Werkstatt kriegte es immer zu erträglichen Preisen hin.

Das Motorrad führte mich nicht nur zu L. nach Leer, der ich Schlimmes zu beichten hatte, auch zu ? In Hamburg, die meine Freundin wurde, und als unser Sohn geboren wurde und das Motorrad kaum noch ansprang und immer mehr Öl verlor, da ermunterte sie mich, das altersschwache Teil noch gegen ein neueres einzutauschen. Was natürlich Quatsch war. Ich hab das neue Motorrad nach wenigen Monaten verlustreich verkauft: Vater und Motorrad, das passt nicht.
Stattdessen – die berufliche Laufbahn ging immer weiter den Bach runter – nutzte ich 5000 Euro aus einer Abfindung, um für die Familie einen Kangoo zu kaufen. Über dem Verkaufsbüro des Autohändlers prangte ein großes Schild „Orientalische Lebensmittel“ und verrostet sah das Ding von unten auch aus – aber vier Jahre lang war es unser Schiff und Symbol der Familie, die eigentlich vierköpfig werden sollte.

Daraus wurde nichts und dem Kangoo brach die Achse, als sie durchgerostet war. Wir kauften einen billigen, aber technisch total in-ordnungen, etwas ps-schwachen Ford. Ein Auto für alle Fälle: selten kaputt, wenns sein muss, schafft er es auch voll beladen über die Alpen nach Kroatien, wenn man die Sitze umklappt, passt eine Ladung Flohmarkt rein und in Frankreich war er auch schon mit uns und dem Zelt. Nur hässlich ist er halt. Schwarz und langweilig wie alle diese kleinen Autos.
Als dann zwei Straßen weiter das Wohnmobil am Straßenrand stand mit einem Zettel im Fenster „zu verkaufen“, redete mir meine Liebste zu, obwohl wir uns das eigentlich nicht leisten können: Sie weiß, allein würd ichs nie wagen. Ich liebte ihn auf den ersten Blick. Trotz oder wegen seiner Roststellen und weil er so alt ist und noch richtig nach Blech aussieht und nicht nach Plastik+Elektronik. Und jetzt hab ich ihn. Meine Frau mag ihn nicht, nur meine Freude an ihm. Technisch ist er wohl so weit fit, nachdem plötzlich mein zehn Jahre älterer Cousin wieder in meinem Leben aufgetaucht ist, ein LKW-Fahrer, der einen ukrainischen Schrauber kennt, der für 1000 Euro das Gröbste ausbügelte. Heute habe ich zwei Stunden lang die Markise geschrubbt, die völlig vermodert war.

Ich kann die erste Tour kaum erwarten: Im Mai soll es zwei Tage durch Brandenburg gehen, so als erstes Anschnuppern.

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Mittwoch, 6. April 2016
Über die NSU-Filme
In den letzten Tagen liefen drei Fernsehfilme, die den NSU-Krimi zum Thema hatten. Ich hatte mich im Vorfeld gefragt: Gleich drei Filme - ist das nicht ein bisschen viel? Aber das war schon ganz richtig so: Wie sonst soll man dieses monsterhafte Thema (monsterhaft aufgrund des ihm reichlich innewohnenden Bösen, aufgrund der vielen erschreckenden Unklarheiten und seines Reichtums an Abstrusitäten) - wie soll man dieses Thema in 20.15-Uhr-gerechtes Fernsehen überführen? Das ist doch nur möglich, indem man es aufsplittet.
Und so gab es eben verschiedene Arten von Kitsch - für jede Zielgruppe etwas. Zunächst den Kitsch in der Tradition des Milieufilms, bei dem die NSU-Terroristen im Grunde Opfer der Umstände sind. Entsprechend wird Beate Zschäpes Unterschichtenherkunft in den Mittelpunkt gestellt. Da kommen die Linken dann aus dem Westen und sind nur was für Gymnasiasten und brave Bürger - die Rechten kommen dagegen ganz eigenständig aus besagter Unterschicht und ihre Gewalttätigkeit kommt aus der Verzweiflung.
Als Nächstes gab es dann den Migrantenkitsch in 68er-Tradition, der alles ideologisch begründet und den NSU letztendlich als Produkt einer sowieso schon latent rechten deutschen Gesellschaft ansieht. Das ging natürlich nur, wenn man das ossihafte Opfer Michele Kiesewtter weglässt.
Na, und heute endlich den Kitsch der Aufrichtigkeit, der ganz im Gegenteil zum zweiten Teil die rechtsradikalen Tendenzen in den Behörden herunterspielte und stattdessen den Thüringer Verfassungsschutz einfach als arrogant, fahrlässig und dekadent-westdeutsch darstellte und ihm einen aufrechten Polizisten gegenüberstellte mit dem Gesicht von Florian Lukas.
Da hatten sie mich. Das ist der Kitsch, bei dem ich schwach werde, gebannt vor dem Fernseher sitze und alles glaube. War der Film nun wirklich dichter an der Wahrheit oder nur dichter an der Wahrheit, für die ich mich interessiere? Mein Bauch jedenfalls sagte "Stimmt! Ich verstehe." (da war ja sogar der mysteriöse Auto-Tod des Heilbronner Polizeiinformanten glaubhaft, sinn- und effektvoll in die Handlung eingebunden), mehr als bei der etwas spiegel-tv-mäßigen Doku von Stefan Aust, die hinterher kam.

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Sonntag, 28. Februar 2016
Die Tristesse von "Auerhaus"
Ein Tag allein zu Hause, Auftrag: neues Regal in die Kammer dübeln. Habe Stunden dafür gebraucht und fühlte mich hilflos. (Hätt ich den Humor von nnier, dann hätte ich Ihnen hier einen schönen Fotobericht diverser Katastrophen posten können.) Ansonsten rumgehangen und „Auerhaus“ zuende gelesen. Macht einen noch trübsinniger. Ich wollte erst einen Verriss schreiben à la „fehlende soziale Dimension“, war dann aber doch eher traurig. Das passt schon, was da beschrieben ist, das ist ganz stimmig. „Sehr westdeutsch“, meinte mark793 ganz richtig: diese Leere unter brüchigem Firnis von Rest-Linkssein (man ist gegen die Bundeswehr und die Polizei, klaut im Supermarkt, aber möglichst nicht im Buchladen).
Das Buch beschreibt eine WG von ein paar Jugendlichen in den 80ern in der westdeutschen Provinz und kreist um die zentrale Erkenntnis: Wer in dieser Zeit, in dieser Generation relativ noch am meisten durchblickte, das waren die Verrückte und vor allem der Selbstmordkandidat. Die am Ende aus der Geschichte ausscheiden, durch Gefängnisaufenthalt bzw. Tod. Nur die ganz Ahnungslosen schaffen es, sich in ein normales Leben hinüberzuretten. Gut beobachtet.
Mich erinnerte das an meine Studienzeit in Bremen Anfang der 90er. Ich hatte dort einen Freund, der eigentlich nie so richtig mein Freund wurde, weil wir uns nie nahe kamen, obwohl wir ständig zusammen rumhingen. Eines Tages kam ich wie oft in seine WG und fragte: „Wo ist denn I?“. Entgeistert sah mich X. an: „Ich dachte, du bist sein bester Freund. I. ist in der Psychiatrie. Komisch, dass du das nicht weißt.“ Später kam er wieder raus und wir lebten weiter so unpersönlich mit- und nebeneinander her. Bis ich von Bremen wegging und der Kontakt abbrach. Es war eine tote, eine leere Zeit. Ein Auerhaus hätte das vielleicht gelindert. Grundsätzlich anders wär es nicht gewesen, wie ich jetzt in diesem Buch nachlesen konnte. Schade.
Irgendwie ist unsere Zeit jetzt schöner. Trotz rechtem Zeitgeist und drohender Katastrophen rings um das Wohlstandsland Deutschland. Oder vielleicht sogar deshalb. Vielleicht brauchen die Menschen ein bisschen Stress, um zu sich zu kommen.

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Samstag, 13. Februar 2016
Der 50. Geburtstag
Eigentlich wollte ich heute über den Film von gestern Abend ablästern ("Nacht ohne Morgen": tolle Kamera, eindringliche Stimmungen, aber ansonsten die übliche Thriller-Macho-Sauce), aber nicht eigentlich steht mir der Sinn grad eher nach Tagebuch-Besinnungstexten - wo sonst darf man sowas noch mit über 50, wenn nicht hier auf blogger.de, wo jeder sabbelt, was er will.
Also, es ist ja ein magisches Datum nach den Ritualen unserer Kultur, der Tag, an dem man das Lebensalter von exakt fünfzig Jahren erreicht hat. Da wir unser Dasein als einen "Lebensweg" begreifen und entsprechend eifrig bemüht sind, die Zufälligkeiten des Selbsterlebten in eine irgendwie logisch klingende chronologische Ordnung zu bringen, eine erzählbare Geschichte daraus zu machen, brauchen wir natürlich auch einen dramaturgischen Höhepunkt, und der wird üblicherweise auf das Alter von 50 gesetzt und am Tag des 50. Geburtstages symbolisch gefeiert. In diesem Alter hat man ja in aller Regel die Selbststilisierung des Ich so weit abgeschlossen und gefestigt, oft auch erwachsene Kinder, berufliche Erfolge und materiellen Besitz vorzuweisen, auf dass man sich nach dem Motto "mein Haus, meine Familie, mein Lebensstil" feiern lassen kann. (Ein Freund und Nachbar erzählte nicht ganz ohne Neid von einem Berliner Freund, der die Geburtstagsgesellschaft zu einer Spree-Dampferfahrt mit Übernachtung einladen konnte - er selbst brachte es nur zu einem Grillfest auf dem Hof der Genossenschaftswohnanlage, auf der er immerhin zwei Kinder vorweisen konnte, die beruflich erfolgreicher sind als er selbst ...)
Und ich, ich habe eine Frau, die ein halbes Jahr älter ist als ich, und die hatte die Idee, dass wir doch zusammen feiern könnten (die Mitte zwischen unseren Geburtstagen fällt in den Sommer und bietet sich zum Feiern an). Ich fand die Idee so schön, dass ich sonst keine Wünsch mehr verspürte zu meinem Geburtstag. Für uns wäre so ein Gartenfest in dem eben erwähnten Hof durchaus etwas Glanzvolles: Wir haben beide eine Vorliebe fürs Kleinbürgerliche und zumindest ich zelebriere diese Vorliebe auch gern, während meine Frau mit ihrer Unfähigkeit, sich selbst zu feiern und ein bisschen anzugeben - da ist es überhaupt schon etwas Tolles, wenn sie sagt: "Ja, ich möchte viele Leute einladen." Also besorgten wir uns zwei Bierzeltgarnituren und ein Partyzelt (denn natürlich war die Hamburger Wetterprognose durchwachsen), und dann luden wir ein ...
Dass es dann doch anders kam, da bin ich gar nicht sicher, ob das gut war, wahrscheinlich schon. Jedenfalls regnete es an dem besagten Tag, die Gartenparty musste ausfallen. Wir verschoben alles schnell auf abends in unsere kleine Wohnung, richteten das Schlafzimmer als zusätzlichen Patryraum ein. Den aus dem Berliner Raum anreisenden Verwandten konnten wir nicht mehr absagen, sie kriegten als Ersatzprogramm einen Ausflug auf den Michel. wo es aber auch zugig und kalt kalt war. Dafür wurde die Party richtig schön: zwanzig Leute auf 67 Quadratmetern, das wurde richtig schön eng und studentisch.
Als Geschenke hatten wir uns kleine Lobhudeleien gewünscht, von denen tatsächlich auch einige entzückende eintrudelten, und als Höhepunkt des Abends kamen Beamer und Leinwand zum Einsatz und ich zeigte je zehn Fotos aus der Vergangenheit der zu Feiernden.
Es wurde eine enge und kleine Feier, enger und kleiner, als sie eh schon geplant war. Ich kann Ihnen auch versichern, das wir zum Leben, zum Dasein mehr Talent haben als zum Feiern desselben. Dennoch: Ich denke gern daran zurück, der Abend passte zu uns, denn es war nicht nur eng und klein, sondern auch intim und intensiv. Und wer weiß, nächsten Sommer, vielleicht holen wir die Bierbankgarnitur wieder raus.

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