Samstag, 28. April 2007
Armeezeit, Teil 9
Im Januar stellte ich mir selbst ein Programm auf für das neue Jahr. Ich hatte mich jetzt eingelebt - so weit, so gut - jetzt wollte ich auch wieder näher an mich denken; ich suchte einen Anknüpfungspunkt an die Zeit vorher, als Schüler, zu Hause, als denkender Mensch. Ich ließ mir Bücher mitbringen von zu Hause, sogar ein bisschen Latein wollte ich wiederholen – und ich wollte auch wieder was schreiben. Soldat war ich jetzt, manchmal hatte ich Freizeit, und in der wollte ich sein wie früher, ein bisschen wenigstens. Komisch, dass das nicht gelang. An Büchern las ich vorzugsweise über den Krieg: Barbusse "Das Feuer", Remarque "Im Westen nichts Neues" und einen dokumentarischen Roman über die militärischen Aktionen Fidel Castros. Wenn ich schreiben wollte, richtig literarisch schreiben, gelang es mir nur entsetzlich sentimental. Das einzige, was funktionierte, war eine kleine Sammlung über den Alltag hier. Zuhause, das Zuhause meines einsamen Schreibtisches, die Gedichtbände, das Tagebuch, all das fiel mir jetzt wieder ein, schmerzhaft ein, aber ich bekam es nicht zu fassen.
Ende Februar gab es endlich Urlaub. Alle Soldaten der Einheit durften zehn Tage nach Hause. Ich fuhr zu den Eltern, sie waren sanft und gut zu mir, das Essen schmeckte märchenhaft. Einen Tag fuhr ich nach Dresden, um mir eine Edvard-Munch-Ausstellung anzusehen und mich mit einer Freundin zu treffen. Ihre Gefühlsseligkeit befremdete mich. Wieder zu Hause, an einem faulenzerischen Vormittag vorm Bücherregal, traf ich auf ein Rilke-Gedicht mit dem Titel „Der Auszug des verlorenen Sohnes": „Nun fortzugehn von alledem Verworrenen, das unser ist und uns doch nicht gehört ..." Diese Begegnung war das einzige, was mich bewegte.

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