Dienstag, 10. Juli 2007
Nr. 3 ist ein Urlaubsbericht aus der Provinz und Brief 4 aus Berlin
* Tagebuch vom 23.Mai
... geschlafen haben wir im HdW, das früher "Deutscher Hof" hieß und Bismarck und dem Kaiser Unterkunft gewährte - jetzt hängt die Tapete von den Wänden und nur noch ein paar bulgarische Kellner und die Reinemachefrau Rosie bewohnen das Gebäude. Es war nicht allzu schwer, die Nachtwächter Vater und Sohn und beide Suffis - zu überreden: Als uns der Vater die Schlüssel übergab, war er so voll, daß er uns für Bulgaren hielt: "Können Sie deutsch schreiben?" und jeden Dank unter Tränen ablehnte: "Wir Deutschen haben alle was gutzumachen." ...

* 2.6., von Dörte
... Man hatte mich zum sogenannten "Mandatsträger" verdonnert und so war ich am Freitag schon in Berlin, um mich mit meiner Person an der Massenballung beteiligen zu können. Schließlich kam es wohl darauf an, daß möglichst viele Leute zu sehen waren. Ich habe wirklich mal versucht, mich in der Stadt umzutun, aber es war dermaßen voll, daß ich hinterher problemlos beim Flossenschwimmen hätte mitmachen können, weil mir, ich weiß nicht wie viele Leute, auf den Füßen rumgetreten sind. Allerdings habe ich mit Erstaunen festgestellt, zu welchen Leistungen der sozialistische Handel fähig ist. Berlin schwamm in einer Flut von Bananen, und jeder Südländer ist jetzt der festen Meinung, wir könnten uns auch sonst nicht davor retten. An jeder nur möglichen Stelle häuften sich Berge von weggeschmissenen Verpflegungsbeuteln, Pappbechern und Bockwurstresten. Feine Sache. Ich will mal nicht nur schimpfen, denn ein paar gute Sachen gab es ja wohl auch, hinsichtlich der Veranstaltungen. Dafür haben wir nur keine Karten bekommen.
Ich hoffe, Dein Pfingsten war etwas ereignisreicher als das meinige und vor allem weniger nervend ...
Übrigens sitze ich seit einer guten Stunde in einer WISO-Vorlesung (die zweite in diesem Semester) und langweile mir die Haare vom Kopf. Der Herr dort vorn berichtet gerade mit Hingabe von den "Geburtswehen des Sozialismus". Poetisch!! Das wird wohl wieder mal für lange Zeit die letzte Veranstaltung dieser Art sein, zu der ich mich
freiwillig begebe ...
So auch wenn noch bannig viel Platz ist, werde ich jetzt wohl langsam Schluß machen, denn demnächst wird diese Wahnsinns-Vorlesung zu Ende sein und ich will den Brief noch einstecken.
Laß es dir gut gehen, vergiß mich nicht und grüße alle, die du barfuß triffst!
Tschüß Deine olle Dörte

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Montag, 9. Juli 2007
Briefe 1 und 2
* 10.2., von Antje
... Aber, ich verstehe es ja schon, doch glaube nicht, daß das dort drüben meine Welt wäre. Worum ginge es denn dabei? Um die Freiheit, um die große Welt samt ihren Raffinessen. Gut,gut, schau dich in den Straßen um und sehe die blassen Gesichter, kaputt vom Herumlungern in Grünpflanzenbüros - von Sinnlosigkeit - Stumpfsinn; aber denke doch nur was für eine Aufgabe, natürlich nicht für dich oder mich - oder irgendwie doch. Reden. Reden, offener werden, aber das sagt sich alles sehr einfach. Ich glaube, wer hier nicht durchkommt, na drüben erst recht nicht; schon gar nicht, wenn er fremd und unbeholfen ist, wie wir "Ostis". Aber vielleicht könnte man sich bei uns viel größere Freiheiten schaffen, viel freier, sogar offener denken als - sonstwo ...

* Zettel aus einem Andreas- Paket Hinweis für den Zoll der DDR
Sehr geehrte Damen und Herren!
Aufgrund der Lektüre des "Neuen Deutschland" (s. Artikel Stephan Hermlins zum 75. Geburtstag von Stefan Heym) geht der Absender des Pakets davon aus, daß der Titel "Ahasver" nicht länger in der Liste der verbotenen Gegenstände (Ziffer 2.1.6.1.) aufgeführt ist.
Mit freundlichen Grüßen A. P.

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