Dienstag, 10. November 2009
Kleiner Nachtrag
Da bin ich gestern wohl in die Falle getappt und in den Gedenktagschor mit eingestimmt. Na ja.
Dabei wäre noch ganz anderer Ereignisse zu gedenken. An den 9. November 1938 erinnert sich ja noch der eine oder andere. Der 9. Novembr 1918 dagegen scheint ganz vergessen. Ist den Deutschen ihre Demokratie so unwichtig, dass sie gar nicht mal mehr wissen, wo und wann sie ihren Anfang nahm? Vielleicht bewahrheitet sich einfach der Spruch von George Orwell, dass 1937 die Geschichte stehenblieb - offenbar gilt das auch umgekehrt: Ereignisse vor 1937 entschwinden aus unserem Geschichtsbild. Oder liegt es daran, dass die Demokratiewerdung Deutschlands nicht ganz ohne Peinlichkeiten abging? Aber der 9.11.38 ist doch noch viel peinlicher für die Deutschen! Und auch 1989 gab es weniger Helden, als gemeinhin behauptet wird. Dies in Erinnerung rufen und am eigenen Beispiel demonstrieren sollte mein Text.
Und damit Schluss mit der Gedenkerei!

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Anekdoten aus dem Untergangsjahr der DDR, Teil 2
Zurück in (Ost-)Deutschland war nicht nur die ganze DDR in Aufruhr, es war auch der Ausreiseantrag meiner Freundin genehmigt, ihr DDR-Pass ungültig, aber die beantragte Einreise nach Großbritannien blieb ihr versagt, da sie kein EU-Bürger war. Und ohne diese traute sie sich nicht, die „einmalige Ausreise“ zu wagen, sondern versuchte, es irgendwie legal hinzukriegen.
Am 7. Oktober wollten wir beide uns um die Ecke noch Kuchen für den Nachmittagskaffee holen und gerieten in eine absolut schräge Situation: Bereitschaftspolizisten kamen in breiter Front die Fußgängerzone herunter und drängten Demonstranten zurück, während gleichzeitig klammheimlich Seitenstraßen abgeriegelt wurden. Aus der schreckerstarrten Menge (sowas hatte bisher kein DDR-Bürger erlebt) rief ein einzelner Mann: „Ihr Kommunistenschweine!“, ein Wort, das ich überhaupt noch nie gehört hatte. Ein Agent provocateur, da war ich mir ganz sicher. „Kein guter Ort.“ murmelte meine Freundin. Wir zogen uns zurück zum Kaffeetrinken. Den Rest kann man in Geschichtsbüchern nachlesen.
Dann kam der 9. November und dann war meine Freundin fort. Wir hatten verabredet, uns im Frühjahr in Hamburg zu treffen. Ich las begeistert Arno Schmidt und bewarb mich in Hamburg um ein Lehrerstudium. Ein ganz normaler Westdeutscher wollte ich werden.
Die letzten Wochen in Greifswald: Ja, ich nahm an Demonstrationen teil, das war ja irgendwie moralische Pflicht. Aber es interessierte mich nicht. An der Uni meldete ich mich ordentlich ab. Mein Professor H., bei dem ich in einer Studenten-AG mitgearbeitet hatte, jammerte, als ich mich verabschiedete: „Da hat man immer alles getan für die Partei. Und jetzt lassen sie einen so im Stich!“ Ich konnte wenig Mitgefühl aufbringen. Meine Institutschefin, vor der ich mich nun wirklich etwas schämte – immerhin hatte ich meinen Studienplatz auch ihrem geschickten Taktieren zu verdanken – die meinte nur: „Das machst du richtig! Mein Tochter traut sich ja nicht.“ Und Prof Z., der einzige, in dessen Lehrveranstaltungen wir immer begeistert gingen, verkündete in der letzten Vorlesung vor den Weihnachtsferien, dass er im Januar zu seiner Tochter in den Westen ziehen und sich dort zur Ruhe setzen werde.
Zu Silvester war ich allein in Potsdam, in der Wohnung meiner Eltern. Ich glotzte Fernsehen, aber irgendwann ging ich doch raus. Lief hoch zum Schloss Sanssouci auf die Terrasse, von wo alle immer das Feuerwerk begucken. Und wurde errettet: Irgendein Mädchen küsste mich um Mitternacht und nahm mich mit auf eine Party in der Gregor-Mendel-Straße. Eine leer stehende Gründerzeit-Villa, vermutlich ein besetztes Haus. Es lief, soweit ich mich erinnere, Punkmusik, jedenfalls war es laut und voll. Am Buffet musste man bezahlen, mit Ost- oder mit Westgeld, als Umrechnung war 1:4 angesetzt. Als es draußen hell wurde und drinnen ruhig, traf ich meine Gönnerin wieder. Und nun? war die Frage. „Also, ich gehe jetzt.“ sagte ich. „Wohin denn?“ fragte sie. „In die Sch.-Straße“ Sie wollte sich ausschütten vor Lachen. Und hatte Recht. In der Sch.-Straße bin ich nur noch ein paar Tage geblieben, dann ging ich weg, nach Hamburg. Aber auch in Hamburg blieb ich nicht lange. Das mit dem normalen Wessi, das wurde nichts. Arno Schmidt flog in die Ecke, ich las wieder E.T.A. Hoffmann. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Montag, 9. November 2009
Anekdoten aus dem Untergangsjahr der DDR, Teil 1
Also, mein 1989 – heute ist doch ein guter Tag, darüber zu schreiben, wie mich Stubenzweig so nett bat. Wie schon erwähnt, lief ja in dem Jahr mein privates 1989, so dass ich auf die gesellschaftlichen Vorgänge wenig achten konnte: Seit Ende 88 hatte eine Freundin, die einen Ausreiseantrag mit zumindest nicht ganz schlechten Chancen auf Bewilligung hatte. Sie wollte nichts als endlich weg und ich wusste nicht, was ich wollte. Dass wir zusammen waren, ergab keinen Sinn – da wir inzwischen verheiratet sind, aber uns immer noch nicht einig, was damals eigentlich passiert ist, kann ich diese spannende Geschichte hier noch nicht erzählen. Stattdessen hier ein paar absurde Erinnerungssplitter aus dem Untergangsjahr eines todkranken Staats.
Auf den ersten Blick schien alles ziemlich relaxed. Ich war Student des Elitefachs Kunstwissenschaft in Greifswald und hatte als solcher wenig zu tun. Ich erinnere an einen normalen Dienstagmorgen, mal wieder kein Unterricht (wir hatten 9 obligatorische Semesterwochenstunden in diesem Jahr), ich kam mit Brötchen vom Bäcker und begegnete in der Wiesenstraße Knut P., der mir nur lachend zurief: „Wie du studierst, möchte ich mal Urlaub haben!“ Aber besonders werktätig war er ja auch nicht. Er war Dresdner, Anfang 88 plötzlich in G. aufgetaucht und im Hauptberuf Oppositioneller. Verwickelte alle in wilde Diskussionen über die anstehenden Veränderungen. Kannte die Leute von „Frieden und Menschenrechte“ in Berlin und besaß tatsächlich einige Hefte der furchtbar verbotenen Zeitschrift „Grenzfall“, die er mir lieh und die ich mit großen Augen durchlas. In einem Heft konnte man den Originaltext des geheimen Zusatzprotokolls vom Hitler-Stalin-Pakt nachlesen (Vereinbarung über die Teilung Polens). Nach offizieller DDR-Lesart gab es diesen Text gar nicht, obwohl jeder historisch Interessierte (vom Hörensagen) seinen Inhalt kannte.
Als ich Februar über die Semesterferien zu meiner Freundin fuhr, bat er mich um den Schlüssel zu meiner Wohnung. Er müsse täglich mit einer Hausdurchsuchung rechnen, bräuchte einen unverdächtigen Raum, wo er Sachen lagern könnte. Ich fühlte mich moralisch verpflichtet zu helfen. Als er mit dem Schlüssel fort war, kam die Angst: Was, wenn er jetzt doch ein Spitzel ist? Immerhin hatte er erzählt, dass sein Vater im NVA-Oberkommando in Straußberg arbeite und er sich mit diesem immer noch gut verstehe. Also durchforstete ich mein Zimmer und nahm alles, was verdächtig sein könnte, mit in die Ferien. Gott sei Dank passierte nichts. Obwohl sich nach der Wende herausstellte, dass Knut doch bei der „Firma“ gewesen war.
Als ich März zurückkam, unternahm ich den zaghaften Schritt, mein vermeintliches Elfenbeinturmdasein aufzugeben. Ich begann zusätzlich zur Kunstwissenschaft Pädagogik zu studieren. Ich wollte Lehrer werden, aus dem diffusen Wunsch heraus, an den deutlich spürbar kommenden Veränderungen teilzunehmen. Meine Kommilitonen (besonders die Lehrer-Studenten selbst) schüttelten den Kopf: Pädagogik, das Knebelfach für die Proleten des Uni-Betriebs – da musste man doch raus-, nicht reinkommen! Der Institutsleiter der Pädagogik jedenfalls empfing mich persönlich und entwickelte mit mir einen Studienplan. Meine Kunst-Institutsleiterin vermutete hinter meinem rätselhaften Treiben einen besonders cleveren Karriere-Schachzug meines Vaters für mich. Und ich saß endlich in einem langweiligen Pädagogikseminar und sinnierte über die Schrägheit der Situation.
Im August war ich im Studentensommer „beim großen Bruder“ („Besuchen Sie die Sowjetunion, solange sie noch steht.“). Eigentlich wurde ja für solchen Auslandseinsatz nur zugelassen, wer schon einen Sommer im Inland geschafft hatte. Aber 1989 wurde das nicht mehr so eng gesehen, (das Interesse an der Sowjetunion und damit die Anmeldungszahlen für die Fahrt begannen schon zu bröckeln). Unser Einsatzort war Vilnius, wo wir bei Ausgrabungen in der Innenstadt halfen. Die Intention war offensichtlich der archäologische Nachweis, dass die Stadt Vilna weder weder russisch noch polnisch, sondern von je her die Hauptstadt eines litauischen Großreichs gewesen sei. Wenn wir abends in die Innenstadt kamen, floss der Alkohol in Strömen (trotz Gorbatschows Verbot), überall gab es antirussische Demonstrationen, wurden Wehrdienstausweise verbrannt, bildete man eine Menschenkette in Erinnerung an die Okkupation durch Stalin.
Das war spannend, befriedigte aber nicht meine Russland-Sehnsucht. Also schwänzte ich einen Tag und trampte zusammen mit einem Kommilitonen nach Minsk, was immerhin schonmal Weiß-Russland war. Die litauischen Kollegen belächelten unser Vorhaben: „Minsk? Eto ,gorod geroi‘!“ (Das ist eine „Heldenstadt“!). so war es auch, grausig: Noch nie zuvor hatte ich so weit in den Himmel ragende Stalinbauten gesehen, dazwischen Brachland. Und jede Menge alte Opas, die Batterien von Orden auf ihren Anzügen spazieren trugen. Nach Minsk mitgenommen wurden wir übrigens von einem litauischen Ehepaar, dessen männliche Hälfte die Arbeit als Elektriker in einem staatlichen Reperaturbetrieb schwänzte: Seine Frau hatte aus von Polen erworbenem Stoff Bikinis genäht, die nun in Minsk verkauft werden sollten. Von den Einnahmen sollten Kacheln für das Bad im eigenen Häuschen erworben werden.
Echtes Russland sahen wir später doch noch: Die abschließenden Rundreise führte uns durch Leningrad, wie St. Petersburg damals noch hieß. An einem Straßenkiosk gegenüber dem Studentenwohnheim, in dem wir übernachteten, wurde schon ab morgens grässlich schmeckendes billiges Bier ausgeschenkt, und meine Kommilitonin Kathrin, die sich „Kascha“ nannte (wie die russische Armensuppe) und mit der mich ein kleiner Flirt verband, begegnete bei unserer Abfahrt auf dem Bahnhof einem um Essen bettelnden Menschen – sie brach in Tränen aus und war lange nicht zu beruhigen ...

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Donnerstag, 8. Oktober 2009
Mein 1989 - die Vorgeschichte
Ihr Vater war selbstständiger Buchhändler. In den letzten Jahren der DDR, den Lethargiejahren, kümmerte er sich zunehmend weniger um sein Geschäft, seine Familie, seine Gesundheit und vergrub sich immer mehr in heimatforscherische Projekte (vgl. die immer noch lesenswerten „Märkischen Forschungen" von Günter de Bruyn). 1988 starb er.
Und seine Tochter bekam keinen Studienplatz, der ihr annähernd zusagte. (Weil niemand seine Beziehungen für sie spielen ließ? Weil ihr Vater ein Freigeist und Selbstständiger war? – Wer weiß das schon? Die Akten sind unauffindbar.) Nach ein paar Jahren mit vergeblichen Bewerbungsversuchen stellte sie den Ausreiseantrag und lebte in einer Schwarzwohnung in Potsdam (schwarz, was die Legalität, aber auch, was den Wohnkomfort betrifft).
Meine Eltern, in ihrer Jugend begeisterte Kommunisten, befanden sich in einer Art innerer Emigration und pflegten nach außen hin einen eher bürgerlichen Lebensstil (er leitender Angestellter , sie nach langen Hausfrauenjahren in Teilzeit tätig). Offenbar konnte man in der DDR traditionell bürgerlich wesentlich problemloser überwintern als mit kommunistischen Idealen.
Ich studierte Kunstwissenschaft in Greifswald, an der kleinsten Uni der DDR (3000 Studenten).
Wir waren Anfang Zwanzig und ein unmögliches Paar. Anfangs haben wir das einfach so akzeptiert, dass unser Zusammensein halt nur ein vorübergehendes war. Jeder hatte seine Pläne.

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