Sonntag, 1. Juli 2012
Wie ich von Auschwitz erfuhr
Heute mal ein Gast-Beitrag in meinem Blog: Ich berede meinen Vater (genauso wie meine Mutter) ja immer, dass es Zeit ist, mal biografische Erinnerungen aufzuschreiben, immer diese wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu Spezialthemen in Fachorganen oder an Winkeldruckorten, das kanns doch auch nicht sein am Lebensende. Hier also eine erste Lieferung von meinem Papa:

Wie ich von Auschwitz erfuhr
Drei Gelehrte, ernst und hager Planer der Vergasungslager Fordern auch für die Chemie Freiheit und Democracy. (1)
Für die Bombenflieger des 1. Weltkrieges war Leuna nicht zu erreichen gewesen. Das sollte auch für die ersten Jahre des zweiten großen Krieges noch so gelten. Um 1940 war eine erste einsame Bombe gefallen, deren Trichter im Garten eines Siedlungshauses als sensationelles Ereignis angestaunt wurde. Aber man konnte ahnen, dass es nicht dabei bleiben würde. Es erging Anweisung, die Keller der Wohngebäude durch Absteifungen zu ertüchtigen und mit Notbetten und anderem Inventar als Schutz- und Aufenthaltsräume einzurichten. Auch wurde ein erster kommunaler Luftschutzbunker gebaut, noch in den gefälligen Formen eines besseren Lagerhauses, aber, wie sich bald zeigen sollte, nicht ausreichend vor den immer schwerer werdenden Bomben schützend. Nach ihm entstanden in der Wohnsiedlung des Werkes gewaltige viergeschossige Betonklötze mit meterdicken Decken und Wänden aus armiertem Beton; einer davon in unserer Nähe neben dem Bahnhof Leuna der Merseburg-Leipziger Bahnlinie. Von den Bauarbeiten ist mir der Name Philipp Holzmann auf den Schal-und Rüstbrettern als maßgebende Baufirma in Erinnerung geblieben. Im Verlauf der 40er Jahre (2) begannen dann unsere regelmäßigen Nachtwanderungen, um nach dem Ertönen der Alarmsirenen in diesem Bunker Schutz zu suchen. Denn dem eigenen Keller zu trauen, hatten wir längst aufgegeben, nachdem wir bei einem Tagesangriff durch den Druck der fallenden Luftminen mitsamt unseren Kohlen- und sonstigen Vorräten um einander gewirbelt worden waren. Umso mehr war ich erstaunt, als meine Eltern mir eines Abends ankündigten, daß wir in der nächsten Nacht bei Alarm nicht in den Bunker ziehen wollten, sondern in den Hauskeller zu unseren Nachbarn gehen würden Als der erwartete Alarm kam, klingelten wir also bei unseren Nachbarn und suchte^ gemeinsam mit ihnen deren Keller auf. Dort erfuhr ich auch den Grund für diesen ungewöhnlichen Entschluß: Bei den Nachbarn war ein junger Verwandter zu Besuch, der seit seiner Tätigkeit in den Leuna-Werken bei ihnen lebte, vor einiger Zeit aber zum Aufbau einer neuen Produktion nach Polen geschickt worden war. Die Nachbarn hatten meine EHern zu seinem Bericht über die dortigen Erlebnisse eingeladen.
Auch im Keller des Nachbarhauses gab es diese zweistöckigen Luftschutzbetten -ajso wurde ich als damals Zehnjähriger in ein oberes Bett geschickt mit der Aufforderung, weiter zu schlafen solange der Alarm andauert. Da meine ältere Schwester längst zwangsverpflichtet war, in einer Scheinwerferbatterie im Ruhrgebiet Kriegsdienst zu leisten, waren meine Eltern und die Nachbarsleute unter sich, und der nächtliche Fliegeralarm bot ihnen Gelegenheit zu offener Rede. Ich schlief natürlich nicht, denn es war so ungeheuerlich, was ich da zu hören bekam - aber gewiss nicht hören sollte Der Verwandte der Nachbarn, als Verfahrenstechniker in Leuna wegen seiner herausgehobenen Position vom Militärdienst freigestellt, war^ zum Aufbau einer neuen Produktionsanlage im Osten abkommandiert worden. Er berichtete, daß in Birkenau in Polen als Ausgleich für die im Rheinland stark bombardierten Chemischen Werke Hüls ein neues Buna-Werk für die Herstellung von künstlichem Gummi entstanden ist und zugleich daneben bei laufendem Betrieb von Leuna aus ein Destillierwerk zur Kohleverflüssigung für die Benzinproduktion aufgebaut wurde. Nach seiner Kenntnis war die Gegend um Birkenau von den Experten der IG Farben nicht nur wegen ihrer Lage außerhalb der Reichweite der alliierten Bomberflotten ausgewählt worden, sondern ebenso wegen der reichen Vorkommen wichtigster Grundstoffe für die geplanten Produkte: oberschlesische Kohle und Kalk aus den Beskiden sowie Kühlwassers aus den Weichsel-Nebenflüssen als Voraussetzung der chemischem Prozesse. Vor allem aber war es den Oberen von IG Farben gelungen, einen Überfluß an beliebig verfügbaren Arbeitskräften zu organisieren. Dazu wurden rund um die Chemie-Baustellen Sammellager für KZ-Häftlinge - in der Überzahl Juden - eingerichtet, welche die SS ununterbrochen aus ganz Europa antransportierte. Sie wurden in schnell errichteten Baracken zusammengepfercht, schlecht gehalten und mangelhaft ernährt; auf die von ihnen erwarteten Arbeitsleistungen waren sie in keiner Weise vorbereitet und erfuhren nur die allemotwendigsten Unterweisungen, von den in der chemischen Produktion unerlässlichen Arbeitsschutzvorkehrungen konnte keine Rede sein. Den Aufbaugruppen der Werke und deren Vorarbeitern standen sie ohne Einschränkung für den vollen Schichtdienst bei ständig forciertem Arbeitstempo zur Verfügung. Angetrieben von den beigestellten SS-Aufsehern hatten sie zu schuften - buchstäblich bis zum Umfallen. Und wenn sie umfielen, bedeutete das den Tod - getötet mittels Giftspritze wie lästiges Vieh, wurden ihre Leichen in dafür bereiten Krematorien verbrannt.
Der junge Verfahrenstechniker aus Leuna erlebte seine eigene Aufbauarbeit und die ihm abverlangte rasant zu steigernde Produktion zugleich als eine große Todesmaschine. Dabei stand er unter dem unerbittlichen Druck seiner Vorgesetzten, des Betriebsleiters Dürrfeld (3), mit dessen Arbeitsstab er aus Leuna gekommen war, und der Spitzen des IG Farben Konzerns, die zu ständigen Inspektionen anreisten, um das Wachsen der Betriebe und den Anstieg ihrer Produktion voranzutreiben. Sie kamen meistens in Begleitung von hohen SS-Dienstgraden und trugen oft auch selbst SS-Uniform. Da fielen Namen, die mich aufhorchen ließen, denn sie waren uns Leunaer Kindern wohl vertraut... Bütefisch (4), und vor allem der großmächtige Schneider (5), von dessen Villa am Rand der Leunaer Werkssiedlung sich ein prächtiger Hang ins Saaletal zog, der im Winter unsere beliebteste Rodelbahn war... Sie also traten als grausame Schinder dort auf, die sich am Schicksal der Häftlinge nur interessiert zeigten, weil es galt, größtmögliche Arbeitsleistung aus ihnen herauszuholen, und die bei Ausfall darauf bestanden, schnellstens Ersatz heran zu schaffen... ? Massenmörder erhielten plötzlich „Name, Anschrift und Gesicht..." (6).
Unser Erzähler offenbarte sein Entsetzen; er war selbst zutiefst erschüttert, denn für ihn sind das die Größen seines Fachs gewesen, bedeutende Chemiker und Techniker, zu denen er einmal bewundernd aufschaute...
Nun war er gekommen, Abschied zu nehmen, denn er hatte sich freiwillig an die Ostfront gemeldet, um dieser Hölle von Auschwitz/Birkenau zu entgehen. Er ist aus dem Krieg nicht zurückgekommen...
Der Schock, den ich in jener Nacht im Luftschutzkeller erfahren hatte, wirkte nach, als mit dem Ende der Naziherrschaft die Wahrheit ans Licht kam.
„Die Leiter der IG Farben waren harte, aber respektable Geschäftsleute, die zu großem Reichtum durch die Konstruktion jener Maschine gekommen waren, die die Nazis auf den
Weg nach Buchenwald trieb. Ohne IG Farben hätte Hitler nie in den Krieg ziehen können
Hitler kam an die Spitze mit Hilfe einer Koalition der führenden Schwerindustriellen und der militaristischen Junker: ohne Unterstützung der Mehrheit des Volkes. Der Anteil der IG Farben bei diesen Machenschaften kann jetzt durch die Aussagen der Verantwortlichen der IG belegt werden." (7)

Literatur:
Franz Fabian, Der Rat der Götter. Nacherzählt dem gleichnamigen Defa-Film, Berlin
(Deutscher Filmverlag) 1950
Diamond Jeffreys, Weltkonzern und Kriegskartell. Das zerstörerische Werk der IG Farben,
München (Blesssing) 2011 - bespr. v. Andreas Platthaus, Der Sündenfall der deutschen
Chemie, FAZ vom 16. Juni 2011
Willi Kling, Kleine Geschichte der IG Farben, Berlin (Tribüne) 1957
Otto Köhler, ...und heute die ganze Welt - Die Geschichte der IG Farben und ihrer Väter,
München/Zürich (Rasch u. Rührig) 1986
Richard Sasuly, IG Farben, 1947 - dt. von Walter Czollek, Berlin (Volk und Welt) 1952
Helmut Wickel, LG. Deutschland. Ein Staat im Staate. Berlin (Verlag Der Bücherkr,eis) 1932
Kämpfendes Leuna (1916-1945), Berlin (Tribüne) 1961
Befreites Leuna (1945-1950), Berlin (Tribüne) 1959
1l) Bertolt Brecht, Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy (1947)
Brecht, Gedichte VI, Berlin und Weimar (Aufbau) 1964, S. 157
(2) „ 1944: 12. Mai: Erster großer Bombenangriff der englisch-amerikanischen Luftwaffe
zur planmäßigen Zerstörung des Leuna-Werkes..."
Kämpfendes Leuna S. 937 (3). Walter Dürrfeld wurde von Bütefisch als unmittelbarer Betriebsleiter für IG Auschwitz
ernannt. Er behielt seine Büros zunächst noch in Leuna, um sie dann 1942 endgültig
nach Auschwitz zu verlegen.
(Kling, S. 44)
Der Verwandte unserer Nachbarn war von Dürrfeld .aus Leuna nach Auschwitz versetzt
worden (4) Heinrich Bütefisch, Direktor der Leuna-Werke, hatte bereits im Juni und Herbat 1932 an
Treffen mit Hitler teilgenommen; als SS-Obersturmbannführer gehörte er zum sog.
„Himmler-Kreis" und war einer der bestbekannten Nazis in der Führung der IG.
In Auschwitz war er für die Synthese-Anlagen verantwortlich.
(Sasuly S. 132 u. 334 - Kling, S. 44)
Er bewohnte eine Direktoren-Villa in Leuna und ein Jagdhaus in der Auenlandschaft
bei Zöschen. (5) Christian Schneider, Mitglied des Zentralausschusses der IG Farben und Leiter der
zentralen Personalabteilung, war zugleich „Hauptabwehrbeauftragter"
des Gesamtkonzems.
Obwohl in Frankfurt (Main) und Berlin tätig, hatte er seinen Sitz in Leuna; ebenso das
von ihm geleitete für die Zwangsarbeiter zuständige ,3üro Bertram".
(Sasuly, S. 329 - Kling, S. 41 - Befreites Leuna, S. 15)
Schneider bewohnte in Leuna eine schloßähnliche Villa oberhalb der Alten Saale mit
Blick über die östliche Auenlandschaft.
. (6) Bertolt Brecht, Kriegsfibel, Berlin (Eulenspiegel Verlag) 1955, Bild 22 (7) Sasuly S. 32/33
„Herr Sasuly war., einer der Beauftragten für die Untersuchung der Archive der IG
Farben; außerdem bereitete er das Verfahren gegen die IG vor."
Vorwort von Senator Claude Pepper, ebd. S. 20

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Montag, 27. Februar 2012
Anlässlich eines Films über die Odenwaldschule
Am Wochenende sah ich auf Phoenix einen Dokumentarfilm über die Odenwaldschule. Sie erinnern sich bestimmt: der Missbrauchsskandal an dem Eliteinternat. Ein sehr guter Film, der gekonnt die Waage zwischen persönlichem Engagement und distanzierter Sachlichkeit hält und eindringlich schildert, was da vor sich ging: Ein Schulleiter installierte ein allgemeines Laisser-Faire-System, um den eigenen kriminellen pädophilen Neigungen ungestört nachgehen zu können.
Aber darüber wollte ich gar nicht schreiben. Mir fielen zwei Kleinigkeiten auf, die der Film andeutete, aber nicht vertiefte: nämlich erstens die merkwürdige Zurückhaltung, mit der dieser Schulleiter, Gerold Becker, von den Behörden behandelt wurde. Unklar ist nicht nur, wie Becker 1967 auf den Schulleiterposten kam, obwohl der zuständige Bildungspolitikerschon von einem sexuellen Übergriff dieses Mannes auf einen Schüler wusste. Noch viel unklarer sind die Umstände seiner Ablösung 1985. Irgendetwas musste ruchbar geworden sein, irgendjemand musste ihn gedrängt haben, sich unter Ausreden von seinem Posten zurückzuziehen. Ein loyaler Nachfolger wurde – ohne Ausschreibung oder Auswahlverfahren – gefunden und eingesetzt, um die Schule wieder auf geregelte Bahnen zu bringen, ohne dass irgendjemand draußen etwas mitkriegt. Und so blieben auch später alle Anschuldigungen in der deutschen Öffentlichkeit ungehört, solange die Straftaten nicht verjährt waren.
Die andere Kleinigkeit war, dass ich über Hartmut von Hentig nachdachte, der nicht nur ein bekannter Pädagoge und Bildungsforscher ist, sondern auch Gerold Beckers Lebensgefährte war. Müsste der das nicht wenigstens als Untreue und mit einiger Eifersucht aufgenommen haben, wenn sein Freund und Partner die Passfotos der missbrauchten Jungen wie Trophäen in den gemeinsamen Wohnungsflur hängt? Oder konnte er das kompensieren, da er als der Berühmtere, der preußische Adlige, die stärkere Position hatte gegenüber Becker – so dass im Vergleich dazu ein paar „kleine Jungen“ nicht ins Gewicht fielen?
... aber hier überschreite ich endgültig die Grenze zu Spekulation und Verschwörungstheorie und spare mir den geplanten letzten Absatz dieses Textes, der die merkwürdige Liebe der alten Bundesrepublik zu den preußischen Adligen und also meine sozialen Vorurteile als Nachfahre anhaltinischer Proleten zum Inhalt haben sollte.

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Donnerstag, 2. Februar 2012
Lichtenhagen
Den Namen "Lichtenhagen" hörte ich das erste Mal, als wir 1979 dorthin eine Klassenfahrt unternahmen. Und nun guckt euch doch mal diese verqueren, verlorenen Gesichter an auf unserem Klassenfoto vor der Lichtenhagener Schule! Damit ist doch wohl alles klar!


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Irrtümer
Manchmal ist man sich seiner selbst sehr sicher und dennoch im Irrtum. Das fiel mir ein, als ich bei der schönen Diskussion über meinen letzten Beitrag an mein Schulpraktikum 1992 in Rostock erinnert wurde.
Ich schmunzelte damals ziemlich überlegen in mich hinein, als ich im Sozialkundeunterricht hospitierte, wo eine ehemalige Staatsbürgerkunde-Lehrerin versuchte, die aktuellen Ereignisse für ihre sechzehnjährigen Schüler fassbar zu machen. Sie gab ihnen ein Zitat von Freud über den Aggressionstrieb – mit dem Unterrichtsziel, dessen bürgerliche Haltung als falsch zu erkennen, weil ja immer das Soziale, also Politische, also die Existenz eines rechtsradikalen Milieus, den Kern eines Konflikts darstellt. Eine Schülerin, erkennbar aus gutbürgerlichem Haus, meldete sich und meinte, Freud sei ja ein Arzt für Geisteskranke gewesen. Für Geisteskranke möge das ja stimmen, dass der Mensch an sich aggressiv ist. Für Normalbürger ergäbe das keinen Sinn. Und war sich unausgesprochen mit der Lehrerin einig, dass es die Faschos und die Ausländer sind, also die Abartigen verschiedener Coleur, die das Lichtenhagener Vorstadtidyll rings um das Sonnenblumenhaus zerstört haben.
Da wähnte ich mich auf der sicheren Seite, lächelte über die Leute, die nicht mal von Freud eine Ahnung haben, dessen Thesen schon seit hundert Jahren bekannt sind, aber vor allem verteidigte ich mit diesem Lächeln mein eigenes Neben-der Spur-Sein: Natürlich fühlte ich mich selber eher als „Fascho oder Ausländer“ denn als Lichtenhagener. Hatte einen Hass auf alles und die Spießer, insbesondere die ostdeutschen Spießer. (Und später, als ich das begriff und therapeutische Hilfe in Anspruch nahm, da war es ganz schnell klar, dass das nur eine klassische Psychoanalyse sein könnte, kein rationalistischer Verhaltenstherapie-Schnickschnack oder gar westdeutsch-modischer Bioenergetik-Quatsch.) Noch später, die Wogen glätteten sich langsam, las ich, dass Freuds These vom Aggressionstrieb tatsächlich überholt ist. Man weiß inzwischen, dass Aggression tatsächlich so eine Art Fehlfunktion ist, nämlich eine in der Sache verschobene Reaktion auf eine anderswo erlittene Demütigung. An sich eine ziemlich einleuchtende Erklärung; komisch, dass einen erst die Neurowissenschaft darauf hinweisen muss.
Es gab also keinen Grund, mich über die Stabü-Lehrerin und die ostdeutsche Schülerin zu erheben, aufgrund irgendeines gesicherten Wissens, nein, die hatten schon Recht. Ihre Argumente stimmten. Was nicht stimmte, das war der ideologische Zusammenhang, nämlich die Idee, dass der Mensch als solcher einfach nur den Normen gehorchen muss, und schon ist alles in Ordnung.
Denn wenn es so wäre, dann wäre ja tatsächlich der Mensch eine Maschine, wie es im 18. Jahrhundert schonmal jemand behauptet hat, dann wäre der Mensch nichts als eine sehr entwickelte Hardware, auf die die richtige Software einfach nur aufgespielt werden muss. Und dann wäre es in der Tat entscheidend, ob die richtige frühkindliche Frühförderung passiert und in den frühen Jahren, in denen sich das Gehirn bekanntermaßen entwickelt (also so ca. bis vier), möglichst viel und Sinnvolles auf die Festplatte gespielt wird. Ja, davon träumen sie, die von der Leyens und Linken – Gott sei Dank ist es nicht so, wenn mir dieser persönliche Hassausbruch gestattet ist.
Und vor allem: Wenn es so wäre, dann würde jeder Hardware-Fehler bedeuten, dass das betreffende Individuum minderwertig wäre. Dann wäre die Präimplantantionsdiagnostik nicht nur bei künstlicher Befruchtung sinnvoll, sondern immer.
Zum Glück wissen wir durch die Neurowissenschaft nicht nur, dass es den Aggressionstrieb nicht per se gibt und dass er praktisch von jedem durch Erlittenes erworben wird, wir wissen auch, dass erlerntes Wissen in den genetischen Code eingehen kann, und vor allem wissen wir, dass wir nicht wissen, welche Eigenschaften unserer Gattung langfristig nützlich sein werden. Kurz: Es ist alles komplizierter und weniger schwarz-weiß, als wir gemeinhin denken.
Also überlassen wir doch die strategischen Überlegungen Gott, der Natur oder wie auch immer wir das nennen wollen, misstrauen weiter den Datensammlungen im Schutt dieses Zwickauer Hauses, in Pullach oder bei Standards & Poor’s und orientieren uns weiter an der Liebe zu uns selbst und denen, die uns begegnen (und das sollten natürlich möglichst verschiedene sein).

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Montag, 2. Januar 2012
Die Erlebniswelt unserer Kinder:
... volle Straßen, brennende Hochhäuser.

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Julia Francks Großmutter
Aus gegebenem Anlass heute mal wieder Erinnerungen aus realsozialistischen Zeiten: Ich las kürzlich, dass Julia Franck in ihrem neuen Roman „Rücken an Rücken“ aus Erinnerungen an ihre vor zwei Jahren verstorbene Großmutter schöpft, als Käthe hat sie sie abgezeichnet. Als Inge hat diese Frau auch in meiner Kindheit eine Rolle gespielt, denn sie war mit meinem Vater befreundet.
Inge war eine beeindruckende Frau, Bildhauerin, mit einem runden, schon faltigen Gesicht, leichtem Damenbart, leuchtenden Augen und rauer Stimmer: robust, direkt, herzlich. Das ganze Gegenteil zu mir, der damals ein schüchterner kleiner Junge war. Einmal, mein Vater feierte Geburtstag und die Wohnung war voller Gäste, hatte ich mich beim Spielen am Heiligen See völlig bemoddert und versuchte, von den Eltern unbemerkt ins Kinderzimmer zu kommen und mich umzuziehen. Die einzige Möglichkeit erschien mir das winzige offene Fenster über dem Klo. Ich war schon halb reingekrochen (das historische Haus hatte sehr dicke Außenmauern), da bemerkte ich, dass Inge auf der Kloschüssel saß. Sie war keineswegs verschämt oder peinlich berührt, sie sah nur verwundert hoch und brach in Lachen aus. Ich kehrte erschrocken um und ging nun doch schuldbewusst durch die Wohnungstür, begleitet vom Gelächter einer ganzen Geburtstagsgesellschaft.
Trotzdem war es immer schön, wenn Inge kam, mit Bunin, dem riesigen, weißen Hund (erst nach Jahren erfuhr ich, dass er nach einem russischen Schriftsteller heißen soll), mit ihr kamen Lachen, Leben, Großzügigkeit in unsere verängstigte DDR-Kleinfamilie, kamen Biermannschallplatten (einmal sogar Biermann selbst), kamen Fotokopien von Rudolf Bahros verbotenem Buch (es waren die ersten Fotokopien, die ich in meinem Leben zu Gesicht bekam - der Zettelstapel wurde von den Eltern ehrfürchtig gelesen und versteckt). Und wenn wir bei ihr waren, in ihrer riesigen Gründerzeitwohnung in Randberlin, meist aus Anlass einer Party, dann galten keine Kinderbettgehzeiten, dann stromerten wir Ewigkeiten durch Räume, Wintergarten, Atelier und Vorgarten, und die Eltern waren locker und gelöst wie sonst nie, und über allem hing ein Geruch von Knoblauch.
Inge hatte auch ein Sommerhaus an der Ostsee, das ihr aufgrund ihrer VVN*- und DDR-Elite-Zugehörigkeit zuteil geworden war. Das war ihr peinlich, und deshalb überließ sie es Sommer für Sommer all ihren Freunden zur kostenlosen Nutzung. Wir waren jeden Sommer da, verbrachten dort Bade-Ferien, die ich oft langweilig fand – erst später verstand ich, welchen Luxus ein solcher Strandurlaub jenseits der üblichen FDGB**- und Camping-Milieus bedeutet hatte. Und als mein Vater Anfang der achtziger Jahre die für leitenden Angestellte nicht unübliche IM-Verpflichtung verweigerte und als Strafe seinen Westreisekader-Pass verlor, da erbarmte sich Inge zwei Jahre später und sprach mit dem für sie zuständigen Stasi-Mann. Prompt durfte mein Vater wieder reisen und wusste selbst nicht, warum. Denn natürlich verriet sie ihm den Grund erst nach der Wende. Meine Schwester hat damals sogar geargwöhnt, mein Vater wäre irgendwie zu Kreuze gekrochen.
Womit Inge nichts anfangen konnte, das waren Schüchternheit und leise Töne. Meiner reservierten Mutter gab sie immer erstmal ein Glas Rotwein. Als mein Bruder, der zeitweise bei ihr zur Untermiete wohnte, um dem Studentenwohnheim zu entgehen, Besuch von einer Verehrerin erhielt, entsetzte sie sich über „das kümmerlichste Blumensträußchen, das ich in meinem Leben gesehen habe“. Und als ich in Pubertätszeiten mit den Eltern und der Welt in Konflikt geriet und entsprechend sprachlos und desorientiert wurde, lud sie mich einfach allein zu ihr ein, um mal über alles zu reden. Ich fuhr brav nach Berlin, obwohl ich wusste, dass das nichts bringt. Ich konnte und wollte so ein großherziges Angebot nicht ausschlagen, auch wenn es nutzlos war. Ich denke auch heute noch oft mit Sympathie an Inge. Und auch den Geruch von Knoblauch habe ich nicht aufgehört zu lieben.

* Verein für Verfolgte des Naziregimes, erlaubte einem, kostenlos Straßenbahn zu fahren
** Freier Deutscher Gewerkschaftsbund, in der DDR hauptsächlich zuständig für Urlaubsreisen

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Mittwoch, 26. Oktober 2011
Das erste Bier
Eigentlich gibt es keinen Grund, das erste Bier zu trinken. Sicher, es ist nicht schön, dass es schon dunkel ist, wenn die Teamsitzung endet, und dass dir der Magen hängt, weil es nur Fastfood zum Mittag gab. Aber du hast ja zum Handy gegriffen, hast dich vergewissert, dass Frau und Kind zu Hause warten, dass du nur schnell dorthin radeln musst, wo ein Abendbrot für dich bereit steht.
Trotzdem fährst du an der Tanke vorbei, nur für das Bier, klopfst an der nächsten verfügbaren Stahlkante den Kronkorken ab und lässt die ersten Schlucke in dich hineinlaufen. Denn im engeren Sinne, auf der Zunge, schmeckt das ja gar nicht, so ein Tankstellenbier. Aber im Magen, da breitet sich so ein wohilg-warmes Gefühl aus, ein bisschen wie beim Suppeessen, wo man als Mann und Fleischesser ja auch erst nicht so recht Appetit hat meistens, aber dann schnell der Behaglichkeit erliegt. Beim Bier kommt hinzu, dass es sofort auch im Kopf wirkt. Die Gassi gehenden Köter, die heute Morgen noch genervt haben, wirken jetzt im dunklen Stadtpark plötzlich wie magisch mit ihren Leuchthalsbändern; die Wolken, die Bäume, der Herbstgeruch umhüllen dich sanft und lassen dich in ein Vergessen fallen, das wunderbar nach „da sein“ schmeckt.
Schade nur, dass schon an der Hohen Luft wieder Klarheit herrscht im Kopf und man nur ein Malocher ist, der zu spät nach Hause radelt. Natürlich könnte man nachfüllen – wofür Bier allerdings ein recht langweiliges Mittel wäre, da schon lieber schrill und heftig Obstler oder elegant kommunikativ Wein. Oder, sollte man noch Freunde treffen, so ein langsames Party-Saufen, das einfach den Pegel hält und die Stimmung nicht absacken lässt. Aber das ist letztendlich Normalität. Das kann man immer haben. Nur dieses erste, einsame Bier, das einen sanft aus dem Alltag löst und in die eigenen Träume fallen lässt - das kann man nicht wiederholen.

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Mittwoch, 24. August 2011
Die Midlife-Frage
Es gibt Tage, da ist es wie Zur-Ruhe-Kommen. Abends zu Hause ist es still, sogar kuschelig. Die beruflichen Dinge am Tage gelingen, alles andere als außerordentlich, mit Berufung hat das nichts zu tun, sie funktionieren einfach. Die Angst- und Panikanfälle, natürlich bleiben sie nicht aus, aber sie sind schnell erledigt: ein kleines Schluchzen unter der Dusche, sich mal schnell unbemerkt vor den Kopf schlagen – sie kommen einem selber lächerlich vor.
Was bleibt, ist die merkwürdige Leere, die Abwesenheit von Hitze und Leidenschaft, wofür auch immer. Ich habe viele Jahre vertrödelt mit einer nicht enden wollenden Jugend, ich wurde beinahe vierzig, ehe ich begriff, dass ich anfangen sollte, mein Leben zu ordnen. Ich ließ die Träume fahren und machte mich ans Aufräumen. Was bitter nötig war, ersetzte die Lebensaufgabe. Jetzt, wo sich die Dinge zu klären beginnen, das Chaos weicht, ich weiß selbst nicht, warum und womit ich das verdient habe, jetzt wird die Leere sichtbar. Die Lebensmitte ist überschritten, die Aufgaben laufen weiter und lassen wenig Zeit übrig. Das bisschen an Jahren und Stunden, was bleibt, würde gerade für ein spießiges Hobby reichen. Aber dafür bin ich mir dann auch zu schade. Die Frage ist: Was tut man so lange, bis es vorbei ist? Ich meine, dass vielleicht ja die Eltern irgendwann Pflegefälle werden, damit man wieder zu tun hat, das ist ja auch keine Lösung.

... und so paddelt man halt weiter.

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Dienstag, 3. Mai 2011
Wir-Gefühl
Da scheint es also schon Kleinkinder zu geben, die mit ihren Müttern besprechen, für welche Handy-Flatrate sie sich entscheiden wollen!



Oder gibt es vielleicht doch nur Mütter, die Kinder deshalb in die Welt setzen, damit sie auch mal majestätisch „Wir“ sagen können, wo sie „Ich“ meinen – so wie sonst eben der Arbeitgeber mit seiner corporate identity, die man kreuzbrav befolgt?
Man muss der Werbung dankbar sein, dass sie die üblichen Lebenslügen so wunderbar bebildert: „Wir“ bekommen die Werbung, die wir verdienen.

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Sonntag, 20. März 2011
Die Schönheit von Potsdam

Dieses Foto zeigt den Werderschen Weg. Die Straße mag Ihnen ein bisschen vergammelt vorkommen – mir ging das Herz auf, als ich sie letzte Woche entlanglief.
Ich war ja ein paar Tage bei meinen Eltern. Eltern sind das eine, das andere ist die Heimat. Einmal bin ich einfach rausgelaufen und wusste schon, wo entlang: zum Werderschen Weg. Dort konnte ich aufatmen, das erste Mal seit langem. Allein schon der Name der Straße macht glücklich: das altmodische "sch" als Adjektivendung. Und außerdem geht es von dort aus nach Werder, durch den Wildpark, am Kuhpfort vorbei. Ich bin oft mit dem Rad da lang, ein Schulfreund wohnte in Werder. Ich musste nur in Wildpark-West über die Eisenbahnbrücke, ein idyllischer Weg, denn die Militäranlagen versteckten sich im Wald, man konnte sie getrost übersehen, aber der Blick über die Havel nach der Werder-Insel, das ist einfach ... na ja, und dann hieß es Kirschen pflücken und stundenlang Tonbänder hören und abends im Dunkeln zurück durch den Wildpark.
Wenn Sie in Potsdam sind, besuchen Sie nicht nur die Schlösser! Das sind nur die Sahnehäubchen. Aber eine Torte kann nicht besser schmecken als ihr Tortenboden. Besorgen Sie sich ein Fahrrad und fahren Sie raus nach Caputh oder Werder. Oder lieber nach Petzow oder Marquardt, da sind weniger Touristen. Ich hätte das letzte Woche auch tun sollen, aber als Medien- und Stubenhocker nahm ich nur eine kleine DVD aus dem Buchladen meines Schwagers mit und sah dann abends mit den Eltern 50er-Jahre-Amateuraufnahmen vom Potsdamer Stadtschloss und der Innenstadt. Wir saßen da und glotzten Ewigkeiten auf Radfahrer und Straßenbahnen, die sich zwischen Schutthaufen und Ruinen durchschlängelten. Warum nur war das so schön? Meine Frau brachte es auf den Punkt: „Mensch, diese Straßen und Bäume! Das ist ja noch richtig ländlich!“ Damals sah es auch in der Potsdamer Innenstadt noch aus wie am Werderschen Weg.

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