Montag, 20. Juni 2022
Befindlichkeitsnotiz
Heute ein bisschen narzisstische Selbstbetrachtung, das muss ja auch sein beim Bloggen: Gestern sagte jemand ungewollt etwas Kränkendes, besser: etwas, das eine uralte Kränkung wieder aufrief, und schwupp, war der Schalter umgelegt (hängt sicher auch mit körperlicher Erschöpfung zusammen - normalerweise kann ich sowas ab), und ich versank in Selbstmitleid. Heute morgen nach unruhigen Träumen ist das immer noch nicht weg. Alles fühlt sich zäh an, wie Durch-Schlamm-Laufen. Ich weiß aber (ich kenn ja diese Zustände), dass ich in solchen Situationen einfach weiter vorwärts gehen muss, dem Sog ins Sich-Zusammenkrümmen und Aufgeben nicht nachgeben darf, schon bald wird sich der Schlamm dünner anfühlen, vermutlich ist er heute Nachmittag schon ganz weg - und dann kann ich auch gefahrlos die ersehnte Pause nachholen, ein bisschen nachgrübeln oder weinen.

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Freitag, 22. April 2022
An ihrer Rechtschreibprüfung sollt ihr sie erkennen
Mein IPad (eine Leihgabe der Schulbehörde, drunter machen sie's nicht, was die Geräte betrifft - aber für einen IT-Techniker ist kein Geld da) verbessert mein Adjektiv "weltfernen" ungefragt in "Weltfirmen".

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Donnerstag, 10. Februar 2022
Gehässige Zwischenfrage
Woher kommt eigentlich die dämliche Mode, in Referaten und Präsentationen "genau" zu sagen, wenn man den Faden verloren oder sich in einem unnötigen Exkurs verrannt hat, also gerade in dem Moment, in dem die Genauigkeit nicht mehr vorhanden ist? (Man kann ja derzeit an der Menge der Genaus geradezu nachzählen, wie unpräzise ein Vortrag ist.)

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Freitag, 14. Januar 2022
Kleine Anekdote aus der Corona-Welt
Einer meiner Schüler lebt beengt mit Eltern und Geschwistern in einer Flüchtlingsunterkunft. Vater und Bruder sind PCR-positiv, die Mutter zeigt Symptome. Aussage des Gesundheitsamts: Der Junge soll weiter zur Schule gehen, er könne sich ja dort schnelltesten. Und ich Braver akzeptier auch noch die Regel, steck dem Schüler nur schnell ein paar Tests zu, damit er sich wenigstens schon vor dem Schulbesuch testet. Gott sei Dank waren Omikron und der Test so gnädig, Alarm zu schlagen, sodass er zu Hause bleiben durfte. Ich bin erleichtert.

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Die Spaltung der Gesellschaft ...
... jedenfalls die am unteren Rand (die Spaltung am oberen Rand ist sicher noch tiefgreifender und relevanter, aber da kenn ich mich nicht so aus), die manifestiert sich zum Beispiel in den Bierpreisen: Plötzlich kamen da die sogenannten Craft-Biere auf den Markt, zu irrwitzigen Preisen, vermutlich eher Lifestyle-Produkte, die mehr vorgezeigt als konsumiert werden, und in der Folge zogen auch die Preise der Markenbiere an - kosteten sie früher 90 Cent oder einen Euro den halben Liter, sind es jetzt 1,20 oder 1,30. Gleichzeitig aber, und das ist das Interessante, blieben die Preise der Billigbiere stabil oder sanken sogar: Du kriegst sie für 30 Cent hinterhergeschmissen. Einerseits also die Säufer mit dem Säufer-Status, von denen man sich tunlichst fernhält - auf der anderen Seite die Leute, die gern dafür bezahlen, dass sie sich von dem Proll-Status abgrenzen, mit dem sie kokettieren..

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Sonntag, 7. November 2021
... außerdem ...
... und während ich das schreibe über den Büchermarkt, und zwar im überfüllten ICE, bleibt der Zug merkwürdig lange in Stendal stehen. Auf einmal Gepolter im Waggon vorne, das gleich wieder verstummt. Ich schaue auf und sehe da zwei Polizisten stehen. Kurz darauf begleiten die beiden einen jungen Schwarzen aus dem Zug, dann geht es weiter, die Durchsage berichtet von einem verlängertem Aufenthalt wegen "Personalienaufnahme durch die Bundespolizei". Als ich später kontrolliert werde, frage ich den Schaffner, was denn los war mit der Polizei. "Hatte der keine Fahrkarte?" - "Doch, das heißt, er wollte sie nicht zeigen, weil er keinen Sitzplatz hatte und meinte, er hat da einen Anspruch drauf. Als die Polizei kam, hat er sie doch gezeigt."

Finde ich zumindest merkwürdig. Ich meine, das bescheuerte Verhalten des Fahrgasts, diesen selbstverletzenden Trotz bei Konflikten aus Regelunkenntnis, sowas kenne ich sehr gut von meinen Schülern. Aber andererseits frage ich mich, warum der Fahrgast den Zug verlassen muss, wenn doch die Sache geklärt war. Und das auch noch (und nun kommen meine rassistischen Vorurteile) im tiefsten Sachsen-Anhalt.

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Mittwoch, 6. Oktober 2021
Was ist links und was tut nur so? (Die Antwort erfolgt anhand einer familiengeschichtlichen Betrachtung)
Noch einmal tief in die Vergangenheit. Von meiner Mutter und ihren Eltern, ihrer Herkunft berichtete ich schon, aber wie war das bei meinem Vater 1945, als die Amerikaner kamen und er seine Spielzeugwehrmachtssoldaten mithilfe geschickter Papierkonstruktionen zu einer Jazzkapelle umbaute?

Nach den Amerikanern kamen die Russen, und vor meinen Großeltern, beides alte SPDler, stand die Frage, wie sie sich unter den neuen Verhältnissen einrichten. Mein Großvater, er hatte irgendwann das verhasste NSDAP-Parteibuch angenommen, um den Beamtenjob behalten zu können, wurde entnazifiziert und konnte unbehelligt in die SED. Meine Großmutter, so berichtet es die Familienüberlieferung, hatte nach dem Schlamassel die Nase voll und nutzte die Vereinigung von SPD und KPD, um jeglichen Parteien den Rücken zu kehren. Eine andere Familienüberlieferung sagt, sie sei zu diesem Schritt von ihrem Mann gedrängt worden, um seiner Karriere nicht im Wege zu stehen, ihn als Unbelastete womöglich beruflich zu überflügeln. Wie dem auch sei, bei meinen Großeltern als echten alten Linken war nach 1945 nichts zu spüren von Aufbruch oder Vorfreude auf ein sozialistisches Experiment in Deutschland.

Ihr halbwüchsiger Sohn, mein Vater, konnte diese depressive Stimmung nicht ertragen: Er trat noch als Teenager in die SED ein, er wollte seinen Eltern beweisen, dass noch Kraft steckt in der sozialistischen Idee. Und tatsächlich machte er schnell Karriere, mit nicht einmal 30 Jahren war er in leitender Position. Meine Großmutter verachtete das. Einmal besuchte sie seinen Betrieb, unterhielt sich aber demonstrativ nur mit der Frau am Empfang und bemängelte, dass es in den Räumen Spinnenweben gäbe.

Nun, wir wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist: Es gelang meinem Vater nicht, es seinen Eltern zu beweisen. Das ist tragisch, aber eine Tatsache. Was mich betrifft, ich wusste so vieles davon nicht, den Wolfgang Leonhard habe ich erst nach der Wende gelesen. Jedenfalls macht es mich wütend, wenn sich auch heute noch Leute als "links" bezeichnen, die was vom "sozialistischen Experiment DDR" faseln. Es war keins, auch in seinen Anfängen nicht, es war immer ein von der imperialistischen Großmacht installiertes obrigkeitsstaatliches System.

Und genauso ist es natürlich Quatsch, die Schuld an den diktatorischen Verhältnissen in der DDR dem Sozialismus anzulasten. Der Sozialismus ist eine sehr ehrenwerte Idee, über die der Lauf der Zeit hinweggegangen ist, wie meine Großeltern erfahren mussten. Bewahren wir daraus, was aktuell von Nutzen ist (habe gerade einen sehr interessanten Vortrag über Karl Marx und seine Bedeutung für heute gehört) und überlassen den Schrott der Geschichte!

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Donnerstag, 6. Mai 2021
Historiker-Demenz, die zweite
Schon wieder eine spannende Aussage meiner Mutter, bei der sich aufgrund von Demenz der geistige Horizont immer weiter einengt, die aber innerhalb dieses eingeschränkten Blickfeldes erstaunlich wach und klar bleibt.

Ich hatte mir einen Artikel aus der FAZ ausgeschnitten, weil ich ihn spannend fand: Eine ukrainische Schriftstellerin erzählt von umgangssprachlichen Begriffen aus dem Wortschatz ihrer Eltern, die sie erst nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland und dem Deutschlernen erkannte: Diese deutsch klingenden Vokabeln sind jiddisch und verraten die nach dem 2. Weltkrieg verschwiegene Bedeutung des Judentums in der Gegend, in der sie groß wurde.

Meine Mutter sah den Artikel liegen, las interessiert die Überschrift "Zurik, oder es gibt eine Menge Zores! Wer brachte meinen Eltern dieses seltsame Vokabular bei?" und sagte: "Na sowas! Da wundert sich eine Ukrainerin, woher die deutschen Vokabeln bei ihren Eltern herkommen. Das Kindchen! Na, von den Nazis natürlich. Die haben doch da in der Ukraine ... Das weiß ich von meinem Vater, der war doch bei Dingler in der Personalabteilung und da hat er die Ukrainer zur Arbeit eingeteilt. Ich weiß noch genau: Wenn meine Mutter wieder mit dem Haushalt nicht zurande kam, weil eingekocht werden musste zum Beispiel, da hat er gesagt: Ach, sag doch einfach Bescheid, da schick ich dir mal die Tanja rüber ..."

Ich fand das interessant, weil mein Opa nach meinem bisherigem Kenntnisstand bei Dingler als Werbefachmann gearbeitet und nichts mit Zwangsarbeitern zu tun gehabt hatte. In diesem Zusammenhang ergibt sich sich auch ein ganz neuer Blick auf eine grausige Kindheitserinnerung, die meine Mutter schon öfter erzählt hat: wie sie nämlich zusammen mit ihrer Mutter irgendwas am Bahnhof zu besorgen hatte und wie da ein Güterzug am Gleis stand, aus dem Menschen nach Wasser riefen. Aber wie sie mit zwei Gläsern Wasser hingehen wollten, wurden sie von waffenfuchtelnden Soldaten zurückgetrieben. Und wie mein Opa, als die beiden weinend nach Hause kamen, seiner Frau wütend befahl, doch still zu sein: "Du weißt doch genau, was los ist! Und nur, weil dus einmal mit eigenen Augen siehst, brauchst du doch nicht zu heulen!"

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Sonntag, 4. April 2021
Ein glücklicher Moment ...
... für einen weißen alten Mann: Gestern will ich nochmal schnell zum Einkaufen, denke mir: Ach, nimm das Handy mit, wer weiß. Da seh ich: Akku alle. Das hat mich beglückt: Ich habe so lange nicht ans Handy gedacht, ans Handy denken müssen, dass inzwischen der Akku alle ist. Tage ohne Anrufe, ohne SMS, ohne Chat-Nachrichten - gibt es Schöneres?

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Dienstag, 23. März 2021
Manchmal ist die Pandemie unappetitlich ...


... und manchmal einfach zum Ko***en. Bei uns sollen die wenigen in Präsenz anwesenden Schüler ab dieser Woche getestet werden. Schon vorher in der Pause kommt die Info von der Kollegin aus der Parallelklasse: "Du, die ist ganz wild drauf da bei der Testung. Sei ganz pünktlich, sonst weist sie dich ab! Und nur mit FFP2-Masken!" Ich renn schnell zur Klassenlehrerin, die Gott sei Dank schon da ist, auch die vorgeschriebene Klassenliste mitgebracht hat: "Hol doch noch ein paar FFP2-Masken aus dem Büro! Ich komm dann 5 min vorher mit der Klasse aus dem Unterricht und wir treffen uns auf dem Flur."

Als es dann so weit ist, hat die Klassenlehrerin das Okay vom Schulleiter, dass OP-Masken (wie sonst auch) auch in Ordnung sind und ist schon voll in der Diskussion mit der Testerin, was zu geschehen hat, ob wir sie nun einlassen könen oder nicht. Dabei geht es auch um die Frage, ob wir für die minderjährigen Schüler nicht Einverständniserklärungen der Eltern bräuchten. Die für den Notfall mitgebrachten Masken hält sie in der Hand. Die Testerin wiederholt zum 1000. Mal: "Aber nicht ohne FFP2-Masken!" Ich zur Klassenlehrerin: "Gib doch schnell die Masken aus und wir fangen an." - Die Testerin: "Nein, jetzt ist es zu spät. Es ist schon 9.47 Uhr!"

Das Ende vom Lied: keine Testung, übermorgen erneute Beratung beim Schulleiter. Denn das Virus einfach machen lassen, das geht auch ohne Einverständniserklärung.

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