Sonntag, 4. März 2012
Gauck und Wulff – eine Verschwörungstheorie
Mir ist ja Joachim Gauck nicht so unsympathisch wie den meisten hier in Bloggersdorf, einfach aus biografischen Gründen: ich habe mehr Nachsicht mit einem weicheierigen, konservativen Protestanten als mit einer bestimmten Art von spitzfindigem Links-Rationalismus, der ihm entgegenschlägt. Jetzt hat mich aber einer dieser Kritiker doch ins Grübeln gebracht mit seiner Theorie: Da war doch diese widerliche Bild-Kampagne gegen den letzten Bundespräsidenten (eine Kampagne, wie man sie dem windigsten Wulff nicht an den Hals wünscht), von der niemand so recht verstand, was eigentlich dahinter steckt.
Wenn es also wirklich stimmen sollte, dass der Springer-Konzern die Entfernung Wulffs auch oder vor allem deshalb betrieb, um Joachim Gauck auf den Posten zu hieven (schon bei der letzten Präsidentenwahl kam ja Gauck auf Springer-Initiative ins Spiel), ja, dann wären alle Reden Gaucks über Freiheit und Demokratie (an sich ja sehr sympathische Prinzipien, da geb ich Gauck Recht) mit einem Schlag ad absurdum geführt.
Natürlich konnte mir mein Gesprächspartner zwar einleuchtende Plausibilitäten mitteilen, hatte aber keinerlei Beweise, so ist das nun mal bei Verschwörungstheorien. Und ich weiß jetzt nicht, was ich glauben soll. Am liebsten würd ich ja Gauck selbst fragen, ob da was dran ist an dem Gerücht. Hat jemand seine Adresse?

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Montag, 16. Januar 2012
Spezifisch ostdeutsch
Viele Ost-Experten empören sich darüber, dass der Neonazi-Terror im Westen vielfach als ein spezifisch ostdeutsches Problem angesehen wird, und weisen gekonnt nach, dass so auch das eigene Entsetzen relativiert werden kann – indem man das Problem nach Osten abschiebt.
Das ist richtig. Richtig ist aber auch, dass dieses Phänomen schon eine ostdeutsche Komponente hat. Anders jedenfalls wäre es nicht zu erklären, dass die NPD in mehreren ostdeutschen Parlamenten sitzt, aber in keinem westdeutschen, ganz zu schweigen vom Zulauf für frei herumlaufende „Kameradschaften“. Sabine Rennefanz hat das in ihrem Artikel „Uwe Mundlos und ich“ sehr gut gezeigt. Sie hat auch gezeigt, dass das wohl weniger mit Sozialismus und Kindergärten als mit dem Umbruch von 1990 zu tun hat. Ja, man konnte schon abdriften nach 1990 als junger Ostdeutscher. Das ging mir damals auch so – und unterschied mich von meinen westdeutschen Freunden.
Was mich von meinen westdeutschen Freunden jetzt unterscheidet, ist, dass mich die Geschichte um die drei Jenaer Rechtsterroristen nicht nur schockiert hat, sondern auch weiter umtreibt – immer wieder durchforste ich das Internet nach neuen Meldungen (was ich wegen eines Wulff-„Skandals“ nie tun würde), will wissen, wer wem welche Gelder zahlte, warum keine der Konkurrenzunternehmen Verfassungsschutz und Polizei die Leute verhaftete, auch als sie ihren Aufenthaltsort kannten, und weshalb die Staatsanwaltschaft Erfurt nicht nur die Stasi im Fall Domaschk, sondern auch den Verfassungsschutz im Fall Mundlos schützte, als der Vater Mundlos gegen die Helfer seines Sohnes Anzeige erstattete.
Könnte es vielleicht sein, dass die Wahrheit auch ein linkes westdeutsches Selbstverständnis kränken könnte, ein Selbstbewusstsein machohafter Machtphantasien, das den linken Terrorismus insgeheim tolerierte , ein Schläger-Alphatier zum Außenminister machte und über die aufputschende Rolle der Geheimdienste in der ganzen Sache lieber nicht so genau Bescheid wissen wollte? Wird deshalb so gebetsmühlenartig der „Rechtsextremismus“ verdammt und nicht zuerst dessen Gewalt?
Was mich jedenfalls auf die Palme bringt, sind nicht irgendwelche von V-Leuten verfassten Ideologie-Papiere - es ist das kriminelle Netzwerk von Gewalttätern, deren Auftraggebern und Helfern, das die Behörden offenbar nicht zu fassen bekommen, weil die Ausläufer dieses Netzwerks längst bis in die Behörden hinein gewuchert sind.

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Mittwoch, 4. Januar 2012
Um 20.15 Uhr ist Showtime ...
... und Schau-Prozesse mag ich nicht. Jedenfalls hab ich das Gespräch mit Wulff heute nach der Hälfte ausgemacht, es war zu peinlich: peinlich das sich windende Würstchen Wulff, noch peinlicher aber die scheinheilige Empörung der Journalisten. Ich meine, wer diese gespielte Entrüstung für echt hält, der glaubt auch, dass Wulff wegen besonderer Wohlanständigkeit zum Bundespräsidenten aufgestiegen ist.
Ich fühle mich von dem Affentheater auf Bildzeitungsniveau ringsherum verschaukelt, und es soll mir keiner, der dabei mittut, noch irgendwann mal wieder versuchen, den seriösen Politiker oder Journalisten vorzuspielen – kein Deppendorf, keine Roth und auch keine igitt Lengsfeld.

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Freitag, 18. November 2011
Gegen das Vergessen
Nach ein paar Tagen des üblichen Ensetzens über die Rechtsterroristen und ihre V- und Verfassungsschutzfreunde (das diesmal auch mich erfasst hatte) beginnt jetzt offenbar die notwendig folgende Phase des Nicht-mehr-wissen-Wollens: Heute Morgen im Deutschlandfunk schob der SZ-Journalist Hans Leyendecker alles auf die Polizei ("Ermittlungsfehler" war sein Lieblingswort) und Innenminister Friedrich meinte, der Verdacht gegen den Verfassungsschutz sei "gestreut" worden, als säßen die eigentlichen V-Leute in den Medien.
Nun, ein Verdacht, der gestreut wurde, der lässt sich ja auch wieder zerstreuen, dazu wäre nichts weiter nötig, als die Wahrheit offenzulegen: Denn selbst wenn die nicht erfolgte Festnahme der drei Terroristen und ihr Untertauchen 1998 tatsächlich nur auf eine Fehlentscheidung der Polizei zurückzuführen sein sollten (wie Leyendecker sagt), bleiben noch einige Fragen: Warum hat der Verfassungsschutz nicht an die Ermitltungsbehörden gemeldet, dass Holger G. aus Niedersachsen nach einer Fluchtmöglichlkeit die Untergetauchten suchte? Wie kamen die Täter zu den professionell gefälschten Ausweisen? Was wollte der Verfassungsschutz-Mann am Tatort des Mordes 2006 in Kassel? Und warum mordeten die Täter nach dessen vorübergehender Festnahme nicht weiter? Warum kontaktierte im Sommer diesen Jahres ein V-Mann
die Ermittler mit einer Geschichte über die Tatwaffe? Und wie kam es überhaupt jetzt zu diesem merkwürdigen Selbstmord?
Für all das mag es Erklärungen geben. Nur: Ich will sie hören!

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Sonntag, 18. September 2011
Wenns dem Esel zu gut geht, schickt Gott ihm eine Finanzkrise
Ich muss gestehen, dass ich grad gar keine apokalyptischen oder Untergangsgefühle habe, obwohl entsprechende Nachrichten täglich auf uns herab rieseln. Neulich kam mein Sohn morgens verschlafen in die Küche, und als ich hinzukam, meldete er: „Die bauen grade einen Rettungsfallschirm oder sowas – ich habs nicht ganz verstanden.“ Ich auch nicht, aber es geht mich auch nichts an. Vor ein paar Jahren, als mit der Leman-Pleite die große Panik ausbrach, haben in meinem Umkreis auch nur Leute Geld verloren, die welches überzählig und irgendwo geparkt hatten. Die Verlustängste derjenigen, die sowieso schon zu viel haben, muss ich doch nicht teilen.
Ja, ich weiß, das kann auch schlimmer kommen. Aber auch 1930/32 kam es, soweit ich informiert bin, zu keiner Hungersnot, jedenfalls nicht in dem Sinne wie nach dem Krieg, in den dann alle panisch gerannt sind. Jedenfalls in den Familien meiner beiden Großeltern, die nun alles andere als reich waren, da gab es wohl teilweise Arbeitslosigkeit und auch wirkliche Armut – aber durchgekommen sind sie alle irgendwie, als intakte Familien. Das schlimmste, was es damals gab, war wie gesagt die Panik, die so viele, Arbeiter und Industrielle, in die Arme der Nazis und damit wirklich in die Katastrophe trieb.
Es gab damals sogar etwas Gutes, das sich parallel zu den ökonomisch-politischen Katstrophen vollzog: Der überhitzte Modernismus der Golden Twenties kam aus der Mode, mit all seinen expressionistischen O-Welt-Schreiern, stattdessen traute sich Remarque endlich mit „Im Westen nichts Neues“ raus, und kurz darauf schrieb Anna Seghers ihre beiden großen Romane, die wohl modern waren, aber kein weltferner Experimentierkram à la „Berlin Alexanderplatz“, sondern menschlich und konkret. Die Malerei der Neuen Sachlichkeit verlor ihre Kälte. Und Bonhoeffer, eben noch abgehobener Theologie-Aufsteiger, entwickelte seine Vorstellung von der Erneuerung lebbaren evangelischen Glaubens.
Wäre das nicht schön: heute etwas Ähnliches?! Beim Film scheint es ja schon in diese Richtung zu gehen: Statt Rainer Werner Fassbinder sieht man Maren Ade, statt Volker Schlöndorff Fatih Akin. Jetzt müsste nur noch ... aber ich komme vom Thema ab, daher nur noch ein kleines Schlusswort: Dass ein Welt-Finanz-System, das keiner, aber auch keiner der Beteiligten je mit gutem Gewissen vorangetrieben hat, dass das nun auch den Boden der Tatsachen zusammenstürzt, darüber kann doch keiner wirklich böse sein.

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Dienstag, 7. Juni 2011
Stasi - das sind immer die anderen
In meiner alten Heimat Brandenburg wird mal wieder über die Stasi diskutiert. Jetzt hat man also herausgefunden, dass eine Richterin – Irina Weiße – einst als IM für die Stasi berichtete, als sie noch als Leistungssportlerin dem Sportclub Dynamo angehörte. Welche Überraschung! (Anmerkung für Westbürger: Dynamo gehörte direkt der Stasi). Komisch, dass das niemandem aufgefallen ist, solange die CDU noch den Justizminister stellte.
Ja, dieses Versäumnis sieht die CDU auch ein und widmet sich nun, wo sie die Regierungsbeteiligung verloren hat, verstärkt der Suche nach Stasi-Seilschaften, jedenfalls im Lager des politischen Gegners. Dabei klingt die Vita ihrer eigenen Fraktionschefin auch nicht ganz unverdächtig: Sie begann ihre Karriere als Geschäftsführerin einer GmbH, die in den neunziger Jahren in Golm gegründet wurde, einem Familienunternehmen, wie sie selbst sagt. Nun sind sicherlich nicht alle Golmer GmbHs, die damals gegründet wurden, direkte Nachfolgeunternehmen der dortigen Stasihochschule, die ihre Mitarbeiter 1990 in die Selbstständigkeit entlassen musste. Aber doch immerhin die meisten. Eine Überprüfung wäre es wert. Oder, liebe CDU von Brandenburg?
...
P.S. am nächsten Morgen: Ich hoffe, liebe Leser, dass Sie beim Lesen meines Textes aufgestöhnt haben: Oh, nein, jetzt fängt der damals auch noch an mit Denunziationen - diese Ossis sind doch alle gleich! Denn so ist es - und trotzdem schaffe ich es nicht, den Text einfach wieder zu löschen. Gift erzeugt Gift. Diese künstlich empörte Stasi-Jägerei macht mich einfach wütend und unsachlich, eben weil sie nichts mit Aufklärung zu tun hat und nur die andere Seite eines großen Verschweigens darstellt. Mir geht es auch gar nicht um irgendeine Fraktionschefin, mich nervt das ganze politische Klima in diesem Ossiland, in dem sich niemand ehrlich zu erinnern scheint, sofern er nur irgendein politisches Amt erlangt hat.

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Sonntag, 3. April 2011
Manche nehmens mit Humor


... heute an einer Haustür in Hamburg gesehen und schnell aus der Hüfte mit dem Handy geknipst ...

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Sonntag, 9. Januar 2011
Plädoyer für eine Aussetzung des Wortes „Kommunismus“ (weil leicht verschwindet, wofür Worte kommen)
Wie ich sicher schon erwähnt habe, befand sich im Wohnzimmertisch meiner Eltern einige Jahre lang eine Wanze, die die Gespräche an diesem Tisch getreulich aufzeichnete – und mir später dank BStU erlaubte, Elemente meiner Erziehung genau zu rekonstruieren. Da spricht z. B. meine Mutter gegenüber meinem Vater von der Enttäuschung, dass ihre Kinder die marxistischen Begriffe nicht mehr ernst nehmen, weil sie ihnen durch den geistlosen und verlogenen Staatsbürgerkundeunterricht beigebracht wurden. Richtig. Schon damals ist das Kind in den Brunnen gefallen und die entsprechende Terminologie unbrauchbar geworden. Und das ist dreißig Jahre her.
Seitdem ist die Sinnentleerung dieser Begriffe weiter fortgeschritten. Meine Fernschüler schreiben oft und gern aus diesem Internettext ab, in dem behauptet wird, Bertolt Brecht sei in den dreißiger Jahren vor dem kommunistischen Regime in Deutschland ins Ausland geflohen – „Kommunismus“ gilt ihnen als unspezifische Bezeichnung für das schlechthin Böse in der Politik. Nun hat Gesine Lötzsch daran erinnert, dass es auch Leute gibt, die den Kommunismus ebenso unreflektiert für das Gute halten. Was er eigentlich ist, wissen offenbar beide nicht.
Jedenfalls habe ich Gesine Lötzsch vor ein paar Tagen im Deutschlandfunk-Interview gehört und sie war nicht in der Lage, dem Interviewer zu erklären, inwiefern Rosa Luxemburg demokratisch dachte (Ich hab das richtige Argument gleich eingeworfen, aber leider funktioniert ein Radio nicht als Sender und niemand hörte mich.) Und dann stritt sie sich mit dem Interviewer, ob sie sich für die Verbrechen des Kommunismus entschuldigen sollte. Als ob es auf diese Höflichkeitsgeste ankäme.
Wollte man den Begriff „Kommunismus“ wirklich ernsthaft in einem aktuellen Kontext verwenden, dann müsste man doch zuerst über die strukturellen Schwächen nachdenken, die der Kommunismus (wie jede Ideologie) hat und die die besagten Verbrechen erst ermöglicht haben. Aber daran scheinen weder Antikommunisten noch Kommunismus-Fans ein Interesse zu haben.
Auf „Kommunismus“ als hohlen Kampfbegriff kann ich getrost verzichten. Neulich fand ich in einer „Zu-verschenken“-Kiste am Straßenrand Rosa Luxemburgs politische Schriften. Ich nahm das Buch mit, schlug es zu Hause auf und stellte fest, dass es unlesbar ist – sofern man 100 Jahre altes Partei-Chinesisch nicht simultan übersetzen kann. Ich bin sicher, dass Luxemburg zu den ehrenhaftesten Politikern der letzten 100 Jahre gehört. Aber ich habe das Buch weggeworfen. Damit habe ich ihrem Andenken vermutlich die meiste Ehre angetan.

Und da heute doch der Gedenktag ist, will ich das durch ein Günter-Kunert-Gedicht aus den achtziger Jahren erklären:

Am Landwehrkanal

Durch Zeiten schwammen sie: Die Toten
Getragen von Kanälen unsrer Stadt.
Doch als sie uns erreichten, hat
Ihr Stummsein Schweigen uns geboten.

Weil leicht verschwindet, wofür Worte kommen:
Die bleiben, während ihr versinkt,
und ohne dass euch eines wiederbringt.
Sie haben euere Stelle eingenommen.

Gedenke sprachlos: Bilderfetzen,
von blinder Oberfläche absorbiert,
bevor auch solch Erinnern sich verliert
mit Wut und Ohnmacht und Entsetzen.

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Dienstag, 23. November 2010
Was wäre die Bundeswehr ohne Frank Lehmann? – Ein Plädoyer für die Wehrpflicht
Es wird Sie vielleicht verwundern, dass ich hier ein Plädoyer für die Wehrpflicht halte, wo ich doch meine Leiden als Wehrpflichtiger hier schon ausführlich geschildert habe und mich auch sonst hinreichend als Linker geoutet habe.
Aber irgendwie piksen mich die öffentlichen Diskussionen dieser Tage an, diese von links bis weniger links einstimmige Ablehnung der Wehrpflicht, bei der höchstens das Wegfallen einiger bequemer Arbeitsplätze bedauert wird. Ich finde, man sollte die Frage grundsätzlicher diskutieren. Meiner Meinung nach verwirkt eine Armee sowohl das Recht als auch die Fähigkeit, für die Interessen einer Bevölkerung zu kämpfen, wenn diese Bevölkerung nicht auch ausreichend in ihr repräsentiert ist. Sie kennen doch sicher „Neue Vahr Süd“ und Sie werden mir zustimmen, dass die Bundeswehr erst durch die Präsenz von Skeptikern und Quertreibern wie Frank Lehmann die Akzeptanz und Autorität bekommen kann, die sie – meines Erachtens – auch verdient: entweder eine Armee für alle oder gar keine. Eine Armee ohne die vielen Frank Lehmanns, die eher zufällig da reingeraten, eine Armee nur aus Freiwilligen, – das wäre ja eine Söldnerarmee, wie es sie früher gab, ein willfähriges Heer im Dienste irgendeines Fürsten. Deshalb kann ich dem Vorschlag Karl Theodor zu Guttenbergs, die Bundeswehr vollends auf eine solche Söldnerarmee zu reduzieren, nichts abgewinnen. Und die zustimmenden Argumente von links und weniger links gefallen mir auch nicht. Die Wehrpflicht abzuschaffen, weil sie ein Zwangsdienst für nur wenige ist, das ist mir zu einfach. Soll eine Gemeinschaft nicht das Recht haben, sich ein Instrument zur Selbstverteidigung zu schaffen? Und ganz ohne Zwang geht das nun mal nicht – auch Steuern würde niemand freiwillig zahlen. Außerdem ist Steuerflucht moralisch mies, ebenso wie die Haltung: „Sollen doch die anderen zum Bund! Hauptsache, ich habe meine Freiheit. Und einen Ersatz dafür will ich auch nicht leisten – schließlich sind 'die da oben' sowieso die Bösen, und die Bundeswehr erst recht." Von weniger links kommt dann das Argument, dass es existenzielle deutsche Interessen im Ausland gibt, und die könne eben nur eine Berufsarmee vertreten. An dem Argument mit den existenziellen Interessen ist ja was dran. Allerdings steht dieser militärischen Interessenvertretung einiges entgegen, neben der derzeit fehlenden Zustimmung durch eine Bevölkerungsmehrheit vor allem die Souveränitätsrechte so genannter „instabiler“ Staaten, über die die meisten Pro-Berufsarmee-Argumentatoren ziemlich leichtfertig hinweggehen. (Stellen Sie sich mal vor, irgendeine außereuropäische Macht erklärte Europa aufgrund der Euro-Krise für „instabil“ und rechtfertigte damit eine militärische Invasion.) Außerdem: Wenn wirtschaftliche Zusammenhänge so lebensbedrohlich sein können, dass ein militärisches Sich-Hinweg-Setzen über fremde Souveränitätsrechte gerechtfertigt ist, dann sind sie mindestens so lebensbedrohlich, dass sie auch ein Asylrecht für Wirtschaftsflüchtlinge erfordern. Eine Ökonomisierung des Begriffs „Landesverteidigung“ ohne eine Ökonomisierung der Begriffe „Verfolgung“ und „Asyl“ wäre widersinnig. So, und zum Schluss muss ich noch auf ein Argument eingehen, das mich regelrecht aggressiv macht: Die neuen Aufgaben der Bundeswehr erforderten eine hoch spezialisierte, professionelle Armee und daher den Verzicht auf die Mitwirkung militärischer Laien. So? Ist damit gemeint, dass so ein Auslandseinsatz nur funktioniert, wenn man sich den Stress mit Herrn Lehmann sparen kann? Und glaubt wirklich jemand, dass Outsourcing gesellschaftlicher Kernaufgaben (wie der Landesverteidigung) an externe „Spezialisten“ zu einer Erhöhung der professionellen Qualität führt? Das Gegenteil ist der Fall. Ich arbeite selbst für ein externes, „gemeinnütziges“ Unternehmen, das im Auftrag staatlicher Stellen Spezialaufgaben übernimmt (Integrationskurse im Auftrag des Innenministeriums). Wenn meine Kollegen und ich im Vergleich zu unserem Auftraggeber, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, irgendwie „professioneller“ sind, dann nur in folgendem Sinne: Wir sind schlechter bezahlt, schlechter organisiert, weniger loyal. Also, so viel ist sicher: Eine Bundeswehr als professionelle Spezialtruppe wird chaotischer, brutaler, schwerer kontrollierbar sein. Und das können nicht mal die wirklich wollen, die ihren Einsatz nicht werden zu erleiden haben.

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Donnerstag, 14. Oktober 2010
Schaut nicht weg! Ein persönliches Zeugnis
„Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist ein Thema, das die Gesellschaft erschüttert. [...] Stephanie zu Guttenberg ist der festen Überzeugung: Wir alle können etwas tun. Ihr Buch ,Schaut nicht weg!' ist ein Aufruf und ein persönliches Zeugnis.
Frau zu Guttenberg, Sie [...] engagieren sich zum Schutz der Kinder persönlich. Wie kam es dazu?
Als ich angefragt wurde und mich umfassend in das Thema eingelesen habe, war ich schon entsetzt [...] Ich bin auch gut vernetzt und somit in einer optimalen Position, [...] Spenden eintreiben zu können. [...] Und die Möglichkeit, sich in einem [...] professionellen Team dieser Herausforderung zu stellen, war für mich auch ein wichtiger Punkt.“
So weit ein Auszug aus einem Interview mit der Ministergattin aus „lebenswert. körper geist seele“, Ausgabe 2/2010, die mir heute in die Hände fiel. Schon interessant, was Journalisten heutzutage als „ein persönliches Zeugnis“ gilt. Ich meine, ich hab ja nichts dagegen, wenn eine Politikergattin sich irgendwelchen Wohltätigkeitszwecken zuwendet, die grade en vogue sind. Das muss wohl so sein, das war schon vor hundert Jahren so und ist heute auch nicht besser. Aber warum muss solch ein Akt braver, gedankenloser gesellschaftlicher Anpassung immer mit einem Adjektiv versehen werden, das gerade das Gegenteil dessen ausdrückt, was Sache ist?
In den neunziger Jahren, als eine Welle rücksichtsloser Ökonomisierung unser Land überrollte, hat man in einem solchen Fall immer gern von „Verantwortung übernehmen“ gesprochen. Heute, wo die Globalisierung unserer Verhaltensweisen weitgehend abgeschlossen ist, heißt es also: „ein persönliches Zeugnis“ oder gerne auch „authentisch“. Immer das, was gerade absolut nicht da ist. Ob sich in diesen Sprachabsurditäten geheime Sehnsüchte verstecken?

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