Mittwoch, 5. Mai 2010
Warum ich nicht zum Chef tauge ...
... und auch nicht zum Revolutionär (denn das ist nur eine andere Ausformung derselben spezies): Ich hab irgendwie keinen Sinn für Macht. Und das ist nichts, worauf ich stolz sein könnte, denn da es Macht nun einmal gibt, führt das zu absurden Konstellationen: „Komisch“, meinte meine vorige Chefin (die kürzlich an ihrem eigenen Machtanspruch scheiterte und die Notbremse „Kündigung“ zog), „Wenn man dir Verantwortlichkeiten überträgt, gibt’s Probleme. Scheinbar fühlst du gar keinen Ehrgeiz, die auszufüllen. Aber wenn du kein Amt hast, handelst du umsichtig, übernimmst selbstständig Verantwortung ...“ Tja, und nun hab ich eine neue Chefin, eine toughe Osteuropäerin – Ihr kennt sicher den Typ – und es gibt einen Herrn X., einen alten 68er, den Typ kennt Ihr auch, der hat schon als junger Mann im Asta gegen die Schulbehörde geklagt (und sich die Fünf im Staatsexamen eingefangen als Dank) und jetzt lässt er sich immer noch nichts sagen.
In seinem Kurs (d.h. dem Kurs, in dem er freiberuflich unterrichtet und ich als Festangestellter der Seminarleiter bin) war eine Teilnehmerin, die hatte ihr Stundenkontingent fast aufgebraucht, ohne die Aussicht, die Abschlussprüfung zu bestehen (denn das schaffen in den Analphabetenkursen nur die Wunderkinder, von denen bestenfalls eins aufs Dutzend kommt). Und die wird nun krank, drei Wochen lang. X. bittet mich um eine Verlängerung für die Frau. Nun, das kann man schon machen, es liegt sogar nahe: Die Fehlzeit wird nicht abgerechnet, sie bekommt nochmal hundert Stunden, das ist ein Monat, den sie noch mit den andern im Kurs sitzen darf, der kostenlose Kindergartenplatz für die Tochter wird auch verlängert für die Zeit. Allemal besser als mit Hartz IV und dem Kind allein in der Wohnung sitzen. Jetzt kommt sie wieder und zehn Tage später stürzt sie, bricht sich die Hand – wieder wochenlang krank. „Was machen wir?“ fragt mich A. , die die Kurse abrechnet. „Nochmal verlängern, das hat doch keinen Sinn.“ sag ich „Sie kommt doch im Unterricht überhaupt nicht mehr mit, nach fast zwei Monaten! Und nur wegen dem Kindergartenplatz? Nee, das mach ich nicht.“ Und ich sag X., dass für Frau Hastdunichtgesehen der Kurs nun leider vorbei ist. „Kann man da gar nichts mehr machen?“ – „Nichts zu machen“, sag ich und bin zu feige zu sagen: „Das ist meine Entscheidung und ich hab meine Gründe.“ Zwei Tage später sagt mir X.: „Ach, wegen Frau ... – ich hab beim Bundesamt in Nürnberg angerufen.“ Und ich sag nicht: „Das geht dich gar nichts an. Das ist unsere Entscheidung.“ Sondern nur: „Wenn du meinst, bitte sehr!“ Natürlich war ich sauer, dass er mich nicht ernst nimmt. Aber ich fühlte mich im Recht und auf der sicheren Seite. Und irgendwie belächelte ich auch seine revoluzzerhafte Art, gleich bei der obersten Behörde anzurufen. Eine Woche später stürzt meine Chefin wutentbrannt aus ihrem Büro: „Wissen Sie, dass Herr X. ...? In Nürnberg!“ Ich sag: „Ja, er hat mich informiert, nachträglich.“ – „Er hat sich als Mitarbeiter unserer Firma ausgegeben! Also, das geht gar nicht!“ Kurz und gut, sie hat ihn sich einbestellt – aber wie gesagt, X. ist ein alter 68er und lässt sich nichts sagen – dann hat sie mich gefragt: „Ist er jetzt wirklich so ein toller Lehrer, dass wir nicht auf ihn verzichten können?“ und ich sage „So toll nun auch wieder nicht.“ (anstatt die differenziertere Wahrheit: großartiger Pädagoge, aber jetzt grad kein Alphabetisierungsspezialist). Und diesmal hab ich das nicht aus Feigheit gesagt, sondern weil ich immer noch sauer war auf X.
Tja, und jetzt ist er raus und ich hab ein schlechtes Gewissen. Wie gesagt, in der Sache hab ich Recht, glaube ich, nur hätt ich den Vorgesetzten raushängen lassen müssen, wo ich ja in der Tat auch Vorgesetzter war. ... da hab ich mir den Niedriglohnbereich ausgesucht und gedacht, da entgeh ich den Problemen. Tu ich aber nicht.

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Mittwoch, 20. Mai 2009
Lehrer zweiter Klasse, Teil 11: Kollegen
Endlich mal wieder „Lehrer zweiter Klasse“, ich hab ja selbst nicht geglaubt, dass ich an diesem Text nochmal weiter schreibe. Und das ist ja auch kein Wunder: Nicht nur inhaltlich ist das Schnee von gestern. Auch meine schriftstellerischen Ambitionen, aus denen heraus ich den Bericht einst begann, sind ja über der Bloggerei sanft entschlafen (wenigstens dafür wars gut, das Bloggen). Aber heute geb ich mirs noch einmal und geh nochmal voll rein in das Jahr 2007, mein erstes Jahr im Lohndumping-Bereich, als ich das alles noch absurd fand.
Astrid Laue also, die Kollegin (die in der hier auftretenden Form natürlich genau so verfremdet und Fiktion ist wie alles andere auch). Von der ich nach drei Tagen schon weiß, dass sie ihren Literatur-Prof. so distanziert angeschwärmt hat, dass ihr am Ende nichts als ein nutzloser Magister-Abschluss davon übrig blieb; dass sie das Erbe ihrer Eltern in eine kleine Eigentumswohnung investiert hat – in einer Stadt, in der es keinen Job gibt für sie, an der Uni schon gar nicht; die ihren Vater hasst für seine rechten Überzeugungen und weil er nicht ihr Vater ist (und ihre Mutter für den Seitensprung); die Herrn D. aus dem Kurs für einen „Faschisten“ hält, weil der ein Macho und Prolet ist und ihr das sehr bekannt vorkommt – und weil er ihr in der Frühstückspause das Handy vom Lehrertisch klaute, um sie zu ärgern. „Aber da kann man doch was tun, da kann man doch die Polizei rufen.“ sag ich, und sie antwortet: „Das haben wir auch getan.“ Die Polizei, fremdenfeindlich und unterbeschäftigt, wie das in der Provinz wohl so ist am Vormittag, fragte nur: „Wie viele Ausländer?“ und erschien zwanzig Mann hoch auf dem Gewerbehof, in dessen Hinterstübchen der Unterricht stattfand. Und natürlich lag dann das Handy plötzlich auf dem Aschenbecher der Raucherecke, als hätte es Astrid selber da vergessen. Nicht anders als in der Schule, damals in der achten Klasse.
Nicht anders als in der Schule auch die Team-Sitzungen, in denen Astrid Laue dann besonderes Interesse an den pädagogischen Einschätzungen der Teilnehmer für die Arge (Hartz-IV-Behörde) zeigte, während Herr Y. (Single, Porschefahrer und Leiter einer kleinen Werkstatt, in der alte Stühle aus den umliegenden Firmen von 1-€-Jobbern für den Schuldienst in Afghanistan aufgemöbelt wurden) mit Vorliebe viertelstundenlang über Arbeitsschutzvorschriften referierte und wie das Unfallbericht-Buch am Verbandskasten korrekt zu führen sei.
Und zwischendurch ich, wie alle anderen auch ein am Höheren Gescheiterter, der sich einfach immer nur stumm wunderte, wo er hier gelandet ist ...

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Samstag, 25. April 2009
Lehrer zweiter Klasse, Teil 10: Methodisches
So begann die Arbeit in meinem Bereich. Wollte man nun die Methode beschreiben, mit der ich Menschen das Alphabet beibrachte – da hatte mein Arbeitgeber in seinem Konzept immerhin eine Idee vorgebracht: dass es nämlich erlaubt und sinnvoll sei, deutsche und ausländische Analphabeten gemeinsam zu unterrichten (wobei der Begriff Analphabet sehr weit gefasst wurde: wer auf einer deutschen oder türkischen Schule immerhin die Mindestzeit mitgeschleift wurde, beherrscht in der Regel das lateinische Alphabet, in meinem Kurs landete er trotzdem). Natürlich fand das mein Arbeitgeber sinnvoll, weil es ökonomisch angebracht war und insofern auch der Arge in den Kram passte.
Aber so ist das: Jeder entwirft sein Konzept aus seinen Bedürfnissen heraus. Und manchmal kann das ja sogar passen: Jedenfalls fand ich das pädagogisch gar nicht abwegig, dass in meinem Kurs die deutschen ehemaligen Sonderschüler auch mal als klug dastehen konnten, weil ihnen nämlich der deutsche Alltagsgrundwortschatz durchaus vertraut war. Da konnten sie die Ausländer belehren, und diese konterten, indem sie häufig die Regeln der deutschen Grammatik schneller begriffen. Ein schönes Geben und Nehmen.
Und da fühlte ich mich wieder bestätigt: Ich war ganz unten, und ganz unten funktionierte es. Schon im Fortgeschrittenen-Kurs nebenan war das anders: Der iranische Ingenieur, der russische Jugendliche mit Knasterfahrung und der deutsche Sonderschüler mit acht Klassen hatten sich herzlich wenig zu sagen.
Ich fühlte mich auch bestätigt, weil hier die üblichen methodischen Tricks versagten und meine Klientel mit ihrem Chaos scheinbar meine gehassten pädagogischen Lehrer ins Unrecht setzte.
Der besagte Landarbeiter (ein „echter“ Analphabet übrigens) war von meinem Vorvorgänger (bezeichnenderweise wechselten hier die Lehrer schneller als die Schüler) bewegt worden, die Buchstaben aus Knete zu formen, um sie sich sinnlich erfahrbar zu machen. Natürlich ohne Erfolg. Ich war sehr erheitert, dass dieser beschränkte, sehr gutwillige Fünfzigjährige hier also offenbar ein paar Wochen Knetfigürchen gebastelt hatte, und versuchte es nun meinerseits mit der Ganzwortmethode, an die ich mich noch aus dem Studium flüchtig erinnerte, weil sie einst irgendwelche ideologischen Flügelkämpfe in der Grundschulpädagogik ausgelöst hatte: Ich ließ den Mann Memory-Kärtchen auswendig lernen – auf der einen Seite das Bild, auf der anderen Seite das Wort. Und brachte ihn tatsächlich dazu, dass er nach zwei - drei Wochen viele der Wörter als sogenanntes Wortbild und sogar einige Anfangsbuchstaben sicher erkennen konnte.
Nur bei dem „Arzt“-Bildchen gab es Probleme – weil er immer wieder vergaß, dass der „Dokter“ ja „Arzt“ zu nennen sei und folglich mit „A“ beginne. Allerdings helfen ja auch die Anfangsbuchstaben noch nicht weit: Woher seine Lebensgefährtin kommt – Peru oder Portugal – das brachte er immer wieder durcheinander. Insofern hatte meine Chefin – der die deutsche Sprache piepegal war – letztendlich Recht: Sie sprach von „sozialer Stabilisation“ und meinte damit, dass ein Mensch, der jeden Tag einer Beschäftigung nachgeht (und seien es Knetfiguren), anstatt zu Hause rumzuhängen, signifikant weniger säuft.
... nun, sollte hier ein Grundschul- oder DaF-Pädagoge mitgelesen haben, wird er vielleicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen über so viel unprofessioneller Stümperei. Aber genau das will ich erklären: Stümperei ist das nicht – es ist Dilettantismus! Und zwar im edelsten Sinne, so wie ihn Alfred Lichtwark verstand (http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Lichtwark): Ich hatte keine Ahnung von irgendwas – ich hatte nur eine Erfahrung. Als Kind einer elitären Schicht (deren Privilegien ich nicht mochte und die es auch nicht mehr gibt) war ich als Jugendlicher in die Fänge der NVA geraten, wie ich hier schon berichtet habe – und da haben mich die Prolls gerettet, die Heavy-Metal-Fans – und es war damals schon so, dass meine Bildung und ihr Chaos eine ganz gute Mischung ergaben. Das ist ein rückwärtsgewandter, ein konservativer Ansatz. Aber er funktioniert. Liebe Pädagogen, glaubt es mir: Ich habe Menschen etwas beigebracht! Als letzte Woche N., mein Sorgenkind aus dem derzeitigen Kurs (aus Afrika, nie zur Schule gegangen, kann nach einem Jahr langsam kurze Sätze entziffern, und zu mehr wird sies nicht bringen) stolz erzählte, dass sie beim Hausmeister war, und er hat verstanden, dass die kleine Lampe im Flur kaputt ist, da hat sich ihr Stolz ganz und gar auf mich übertragen.

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Mittwoch, 11. März 2009
Lehrer zweiter Klasse, Teil 9
Aber am ersten Tag interessierte mich das noch wenig, was da so an Firma vorhanden war. Nur am Rande nahm ich die Chefin wahr und fand sie sympathisch. Wichtiger war schon die Begegnung mit meiner neuen Kollegin, die mich ja einweisen musste. In ihren Sätzen zitterte noch die Aufregung über die letzten Tage nach. Offenbar hatte es Knatsch gegeben, hatten sich Teilnehmer beim Arbeitsamt über meine Vorgängerin beschwert – und prompt war diese entlassen worden. Ob die Vorwürfe berechtigt waren, das schien mir eher unwahrscheinlich: ihre schlechte Aussprache, ihr russischer Akzent und die deutsche Grammatik würde sie auch nicht beherrschen – diese Vorwürfe klangen mir eher nach Rassismus (an meiner feinen Privatschule war eine Deutschrussin mit exakt denselben Argumenten von Schülern und Eltern angegriffen und von der Schulleitung überstürzt entlassen worden), auch meine neue Kollegin, Astrid Laue hieß sie, deutete so etwas an: die Macht der Arge (Hartz-IV-Behörde), die Renitenz der Teilnehmer, und das Wichtigste wäre, jetzt wieder Ruhe reinzukriegen, und vor allem solle ich mich vor Herrn D. in Acht nehmen, das wäre ein richtiger Faschist (was immer darunter zu verstehen ist).
Ach so, was inhaltlich zu tun war, darüber erfuhr ich wenig, eigentlich gar nichts. Das erwartete mich, als ich im Unterricht war. Aber es war nicht schlecht, was mich da erwartete. Eine bunte Truppe – vom strohblonden, rotnasigen norddeutschen Landarbeiter mit Alkoholneigung über einen Schwarzen mit Rastazöpfen und ca. 20 Wörtern Deutsch und die unvermeidlichen arbeitslosen Türken mittleren Alters bis hin zum arabischstämmigen Hauptschüler, der den Abschluss nicht geschafft hat – da wurde halt alles, was nicht ordentlich lesen und schreiben konnte in den Dörfern im Umkreis, zusammengekehrt und auf die Schulbank gesetzt. Nun gut, wir saßen zusammen und machten das beste draus. Ich erfuhr hier zum ersten Mal, wie schwer es ist, das kleine b und das kleine d auseinander zu halten und dass es noch viel schwerer ist, Kreuzchen in einer Tabelle richtig anzuordnen. Also malten wir Kreuzchen und Bs und Ds, auch Herr D. war eifrig dabei (nur reichte seine Energie immer nur für drei bis vier Tage, dann schwänzte er wieder) – es war wie bei den Grundschülern (auch die Witze waren oft wie bei den Grundschülern), eigentlich schöner, weil kein „Och, sind die niedlich!“ die Relationen verschob ...

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Donnerstag, 19. Februar 2009
Lehrer zweiter Klasse, Teil 8
Es war die letzte Novemberwoche. „Ende November, das Kalt und das Grau, sind meine Heimat im Weiß-nicht-genau.“ Das hatte ich mal gereimt, als ich mich, selbst kaum der Schule entronnen, in ein blasses Teenager-Mädchen und ihren düsteren Geburtstag verliebt hatte. Der Vorortzug jedenfalls war halb leer an meinem ersten Arbeitstag; schließlich pendeln die meisten Menschen ja in die Großstadt hinein, nicht aus ihr heraus. Nach zwanzig Minuten stieg ich an einem Kleinstadtbahnhof aus und in den Bus um. Dort standen geduckte
Häuschen einen ehemaligen Mühlbach entlang und alle paar Minuten stoppte vor dem Buswartehäuschen ein Auto, dessen Fahrer eine Ehefrau oder ein Schulkind entließ. So wuchs die wartende Menge und endlich kam der Bus, und er brauchte Ewigkeiten, bevor er nach Zwischenstopps an Berufsschule, Friedhof und Klinikum endlich das Gewerbegebiet am Ortsausgang erreichte, wo ich aussteigen musste.
Meine Firma hatte die Räume über einer Elektrofirma angemietet. Vor der Tür gab es einen Fahrradständer und einen Raucherplatz, zwei reservierte Parkplätze – für die Chefin und die Sekretärin – und jede Menge Ladeverkehr für die Handwerker im Erdgeschoss. Die Chefin (offenbar gibt es in dieser Branche keine Chefs, jedenfalls nicht auf den unteren Rängen) beaufsichtigte ein kleines Büro und neben den beiden Deutschkursen noch ein paar andere „Maßnahmen“ für Arbeitslose: die üblichen Bewerbungs- und Computertrainings sowie einen Kurs „Berufliche Orientierung“, wo auch wieder Bewerbungsmappen hergestellt wurden.

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Mittwoch, 18. Februar 2009
Lehrer zweiter Klasse, Teil 7
Was blieb, war ein finanzielles Loch. Frau Meyer hatte ein Einsehen und lud mir auf mein Betteln hin Vertretungsstunden auf bis zum Abwinken. Abzüglich der Steuer blieb dennoch nichts übrig. Außerdem hatte ich mir mit meiner Familie in diesem Sommer einen echten Urlaub geleistet, richtig mit Autozug und Ferienwohnung in Bayern. Wir kamen aus den Schulden nicht mehr raus.
Ende November wurden die Vertretungsstunden rarer und weitere Kürzungen standen ins Haus. Die Firma hatte eine Anschlussausschreibung nicht gewonnen – die Konkurrenzfirma mit noch schäbigeren Räumen und noch niedrigeren Honoraren hatte uns unterboten. Frau Meyer hatte Schwierigkeiten, die Stunden halbwegs gerecht unter den Honorardozenten aufzuteilen. Eines Abends rief sie mich überraschend an und bestellte mich für den folgenden, einen Freitagabend, ins Büro: ein Jobangebot. Wir trafen uns zu dritt in ihrem Büro, es war um sechs, schon dunkel, ich hatte das Büro bei Lampenlicht noch nicht erlebt. Der Dritte war aus der Führungsebene, von der Mutterfirma, und beaufsichtigte eine kleine Schwester-GmbH vor den Toren der Stadt. Dort gab es nur zwei Deutschkurse und zwei Lehrer, einer davon war überraschend ausgefallen. Arbeitsbeginn am Montag. Frau Meyer war das Angebot ein bisschen peinlich: „Ja, aber wissen Sie, Sie kennen die Situation, und da haben Sie immerhin erst mal einen Monat gesichert ...“ Das fand ich auch und akzeptierte einen auf vier Wochen befristeten Arbeitsvertrag auf dem Gehaltsniveau einer Supermarktverkäuferin.
Am Wochenende war ich mit Frau und Kind ein paar Stunden bei Freunden auf dem Land, genauer gesagt, bei Freunden, die mit dem zweiten Kind rausgezogen waren, in das berühmte Häuschen im Grünen. Ich nutzte die Gelegenheit und bat meine Frau, nach dem Kaffeetrinken nicht gleich nach Hause zu fahren, sondern eine Autobahnabfahrt weiter in Richtung Provinz. Ich wollte meine neue Arbeitsstelle wenigstens einmal gesehen haben. Aber da war nichts zu sehen. Da war nur ein gesichtsloses Gewerbegebiet an der Autobahn, mit einer Shell-Tankstelle und dem Bürohaus von einer dieser windigen Mobiltelefongesellschaften, daneben Großhandelslager und Kleingewerbe, sogar Einfamilienhäuser, und mittendrin ein Schild, das auf einen Hinterhof zeigte und den Namen der Schule trug.

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Montag, 16. Februar 2009
Lehrer zweiter Klasse, Teil 6
Zwei Monate später war Abitur. Ich hatte mit einer Gymnasiallehrerin aus den Elbvororten zu kooperieren, um die Anerkennung der deutschen Schulbehörde abzusichern. Eine echte Gymnasiallehrerin: links, burschikos, bürgerlich. Als Zweitgutachterin bestand ihre Aufgabe darin, den elitären Privatschülern ein bisschen auf den Zahn zu fühlen und ihre Leistungen mit den Normen des Hamburger Abiturstandards abzugleichen. Ich nahm das leider sehr persönlich. Halbwegs schon rausgeworfen und nur für den Abiturkurs noch geduldet, hatte ich an meiner Privatschule die Stellung eines Exoten inne. „Ja, du und deine Abiturklasse, ihr passt schon zusammen.“ sagte meine Deutschkollegin immer, ein bisschen mitleidig. Und so war es. Weil es den Schülern gefiel, ließ man mich machen. Ein Curriculum gab es nicht. Wir lasen monatelang die „Buddenbrooks“ (den Roman hatten die Schüler freiwillig ausgewählt) und analysierten dann die schöne Verfilmung aus den fünfziger Jahren. Mein Zugeständnis an den vermeintlichen Oberstufen-Kanon, das Thema „Kommunikationstheorie“, versuchte ich der Banalität zu entreißen, indem ich Gesten von Emmanuelle Beart in einem Claude-Sautet-Film und sophistische Sprüche von Sven Regener aus „Neue Vahr Süd“ analysieren ließ.
Aber schöne Unterrichtstunden sind das eine, Abitur ist etwas anderes. Schon einige von den Klausuren hatte die Zweitgutachterin auseinandergepflückt. In den Kommentaren sang sie das Hohe Lied vom Transfer. Gepflegtes Schreiben – und was beispielsweise S., die Tochter eines Spiegelredakteurs, schrieb, das war nicht mehr nur gepflegt, das war göttlich – tat da nichts zur Sache. Die mündliche Prüfung begann mit K., einem Mädchen aus der polnischen Nomenklatura. Sie kam gut durch. Ihr osteuropäisch-schnoddriger Stil, der sie an meiner feinen Privatschule zu manchem Strafgespräch ins Büro der Direktorin gebracht hatte, wurde von der deutschen Lehrerin als kämpferisch belobigt, während die stille, kluge C., Tochter einer deutschen Entwicklungshelferin und ihres schwarzen Mannes, vor ihr gar keine Chance hatte. Zu brav. Dasselbe Verdikt fiel über ihre Mitschüler herein. Verwundert sah mich der Prüfungsvorsitzende an, als die Noten dann festgelegt wurden. Aber ich rettete meine Schüler nicht. Ich sagte gar nichts. Es war wie vor der sechsten Klasse – totale Lähmung.
Am Ende waren alle sauer: die Schüler, die Direktorin, und ich auch. Ich sehe noch die weiße Stretchlimousine vor mir, die I.s Vater zur Abiturfeier vor der Schule hatte auffahren lassen, und sehe mich selber, wie ich versuche, mich hinter dem Auto zum Ausgang zu schleichen. Natürlich auch das erfolglos.

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Sonntag, 15. Februar 2009
Lehrer zweiter Klasse, Teil 5
Wie entspannend, aber auch langweilig war dagegen der Kurs mit den Fortgeschrittenen. Wir übten wochenlang Relativsätze, lösten grammatische Kreuzworträtsel, und sahen – nachmittags in den Unterrichtsstunden acht und neun, wenn ich den Sozialpädagogen vertrat - deutsche Komödien: „Keiner liebt mich“, „Echte Kerle“, ..., die ich aus meiner privaten Videosammlung von Zuhause mitbrachte. Am besten kam das bei den Polinnen an (ein Pole ist mir bisher nicht untergekommen), die ja unserer Kultur recht nahe stehen.
Ein Höhepunkt für alle war der Ausflug in die Holstenbrauerei, den der Sozialpädagoge organisiert hatte. Für mich, weil es lehrreich war. Wir bekamen eine Führung, der Führer war ein alter Mann, wohl ein ungelittener Mitarbeiter, den man halt noch die Besucher führen ließ, weil er ansonsten nicht mehr in den Betrieb passte. Ein Bierliebhaber von altem Schrot und Korn. Besonders im Ohr ist mir noch sein Lästern über die Unart, Bier zu kühlen: „Ein Bier, das bei Zimmertemperatur nicht schmeckt, sollte man überhaupt nicht trinken.“ ... es ist klar, dass dieser Mann bei Holsten nicht am rechten Ort war. Ich freute mich, einen Tag mal nicht der Vorturner zu sein, sondern auch mal mittrotten und konsumieren zu können. Auch die Teilnehmer waren gut gelaunt, weil sie einen Tag nichts tun mussten. Es gab für jeden zwei Gläser Bier und ein paar Salzbrezeln – man witzelte und machte Gruppenfotos. Eine grobe Gemütlichkeit, ich fühlte mich am rechten Ort.
Am selben Abend war ich mit meiner Abiturklasse im Kino. Wir untersuchten ja gerade Zeitungsrezensionen und sahen uns einen aktuellen Hollywoodfilm an, um später die zugehörigen Rezensionen der deutschen Feuilletons zu vergleichen. Einen Moment lang war ich irritiert. Die zarten, feinen Mädchen hatten sich alle geschminkt, hantierten mit ihren ipods und wirkten mit ihren klugen, distanzierten Sätzen wie aus einer anderen Welt. Und der einzige Junge war das Tüpfelchen auf dem I – er kam im feinen langen Mantel und beschwieg das Geschwätz der Mädchen auf vornehmste Weise. Dann saß man zusammen im prolligen UFA-Palast am Gänsemarkt und kritisierte mit aller Arroganz der Jugend die Techniken des Kino-Mainstreams.

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Donnerstag, 12. Februar 2009
Lehrer zweiter Klasse, Teil 4
Vielleicht war es auch nur, dass es hier keine Disziplinprobleme gab, jedenfalls keine nennenswerten. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine kleine Gruppe russischer Männer, die in der ersten Doppelstunde enttäuscht feststellte, dass auch beim Vertretungslehrer Unterricht stattfindet, und in der Frühstückspause verschwand. Einer davon machte den Fehler, nach der Mittagspause wieder zu erscheinen – mit Alkoholfahne. Er versuchte sich in die Behauptung zu flüchten, er würde kein Wort Deutsch verstehen. Da ich aber sein Russisch verstand und deutsch darauf antworten konnte, ergab er sich in sein Schicksal und mimte für den Rest den Tages den immerhin passiv anwesenden Schüler – was genug war. Anwesenheit reichte aus, um das Arbeitsamt zufrieden zu stellen. Die anderen waren dann eben halt „nicht anwesend“ und flogen ein paar Tage später raus, was noch nicht mal ich verkünden musste, sondern der zuständige Lehrer. Alles sehr einfach.
Etwas komplizierter war’s in dem Alphabetisierungskurs, den mir Frau Meyer als „schwierig“ angekündigt hatte und den ich für eine ganze Urlaubsvertretung übernahm. Hier wurde jeden Morgen darüber erbittert darüber diskutiert, ob und wie weit die Heizung einzuschalten sei (es war inzwischen März, aber immer noch kalt). Der Auslöser für das Problem war offenbar – und trug den Namen Grace. Grace war Afrikanerin, Ende Dreißig, verhärmt und kommunikationsunfähig. Jeden Morgen betrat sie den Klassenraum, setzte sich wortlos in eine Ecke und schraubte die nächstgelegene Heizung so hoch wie möglich. Auf jegliche Ansprache reagierte sie unwirsch, auf das Thema „Heizung“ aber grundsätzlich mit Wutanfällen. Klar, dass das die stolzen Türken und Araber nicht auf sich sitzen lassen konnten. Und so wurde eben jeden Morgen erst mal rumgeschrien. Meine Aufgabe war es, als Deutscher, als Lehrer, niemandem Recht zu geben und niemandem Unrecht. Damit allein ließen sich die Gemüter meist schnell besänftigen, und es gab Tage, an denen sich sogar Grace am Unterricht beteiligte.
Überhaupt war Stolz für die meisten ein größeres Problem als mangelnde Sprachfähigkeiten. Es gab da im selben Kurs ein Ehepaar aus Griechenland, das sein Arbeitsleben in deutschen Fabriken verbracht hatte, zuletzt in der Schokoladenproduktion. Die Kinder waren inzwischen groß, die beiden alt und in Deutschland gibt es kaum noch Stellen für Ungelernte. So kam das Arbeitsamt auf die irrige Annahme, die Arbeitslosigkeit der beiden könne mit ihren Sprachproblemen zusammenhängen. Aber wie dem auch sei, die beiden waren da und bemühten sich redlich, das deutsche Alphabet zu erlernen. Dass aber sie binnen kurzem die Buchstaben schreiben konnte, ertrug er nicht – und erfand unendlich viele Ausreden. Oder stellte sich selbst scherzhaft als Lehrer vor die Klasse in der Pause. All das führte natürlich dazu, dass er noch weiter hinter seiner emsig weiterlernenden Frau zurückblieb ... ein Teufelskreis. Nur als Clown schaffte es Kostas, noch ein Mann zu bleiben.

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Mittwoch, 11. Februar 2009
Lehrer zweiter Klasse, Teil 3
Und so passierte es öfter, dass sie morgens um 8 Uhr anrief, weil irgendein Dozent nicht erschienen war, und ich ab neun Uhr acht Stunden Deutschunterricht aus dem Stegreif gab.
Der Unterricht fand statt auf zwei Etagen in einem ansonsten leeren Bürohochhaus. Jeden Morgen kurz vor neun belebte sich plötzlich der Hof, standen Raucher vor der Tür, waren die Fahrstühle überfüllt Ich unterschied sie zuerst nach Gruppen: die liebevollen, aber neurotischen Afrikaner; die groben, herzlichen Türken; die phlegmatischen, depressiven russischen Männer mit ihren kalten, fleißigen Frauen – und die kultivierten, manchmal arroganten, meist still verzweifelten Menschen aus dem östlichen Arabien.
Natürlich war das zunächst ein gutes Arbeiten. Jeder echte Lehrer wird mir das bestätigen: Vertretungsstunden sind einfach. Man ist für nichts verantwortlich, muss nur irgendwie die Zeit füllen – und wenn man den Leuten tatsächlich noch was Interessantes beibringen kann, wird man für einen tollen Pädagogen gehalten.
Nach der Niederlage an der Privatschule war mir diese Erfahrung sehr willkommen. Die Tatsache, dass mir Arbeitslosengeld zugestanden hätte, dass ich hätte zu Hause bleiben können, bis ich eine vernünftige Arbeit gefunden hätte, übersah ich geflissentlich. Ich stürzte mich in den Lohndumping-Bereich mit dem Gefühl, endlich etwas wert zu sein. So wie diese aus Profitgründen schnell zusammengezimmerte GmbH vorgab, eine Bildungseinrichtung zu sein, so wie diese überwiegend orientierungs- und chancenlosen Maßnahmeteilnehmer so taten, als gingen sie einer geregelten Tätigkeit nach, so gab ich eben den routinierten Lehrer.

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