Sonntag, 30. August 2026
Spekulative historische Vergleiche
Viele fürchten sich vor der AfD, obwohl sie wissen, dass das zu klein gedacht ist: Die AfD, wie sie jetzt auftritt, ist nur Teil eines (gedanklich wie geografisch) größeren Problems.

Viele ziehen den Vergleich zur Machtergreifung Hitlers. Und natürlich drängt sich der Vergleich auf. Ich habe selbst gerade zufällig (im Bücherschrank der Ferienwohnung in meinem Urlaub) ein uraltes Buch von Sebastian Haffner in die Hände bekommen, der zu dem Thema (u.a.) schrieb, dass die Gruppe um Schleicher (zu der ganz am Rande auch Adenauer gehörte) schon Jahre vor 1933 plante, das demokratische System abzuschaffen, nur halt idealerweise ohne Hitler, ganz auf eigene Regie. Notfalls dann eben mit Hitler, und so kam es dann zur Katastrophe. Auf heute übertragen muss man also froh sein, dass Figuren wie Spahn und Kubicki gerade eher wenig zu melden haben.

Im Gespräch kamen wir auf einen ganz anderen historischen Vergleich: den zur Zeit um 1500. Damals kam das mittelalterliche System vom Gottesgnadentum als Herrschaftsform an seine Grenzen, die progressiven neuen Bewegungen (von den Hussiten bis zu den Calvinisten) waren aber keineswegs antireligiös, ja meist noch frommer – genauso wie die große Gegenbewegung, die Gegenreformation (man denke an die Jesuiten oder die Inquisition), ja keineswegs nur anachronistische Leute von vorgestern waren, sondern modernen Ideen durchaus aufgeschlossen. Nur eben waren sie verbissene Verteidiger des alten Machtsystems.

So auch heute: Das Machtsystem von Aufklärung und Kapitalismus kommt derzeit an seine Grenzen, wie damals der Papst kämpft heute die Fossilindustrie verbissen darum, die absolute Vormachtstellung zu erhalten. Ihr Leitmotiv ist das von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, wobei Freiheit und Gleichheit vor allem für die (weißen, männlichen) Brüder gelten, da diese ja traditionell die Bescheidwisser und Inhaber der Vernunft sind – sprachlich auf den Punkt gebracht hat das einst Ole von Beust, als er meinte, wenn er wisse, dass er Recht hat, dann setze er das gegebenenfalls auch gegen eine irrende Mehrheit durch.

Die Progressiven von heute sind ebenso aufgeklärt wie ihre Gegner, ja in der Regel (ebenso wie ihre reformchristlichen Vorgänger aus der Reformationszeit) noch frömmere Aufklärer: Sie wollen Freiheit und Gleichheit für alle Menschen, haben das rechtlich weitestgehend auch schon durchgesetzt, ja, manche gehen noch weiter und reden von Tierrechten, ja von Rechten der Schöpfung insgesamt.

Dagegen formiert sich im Moment eine große, internationale Gegenreformation. Diese Gegenreformation ist nicht antidemokratisch, nicht antiaufklärerisch, ganz im Gegenteil. Nur will sie eben, wie das im 18. – 19. Jahrhundert üblich war, die Demokratie, die Aufklärung ganz exklusiv der alten weißen männlichen Elite erhalten. Wenn die AfDler sich für Demokraten halten, dann ist das kein Betrug – sie glauben das wirklich, dass die Demokratie nur erhalten bleiben kann, wenn sie in ihren Händen bleibt, denn nur sie als altdeutsch vernünftige Bescheidwisser haben die nötige Vernunft – die von früher.

Hoffen wir, dass das Ganze nicht wie nach 1500 in furchtbaren Kriegen endet, ehe sich dann der unaufhaltsame Fortschritt dann doch durchsetzt.

Oder hoffen wir noch besser, dass das alles Blödsinn ist, was ich hier zusammenspintisiert habe.

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Montag, 3. August 2026
Firmen
Wenn der Bundeskanzler autoritär seinen Willen durchsetzt, entgegnen ihm die Mit-Parteimitglieder, er könne eine Partei nicht führen wie eine Firma.

Und wenn Infantino autoritäre Gelüste kriegt, versucht er, die FIFA in eine Firma umzuteilen.

Ganz zu schweigen vom amerikanischen Präsidenten, dessen Familienfirma umso höhere Gewinne einfährt, je tiefer er sein Land in die K...e reitet.

Es scheint mir eindeutig: Firmen zu führen, wie eine Firma zu denken (also "wirtschaftlich vernünftig") bedeutet nichts anderes als: Nie wieder Mitbestimmung und Gewaltenteilung!

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Mittwoch, 24. Juni 2026
Wer trägt eigentlich welche Leistung?
Über das Wort "Leistungsträger" hab ich mich hier schon mal vor längerer Zeit echaffiert.

Heute hörte ich ich noch einmal ausdrücklich Folgendes, und zwar vom Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Kampeter. Der Deutschlandfunk zitiert ihn so:

Die Vergangenheit habe gezeigt, dass es nicht die Mühseligen und Beladenen gewesen seien, die die Rente mit 63 in Anspruch genommen hätten. Vielmehr seien den Betrieben viele Leistungsträger verloren gegangen.

Demnach gibt es Menschen, die mühselig und beladen sind, weil sie ihr Leben lang die Last einer Erwerbsarbeit tragen, die körperlich anstrengend ist (wie zum Beispiel Handwerk oder bezahlte Care-Arbeit). Und andererseits gibt es Menschen, die nur eine "Leistung" tragen (zum Beispiel die Beaufsichtigung der Erwerbsarbeit anderer), was irgendwie viel weniger anstrengend ist.

Kampeter fragt sich zu Recht, warum letztere oft schon mit 63 in Rente gehen können. Man könnte sich auch fragen, mit welchem Recht sie auch großzügiger entlohnt werden.

Und dann gibt es ja noch die, die die ganze Wertschöpfung besitzen, die die Beladenen erbringen und deren Beaufsichtigung sie den Leistungsträgern überlassen. Diese Arbeit - zu besitzen - wird noch großzügiger belohnt. Während ein großer Teil der Care-Arbeit gar nicht entlohnt wird.

Aber das wissen wir ja alle und leben mit dieser Normalität.

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Mittwoch, 27. Mai 2026
Brüder im Geist
Bei Frau Büüsker habe ich ich von einer aktuellen Abstimmung bei der UNO gelesen. Das Thema (Klimaschutz) fand ich jetzt nicht so spannend, da sie vermutlich eh folgenlos bleiben wird. Interessant ist aber die Liste der Staaten, die abgelehnt haben:

Belarus, Iran, Israel, Liberia, Russland, Saudi-Arabien, die USA und Yemen

Lassen Sie diese Aufzählung gern mal auf sich wirken und behalten Sie sie auf bei der Beurteilung aktueller geopolitischer Konflikte im Kopf.

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Montag, 4. Mai 2026
Timmy ist nicht allein
... denn ich habe im weiteren Bekanntenkreis einen Leidensgefährten von ihm entdeckt. Einen Menschen. Dessen Demenz so weit fortgeschritten ist, dass er nicht nur seine Umgebung nicht mehr erkennt, sondern nicht einmal mehr schlucken kann - er wird künstlich ernährt Seit längerer Zeit gibt er außer gelegentlicher Unruhe auch keine Lebenszeichen mehr von sich. Aber er wird von aufopferungsvollen Angehörigen und Pflegekräften am Leben erhalten. Sein Leben gerettet.

So sehen sie aus, diese sogenannten Rettungsmaßnahmen.

Hoffen wir, dass nichts mehr von seinem Leiden in sein Bewusstsein dringt. Dann immerhin könnte man den Lebenden ja ihr Spielzeug gönnen. (Aber irgendwie erinnert es doch an Folter, einem Menschen, der sich nicht mehr wehren kann, so etwas anzutun.)

Und Timmy, der das nun leider alles bei vollem Bewusstsein mitgekriegt hat, wünsche ich, dass sie ihn nicht mehr orten, dass er dem Rummel entflohen eine unbehelligte Stelle zum Sterben findet.

Und alles nur, weil Menschen ihre Selbstsucht mit Empathie verwechseln.

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Samstag, 25. April 2026
Ein wahrer Ossi
Ich war am Dienstag im Schauspielhaus bei "Zukunft der Demokratie", diesmal ein Interview mit Steffen Mau. Das war natürlich großartig, und ich musste meinem Sohn zustimmen, dass das nochmal um eine ganze Ecke fundierter war als der ebenfalls sehr sympathische Ronen Steinke, der vor zwei Monaten in der Reihe aufgetreten war.

Was aber bemerkenswert war: Lukas Bärfuss, der Interviewer, begann das Interview, wie das so üblich ist, mit einer einleitenden Aufzählung der wissenschaftlichen Meriten des Gastes, um das Gespräch dann mit einer netten kleinen Provokation einzuleiten: "Sie sind ja auch selbst in der DDR aufgewachsen - also jetzt mal abgesehen von ihren Forschungen: So als Mensch, wie war das so, in einer Diktatur aufzuwachsen?"

Da verharrte Mau schreckhaft in banalster Einsilbigkeit und meinte nur: "Das war normal." und brachte auch zur Erklärung dieses Allgemeinplatzes nichts weiter vor als weitere Allgemeinplätze. Und erst später, als es um Fakten, um Strukturen, um intellektuell greifbare Zusammenhänge ging, da lief Mau zu Hochform auf, da ließ er sich von Bärfußens weiterhin brillierenden, dynamisierenden Fragen und Einwürfen zu lebendigem, klugem Reden verlocken.

Wie ich mich da wiedererkannt habe! "Ich" sagen ist für uns Ossis das Schwierigste.

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Sonntag, 29. März 2026
Warum hier ein Beitrag verschwunden ist


(so sagte es der kluge Tom in der taz vom 13.9.2919, und da muss ich mich ja nicht beteiligen)

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Mittwoch, 18. März 2026
Intrinsisch
Das Wort kennen wahrscheinlich nur die Pädagogen und Psychologen unter Ihnen. Als ich auf Lehramt studierte, war es groß im Schwang: Intrinsische Motivation, das war die gute, also die, die nicht von Schule und Lehrer aufoktroyiert wird, sondern aus individuellen Interessen von Schülern entsteht, eine Motivation, die sinnvollerweise möglichst breiten Raum im Unterrichtsgeschehen einnehmen sollte – im Gegensatz zur extrinsischen Motivation, die aus äußerer Einwirkung auf Lernende entsteht.

Schön an dieser Sichtweise ist, dass sie dem lernenden Subjekt, das in in der Schule notwendigerweise extrinsischen Manipulationen ausgesetzt ist, immerhin Wertschätzung und möglichst viel vorurteilsfrei akzeptierten Freiraum zugesteht. Diese Zeiten sind lange vorbei.

In dem Konzept einer modernen Reform-Schule (Alemannenschule Wutöschingen), die sich die Selbstständigkeit der Schülerindividuen auf die Fahnen geschrieben hat, lese ich Folgendes: „Intrinsische Motivation: Schüler wollen aufsteigen, nicht weil sie müssen, sondern weil sie die Freiheiten schätzen“. Gemeint ist damit: Lernende werden nicht aufgrund aufgrund einer Datenlage und ohne Ansehen der Person durch die Schule in Klassen genannte Lerngruppen zusammengebracht, in denen sie dann zu bleiben haben, sondern die Lerngruppen sind fluide, mischen sich anhand von sozialem und Wissensstand der Lernenden immer wieder neu.

Das fühlt sich natürlich ziemlich individuell an, da Lernende scheinbar frei auf- und absteigen und sich als Gruppen immer neu formieren können. Intrinsisch ist das aber nicht, da sich die Schüler nicht aufgrund eigener Interessen zusammenfinden, sondern aufgrund eines extrinsisch gesetzten Wettbewerbs. Individualität wird hier mit Kampfgeist verwechselt.

Wie neoliberal sich diese Verwechslung dann letztendlich auswirkt, hängt wohl davon ab, wie stabil die entstandenen Lerngruppen sind: Sind sie so stabil, dass sie den individuellen Lernenden den für das Lernen nötigen Schutz geben können oder haben wir es mit einer immerwährenden Neusortierung nach Leistung zu tun? Denn was der Mensch, das Rudeltier, braucht, ist eine Balance zwischen der Freiheit, sich seinen Platz in der Gruppe auch selber erkämpfen zu können, und der Sicherheit, in der erkämpften Position dann auch erstmal längere Zeit einfach sein zu können. Nur in dieser Sicherheit kann der Mensch intrinsische Interessen entwickeln – was dann wieder der Allgemeinheit zugute kommt. Wer sich seinen Platz in der Gruppe nicht erstreiten darf, sondern zugeteilt bekommt, der verkümmert, das ist klar - wer aber immerfort (und vielleicht verschuldet oder unverschuldet aus schlechter Ausgangslage) um seinen Platz kämpfen muss, der verkümmert auch.

Es gibt ein Pendant dazu in der Gesellschaft: Die Großfamilien zerfallen seit fast 200 Jahren in immer kleinere Kleinfamilien, was die einzelnen Individuen freier, aber auch machtloser macht gegenüber dem gleichbleibend stabilen Wirtschaftssystem. Es ist kein Wunder, dass die Unterschichtler im Osten oder im Ruhrgebiet zwar lautstark den neoliberalen Egoismus propagieren, den sie den Erfolgreicheren neiden, dass sie sich faktisch aber ganz unindividuell in festen ideologischen Gruppen zusammenklumpen, von denen sie sich Schutz erhoffen. Populistisch nennt man das dann. Es ist die Einsicht, dass sie als Einzelkämpfer keinen Blumentopf gewinnen können, aber vielleicht als lautstark meuternde Gruppe doch einen Vorsprung gegenüber anderen marginalisierten Gruppen.

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Montag, 9. März 2026
Die Plakatwerbung wird auch immer moralischer
- immer dieser Wokismus!

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Samstag, 28. Februar 2026
Nachrichten des Tages
In Anlehnung an einen alten Witz aus DDR-Zeiten muss man wiederholen, dass die USA das aggressivste Land sind, denn sie mischen im gesamten Nahen Osten in die inneren Angelegenheiten des Iran ein.

Dabei tut der amerikanische Präsident doch nichts weiter als sich eigenhändig um den Schutz der amerikanischen Nation in diesen Gebieten zu kümmern, wie er betont. Offenbar zählen ihm in Kriegszeiten nur Uniformierte (von denen viel derzeit dort stationiert sind) als wahre US-Bürger.

Und die israelische Regierung, befragt, wie lange dieser Krieg dauern werde, antwortet: "Solange es nötig ist, um unseren Präsidenten vor Gericht und Verfolgung zu schützen.“

Während die iranische Regierung stolz die Erreichung ihres primären Kriegsziels verkündet: Ihr Präsident ist wohlauf.

Denn in Kriegszeiten gilt die Priorität, Menschen vor Tod und Verfolgung zu schützen, nur für amtierende Präsidenten. Darum geht es ja bei Kriegen. Worum sonst?

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