Sonntag, 19. August 2007
Der letzte Brief ist vom Januar 1990
Ende Januar 1990 bin ich selber dann auch in den Westen umgezogen. Meine Freundin war schon voraus und weilte in London, wohin sie im August von der End-DDR die Ausreise genehmigt bekommen hatte. Ich ließ mich zu Ende 1989 in Greifswald exmatrikulieren und bewarb mich für das Frühjahrssemester in Hamburg. Im Januar verkündigte unser einziger beliebter Professor in Greifswald, dass auch er zu Semesterende zu seiner Tochter in den Westen ziehen wolle. Es war eine ziemliche Rette-sich-wer-kann-Stimmung ... Ich schrieb an meine Freundin:
Greifswald, 26.1.90
Ich habe an meinem letzten Abend in Greifswald gar nicht besonders viel Zeit an Dich zu schreiben – ich werd den Brief wohl in Hamburg beenden müssen – weil ich gleich ins Kino und danach mit Haule in die „Kiste“ gehen werde, noch einen trinken – bin also voll ausgebucht
[…]
… und trotzdem ist’s schon komisch, dass ich wie häufig nachts hier ankomme, aber das Zimmer ist total leer (bis auf Bett und Möbel) und beim Zähneputzen aus dem Erkerfenster guck ich auf Harrys Trabant-Kombi, in dem schon alles verpackt ist und der mich morgen ins Ungewisse kutschen wird.

29.1.90
Ich bin jetzt in einer ziemlich doofen Zwischensituation, sitze in einer Notunterkunft (BGS-Kaserne) in Ratzeburg fest – Aufnahmeverfahren in der Lübecker Außenstelle von Gießen passiert frühestens übermorgen, am Mittwoch. Na ja, Du hast es ja auch grade durch - es ist wie bei der Armee: Da sitzen die Männer über Bierbüchsen und Pornoheften und schwatzen, sind sehr unterschiedlich und eigentlich alle nicht angenehm

Der Grenzübertritt war nach dem Mauerfall kein Hindernis. Nur zeigt die obige Notiz, dass gerade deshalb Massen und Massen in den Westen kamen. Das aufwendige Aufnahmeverfahren musste man durchlaufen, um den westdeutschen Ausweis und vor allem die Wohnung im Westen zu bekommen: Heimplatz plus §-soundsoviel-Schein, wie ihn die Obdachlosen bekommen.
Ich bekam nach sieben Tagen Aufnahmeverfahren nur einen Heimplatz in Unna, wo ich nun überhaupt nicht hinwollte, und auch den begehrten Wohnungsschein nicht (da er ab Januar – völlig berechtigter Weise – nicht mehr vergeben wurde). Stieg in Hamburg aus und klingelte bei den Bekannten, die meine Freundin und ich am Grenzöffnungswochenende kennen gelernt hatten. Dort stand auch schon mein Hausrat auf dem Boden. Ich hoffte auf ein WG-Zimmer dort. Aber ich geriet in ein Besäufnis und am nächsten Mittag war mein ungeliebter Heimplatz verfallen und ich bekam, da kein Zimmer frei war, die Speisekammer, die sofort DDR-Schrank getauft wurde.
Also, es war wirklich so, ich hatte das Gefühl, dass die DDR in Chaos versinkt und wir Schiffbrüchigen total herzlich im Westen aufgenommen werden.

Die Sehnsucht nach der Heimat kam erst später. Und das Theoretisieren über die DDR noch später. Dazu demnächst mehr.

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Montag, 6. August 2007
Brief 22, 23, 24 - das Jahresende: Scham, Verwirrung, Abschied
* Dezember, von Monika
... Ich verstehe nicht, warum du dich schämst, daß es Dir gut geht, wenn es Deinen Eltern schlecht geht. ...

* Dezember, von Isabelle
Lieber Martin!
Hier ist grad Sonnabend gegen 23.30 h, draußen ekelhaft kaltes Nebelwetter und im Radio das Geseier der Liedermacher im HdJT („Haus der jungen Talente“). ... Letzte Woche traf ich Monika in der Bersarinstraße, als ich grad von 5 Stunden Pegeltrinken mit Tom kam und war so für diesen ihren Abschiedsbesuch nicht mehr gut drauf. Was ich nicht so schlimm finde, da sich ja inzwischen die Dinge gewendet haben ...

* Dezember, von Monika
... erst noch von Hamburg. Ich fand das Stadtklima dort nämlich schlichtweg beschissen. Übervolle Kaufhäuser, Weihnachtstrubel, Lichter und an manchen Stellen, z.B. am Jungfernstieg rechts und links des Wassers, hohe tote Häuser, daneben gr. Schaufenster, wenig, aber exklusiv dekoriert, beleuchtet, und man konnte eine Weile laufen, ohne einen Menschen zu sehen. Furchtbar. Sonntagmittag bin ich um die Alster gelaufen und eine Menge Pelze kamen an mir vorbei. Vornehm, aber stinklangweilig. Ich hatte Reif im Haar, weil es so kalt war. In London ist es - so finde ich lebendiger und normaler. Die Stadt ist sehr groß, und Sehenswürdigkeiten gibt es überall. Mittendurch geht die Themse lichtblau in der Sonne, und es fahren darauf Schiffe und Schiffchen. Ein weiter Himmel, ein breiter Fluß und doller Verkehr. Autos wie Menschen. Aber die Autos z.B. hupen nicht ...

* Tagebuch vom 3. Dezember
"... ich habe in Westberlin geschlafen - nicht aus politischen Gründen - sondern weil ich dort das bessere Bett hatte: Da lag meine Frau drin." Wolf Biermann im Ostfernsehen. Die Welt steht auf dem Kopf. Gestern ein Konzert in Leipzig, heute im Berliner HdJT mit Bettina Wegener, Eva-Maria Hagen, Gerulf Pannach und leider auch Stephan Krawczyk sowie Ostkollegen. Die Hagen hat von allen am besten gesungen, er machte die große Show draus, fast schon penetrant, "... aber die Lieder gehen doch durch und durch." <- ein Theologe, der mit uns vorm Fernseher saß. Überhaupt die Nachrichten dieser Tage - allein gestern und heute: Es brettert dich weg: Jugendradio versucht vergeblich, zu Honi nach Wandlitz vorzudringen, Wenzel und Mensching sich durch ein Spottlied auf Krenz zu legitimieren. Haftbefehle gegen den Direktor vom Wohnungsbaukombinat sowie den SED-Bezirkssekretär (wegen Anstiftung) von Suhl. Waffenschmuggel-Lager im Kreis Rostock entdeckt. Erste Schlagzeile heute im ND: "Führungsrolle der SED wurde aus der Verfassung gestrichen", und auf der Geschichtsseite listet man Dutzende von Todesdaten in der SU umgekommener deutscher Kommunisten auf. Diskussionen gibt es um den Generalstreikaufruf des Neuen Forums Karl-Marx-Stadt und um die Kommission zur Aufdeckung von Amts- und Machtmißbrauch: Man kann sich vor Sonderjagdgebieten und -maschinen der Interflug, vor unter Wert verkauften Häusern, Autos und Westwaren schon gar nicht mehr retten. Nie hätte ich’s gedacht, daß dies vertrockneten Greise solche Lebemänner waren. Stoph z.B. (von den Kindern und Enkeln - das leuchtet mir schon eher ein) ... Vielleicht fing es überall mit so kleinen Sachen an. Und dann saßen Ernst und Hannelore "auf den berühmten Hügeln von Groß Zicker" vor ihrem Ferienhaus und machten DDR-Unipolitik. Und ein paar Etagen höher wird diese Schmuddelidylle direkt kafkaesk: Beim Verantwortlichen für Wirtschaft und Finanzen des DTSB wird "ein Betrag von insgesamt 291 000 DM West in Büroschubladen und anderen Behältnissen" gefunden, Herkunft und Verwendungszweck unklar. Der "Verantwortliche" begeht Selbstmord. Aber ich denke auch an Monika, die meint - obwohl oder weil sie Opfer ist - daß es eines übermenschlichen Charakters bedurft hätte, sich dem Zwang der Privilegien nicht zu beugen, was gehießen hätte, das System abzulehnen. Statt Schuldige zu bestrafen (und schuld sind im Prinzip alle, die Verantwortung hatten), sollte man lieber das System ändern. Hoffentlich geschieht's und auf eine gute Weise. Und ich denke an uns beide: Wir gehen dahin, wo (noch) munter fortlebt, was hier gerade aufbricht (um sich anders neu zu bilden?), in eine "festgefahrene" Gesellschaft (Monika). Aber es geht nicht anders, wenn wir ganz ehrlich anfangen wollen: Dieser politische Aktivismus, wohl notwendig, ist mir äußerst unangenehm. Die öffentlichen Auftritte mir so lieber Menschen wie Martin oder Harald mir widerwärtig, wie erst die der anderen: Karsten W. bei der Studentendemo: locker-studentisch in Filzmantel und Schal, lächelnd selbstsicher-freundlich guckt er über die Massen hinweg, ein Schild um den Hals: "Kunstwissenschaftsstudenten aller Unis, vereinigt euch". Ich möchte kotzen. Und die Leute mit der einfachen Vernunft hintenan. Monika M. Liane K. Wie wird das alles werden? "Ich möchte am liebsten fortgehn und bliebe am liebsten hier."

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Freitag, 3. August 2007
Briefe 20 und 21 - "Idealisten"-Reaktionen auf meinen Entschluss, nach Hamburg umzuziehen
* 11.12.89, von Thomas
Lieber Martin!
Ja,ja, die Zeiten ändern sich mit unbegreiflichem Tempo! Es ist unfaßbar, was in diesen bewegten Wochen so alles ans Tageslicht kommt, wie schnell die uns über Jahrzehnte eingetrichterten "Ideale" und "Idole" sich als kriminelle Machenschaften und Vereinigungen entpuppen. Traurig ist es, daß immer noch so viele das Handtuch werfen und "übersiedeln", aber eben durch diese Völkerwanderung und durch die Demo’s ist der ganze Sumpf ja in Bewegung geraten. Ich persönlich habe ein unwahrscheinlich schlechtes Gewissen, daß ich aus falschem Patriotismus ja, ja + immer nur ja zu allem gesagt habe. Sogar war ich für fast ein halbes Jahr Mitglied dieser ach so korrupten "Partei", aber wie so viele (z.B. sämtliche "Mitglieder" aus meinem Bekanntenkreis) habe ich diesen Verbrechern schon vor Wochen die "rote" Karte gezeigt und zurückgegeben. Dieser Schritt ist mir dann nicht mehr schwer gefallen, im Gegenteil, jetzt bin ich sogar stolz darauf.
In der vergangenen Woche habe ich gemeinsam mit meiner Frau den "sterbenden" und "faulenden" Kapitalismus in Augenschein genommen; es ist schon beeindruckend, was es da so alles zum Anschauen und Anfassen gibt. Gestaunt habe ich aber über so viele "Mitbürger", die rigoros freiwillig in die "Bananenfalle" gegangen sind. Konsumrausch gut und schön, aber das kann doch nicht das höchste aller Ziele sein?! ...
Herzlichst!
Thomas und Jana

* Dezember, Zettel bei Beurteilung durch die Seminargruppenbetreuerin zwecks Exmatrikulation
Lieber Martin!
Anbei die Einschätzung für Dich. Du könntest Frau N. bitten, daß sie dir selbige in der Sektion vervielfältigt, ja? Ich hoffe oder denke, soweit solcherart "Einschätzungen" überhaupt möglich sind, geht diese nicht ganz an Dir vorbei. Falls Du noch etwas benötigst, ich bin ab 8.1. wieder in Gwd. ... Sollten wir uns nicht mehr sehen, so wünsche ich dir noch einmal einen guten Start + ein gutes Gelingen, viel Kraft und Courage für den Neuanfang und bei der Selbstfindung/-verwirklichung.
(Du solltest keine Scheu haben, weiter etwas Kontakt zu halten und, sollte alles noch schwieriger sein, als gedacht, den Weg "zurück" nicht ausschließen - auch wenn Dir hier natürlich niemand eine Rückimmatrikulation garantieren kann + wird)
Alles Gute
R. D.

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Donnerstag, 2. August 2007
Briefe 17, 18, 19. - die Mauer ist offen!
* 24.11., Postkarte von Andi
Die DDR hat mich wieder! In Lübeck war ich eine Nacht und einen halben Tag. Ich hab schon wieder Demonstriert bei Temperaturen unter 0°C Wie geht es dir und deiner Kameradin freue mich über jeden Brief

* November, von Maria
... 1x war ich in W-Berlin. In Wertheim wollte ich Bomben legen ...

* November, von Monika
Lieber Martin. Ich schreib Dir mal wie’s bis jetzt war. Ich war in Gießen, hab das Aufnahmeverfahren gemacht und bin seit heute in HH. Habe einen vorläufigen Pass und ab morgen (1.12.) gibts Bewerbungsunterlagen. Das wars eigentlich schon. Gießen ist wirklich ganz gut, da wird alles hintereinander abgewickelt. Man bekommt den Aufnahmeschein, den man für vieles Spätere braucht, ebenso wie 200 DM Überbrückungsgeld + Fahrkarte zum zukünftigen Wohnort. 2 Tage war ich dort. In HH sind wir nicht in ein Heim überwiesen worden, sondern an ein Amt. Dort saß ich heute früh, bis jemand ein Zimmer freigemeldet hatte. Und so bin ich im Hotel Rosengarten gelandet. Das ist so, wie man es sich vorstellt, und ich hätte nicht gedacht, daß Ulla Meinecke und viele andere Berühmtheiten, die ich mir noch nicht so genau betrachtet habe, hier auch schon waren. Die Adresse steht in meinem Pass. In Gießen war ich noch bei der Benecke-Stiftung. Im März soll ich an einem 3tägigen Infoseminar in Berlin teilnehmen. Alles kostenlos (incl. Fahrt). Darauf freue ich mich, da kann ich mir dann Bln. ansehen. -
Und heute ist schon wieder ein Tag später, und ich brauche Ruhetage. Bisher ging alles so schnell, d.h., soviel ist an mir vorbeigerauscht. Biermann im Fernsehen habe ich gerade ausgemacht, der hats einfach gut, der Junge, weil er mit sich klarkommt. Mir ist immer noch schwindlig ... Jedenfallls all diese Laufereien nun ja - es funktioniert aber alles. Keiner meckert, keiner stellt sich bockig, es stöhnt nicht mal jemand, wenn ich ein Anliegen habe. Hach ja. Trotzdem bin ich noch eingefroren. Die Tränen kommen immer mal bis vor die Augen + dann ist gleich wieder gut.

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Mittwoch, 1. August 2007
Briefe 15 und 16 - Westreaktionen auf den 9.11.
* von Andreas
14.11.1989 Lieber Martin!
War das schön. Telefonisch einfach kein Durchkommen. Hätte ich dich überhaupt erreicht? So ein Glücksgefühl habe ich noch nie erfahren, ich kann es brieflich auch nicht weitergeben - einfach zu viele Facetten. Nur so viel- Als die Meldung in den heute-Nachrichten des ZDF um 19 Uhr gebracht wurde, war ich die Ruhe selbst. Die Reisefreiheit war ja angekündigt. Da mußte der nächste logische Schritt einfach die Öffnung der Mauer sein. Als dann von der ARD-Tagesschau um 20 h die Bilder aus dem Bundestag gezeigt wurden, das spontane Absingen der 3. Strophe des Deutschlandliedes, blieb ich auch noch ruhig. Ist das die Hymne derer, die sich am Sonntag zuvor auf dem Alex versammelt haben? Wohl nicht, aber kann man es wissen? ...
Gerührt wurde ich durch das Bild von Willy Brandt. Daß der dies erleben durfte! Ich hatte einen Kloß im Hals. Nachts um l h, 10.11.1989. Allein vor dem Kasten, die ersten Bilder der "Besucher vom ändern Stern". Stille Tränen. Warum hat diese blöde ARD dann abgeblendet? Ich legte mich hin. Dicht neben mir das Kofferradio, RIAS auf Kurzwelle, ständig Interviews und Reportagen. Ich blieb wach bis in den frühen Morgen; dachte an dich, an Mechthild und die Deinen, an unser Volk. Deutsche Geschichte im Schnelldurchlauf, persönliche Betrachtungen. Martin, ich weinte stundenlang. Ich fühlte mich zum ersten Mal in der Bundesrepublik als Deutscher ...

* von Peter
Nürnberg, 15.11.89 Lieber Martin, kurz nach Mitternacht ein schneller Brief - die nächsten Tage komme ich nicht zum Schreiben, aber die Zeit verlangt einen Brief an dich.
Du erinnerst dich sicher, wie wir drei uns in Potsdam jener Brücke näherten, so weit wir eben konnten, einer jener abweisend-undurchdringlichen Grenzpunkte. Daran und auch an die wirklich physische Undurchdringlichkeit von Drewitz mußte ich in den letzten Tagen oft denken, wenn ich Zeitung las, mit DDR-Besuchern sprach, selbst schaute, und zwar an einem Grenzübergang nordwestlich von Coburg. Ich hatte Freunde dort besucht, und am Sonntagnachmittag fuhren wir auf Schleichwegen zum "Eisfelder Blick". Ich erwartete Schlimmes und war sehr skeptisch, weil ich mit nationalistischem Getöse, Fahnenschwingen etc. rechnete. Aber die Flachserei über die mit Handtüchern den hunderten und tausenden Trabis zuwinkenden Grenzdörfler wich bald Staunen. Ein paar hundert "Westler" standen zu beiden Seiten der StraBe im blauen Autodunst und winkten der endlos scheinenden Autokarawane zu, die in beiden Richtungen an ihnen vorbeikroch. Gelöste DDR-Grenzposten plauderten mit bayerischen Polizisten und Umstehenden, ich traute meinen Augen nicht. Und das für mich Überraschende war die freundlich-friedfertige Stimmung, die über allem lag. Zudem sah ich erstmals in meinem Leben vor Freude weinende Erwachsene persönlich.
Das Chaos in Coburg will ich nicht näher beschreiben, es wäre nur ein weiterer Bericht ...

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Dienstag, 31. Juli 2007
Briefe 13 und 14
* 25.10., von Monika
... Im Fernsehen kam gerade Egon Krenz, dessen Antrittsrede wir uns anhören wollten. Sie war mühsam und nicht lange auszuhalten. Und eigentlich war es sehr traurig. Ein Mensch redet zu Menschen in seinem Land und er redet, ohne daß man sein Herz spürt; er betont seine Stimme - es klingt blechern und scheint unaufhörlich zu scheppern ...

* 1.11., von Andreas
Lieber Martin!
Jetzt bricht mein Skeptizismus voll durch. Ich glaube nicht, daß die SED die Reisefreiheit gewähren wird. Die Devisenfrage wird als Schutzbehauptung vorgeschoben. Für mich als Historiker sind Opportunismus und Verstellung absolut nichts Neues. Aber erstaunlich ist es doch, zu sehen und zu hören, wie viele in der DDR jetzt plötzlich ganz anders reden als zuvor. Kurzum - was nutzt der Reisepaß ohne Aus- und Einreisevisum. Und dabei bleibt's doch nicht! Ich vermute, daß in Zukunft jeder Antragsteller für Westreisen noch eine Vermögensoffenbarung über Devisenbesitz beilegen muß. Das ergänzt dann die dem Antragsteller nicht unmittelbar einsichtig gemachte politische Wohlverhaltensklausel.
ALSO: wenn Du eine Einladung zur Vorlage bei der Visaabteilung brauchst, laß es mich schnell wissen. An die "Wende" in der DDR kann ich nicht glauben. Wer wen -die Frage beantwortet ein Herr Schabowski und ein Herr Modrow, ein Herr Krenz wie ein Herr Honecker letztlich gleich
Wachen Sinnes und illusionslos
Dein Andreas

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Montag, 30. Juli 2007
Briefe 11 und 12
* Postkarte mit Fotomontage: Selbstbildnis als Napoleon
Berlin, 14.Sept.*89 Hallo, Hallo!
Bin und bleibe noch hier. Besser ein Raum ohne Volk als ein Volk ohne Raum! Viele Grüße nach dirty old town. Meine Schulden bei Martin brennen immer noch heiß in der Seele, doch denke ich, wir sehen uns mal in diesem bald leeren Land. Wißt Ihr noch, wer und wo ich bin? Always M.P. ...(Adr.) diese Karte berechtigt zum Eintritt! Könnt ja auch mal Hallo sagen unter ...(Tel.) Alles Liebe an euch beide Marc

* Oktober, von Maria
... Ich hab schon das Schlimmste vermutet: Du und Budapest, Prag etc. Ich war sicher, du bleibst, aber in dieser i r r e n Zeit! und angesichts Deiner persönlichen Lage. Ach, wenn das Private und die ganze Politik so gar nicht stimmen, ist eins zu viel. Aber ich bin geistig lustvoll und produktiv. Auch habe ich ganz hinten oder unten oder wer weiß wo eine heitere Hoffnung auf Besserung von beidem ...

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Mittwoch, 25. Juli 2007
Briefe 9 und 10
* von Maria
28.8.
Lieber Martin,
ich sitze hier in der Zentrale des Studentensommers, im wesentlichen rumgammelnd und mich über die grauenhafte Bürokratie aufregend. Da ich "Sekretärin" bin, von heute an 3 Wochen, bis 18.9., schreibe ich Dir auch mit der zutiefst klapprigen Maschine. Die Leute rennen hier rum, als gälte es das Leben, dabei gilt es nur der Organisation dieses grauenhaften und verlogenen Unsinns ... Mir geht es ganz gut, ich bin irritiert vom Weltgeschehen, oft voller Wut und ansonsten sehr angreifbar und dünnhäutig (wie fast immer). Meine Zukunft ist ungewiß, aber ich bin gelassen und genieße wieder die Stadt und meine Wohnung, die Einsamkeit und weniger den Trubel, der mich irgendwie nervt ...

* August, Postkarte nach Litauen (da war ich im Studentensommer) von Monika
Martin, lieber! Ich sitze bei Uschi im Sessel unter der Lampe und lausche den gleichmäßigen Atemzügen der Schlafenden im Kinderzimmer. Die Genehmigung [für die Ausreise] habe ich bekommen. Jetzt habe ich viele Laufereien. Es wird bestimmt noch einen Monat oder länger dauern. Bevor ich die Papiere bekomme, brauche ich von britischer Seite ein Einreisevisum. Das kann ich aber noch nicht beantragen, sondern muß warten, bis hier alle Formalitäten genehmigt sind. Wir können also noch einen Urlaub machen. Willst Du? Ich möchte Dich bedrängen es zu wollen ... - Kriegst du von der Politik was mit? Thema 1: Ausreise. Viele über Ungarn -> Wien. Ständige Vertretung in Bln. Ost wegen Überfüllung geschlossen. Seit Tagen - und alle sind gespannt, ob was getan wird oder nicht

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Montag, 23. Juli 2007
Briefe 7 und 8
* 10.8., von Antje
Es bedarf eines moralischen Aufschwungs, um solcher Verzagtheit Herr zu werden.
(Chr. Wolf)
Lieber Martin!
Ich muß Dich leider enttäuschen und kann Deine Anfrage nur negativ beantworten. Meine Eltern kehrten von ihrer Reise in den Westen des Landes nicht wieder in "die Heimat" zurück. Mein Freund der sich auch auf Tour durch den Wilden Westen befindet, wird sich dort entscheiden. Meine Entscheidung steht noch aus. Entschuldige, jetzt hat der Stift versagt. Die Hauptentscheidung fällt natürlich mit J.'s Ausbleiben. Denn auch bei mir macht sich Hoffnungslosigkeit breit, obwohl man mir betrieblicherseits ab Sept. '9o ein Studium angeboten hat und die Arbeit in der Galerie eigentlich auch Spaß macht ... Die ständig-neuen Meldungen entmutigen zusehends. Wer bleibt denn eigentlich noch hier. Urlaub fällt im gröBeren Sinne erst mal flach, obwohl er so nötig wäre. Die Post bitte an die Hausburgstr. senden. Bei Dir sieht es also auch nicht so rosig aus. Ist Dein Mädel schon auf und davon? Furchtbar, überall nur noch dies eine Thema, bliblublablabla, wer hätte das alles gedacht, je erwartet. Was soll werden?
Meine Schwester bekommt zu alledem auch noch ein Kind, der Vater wird auch fahren. Unsere Reise zur Nichte wurde abgelehnt, weil sie einen Treff mit Personen erwarten, die das Land unberechtigt verlassen haben. Was haben wir mit der Entscheidung der Eltern zu tun. Natürlich werden wir eine Eingabe loslassen. Sonst auf einem anderen Weg Versuche starten. Warten, warten, warten auf Godot
Liebe Grüße
von Antje

* 24.8., von Jana
Mein lieber Martin!
Dein Brief aus dem fernen Litauen kam soeben an, und ich will gleich antworten, da ich momentan untätig rumsitze und schwitze, traue mich nicht, unter die Dusche zu gehen, weil es dann klingeln könnte - ich warte auf Antje R., die vielleicht doch nicht erscheint ..., habe sie in der vergangenen Woche in Bln. besucht; nach ihrem verworrenen Brief mußte ich nach dem Rechten schauen und fand eine supernervöse, überreizte Antje, kein Wunder bei ihrer Situation - der Geliebte kommt nun auch nicht wieder! Ich weiß, Ausreisethematik ist ein Thema und damit keins für Dich. Doch du fragst nach meinem Befinden. Und hier liegt der Hund begraben! Es geht mir miserabel; ich verkrafte bald diese vielen Abschiede nicht mehr. Beim gestrigen Telefonat mit R. machte mir ihre Stimme großen Mut. Nach einwöchigem Aufenthalt in Westberlin weilt sie wieder im provinziellen P., und mir fiel ein Stein vom Herzen, ein Stein der Erleichterung, denn Man weiß ja heutzutage nie ...

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Freitag, 13. Juli 2007
Nr. 5 und 6 sind Tagebucheinträge
* Tagebuch vom 6. Juni
... Also, ich habe bei der Wahl (obwohl es meine dritte schon war) diesmal alle Namen durchgestrichen. Groß was Besondres ist das eigentlich nicht - ich bin bestimmt nicht der einzige, der gerade diesmal zum ersten Mal dagegen gewählt hat, so wie die Stimmung im Lande steht, und ich könnte mir vorhalten, mich hierin mit Kleingeistern im Verein zu finden, die sich jetzt auch trauen (<- wenn das offizielle Wahlergebnis stimmt, ist das allerdings Quatsch). Mitgespielt hat sicher; daß mir Maren beistand, auch daß die Unfähigkeit der G.er Stadtverwaltung (selbst auf der kurzen Strecke von zu Hause zum Sonderwahllokal) schlicht unübersehbar ist, und was jetzt um den Dom herum geschieht, das spottet jeder Beschreibung, aber die Hauptsache war wohl wirklich das Ablegen einer unsicheren elterlichen Position (<- auch die schämen sich sicher für ihr Ja-Wort), ein Stück mehr Ehrlichkeit ...

* Tagebuch vom 29. Juni
Ja, Tramperlebnisse: wir hatten da noch einen Volkskammersekretär für Landwirtschaft, der sich als "Bauer" bezeichnete und auf die "Gleichmacherei" schimpfte - beim Thema "Sanssouci" fielen ihm nur die viel zu niedrigen Museumspreise ein (die seiner Meinung nach die viel zu vielen Besucher erklären), dann demonstrierte er uns noch den herzlichen Kontakt zur Bevölkerung an seiner Stammtankstelle. Im Amt übrigens seit 1974 - ein Mann der doch so tollen Öffnung von "Weite und Vielfalt" der Ära Honecker ...

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