Dienstag, 4. April 2017
Saaleck
Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören die Ausflüge zur Rudelsburg, zwei oder drei waren es, die wir Geschwister mit den Großeltern unternahmen.

Die Großeltern wohnten in Leuna, und weil Großvater ein ehemaliger Leuna-Werker war, durften wir vom Werksbahnhof abfahren. Der Fußmarsch durch das Werk zum Bahnhof, vorbei an grauen Werkhallen, aus denen es dröhnte, unter Rohrbrücken hindurch und zu Füßen der dampfenden Kühltürme – das war schon die erste Attraktion. Später in Kösen gab es eine Fähre über die Saale und danach einen stundenlangen Aufstieg am auf dieser Seite felsigen, waldigen Saaleufer. Am Ende oben: die Rudelsburg, eine malerische Ruine mit Biertischen und Faßbrause im Burghof und einem wunderbaren Ausblick über das Saaletal.

„An der Saale hellem Strande stehen Burgen stolz und kühn ...“ stand an einer Tafel geschrieben. Zur Seite hin gab es nämlich noch eine zweite Burg, eigentlich nur noch zwei Türme: Saaleck. Die Auskunft, dort sei geschlossen, da könne man nicht hin, ließ mich immer etwas unbefriedigt.
Aber als ich letztes Jahr auf unserer Wohnmobiltour unbedingt auch die Rudelsburg sehen wollte, da ergab es sich. Den Wohnmobilstellplatz in Kösen, den fanden wir irgendwie nicht und landeten in dem Dörfchen Saaleck, wo ein geschäftstüchtiger Einheimischer ehemaliges LPG-Gelände erworben und dem Tourismus erschlossen hatte; allerdings wurde dies nicht angenommen (die einzigen Touristen außer uns waren Fahrradtouristen entlang der Saale), sein Projekt lebte von polnischen Fremdarbeitern, die dort auf Dauer kampierten.

Also, wir stiegen hinauf zur Burg Saaleck und besichtigten die kleine Ausstellung. Und dort erfuhr ich, dass sich in den zwanziger Jahren die Rathenau-Mörder dort versteckt hatten. Ich war perplex: Warum wusste ich das nicht? Und beim Wiederabstieg fiel uns ein besonderes, jetzt teilweise verfallenes Anwesen auf, über das ich mit meiner Frau in Streit geriet: War das jetzt ein Hotel und frühes 20. Jahrhundert oder ein herrschaftliches Anwesen aus dem frühen 19.? Ich war ja für Ersteres. Die Auflösung gab uns kurz darauf mein Vater: Das waren die „Saalecker Werkstätten“ des formal modernen, ideologisch rechts-außen Architekten Paul Schultze-Naumburg, also hatte ich mit dem frühen 20. Jahrhundert schon Recht gehabt, auch wenn das kein Hotel war im engeren Sinne.
Denn ein Treffpunkt war Saaleck schon in den 20er Jahren, das wurde mir jetzt klar, als ich in der Krabbelkiste des Antiquariats, an der ich nach der Arbeit in Ottensen immer vorbeikomme, ein Buch über die Rathenau-Mörder fand (Martin Sabrow: Die verdrängte Verschwörung. Der Rathenau-Mord und die deutsche Gegenrevolution. Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1999), das zwar wissenschaftlich spröde (keine Gefahr, bei Übermüdung abends im Bett zu lesen), aber sehr sachlich und genau die damaligen Verhältnisse darstellte.
Und jetzt versteh ich auch meine eigene Familiengeschichte besser: Über die Geschichte meines Vaters und seiner Leunaer Familie, da weiß ich sehr viel. Die waren immer schon SPD, im Wohnzimmer meiner Eltern hängt eine Reliquie, ein mit roten Fahnen umsticktes August-Bebel-Foto, ein Werk meiner Urgroßmutter.
Über die Familie meiner Mutter, die eher kleinbürgerlich-rechts zu verorten ist, weiß ich weniger. Aber als ich über die Bürgersöhne las, deren Eltern, in der Kaiserzeit kaisertreu und wohlhabend geworden, Anfang der 20er und insbesondere 1923 verarmten, und die dann Rechtsterroristen wurden, da war mir klar: Da ist meine Oma doch die zugehörige Bürgertochter. Ich erinnerte mich daran, dass sie erst beim Wandervogel war und dann Lehrerin lernte und anschließend auf einem thüringischen Gutshof die Kinder der Herrschaft erzog. Sie hatte eine Affäre mit dem Verwalter, mit dem sie morgens immer ausritt. Aber als sie dann neben dem Verwalter zu Pferde blieb, als dieser die Dienerschaft antreten ließ, da wurde es der Herrschaft zu bunt und die beiden wurden entlassen. Der Verwalter trollte sich und meine Oma musste zu ihren Eltern zurück, die sie panisch schnell verheirateten, da die Verarmung von 1923 nahte (was ja nun im 20. Jahrhundert nicht unbedingt mehr ein Grund war).
Als ich meine Mutter darauf ansprach, gab sie mir Recht: Ja, die Ereignisse von Saaleck hätten meine Oma schockiert, sie habe sich doch diesen Leuten zugehörig gefühlt, und nun stellte sich heraus, dass es Mörder sind; Mörder des Außenministers. Das habe sie beschämt. Nach der Nothochzeit mit meinem Opa führte sie die Hochzeitsreise dennoch nach Kösen, zu Rudelsburg und Saaleck.

Meine Mutter, ihre Tochter, hatte dann ihre Gründe, auf die andere Seite, die kommunistische, zu wechseln. Auch da wurde sie bitter enttäuscht. Aber wenn sie jetzt manchmal melancholisch anmerkt, die Kommunisten hätten eben damals, in den 20ern, mannhaft zupacken und die Herrschaft an sich reißen müssen, da spüre ich in ihren linken Träumen die viel älteren, nicht viel anders lautenden Wünsche ihrer rechtsgerichteten Mutter und der Ihrigen.

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Dienstag, 27. Mai 2014
Der Wohnsaal als Statussymbol
Zum ersten Mal sah ich einen solchen Saal bei J., Ende der 80er in Berlin-Friedrichshain. Das war eine langbeinige Szenefrau mit Hennahaar und Lederhosen, sie lebte auch ganz illegal vom privaten Schneidern und Verkaufen solcher Hosen. Irgendwie hatten sie und ihr Freund es zu einer 4-Zimmer-Wohnung in einem gründerzeitlichen Mietshaus nahe der Karl-Marx-Allee gebracht, und bei den beiden Zimmern nach vorne raus, da hatten sie die Zwischenwand rausgerissen, so dass ein vierfenstriger Saal entstand, in dem man schlief, aß, herumsaß oder feierte. J. residierte da prinzessin-auf-der-erbse-mäßig: feudal in proletarischem Ambiente.
Vermutlich war J.s Wohnidee nur eine späte Reaktion auf Westberliner Fabriketagen zehn Jahre vorher, aber das weiß ich nicht genau – ich hab nur bei E. S. Özdamar und S. Regener davon gelesen. Es hielt auch nicht lange: Die 90er kamen und der Kommerz. Szene-Fiesling A. stand eines Tages stolz in der Wohnung: „Ich hab einen A4! Ich hab einen A4!“ J. sah aus den Fenstern ihres Saals und witzelte: „Ich seh hier keinen R4!“ Kurze Zeit später wurden die Eigentumsverhältnisse geklärt, J. musste ausziehen.
Und vielleicht war auch das eine Reaktion auf die Fabriketagen, eine westdeutsch-bürgerliche halt: dieser 70er-Jahre-Bau nahe der City Nord in Hamburg, wo Y. wohnte, als sie hier beim Fernsehen arbeitete: ein Saal mit Glaswand und Balkon (Schreib- und Esstisch sahen ziemlich verloren aus darin), dazu eine winzige Küche, in der man kaum mehr als Tütensuppen zubereiten konnte, und ein ebenso winziges Schlafzimmer (das Doppelbett füllte es vollständig aus) sowie eine Duschzelle - eine Single-Wohnung für den Feierabend, die Nacht und gelegentliche Partys, warum nicht?
Später wird man dann erwachsen. J. wohnt schon lange nicht mehr in Berlin, sondern mit ihrer Tochter in einer Kleinstadt an der Ostsee. Und Y. arbeitet nicht mehr in Hamburg, sondern in der Hauptstadt, sie hat sich eine Villa in Babelsberg gekauft. Ich hab zu beiden keinen Kontakt mehr. Nur der Wohnsaal, der ist plötzlich wieder da.
Ja, es ist schon komisch, dass diese sympathisch überspannte Jugend-Architektur-Idee, der Wohnsaal als Ausdruck eines individuellen Freiheits- bzw. Freizeit-Anspruchs, neuerdings vermehrt in ganz normalen Mittelstands-Mietwohnungen auftaucht, wo sie auf den ersten Blick überhaupt keinen Sinn ergibt.
Ich erwähnte schon, dass unsere Genossenschaft uns unsere Wohnungsgenossenschaft neulich eine derartige Wohnung anbot. Jetzt ist auch N., eine Freundin meiner Frau, in so eine Wohnung gezogen. Für sie allerdings passt es: Sie ist alleinerziehend mit Kind. Betritt man ihre neue Wohnung, dann fällt man von der Wohnungstür direkt in einen großen Saal, zu dem auch eine Küchenecke gehört und von dem ein großer Balkon in den begrünten Innenhof mit abgeht (letzterer meines Erachtens der schönste Ort in der Wohnung). Außerdem gehören zu der 90m²-Wohnung noch zwei Zimmer zur Straße raus sowie zwei(!) kleine Bäder ohne Fenster. („Na ja, wenn meine Tochter dann in die Pubertät kommt ...“, meinte N. zu diesem Luxus.) Für zwei Personen eine sehr schöne Wohnung. Natürlich teuer. Ich frage mich nur, weshalb es dafür nun einen Architekturpreis gab: 90m², die man mit mehr als zwei Personen nicht mehr vernünftig bewohnen kann, ist das nicht ein bisschen dekadent?
Als die Leute vor hundert Jahren in viel kleineren Wohnungen leben mussten, da sehnten sie sich nach mehr Platz. Berühmt geworden ist Virginia Woolfs Essay „A Room of One’s own“, der deutlich machte: Wo kein Platz ist für Privatsphäre, da ist kein Platz für Individualität. Tja, und jetzt haben wir diese Wohnungen, von deren stattlicher Größe Menschen unseres Standes vor hundert Jahren nur träumen konnten – und es fehlt immer noch der Platz für den eigenen Raum. Warum?
Vielleicht erhellt das der Blick in eine weitere Wohnung. N. meinte nämlich: „Da wird eine Wohnung frei bei uns im Hof, die brauchen dringend einen Nachmieter. Vielleicht habt ihr ja Interesse? Ist ganz hübsch, auf zwei Etagen. ... Ja, ganz tragisch, er arbeitet wissenschaftlich, es hat nie geklappt mit einer festen Stelle, und sie verdient gar nichts, ist mit den Kindern zu Hause, engagiert sich außerdem ehrenamtlich. Jetzt geht er auf die Fünfzig und kriegt die Panik ...“ Na, jedenfalls hat er eine Stelle in Bremen angenommen, obwohl er sie irgendwie als unter seiner Würde empfindet (Gymnasium? Fachhochschule? Irgendsowas.), und die Familie zieht weg. Wir durften uns die Wohnung ansehen.
Auch diese Besichtigung beginnt damit, dass man ohne Flur gleich auf die Küchenzeile zustolpert, die Garderobe im Küchendunst. Aber davon mal abgesehen, macht die Wohnküche einen gemütlichen Eindruck. Das Zimmer dahinter: der unvermeidliche Wohnsaal, mit riesiger Glasfront zu einem reihenhausmäßigen Mini-Rasenstück, dahinter eine weiße Mauer, die den Blick auf benachbarte Hinterhöfe abschneidet. Irgendwie mehr Schein als Sein.
Von der Wohnküche die Treppe nach oben. Dort ein weiterer Wohnsaal (derzeit genutzt als Kinderzimmer für die beiden Kinder), ein kleines fensterloses Bad, ein Schlafzimmer mit Blick in den Hof. Ein kleiner Schreibtisch neben dem Doppelbett, für mehr ist kein Platz. Nirgendwo in dieser Wohnung können sich die Ehepartner mal zurückziehen zum Schmollen, Arbeiten, Meditieren. Und den Kindern wird ihr gemeinsamer Saal auch wenig nützen, wenn sie erst mal in die Pubertät kommen. Dabei wäre von den Quadratmetern her locker Platz gewesen für zwei Kinderzimmer.
Und: „Ein bisschen teuer ist es schon“, meint N.: deutlich über tausend Euro kalt. „Also, mit allen Kosten zusammen bleiben sie aber unter 1.4.“ Ich: „Wie bezahlen sie denn das, ohne ein festes Gehalt in der Familie?“ – „Ich glaube, die Eltern geben was dazu.“
Also ein reines Status-Objekt das Ganze, das man sich eigentlich nicht leisten kann. Und man schämt sich, wenn man dann doch zurück muss in seine Heimatstadt. Irgendwie erinnert mich das an E. und I. Auch bei diesem Paar ist es der Frau nicht gelungen, Tritt zu fassen im Beruflichen, sie konzentriert sich ersatzweise auf das Kind. Auch sie sind aus der Großstadt weggezogen, weil E. eine schöne Gymnasiallehrerstelle im Dörfchen seiner Herkunft ergattern konnte. Sie kauften sich (mit Hilfe der Ersparnisse von E.s Vater, einem pensionierten Schuldirektor) ein Sechziger-Jahre-Einfamilienhaus mit Satteldach, das insgesamt doch ein wenig piefig wirkt. Aber es gibt ein schönen großen Garten und innen genug Platz: eine Küche und ein großes Doppelzimmer mit Schiebetür unten, drei Zimmer (mit schrägen Wänden) in der oberen Etage. Ausreichend für drei Personen, aber natürlich nirgends großzügig. Also planten sie einen Anbau: Es wurde ein unförmiger Kubus mit zwei Glaswänden, in dem jetzt die schönen Antikmöbel aus ihrer Stadtwohnung stehen und die Bücherregale. Für die alltägliche Benutzung viel zu groß. Gegessen wird in der Küche. Und das, was man wirklich braucht, den Rückzugsort, das hat jeder für sich in seinem Zimmer unterm Dach.
Der Anbau ist ein reines Party- und Besucherzimmer. Na ja, bei meinen Großeltern (das waren Aufsteiger aus dem proletarischen Milieu) gabs das auch, damals um 1930, als die Moderne in die Piefigkeit zurückfiel: Da hieß das „Gute Stube“, war meistens abgeschlossen, nie geheizt und roch komisch. Ich mochte das nie leiden und mag es auch in seinen aktuellen Formen nicht.

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Dienstag, 16. Oktober 2012
Die Unfähigkeit zu trauern (Topographie des Terrors)
Don Alphonso würde es vermutlich nicht verstehen – aber wir haben unsere Herbstferien für einen Berlin-Aufenthalt verwendet: mal ein par Tage weitgehend verwandtschaftsfrei in der alten Heimat. Jeder hatte da so seine Traumziele: Meine Frau erkundete Wald- und Uferwege bei Kohlhasenbrück, mein Sohn wollte unbedingt ins Legoland Berlin am Potsdamer Platz, und ich war schon lange neugierig auf die „Topographie des Terrors“, die Gedenkstätte an der berüchtigten Prinz-Albrecht-Straße, wo früher die Gestapo saß.
Tja, was soll ich sagen? Recherchieren, Wissenschaft, differenzierte Darstellung – das können sie, die Deutschen, aber trauern, gedenken, alles, was mit Gefühl, mit Würde oder gar Kunst und Schönheit zu tun hat – da ist wohl tote Hose. Ich wanderte zwischen lauter Ausländern über dieses leere Gedächtnisfeld und fühlte mich seltsam unzugehörig zu dem Volk, das sich solch einen sterilen Erinnerungsort schafft.

Was die Inhalte der Ausstellung betraf, da gab es wie gesagt nichts zu meckern, das war alles ausgewogen präsentiert, alles Wichtige klar dargestellt und mit eindringlichen und gut ausgewählten Beispielen untermauert. Nur ist das Ganze ja kein historisches Museum, sondern eine Gedenkstätte.
Es ist doch der Ort, wo Gestapo und SS ihr Hauptquartier hatten, der Schreckensort, wo die Aufmüpfigen eingeliefert, wo sie verhört, gefoltert, auch getötet wurden – da kann man doch nicht nur abgeklärt und ausgewogen darstellen! Vor allem darf man nicht das ganze Areal einfach kalt mit Schotter abdecken und in die Mitte ein Dokumentationszentrum aus grauem Stahlblech setzen. Hat man aber. Und wo in den achtziger Jahren eine Bürgerinitiative die Gefängniszellen ausgrub, da hat man alles mit Sand abgedeckt, um das „Bodendenkmal“ zu schützen. Korrekt, aber nicht sehr souverän.
Zu dieser aufgeräumten, emotionslosen Gedenkinszenierung gehört als Gegenstück, dass der hintere Teil der historischen Anlage, der Garten des Prinz-Albrecht-Palais‘, weil man ihn nicht auch noch mit Steinen planieren wollte, einfach so bleibt, wie man ihn vorgefunden hat: Wildwuchs breitet sich aus, die asphaltierten Reste eines Fahrschulplatzes aus den achtziger Jahren bröckeln vor sich hin, Schutthaufen und Mauerreste aus Kriegstagen werden von Unkraut überwuchert, irgendwo dazwischen erinnert verschämt eine Tafel an die Bauleute, die den vorderen Teil geschottert haben. Nicht sehr würdig.
Eine Geste des Gedenkens, eine vielleicht kitschige Verbeugung vor den Opfern – ist das zu viel verlangt?
Ich denke z. B. an Will Lammerts Ravensbrück-Denkmal: die Figur, die den Deutschen am anderen Seeufer (die das KZ natürlich gesehen haben, sehen mussten) ein zusammengebrochenes Opfer mahnend entgegenhält. Man mag dies und jenes denken über die Verlogenheit des ostdeutschen Antifaschismus – diese Geste ist echt. Und vor allem: Sie wurde gemacht. Die Topographie des Terrors bleibt dagegen auf der Gefühlsebene sprachlos.

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Donnerstag, 29. März 2012
Genossenschaftliches Bauen – einst und jetzt
Ich wohne mit Frau und Kind in drei 1907 gebauten Zimmern auf 67m², recht beengt für heutige Verhältnisse; vor allem fehlt uns ein Wohnbereich fürs Fernsehen, Ausspannen, Freunde empfangen. Was als Wohnzimmer gedacht war, wird von meinem Computerarbeitsplatz, von Bücherregalen und oft auch vom Wäscheständer dominiert, die Familienmahlzeiten finden in der engen Küche statt, die Ausspannzeiten zu dritt auf dem Ehebett. Meine Frau nerven auch der völlig asymmetrische Wohnungsgrundriss (ich find ihn eher lustig) und das dreieckig irgendwo dazwischengequetschte Bad.
Das große Plus, das sind die Fensterausblicke. (hier der von Zeitnehmer, der einige Jahre lang gleich um die Ecke gewohnt hat). Denn unsere Wohnanlage ist ein sympathisches Projekt aus einer sympathischen Zeit: das Vorzeigeprojekt einer Wohnungsgenossenschaft, die hier versuchte, das bürgerliche Gartenstadtmodell auf ihr Handwerker- und Arbeiter-Klientel herunterzubrechen – verwinkelte, billig gebaute Wohnungen, aber großzügige Fassaden, dörflich anmutende Straßenkreuzungen und idyllische Höfe – ein Musterbeispiel für ein architektonisch unsauberes, aber umso menschenfreundlicheres Bauen.
Als nun gegenüber zwei Häuser abbrannten und ein Neubau geplant wurde, witterten wir unsere Chance: ein moderner Neubau hinter historischer Fassade, direkt am schönsten der Höfe gelegen – und größer sollten die Wohnungen auch sein.

Aber es war wohl nichts mit „Chance“ – was heutzutage großzügiges Bauen und Vorzeigeobjekt einer Wohnungsgenossenschaft ist, das eignet sich nicht für kleinbürgerliche Mieter wie uns. Erstens richtet sich der Mietpreis offenbar an eine andere Einkommensgruppe, als hier im Viertel normalerweise wohnt: 1200 kalt soll die kleinste, die 3-Zimmer-Wohnung, kosten. Und eine Familienwohnung ist die nun auch gerade nicht: ein riesiges Wohnzimmer quer durchs Haus, mit Blick auf den Vorgarten an der Straße, und hinten eine schöne Terrasse, dazu zwei kleine Zimmer. Da kriegen wir weder meinen Computerarbeitsplatz noch den Schreibtisch meiner Frau unter, wenn noch ein Kinderzimmer bleiben soll. Und Kinder- und Schlafzimmer sind auch nicht größer als jetzt bei uns gegenüber für den halben Preis. Als ich den Grundriss sah, hatte ich den Gedanken: Das ist doch eine Wohnung für ein kinderloses Doppelverdienerpärchen! Die können sich die Wohnung leisten, das Zimmerchen hinter dem Schlafzimmer richten sie je nach Freizeitvorliebe als Bibliothek oder Gästezimmer ein – oder sie gestalten das gleich als „Zimmer für ihn“ und „Zimmer für sie“ („A room of one`s own“), und die vielen freien Abende verbringen sie mit Freunden im großen Wohnzimmer vor dem Flachbildfernseher ...
Nein, ich will nicht ungerecht sein gegen unsere Genossenschaft: Sie hat uns ja schon zweimal das für uns Passende, das uns Zustehende angeboten: schöne 4-Zimmer-Wohnungen für zweihundert Euro weniger als dieses Snob-Teil und auch genügend Quadratmetern, mit Trockenboden und Fahrradkeller im Haus, wie man es sich wünscht. Nur eben in einem dieser quadratisch-praktisch-guten Backsteinblöcke der dreißiger bis fünfziger Jahre. Meine Frau hat sich sogar geweigert, die Wohnungen überhaupt zu besichtigen: „In der Straße will ich nicht wohnen.“ Recht hat sie!
Und so bleiben wir halt wohnen in unserem Altbau von 1907, dem Haus aus der Zeit, als man sich noch bemühte, ästhetisch ansprechendes Wohnen auch für Menschen zu ermöglichen, die sich das eigentlich nicht leisten können.

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Dienstag, 17. August 2010
Architektur und Unfreiheit
(Dies ist eine erweiterte Version meiner Antwort auf prieditis in einer Architekturdiskussion bei Stubenzweig.)
In meiner Studentenzeit habe ich auch einige Semester Kunstgeschichte belegt, aus dieser Zeit möchte ich eine Anekdote zum Besten geben. Ich hatte mich für die Arbeitsgruppe eines Professors gemeldet, der ein Buch über „Norddeutsche Backsteinarchitektur 1850 – 1945“ schreiben wollte, weil mich diese stimmungsvoll-autoritäre Architektur nicht unberührt lässt. Natürlich witzelte ich über das Thema – ich sagte, ehrlicherweise müsste es „Preußischer Schul- und Kasernenbau von der Niederschlagung der 48er Revolution bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs“ heißen. Unser Professor aber war begeistert. Er zeigte uns massenweise Dias von absolut rechteckigen Kirchen, Krankenhäusern und Schulen und meinte mit leuchtenden Augen: „Spüren Sie hier den Nachklang des Schinkelschen Rationalismus?“
Natürlich hatte er Recht. Seine Behauptung war trotzdem absurd. Denn was in der Politik des 19. Jahrhunderts passierte, davon blieb auch die Backsteinarchitektur nicht verschont: Das autoritäre Element im Rationalismus überwucherte alles andere und endlich auch den Rationalismus selbst. Kein Wunder, dass dieser Professor ein treuer Parteisoldat war (1989 jammerte er: "Da hat man so viele Jahre alles getan für seine Partei - und jetzt lassen sie einen so hängen!"), eben einer, der in der Architekur letztendlich die Wiederspiegelung der Macht liebt, auch wenn er sich selbst einredet, er würde die Vernunft darin lieben. Es ist eigentlich die gleiche Geschichte wie mit dem berühmt-berüchtigten Plattenbau (für den die DDR so gern gescholten wird, obwohl er in Westdeutschland genauso rumsteht). Auch im Plattenbau könnte man mit einigem guten Willen einen letzten Nachklang des Neuen Bauens, der klassischen Moderne, erspüren. Nur gibt es eben Nachklänge, in denen sich das Original nur als Farce wiederholt, wie Marx so schön sagte.

Also abhaken und verachten, all die vernünftig obrigkeitsstaatliche Architektur? Das find ich auch wieder nicht richtig. Auch nach Schinkels Tod ist noch mitunter guter Backsteinbau entstanden im Norden, z. B. die Unibibliothek in Greifswald, und es gibt sogar auch guten Plattenbau nach 1945. Stubenzweig erwähnt mit Recht die Hamburger Grindelhochhäuser.
Manchmal bedauere ich, dort nicht eingezogen zu sein. Aber eigentlich bedauere ich es auch nicht. Als ich 1990 aus der DDR nach Hamburg kam, vermittelte mir eine ehemalige Kommilitonin den Kontakt zu dem Vermieter einer Einzimmerwohnung dort. Ich besah mir das Haus flüchtig von außen und konnte darin nur Marzahn und Rostock-Lichtenhagen erblicken. Ich lehnte dankend ab und zog in eine feuchte Wohnung mit Dauerbrandofenheizung nahe der St.-Pauli-Kirche. Diese Wohnung liebte ich: Es war meine erste eigene.
So habe ich meine Haltung der letzten DDR-Jahre – die Verhältnisse kritiklos akzeptieren und die Mitarbeit so weit möglich verweigern, ironische Witzchen machen und vor allem: immer nach unten, immer weg vom Zentrum – im Westdeutschen konserviert. Besonders sinnvoll war diese Haltung schon 1988 nicht. 1989 wurde sie vollends lächerlich, wie Andreas Dresen in seinem Debütfilm “Stilles Land“ eindringlich darstellt, einem Film, in dem ich mich völlig wiedererkenne.
Na ja, vielleicht ist ja dieses Blog ein erster Versuch, die Verweigerungshaltung aufzugeben und ein bisschen doch mitzureden.

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Montag, 14. September 2009
Brandenburgische Häuser: Skaby
Jetzt bleibt nur noch von einem Haus zu berichten, und das liegt weit in der Vergangenheit: in Skaby. In Skaby waren wir manchmal als Kinder. Mein Vater musste fernab jeder Abfahrt die Autobahn verlassen und auf einen mit Betonplatten befestigten Waldweg einbiegen – das übliche Erkennungszeichen für die militärische Nutzung des Wäldchens – oder doch in der Nähe befindlicher Objekte von bewaffneten Organen. Tatsächlich residierte im Gutshaus von Skaby die Armee. Das war ummauert und umzäunt, da sah man nichts von. An den Längsseiten zwei leer stehende Stallgebäude, durch die wir Kinder gerne stromerten. Gegenüber dem Gutshaus das Verwalterhaus. Hier wohnte Robert, ein riesiger stämmiger Mann mit schwarzem Vollbart und einem Hinkebein. Und mit ihm wohnten Hunde, Katzen und allerlei Getier. Im Garten hinterm Haus, dessen Form noch an einen normalen Garten hinterm Haus erinnerte, wucherte das Gras und standen unförmige weiße Gebilde aus Gips, die von den Erwachsenen begutachtet wurden. Robert war Bildhauer. Für uns Kinder war der Kamin interessanter, die unerklärliche Freundschaft von Hund und Katze, die verrosteten landwirtschaftlichen Maschinen mit den riesigen Hebeln und Stahlsitzen. Skaby war das Paradies.
Als ich meine Eltern neulich darauf ansprach, stieg in meiner Mutter das schlechte Gewissen auf. Ja, sie wisse, wie gern wir auf Roberts Angebot eingegangen wären, dort ein paar Tage Urlaub zu verleben. Aber sie hätte es doch nicht erlauben dürfen, Inge habe sie gewarnt: dass Robert säuft und sich mitunter auch tagelang nicht um seine Tiere kümmert. Ich dagegen erinnerte gar nicht, dass das Angebot ernst gemeint war. Ein Aufenthalt außerhalb der Familie, und gar noch in einer solchen Wunderwelt, bei einem solchen lieben Wunderriesen – dass das nicht möglich ist, das war mir schon als kleinem Kind klar.
Und so habe ich Robert nicht wieder gesehen. Ich erfuhr später, dass sich sein Hinkefuß einem Verkehrsunfall mit Russen verdankte und dass dieser Verkehrsunfall ihm eine satte Rente und damit das Aussteigerleben in Skaby ermöglicht hatte. Und noch später erfuhr ich, dass gar nicht die Armee, sondern die Stasi im Herrenhaus residiert hatte.
Freiheit in Brandenburg, das gibt es wohl nicht. Und auch Skaby, das Idyll, war ein Idyll von Gnaden der Stasi und der Russen und Roberts Existenz eine Nischenexistenz im Windschatten der Mächtigen. Mit bürgerlichem Namen hieß er übrigens Robert Riehl. Seine Plastiken, regional durchaus noch geschätzt, finde ich aus heutiger Sicht, ehrlich gesagt, überwiegend gar nicht so gut. Mit einer Ausnahme: Er hat traumhaft schöne Kinderportraits gemacht.

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Donnerstag, 3. September 2009
Brandenburgische Häuser: Günstig gekauft
Nun könnte man meinen, dass in unserer schnelllebigen Zeit halt Flexibilität gefragt ist: Leb mit den Realitäten und du wirst von ihnen profitieren. Aber auch das stimmt nicht.
Mein Schulfreund Y., auch ihn hab ich diesen Sommer besucht, hat das nämlich so gemacht. Als die Wende kam, war er Assistent an einer universitätsnahen Einrichtung in Berlin, und es war klar: Alle Berliner Unis mussten abspecken, besonders die östliche. Er nahm die Kündigung fraglos hin, heiratete seine damals noch recht frische Freundin und gründete mit ihr zusammen eine kleine Firma in der brandenburgischen Provinz, um der Berliner Konkurrenz auszuweichen. Die beiden ackerten wie blöd. Sie wohnten in den ersten Jahren in zwei Zimmerchen hinter den Firmenräumen, obwohl schon ein Kind da war. Als sich der wirtschaftliche Erfolg einstellte, bauten sie ein Haus für die Firma – und ein winziges Reihenhäuschen für sich selbst. Als das zweite Kind kam und sie noch mehr Geld hatten, erwarben sie aus der Konkursmasse eines westlichen Jungunternehmers, der sich im Goldgräberland Brandenburg völlig verkalkuliert hatte, für einen Spottpreis eine ebenso riesige wie hässliche Neubau-Villa. Dann hatten sie es erreicht und sahen sich an und bemerkten endlich, dass sie die innere Kündigung längst eingereicht hatten. Jedenfalls in ihrer Ehe. Nun wohnt sie in einer Mietwohnung (denn das Reihenhäuschen ist inzwischen dauerhaft vermietet) und er mutterseelenallein in diesem riesigen Haus. Die Kinder – auch schon nicht mehr ganz klein – wechseln hin und her – und ebenso Anwaltsbriefe. Geld macht eben nicht glücklich. Und wenn sie erstmal ihre Firma auseinanderdividiert haben, wird vermutlich auch das nicht mehr da sein.

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Donnerstag, 27. August 2009
Brandenburgische Häuser: Omas Häuschen
Ja, die Häuschen. Mein Schulfreund X. – auch ihn habe ich in diesem Urlaub besucht - hat eins davon: frisch verputzt, davor die Terrasse und im aufgeräumten Wohnzimmer überall die Hand der treusorgenden Hausfrau spürbar. Es sieht so langweilig aus, dass man glauben könnte, er wäre Gymnasiallehrer und seine Frau stundenweise im örtlichen Heimatmuseum oder bei der Regionalzeitung beschäftigt. Hinter der Fassade sieht natürlich alles anders aus: Beide Ehepartner arbeiten in Vollzeit, sonst würde das Geld gar nicht reichen. (Und auch das Haus hätten sie sich natürlich nicht leisten können, wäre es nicht von der Oma ererbt.) Das heißt, die treu sorgende Hausfrau wirbelt nach Feierabend, und X. hat seit Jahren in Eigenarbeit und mit Hilfe des arbeitslosen Maurers von nebenan gerackert und geschuftet, um das Häuschen der Oma auf den bundesrepublikanischen Standard zu bringen.
Und wofür die ganze Schufterei? Die halbwüchsigen Töchter werden bald ihrer Wege gehen. Die Frau verliert ihre Arbeit bei der Deutschen Bank und hat die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit oder Weiterbeschäftigung in einer ausgelagerten GmbH für Rechenknechte irgendwo im Westen. X. selber hat seine Arbeit schon verloren und eine neue in Leipzig gefunden, wo er sich in seinem Wochenendpendlerzimmerchen ganz wohl fühlt, weil er abends wenigstens seinen Hobbys nachgehen kann und auch nicht aufräumen muss. Und das Haus, traumhaft gelegen am Havelstrand nahe Werder, man hat den Eindruck, keinem nutzt es. Bei unserem Besuch fuhren etliche Yachten draußen vorbei und Paddler und Schlauchboootjugend die Menge. Aber wenn ich nicht mit meinem Sohn und dem mitgebrachten Schlauchboot eine Runde gedreht hätte ... für die Familie scheint die Havel vor ihrer Terrasse nur als schöner Blickfang zu dienen.

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Dienstag, 25. August 2009
Brandenburgische Häuser: Die Villa
Ein paar Kilometer weiter haben meine Großeltern und meine Tante viele Jahre gelebt. Meine Tante hatte dort die Villa eines einstigen UFA-Regisseurs gemietet und darin ihre kunsthandwerkliche Werkstatt eingerichtet, anfangs noch mit mehreren Angestellten, dann allein. Später starben meine Großeltern und in den neunziger Jahren ist sie selbst auch ausgezogen, aus Altersgründen, da sie das riesige Haus allein nicht halten konnte. Seitdem steht es leer. Und jetzt habe ich es wiedergesehen.
In meiner Kindheit war das das schönste und märchenhafteste Haus, das ich kannte: der damals schon leere und zugewucherte Swimming Pool, die Holzveranda im Obergeschoss, die großen, vornehmen Räume und der Alkoven, in dem mein Opa schlief. Ich bin jetzt nach sicher zwanzig Jahren das erste Mal wieder da gewesen, habe auch prompt den Einschlupf gefunden, den die Jugendlichen des Ortes sich aufgerissen haben (ein Kellerfenster) und mir nochmal alles angesehen und Abschied genommen.

Ich versteh nicht, warum es keinen Berliner Millionär gibt, der da wohnt. Ja, ich weiß: die ungeklärten Besitzverhältnisse. Aber es ist nicht richtig, dass so ein Traumhaus leer steht. Und ein (Besitz-)Recht, das das Bewohnen eines solchen Hauses verbietet, kann nicht Recht sein.
Neben dem riesigen Grundstück reihen sich die Einfamilienhäuschen den Berg hinauf, geschäftiges Kleinbürgerglück im Grünen. Das sieht hübsch aus und man kann auch nicht sagen, dass es dem Osten rings um Berlin direkt schlecht geht. Prosperität gibt es – Großzügigkeit nicht: die Häuschen entstehen, die Villen verfallen. Jedenfalls in Brandenburg.

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Sonntag, 23. August 2009
Brandenburgische Häuser: Die Fleischerei
Urlaub in der Heimat, in der südbrandenburgischen Provinz. Aufenthalt in verschiedenen Häusern, die da in der Landschaft herumstehen. Das ist das Thema meiner Nach-Urlaubs-Gedanken. Denn was die Landschaft selber betrifft, da gibt es ja wohl keine Frage. Für mich gibt es nichts Schöneres als die kargen Baumgruppen und verunkrauteten Feldraine, die kleinen Landstraßen und stillen Ufer rings um Berlin (nicht mal im geschichtsträchtigeren, märchenhafteren Sachsen meiner Vorfahren). Und nichts Paradiesischeres als das Schwimmen im farb- und wellenlosen Wasser der Seen. „Leuchtender und wärmer, als Hirn und Herz es vermögen, bewahren Landschaften und Gegenstände die Erinnerung an Erlebnisse und Eindrücke, die wir einstmals durch sie beglückt erfuhren oder klagend durchlitten.“ (Ehm Welk, Autor meiner diesjährigen Urlaubslektüre)

Natürlich verfliegt der Eindruck des Paradiesischen, wenn man sich die Gegend genauer und vollständiger betrachtet: mit den Menschen darin. Oder zumindest mit ihren Häusern. Davon soll hier die Rede sein.
Die meiste Zeit lebten wir in einem Ackerbürgerstädtchen südlich von Berlin, direkt am Markt, in einem kleinen Gründerzeit-Mietshaus, das sich dreistöckig aus der Reihe der umliegenden zweistöckigen Ackerbürgerhäuser des 18./19.Jahrhunderts erhebt und sich stolz mit industriell vorgefertigten Stuckelementen (sogar zwei Karyatiden) schmückt, auch der Name des Erbauers am Giebel fehlt nicht.
Dieser Erbauer war Fleischer und betrieb eine kleine Gaststätte, für die er 1891 das Haus umbauen und aufstocken ließ. Auch Fontane hat in der neu eingerichteten Gaststätte gespeist – wie ja nichts in Brandenburg sich historisch nennen darf, wenn es nicht in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ erwähnt ist – aber es soll ihm nicht geschmeckt haben. Heute ist von der Gaststätte kaum noch etwas zu erahnen, die Hinweise auf die Schlachterei aber spürt man deutlich. Es gibt ein riesiges Tor zur Einfahrt der Wagen und mehrere Keller mit Gewölben und großen Waschbecken; von den dunkelrot backsteinernen Nebengebäuden auf dem gepflasterten Hof fällt eins durch die Vielzahl kleiner Kammern und enger, überwölbter Türen auf. Hier wurde das Fleisch verarbeitet, und hier schlief das Personal. Das andere Nebengebäude ist die Scheune – denn wie auch in den Nachbarhäusern betrieb man neben dem städtischen Gewerbe auch Landwirtschaft, wofür es ein handtuchartiges Stück Land direkt hinter dem Hof gibt: so breit wie das Haus, aber unendlich lang.

Die Tochter des Fleischers und Erbin des Hauses heiratete einen Kunden: einen Pfarrerssohn und Lehrer, national gesinnt. Seinen Namen auf der Familiengrabstätte zieren in kerniger Frakturschrift die Zusätze „Hauptmann d. R.“ und „Lehrer“. Schon er hatte eigentlich keine Verwendung für das große Anwesen. Sein erster Sohn fiel gleich zu Kriegsbeginn 1940 als „Leutnant“ im Osten, wie das Familiengrab vermerkt. Den zweiten Sohn rettete die Mutter, die Fleischerstochter. Sie engagierte sich, wie sich das für eine Reservehauptmannsfrau gehört, für das DRK, und es gelang ihr, den Zweitgeborenen als lungenkrank in die Etappe zu bugsieren. So überlebte er den Krieg, wurde „Neulehrer“, wie man sie in der SBZ ja dringend suchte, heiratete eine Kollegin und übernahm das Haus. Die überflüssige Wohnfläche wurde vermietet, der Garten war als Lieferant von Obst und Gemüse willkommen – wenn auch zu groß für das eine Ehepaar. Die Nebengebäude standen leer und füllten sich über die Jahrzehnte der DDR-Zeit mit Möbeln, Hausrat, Gartengeräten, Holzvorräten usw., da man ja immer glaubte, die Dinge noch einmal zu brauchen. Der einstige Neulehrer richtete sich eine kleine Werkstatt ein, in der sämtliche verfügbaren Schrauben nach Art und Gewindegröße geordnet in sorgfältig beschrifteten Gläschen verwahrt wurden, daneben die Feilen wie die Orgelpfeifen an der Wand hingen und ein kleines Hängeschränkchen mit einer Flasche Korn und zwei Gläschen.

Vor ein paar Jahren ist er seiner Frau nachgestorben, und die Erben verwendeten in den Neunzigern ihr Vermögen dazu, die riesigen Dachflächen zu sanieren. Sogar die Wohnungen haben sie vermietet gekriegt. Nur selber von Berlin aufs Land zurückzuziehen, bringen sie nicht übers Herz. Lieber jedes Wochenende rausfahren und sich im Garten um den Verstand ackern.
Die Nachbarhäuser zu beiden Seiten stehen übrigens leer, wie so viele in der Stadt. Gähnende Leere auch am früher viel frequentierten Badesee: Das auffälligste Geschäft am Markt verkauft „Schwimmbadtechnik“. Und tatsächlich hat jeder, der wirklich noch hier wohnt, einen riesigen Pool in seinem zu großen Garten. Meist auch ein riesiges Auto und einen zu großen Hund. Eine Ansichtskarte vom Ort zu erstehen, ist mir dagegen nicht gelungen: „Nur auf Bestellung“, „Fragen Sie doch mal bei ..“ usw. hieß es. Und so machten wir Urlaub in einer herrlichen Gegend, die offenbar nichts mit sich anzufangen weiß und einfach nur so da herumsteht und nicht weiß, wie schön sie ist.

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