Samstag, 4. März 2017
Mal wieder das generische Femininum
Vor ein paar Tagen belehrte mich ein weiblicher Vormund, sie sei eine Vormundin. Ich war verärgert. Demnach müsste ja Steinmeier ein bekannter Personer des öffentlichen Lebens sein und Merkel eine Mitgliedin des Bundestags. Und was mich selbst betrifft: Wie lange darf das männliche Glied noch sächlich bleiben?
So viel zum Thema Toleranz und Diversität.

(P.S. Da war mir ja die letzte noch lieber, die das Wort zur "Vormünderin" verballhornte: In der Formulierung klingt wenigstens noch das Mündel selber mit - sowie das aktive Bemündeln ihres Schützlings. Und tatsächlich: Im Gegensatz zu der agilen Vormünderin tut die Vormundin gar nichts - außer Abwiegeln.)

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Samstag, 3. September 2016
Lob der Kleinfamilie
Natürlich meine ich mit der Kleinfamilie, die ich hier loben will, meine eigene, und damit ich nicht ideologisch falsch verstanden werde, möchte ich meine beispielhaften Ausführungen mit dem Hinweis auf eine Person beginnen, deren Status „alleinerziehende Mutter“ ich absolut gutheiße.
X. hatte immer Probleme mit Beziehungen. Sie war zwar, da sie eine schöne Frau ist, nicht immer Single, aber es klappte auch nicht so, wie sie sich das wünschte. Und immer hatte sie Neurodermitis, mal mehr, mal weniger. Als sie über 30 war und selbst ihre psychisch ziemlich schräge beste Freundin auch schon eine Mutter, da warf sie sich R. geradezu an den Hals. „Ich weiß nicht“, meinte L. damals, „warum muss sie denn gleich nach dem zweiten Kaffeetrinken mit ihm ins Bett?“ Aber das war schon richtig. X. wurde schwanger, es wurde dann auch geheiratet. Natürlich hielt die Ehe nicht lange: Eine schwierige Frau von beinahe 40 und ein wohl witziger und kreativer, aber nie erwachsen gewordener Hippie von über 50 – das konnte nichts werden. Sie warf ihn raus. Und plötzlich verschwand auch die Neurodermitis. Was dazu führte, dass sie in letzter Sekunde noch verbeamtet werden konnte. Jetzt wohnt sie mit ihrer Tochter allein in einer teuren Stadt in einer teuren Wohnung. Sie lamentiert gern darüber, dass sie keinen Freund, keinen Mann hat. Sie weiß nicht, dass sie eigentlich glücklich ist.
Ganz anders verhält es sich mit Y., die ebenfalls alleinziehende Mutter ist. Y. und ich waren uns, als wir um die 20 waren, recht nahe, wir stammen aus ganz ähnlichen familiären Verhältnissen (haben uns auch über unsere Eltern kennen gelernt). Y. fiel es schwer, sich von ihrem dominanten Elternhaus, insbesondere ihrem Vater, zu lösen. Sie hatte immer Affären mit Jahrzehnte älteren, meist verheirateten Männern. Aus einer dieser unseligen Geschichten stammt dann auch das Kind, von dem die Ehefrau des Vaters nie etwas erfahren durfte: Die Unterhaltszahlungen kamen, soviel ich weiß, unregelmäßig und über geheimnisvolle Kanäle. Die Rettung kam für Y. in Form von Krebs, der sie über ihr Leben nachdenken ließ und ihr ihre üppige Blondinenfigur raubte – sie kam zu sich selbst und den Krebs überwand sie auch. Dann nahm sie sich ein Herz und verführte ihren gleichaltrigen Nachbarn, einen alles andere als perfekten Normalo und langjährigen Single, der sich bereiterklärte, ihren beruflichen Misserfolg mit seinem guten Gehalt abzusichern und sich zudem als wunderbarer Ersatzvater herausstellte. Leider wusste Y., die Vatertochter, nicht, dass man in einer Beziehung auch Forderungen stellen darf. Stattdessen verzweifelte sie still an seinen diversen Macken und verließ ihn irgendwann: Das Dümmste, was sie machen konnte. Jetzt lebt sie wieder vom Geld ihres Vaters und trinken tut sie auch.
Da hab ichs doch irgendwie besser hingekriegt, als es mir gelang, eine damals sehr verehrte, aber nie wirklich erreichbare Jugendfreundin Jahrzehnte später zu meiner Ehefrau zu machen, ein Kind mit ihr zu haben. Die normale Lebenswelt ist einfach zu isolierend. Ich habe neben meinen beruflichen Kontakten sowie einer Reihe von Bekanntschaften, die nicht besonders tief gehen, so ca. 1,5 – 2 gute Freunde. Ohne meine Familie wäre ich sehr einsam. In meiner Beziehung habe ich (neben Zärtlichkeit und Sex) ein Gefühl von Nähe, Bindung, Zuhausesein, ohne dass ich schwer durchs Leben käme.
Ich sehe das an Z.: Auch er kommt aus ähnlichen Familienverhältnissen wie ich, doch er ist allein geblieben. Denn was für die Vatertochter Y. die Affären waren, das war für Muttersöhne wie mich und für Z.: das völlige Fehlen von Sexualpartnern. Und dieses Fehlen ist wie ein schwarzes Loch: Es gehen dann irgendwann auch die Freundschaften verloren. Z. beweist das mit seiner Existenz: Er hat kaum jemanden. Meine Frau zum Beispiel mag ihn offensichtlich – und doch scheut sie seine Nähe: Sie findet seine Fingernägel und seine dreckigen Leinenbeutel eklig. Ich bin da ja etwas toleranter, aber neulich war ich mal in seiner Wohnung, in der ich sonst nie bin: Es roch schon etwas muffig und im Kühlschrank klebte eine tote Spinne in etwas offensichtlich schon vor Jahren Ausgelaufenem.
Und jetzt erzähle mir keiner, das sei die Freiheit und die Kleinfamilie spießig.

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Montag, 17. Februar 2014
Neues zum Fall Klum
Na, mein letzter Beitrag war wohl nicht so treffsicher – man vergisst als politischer Laie immer wieder, dass die paar Bröckchen Information, die einen über die üblichen Medien erreichen, in der Regel nicht ausreichen, um sich eine Meinung zu bilden. Wer also näher über den Fall Edathy informiert werden will, der lese lieber hier oder hier nach.
Ich weiß heute Neues über den nicht minder mysteriösen Fall Klum zu berichten: Heidi Klum ist ja wohlbekannt und aller Orten hoch geschätzt, insbesondere um adäquate Quoten für Frauen und Mädchen bzw. deren Auftritte im männerdominierten Fernsehbetrieb hat sie sich verdient gemacht.
Jetzt aber sind Bilder von ihr aufgetaucht, die sich „im Grenzbereich zur Pornografie“ bewegen, wie die Staatsanwaltschaft mitteilt. Es handle sich zwar nicht um strafrelevante Fotos, da nicht direkt sexuelle Handlungen dargestellt werden. Man sieht aber die Abgebildete halbnackt „mit deutlichem Bezug auf die Geschlechtsorgane“ (sogenanntes "Posing"). Hier eins der Schmuddelbilder:


Da Minderjährige in den Fall verwickelt sind (und zwar sehr viele, wie man munkelt), sind die Ermittler überzeugt, dass sich etwas Illegales finden lässt. Eine Hausdurchsuchung steht an, der Stuhl des Pro7-Chefs wackelt ...

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Freitag, 6. Januar 2012
Kleine Sprach-Kritik: Meint das grammatische Geschlecht auch ein biologisches?
Dass ich voreingenommen bin, merke ich daran, dass ich zu Trömel-Plötz immer Revolver assoziiere. Ich mag halt das revolutionäre Element daran nicht. Denn Revolutionen wachsen aus tatsächlich vorhandenen Ungerechtigkeiten, führen aber in der Regel nicht zu mehr Gerechtigkeit. Natürlich ist es ungerecht, dass sehr lange Zeit die männliche Form einer Bezeichnung (z. B. „der Politiker“) ganz selbstverständlich Männer und Frauen meinte – ja, man kann das sogar diskriminierend nennen, wenn man auf politische Katagorisierungen steht. Nur kann man dagegen nichts tun (Gott sei Dank – das wäre ja noch schöner, wenn man in der Realität bestehende Ungerechtigkeiten – wie hier die Ungleichbehandlung von Mann und Frau – in der Sprache einfach so wegreden könnte!) Jedenfalls funktionieren die vorgeschlagenen Lösungsmöglichkeiten nicht: „Auszubildende“ und „Studierende“ statt „Lehrlinge“ und „Studenten“ geht bloß im Plural, also in der Masse, also in öffentlichen Zusammenhängen. (Man merkt das daran, dass das politisch unbrauchbare, private Wort „Liebling“ ganz selbstverständlich auch heute noch für Männer und Frauen Anwendung findet.) Und noch schlimmer ist es mit den Bäcker_innen oder BäckerInnen. Das funktioniert gar nicht, weil man es nicht sprechen kann, nur schreiben, und also nur in Positionspapieren oder anderem Zettelkram anwenden.
Die eigentlich gewollte Revolution, nämlich endlich geschlechtsübergreifende, neutrale Wörter zu finden, hat also nicht geklappt. Was geklappt hat, ist der zerstörerische Teil der Revolution: Männliche Formen werden heute nicht mehr geschlechtsübergreifend verstanden – man muss die Frauen immer extra dazu nennen. Herausgekommen bei der ganzen Kampagne ist also eine überflüssige Sexualisierung und vor allem: der Ausschluss weiblicher Personen aus den allgemeinen Begriffen und damit eine noch stärkere Normierung von Frauen als weiblich. Bis die Leute am Ende gar keine geschlechtsneutralen, allgemein menschlichen Eigenschaften mehr gelten lassen und allen Ernstes glauben, dass „Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“.

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Sonntag, 10. April 2011
Feminismus von rechts
... oder sogar „Völkischer Feminismus“, das wären angemessene Überschriften für meine Rezension zu Sofi Oksanens „Fegefeuer“.
Es geht um zwei Schwestern, Ingel und Aliide, die das Schicksal Estlands im 20. Jahrhundert verkörpern. Ingel, die ältere, trägt einen blonden Haarkranz, wie er damals in ländlich-völkischen Kreisen üblich war, und kann alles, was eine estnische Bauersfrau so können muss, einkochen, putzen, sticken usw., aus einer unerklärlich Rundumbegabung heraus perfekt, und sie bekommt natürlich auch den Wunder-Super-Mann Hans. Aliide ist ihre kleine Schwester und Neiderin. Sie wirbt vergeblich um Hans, kriegt auch sonst nichts auf die Reihe und führt Böses im Schilde.
An den Feminismus, wie er hierzulande üblich ist, erinnerte mich, dass es um Frauenprobleme geht und alle Männer blasse Nebenfiguren bleiben – außerdem, dass das Herz der Autorin an der Hexe hängt. Insofern bietet sich eine erfrischende Sicht auf die Welt: endlich mal eine Geschichte jenseits der üblichen männlichen Bildungsroman- oder Western-Erzählstruktur. Anders als im üblichen Feminismus verbindet sich diese Sicht aber in keiner Weise mit irgendeiner kritischen Einstellung, nicht in einem aufklärerischen und erst recht nicht in einem mystisch-ganzheitlichen Sinne. Denn das Herz der Autorin hängt zwar an der Hexe, aber die Hexe ist wirklich böse - einsam, Opfer und böse. Irgendeine Art überindividuellen Bezugs (der ja meines Erachtens jede Hexe auszeichnet) – zum Kosmos, zum Schicksal, zur Natur oder wenigstens zu irgendwelchen anderen Kreaturen – gibt es nicht. Der einzige gültige überindividuelle Maßstab ist ein reaktionärer Nationalismus – die Esten sind alle an sich gut (sofern sie sich nicht den Russen andienen), die Russen stinken grundsätzlich nach Zwiebeln und entbehren jeder schöpferischen Fähigkeit, sie können nur zerstören. Und die Juden – gibt es gar nicht, es sei denn als servile Russendiener.
Und so passiert, was passieren muss. Ingel heiratet Hans, übernimmt den Hof und wirtschaftet erfolgreich. Aliide bleibt als Hilfskraft und Neiderin im Haus geduldet. Erst als die Russen kommen, beginnt ihre Zeit. Sie hilft Ingel, Hans (der sich den Partisanen angeschlossen hat) zu verstecken, um diesen so doch noch für sich gewinnen zu können. Nach der Folterung und Vergewaltigung durch Russen, die Hans suchen, den sie aber nicht verrät, wird sie KGB-Spitzel, heiratet einen moskautreuen Esten (der – als Kennzeichen seiner verräterischen Gesinnung – ebenfalls nach Zwiebeln stinkt) betreibt die Deportation ihrer Schwester und Nichte nach Ostsibirien, übernimmt den Hof und versorgt Hans alleine weiter, ohne dass dieser etwas von der Deportation seiner Familie mitbekommt. Als Hans sich weigert, mit ihr gemeinsam ein neues Leben unter einer neuen Identität in Tallin (also der bösen Großstadt) zu beginnen, tötet sie ihn. Ihre Rehabilitation als Figur wird bewerkstelligt, indem sie in einem zweiten Handlungsstrang an ihrem Lebensende die Enkelin Ingels rettet, die auf der Flucht aus der Zwangsprostitution in Deutschland bei ihr Schutz sucht, indem sie deren Zuhälter, ehemalige russische Geheimdienstoffiziere, erschießt.
Was für eine gemeine, schmeißfliegenhafte Geschichte! (Die penetrante, fleischgierige Fliege ist das Zentralsymbol des Buches.) Es verleidet einem die Genugtuung darüber, dass auch einmal die stalinistischen Verbrechen – bis hin zu deren Folgeelend in Form von Russenmafia und Menschenhandel – in den Blickwinkel des westlichen Lesepublikums geraten. Denn was hat man von dem überdeutlichen Ausmalen der Verbrechen, wenn dem nichts gegenübersteht als vorgestriger, nationalistischer Kitsch?! Wie viel Schreckliches kann man erleben, ohne auch nur irgendetwas zu kapieren?

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Dienstag, 4. Januar 2011
Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (ein Feminismus-Bericht)
Meine Schwiegermutter ist eine stille, schmale Frau von 80 Jahren, die Medikamente verabscheut, Umarmungen und herzliche Nähe meidet und normalerweise mit Fontane, Siegfried Lenz und einer Katze in ihrer altersgerechten Wohnung bleibt. Meine Frau hätte ja lieber eine richtige Mutter, aber mir ist sie gerade recht so. Diesmal war sie zu Weihnachten bei uns, eine sehr entspannte Angelegenheit, da wir meine harmoniesüchtigen Eltern auf das emotional weniger aufgeladene Silvester verschieben und einfach mit einem pflegeleichten Gast zu Hause bleiben konnten. Ich war schon am zweiten Weihnachtsfeiertag so ausgeschlafen, dass ich vor meiner Frau wach wurde und schonmal bei Deutschlandfunk in der Küche mit den Frühstücksvorbereitungen anfing.
Im Radio war von der heiligen Familie die Rede. Barbara Vinken, deren Beruf mit „Postfeministin“ angegeben wurde, lieferte eine spannende Kritik einer typisch deutschen, protestantischen Familienvorstellung, die der Frau das Körperliche als heilig, häuslich und moralisch zuweist, während der Mann ins feindliche Leben hinauszutreten hat. Das leuchtete mir gleich ein – ich kenne es gut aus meiner Kindheit: Meine Mutter war immer zu Hause und die einzige in der Familie, die immer sagte und sagen durfte, was sie dachte – denn sie vertrat ja die Moral (als wir Kinder aufgeregt und ängstlich aus der Schule kamen: „Breschnew ist gestorben!“, meinte sie nur: „Ach, ist die alte Ratte tot.“), während mein Vater als Berufstätiger und Angestellter immer tendenziell im Unrecht war, sobald er das Haus verließ. Wenn er abends zurückkam, besprach er mit meiner Mutter, ob und inwieweit sein Handeln als Direktor eines staatlichen Unternehmens moralisch vertretbar war. An dieser Konstellation war also nicht nur die DDR schuld, sondern auch der Protestantismus.
Also, dass dieses Familienmodell nervt, verstehe ich. Wie aber anders? Vinken empfahl, wie für eine deutsche Prostentantenhasserin üblich, die französische Alternative. Dort sind, erklärte sie, aus historischen Gründen Elemente der Adelskultur stärker ins moderne Selbstverständnis eingeflossen: die Vorstellung von der edlen Frau, die sich nicht übers Kinderkriegen, sondern über ihre Rolle als Herrin definiert, zu der eine intellektuelle Ausbildung und gesellschaftliches Handeln gehören – in heutiges Deutsch übersetzt: die Frau als Berufstätige, die Aufgaben der Kinderaufzucht minimiert und delegiert. („Ich bin eine Französin. Wir stillen nicht!“ erklärte mir vor Jahren eine Kollegin, als ich sie fragte, wie sie den Berufseinstieg so schnell nach der Geburt hingekriegt habe.) Die Frau also, die sich wie der Mann durch die Berufskarriere legitimiert. Allerdings ist diese Selbstdefinition nicht weniger protestantisch als die als heilige Mutter, wie die Interviewerin ganz richtig anmerkte.
Sie merken schon: Ich stehe dem Postfeminismus (schon das Wort ist schrecklich) von Barbara Vinken skeptisch gegenüber. Da scheint sich ein guter Grundimpuls (die Empörung über die Ungleichbehandlung von Frauen) ins Uneigentliche und Akademische zu verflüchtigen. Als ich im Internet nachblätterte, fiel mir wieder ein, dass ich schonmal eine Magisterarbeit bei Barbara Vinken lektoriert habe, eine ehrgeizige, sehr kluge, aber ziellose Arbeit über Kleist, bei der am Ende rauskam, dass die Marquise von O. an ihrer Vergewaltigung selber schuld war: Feminismus, der sich vor lauter Intellektualität in sein Gegenteil verkehrt. Natürlich kann man eine Professorin nicht für die Arbeiten ihrer Studenten verantwortlich machen. Aber es ist so ein Eindruck.
Mir fiel im Internet auch auf, dass Vinken nur die Nr. 2 gewesen war – vor ihr (da hatte ich das Radio noch gar nicht angehabt) war natürlich ein männlicher Professor interviewt worden, Albrecht Koschorke, ein ebenso kluger, akademischer, aber sehr defensiver Mensch. Nicht mal, als die Interviewerin den groben Fehler beging zu behaupten, das Patriarchat sei vorbei, widersprach er – sondern flocht nur sanft relativierende Äußerungen in die folgenden Antworten ein. Und zur Vorherrschaft des Mannes meinte er, nicht der Mann habe die Vorherrschaft, sondern nur der Mann, der sich perfekt ins patriarchalische System einfüge. Richtig.
Nur: Ist es nicht auffällig, wie sich die Protagonisten verhalten? Die Frau kämpferisch, in einer Hassliebe dem herrschenden patriarchalen Protestantismus verfallen (ihr Hass und ihre Wut sind die Eintrittskarte in dieses System) – der Mann dagegen defensiv, relativierend, abwartend (diese Defensive ist, wie er selber bekennt, seine Eintrittskarte als Mann).
Das sind seit den sechziger Jahren die eingeübten Geschlechterrollen: Zum familiären Weihnachtsprogramm gehörte auch „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Sie kennen es vielleicht: Aschenbrödel ist eine mädchenhafte Schönheit, eine adlige, ganz unfrauliche Erscheinung, die das Schönheitsideal meiner Generation geprägt hat. Als Mutter kann man sich dieses Aschenbrödel wahrlich nicht vorstellen, als Königin schon eher.
Ja, aber, lieber Prager Filmstudio, liebe Barbara Vinken – was sollen wir machen: Wir sind erwachsen geworden und keine Könige, stattdessen Väter und Mütter, die auf bürgerliche Weise ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die Verachtung von Körper und Fraulichkeit bringt uns wenig, am wenigsten bringt sie uns irgendeine Befreiung der Frau. Und wenn es um das revolutionäre Potential im Weiblichen geht – dann doch bitte nicht „Berufstätigkeit“ oder gleichberechtige Karriere. Sondern eher so wie mein Freund T. nach „Drei Haselnüsse ...“ bemerkte: „Saxana ist doch besser.“ Saxana, das Mädchen auf dem Besenstiel. Deren Naturell könnte auch im Berufsalltag nützlich sein.

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