Montag, 16. April 2018
„Transit“ - erster Eindruck
Ich habe heute Abend „Transit“ gesehen, das musste sein: „Transit“ ist einer meiner Lieblingsromane und Christian Petzold ist ja auch nicht irgendwer. Ich war im Vorfeld skeptisch gewesen, ob so ein Kopfmensch wie Petzold einen so hochemotionalen Roman verfilmen kann.
Doch, kann er. Ein wuchtiger, eindringlicher Film. Die Idee, die Geschichte optisch in der Gegenwart spielen zu lassen, wirkte gar nicht so gewaltsam und gewollt, wie ich befürchtet hatte: Sie weckte nämlich keine Assoziationen an Jetztzeit und Flüchtlingskrise, sondern vertrieb sie eher, wirkte wie ein Brechtscher Verfremdungseffekt, noch verstärkt durch die häufigen gesprochenen Texte aus Off. Dadurch verschwand jeder ablenkende historische Bezug, es blieb die Problematik der Flucht an sich. Das Ganze machte eher den Eindruck eines erzählerisch angelegten Filmessays, weniger den eines Spielfilms.
Die eigentliche Geschichte, die von Anna Seghers ersonnen wurde, handelt ja von einem Flüchtling aus Nazi-Deutschland, der in Marseille seinen Mitflüchtlingen begegnet, immer mehr Abschied zu seinen Exil-Kameraden und insbesondere den kommunistisch Kungelnden unter ihnen gewinnt und am Ende eine andere Art Solidarität findet, die der ortsansässig Anständigen, bei denen er eine neue Heimat findet.
Im Film fehlt diese Ebene: Es fehlt der kommunistische Filz und es fehlt die entspannte Willkommenskultur der Einheimischen. Nur die Einsamkeit des Flüchtlings, auch bei Seghers zentral, wird in ergreifender Intensität vorgeführt.
Komisch: Da hatte ich erst Angst gehabt, dass Petzold, den man als politischen Regisseur kennt, die Sache vermurkst, indem er zu viel Gegenwartsbezug da reinbringt – und als ich dann im Kino war, war mir das zu wenig davon. Ich meine, wir haben hier einen Haufen Flüchtlinge im Land, und wir haben enorme Probleme damit, die Menschen zu integrieren, sie so in unser Leben hier in Deutschland einzubauen, dass wir und sie damit leben können – und dann ist da dieser Roman, der aus der Sicht eines deutschen Flüchtlings zeigt, wie verdammt schwer es ist, die emotionale Haltlosigkeit und Verzweiflung des Flüchtlings (die man heute gern „Traumatisierung“ nennt) zu überwinden und wieder ins geregelte Leben zu finden, der aber auch zeigt, dass es möglich ist, dass man nicht in der Klüngelsauce seiner Flüchtlingsparallelwelt bleiben und versauern muss, sondern dass es einen Weg in ein neues geregeltes Leben gibt – und dann nutzt Petzold diese Steilvorlage nicht und bleibt bei der Einsamkeit und Verzweiflung seines Flüchtlings kleben, lässt seinen Flüchtling sich in einer Liebesgeschichte verheddern und am Ende in der Falle sitzen bleiben. Das geht doch nicht!
Und irgendwie erinnert mich das auch an einige Linke hierzulande, die vor lauter Akzeptanz der Fremden auch das akzeptieren, was diese – zumindest vorerst – zu den Akten legen müssten, um bei uns anzukommen. (Dass das die staatlichen Vorgaben heute in Deutschland wie damals in Marseille nicht gerade befördern, ist klar, da braucht es eben unsere menschliche Solidarität.)
Und da sind wir beim Punkt: Dieses Negative, Resignative, Passive heutiger linker Positionen nervt ("Da kann man halt nichts machen, wenn Flüchtlinge in ihrer Traumatisierung verwirrt und destruktiv sind, man muss sie so annehmen." Nein, muss man nicht, und man hilft ihnen damit auch nicht, und man macht die Verbrechen neokolonialistischer Wirtschaftspolitik in Afrika auch nicht wieder gut, indem man einfach die Grenzen öffnet.) Es gibt in "Transit" eine Verkörperung des Guten, Moralischen, des Kommunistischen, fast eine jesusartige Figur: Heinz. Dessen Flucht gelingt aufgrund seiner Ausstrahlung, selbst zwielichtige Gestalten helfen ihm selbstlos. Petzold lässt diesen Heinz gleich am Beginn der Geschichte elendig verrecken. Und die Figur des anständigen Menschen, der durch tragische Umstände unter die brutalen Fremdlegionäre geraten ist und doch anständig bleibt, den lässt er ganz aus der Geschichte raus. Das Gute darf es nicht geben.
Und auch die Liebe nicht. Auch bei Anna Seghers ist die Liebe negativ besetzt: Sie lässt am Ende die femme fatale und mit ihr die erotische Liebe sterben und im Gegenzug die Mitmenschlichkeit und Solidarität erblühen. Sicher ein äußerst fragwürdiger Aspekt in dem Roman. Noch fragwürdiger ist es allerdings, wenn Petzold die Liebe ebenso negativ zeichnet wie Seghers, ihr aber nichts adäquat Positives gegenüberstellt.
Wie ich schon bei meiner Rezension zu Hanekes "Weißem Band" sagte: So furchtbar ist die Welt nun auch wieder nicht. Und ist es nie gewesen.

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Freitag, 16. März 2018
Man stelle sich mal vor ...
... da wird jemand als Sohn eines führenden BND-Mitarbeiters geboren, studiert Jura in München und Princeton. Zurück in Deutschland steigt er in die Politik ein, seine CDU-Karriere beginnt rasant, da er über die Atlantikbrücke die richtigen Kontakte hat, dann aber stockt sie, weil er sich allzu keck mit einigen Altvorderen der Partei anlegt: Er fliegt aus dem Parteivorstand, in den er gerade als hoffungsvoller Jungkader eingezogen war. Er selbst nennt die Entscheidung ein „Berufsverbot“ und sieht sich genötigt, sein Brot mühselig als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung zu verdienen – er forscht dort über geopolitische Zusammenhänge.
Der USA-kritische Kurs der Regierung Merkel gegenüber Donald Trump empört ihn, er tritt aus der CDU aus und wechselt zu den Grünen. Auch seine Ehe mit einer Merkel-Ministerin (sie hatten sich im Parteivorstand kennengelernt) scheitert. Bei den Grünen etabliert er sich schnell als rhetorisch geschickter Kopf und provokanter Geist. Er zählt zum äußersten linken Flügel der Partei, schreibt häufig im „Freitag“ und in der „JungleWorld“ sowie auf verschiedenen linken Internetplattformen. Insbesondere die antideutsche Richtung verehrt ihn als einen ihrer Vordenker.
So eine Biografie kann man sich doch eigentlich nicht vorstellen. Und doch zählt Vera Lengsfeld bei rechten kritischen Diskutierern, etwa den Kommentatoren bei Don Alphonso, als ernstzunehmende Bezugsgröße.
(Ich weiß: Vergleiche hinken. Aber es hat mich einfach entsetzt, als ich über Don Alphonso mal wieder auf Vera Lengsfeld stieß und dachte „Wie war das mit ihr doch gleich?“ und dann kurz bei Wikipedia nachlas; das ist doch kaum zu fassen, so eine Biografie - wobei mir eigentlich viel weniger die Tatsache entsetzlich ist, dass da jemand von links nach rechts gewechselt ist, sowas kann ja vorkommen und sogar nachvollziehbar sein, z.B. bei Botho Strauß - sondern auf welche Weise sie es getan hat.)

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Freitag, 2. März 2018
Gut gemeint oder gut gemacht?
Häufig hört man die witzig gemeinte Unterstellung, „gut gemeint“ sei das Gegenteil von „gut gemacht“. Ich finde das gar nicht lustig. Denn eine Unterstellung bleibt es ja dennoch, die Unterstellung nämlich, etwas gut Gemeintes tendiere grundsätzlich zum schlecht Gemachten oder sei es sogar immer. Was für ein Blödsinn! Das ist so falsch, dass noch nicht einmal das Gegenteil davon richtig ist – es gibt da einfach überhaupt keinen Zusammenhang.
Eins allerdings ist ziemlich sicher, wie meine langjährige Beobachtung zeigt: Wo immer man diesen Satz hört oder liest, geht es um die Denunziation guter Absichten.
… und meistens geht es den Denunzierern dabei gar nicht darum, böse Absichten zu legitimieren (wie mein moralisches Verschwörungstheoretikerhirn immer zuerst argwöhnt) – es geht um ein Lob der hohlen Professionalität, die einfach ungehindert abrattern will, ohne nach dem Warum und Wieso zu fragen.

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Donnerstag, 22. Februar 2018
Solche Linke und solche, mir sind die stillen lieber
Ich habe hier vor ein paar Tagen über drei Bücher linker Autoren geschrieben, die ich neulich las, und dabei zum wiederholten Mal zum Ausdruck gebracht, wie sehr mir die Verachtung des Gefühlsseligen auf die Nerven geht, in der ich eine Weiterführung des machismo des Marxismus und der Arbeiterbewegung erblicke.
Das war insofern unfair, als ich die zwei mir unangenehmen Bücher gar nicht zuende gelesen habe. Dem Roman „Die verbesserte Frau“ von Barbara Kirchner hab ich vorgeworfen, er sei eiskalt. Wahrscheinlich ist er das nicht. Wahrscheinlich ist er nur von einem Gefühl getragen, das mir widerlich ist. Ich muss sowas nicht lesen. Ich muss meine Abneigung aber auch nicht in die Öffentlichkeit raustragen.
Dem Sachbuch „Erwachsenensprache“ von Robert Pfaller warf ich Zeitgeistigkeit und ein Kokettieren mit Verschwörungstheorien (die Postmoderne ist ein Kampfinstrument der Ausbeuterklasse) vor. Das meine ich immer noch. Aber meine Güte!: Irgendwie muss sich ein Buch doch behaupten, wenn es sich auf ein diskursiv so umkämpftes Gebiet begibt. Aber es so stehen so viele kluge Sachen drin, dass ich jetzt weiterlese, auch wenn ich mich manchmal ärgere.
Zum Beispiel an der Stelle, wo Pfaller behauptet, political correctness fördere deshalb die Zensur, da sie das rationale Element ausschalte – und die ratio sei in der Lage, Irrtümer zu korrigieren, während Beleidigte immer beleidigt bleiben. (Er übersieht hier, dass Gefühle nicht grundsätzlich kindisch sind, sondern natürlich auch sehr wohl erwachsen sein können, genauso wie rationale Gedanken.) Mit diesem Text liefere ich ein Beispiel.
Überhaupt hab ich in meinem Blog zunehmend Probleme mit dem Öffentlichen und dem Privaten. Ich habe viele Jahre auf Papier Tagebuch geschrieben und da meine Gedanken zu diesem und jenem probeweise formuliert. Manches davon fand ich im Nachhinein gar nicht so schlecht, so dass ich die Aussicht verlockend fand, dieses Tagebuch auf blogger.de öffentlich zu führen. Aber das geht nicht. Schon allein die Notwendigkeit, die Texte einigermaßen zu einem Ende zu führen und die gröbsten Tipp- und Formulierungsfehler zu entfernen (ich tippe daher immer zuerst in mein Schreibprogramm, ehe ich ins Netz kopiere) … führen dazu, dass ich viel seltener schreibe als früher. Und dann noch die Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte (inkl. meine eigenen), die blöden Anonymisierungen und dass ich das Thema Sexualität aussparen muss. Und als Krönung: peinliche Irrtümer wie dieser (im Tagebuch wärs egal gewesen) – und das ist nicht der erste.
Wie gehen Sie mit sowas um?

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Montag, 12. Februar 2018
Abendbegegnung

Der olle Kanzler im Scheinwerferlicht fror nicht weniger als ich.

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Familienzusammenführung ...
... war ja damals in meiner Jugend auch ein Thema, als Möglichkeit, aus der DDR in den goldenen Westen zu kommen. Nur damals hab ich das Thema von außen betrachtet, das heut im Innern der Bundesrepublik so diskutiert wird, unter dem Begriff „Familiennachzug“. Neulich im Deutschlandfunk meinte Herr Meuthen von der AfD, dass das Ganze eine Schummelei sei, da einer vorgeschickt wird, um die anderen per Familiennachzug nachzuholen. Das leuchtete mir sofort ein. Auch damals war die Familienzusammenführung oft eine Schummelei: Häufig ging es nicht in erster Linie darum, eine Familie zu vereinen (auch Scheinehen waren nicht unüblich), sondern es war ein Weg, eine Person aus der DDR in den Westen zu bekommen.
Das wussten auch die Verhandlungspartner beider deutscher Staaten. Weshalb haben sie sich trotzdem darauf eingelassen? Nicht nur aus Imagegründen à la „KSZE“ und „Menschenrechte“, ich denke, es ging beiden Seiten auch darum, den Druck rauszunehmen, die am verzweifeltsten Unzufriedenen ziehen zu lassen, damit alles friedlich bleibt. Lösungen zu finden, die vielleicht nicht ganz ehrlich, nicht ganz gerecht sind, die aber dazu beitragen, Unfrieden und Unzufriedenheit dort, wo sie am heftigsten aufblühen, einzudämmen, das Zusammenleben insgesamt erträglicher zu machen.
Der Vergleich hinkt, werden Sie sagen: Über dieses Ticket kamen damals nichtmal 10 000, die noch dazu die gleiche Sprache sprachen, leicht zu integrieren waren. Heute betrifft das mehr als zehnmal so viele. Sicher. Damals war aber auch der Druck nicht so groß: In der DDR zu leben machte keinen Spaß, aushaltbar war es. Kein Vergleich beispielsweise zu einem Aufwachsen im angeblich sicheren Herkunftsland Afghanistan. Oder anderes Beispiel – ich kenn eine Familie, die je nach Sicherheitslage jahrelang zwischen Syrien und Libanon hin- und herzog. Die kamen hierher, nicht weil sie am Leben bedroht waren, sondern weil absehbar war, dass ihre Kinder keine Chance auf eine irgendwie nennenswerte Schul- und Berufsausbildung haben. Also, dafür würde ich auch „schummeln“, und Herr Meuthen sicher auch, wenn es um seine Kinder ginge.
Wenn man die Sache ehrlich machen will, braucht man eine Idee, was man stattdessen tut, um die Lage zu entspannen. „Die Grenzen sichern“, meint Herr Meuthen. Mit andren Worten: den Druck erhöhen, die Sache explodieren lassen, und zwar woanders, möglichst weit weg von Deutschland. Ich finde das sowohl herzlos als auch kurzsichtig.
Ich hab einen anderen Vorschlag. Auf den brachte mich die Tatsache, dass ich manchmal für eine Zeitschrift Rezensionen schreibe. Ich bekomme dafür kein Geld. Aber am Ende des Jahres schüttet die VG Wort ein paar Euro aus. Denn niemand (außer den Bibliotheken) kauft diese Zeitschrift, alle kopieren sich die sie interessierenden Texte einfach raus. Als Entschädigung dafür zahlen die Hersteller von Fotokopierern einen kleinen Obulus pro Gerät an die VG Wort und die verteilt die Einnahmen an die Geschädigten: die Verlage und Autoren.
Warum übertragen wir das Prinzip nicht auch auf die Produktion von Waffen? Für jede produzierte Pistole ein paar Cent in einen Topf, für jedes U-Boot einen großen Schein. Und das Geld wird dann genutzt, um die Nachteile, die den Geschädigten entstanden sind, zumindest abzufedern. Für die Schulausbildung der oben erwähnten Kinder dürfte es allemal reichen.

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Dienstag, 9. Januar 2018
Den Daumen recken ... (Rechtschreibfehler des Tages)

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Montag, 8. Januar 2018
Wahrheit oder Kunst? (Akin versus Schorlau)
Aus gegebenem Anlass stelle ich fest, dass man doch misstrauisch sein sollte wenn ein Kunstwerk zu gut funktioniert: Als ich vor zwei Wochen „Aus dem Nichts“ sah, war ich tief gerührt, verließ ergriffen das Kino, dankbar, dass jemand die Sicht der Opfer auf so großartige Weise in Szene setzt. Natürlich war mir klar, dass es gewagt ist, wie diese Geschichte alle Brisanz und alles Politische aus dem NSU-Fall rausnimmt und nur das Menschliche sieht. Aber ich fand das mutig. Erst nach und nach fiel mir auf, wie geschickt Bohm/Akin da alle Knöpfe gedrückt haben, mit denen man mittelalte Mitte-Links-Mittelklasse-Leute wie mich dazu bringt, die Taschentücher rauszuholen (der etwas unsolide, aber herzensgute Anatole, der „gute Deutsche“, die nette Szenefrau mit den zerrissenen Jeans usw.). Und erst nach längerem Nachdenken wurde mir klar, dass dieser Film sicher gut erdacht und künstlerisch qualitätvoll ist, aber nicht gerade mutig – eher im Gegenteil.
Und ich werde im Nachhinein verständnisvoller betreffs der „schützenden Hand“, diesem NSU-Krimi von Wolfgang Schorlau, der in literarischer Hinsicht ziemlich lausig ist, zudem unangenehm pingelig in seiner Detailversessenheit, aber eben gut recherchiert und von einem ehrlichen Aufklärungswillen beseelt. Denn was hilft ein großer Wurf wie „Aus dem Nichts“, wenn er im Grunde dazu auffordert, über der Rührung die Wahrheit zu vergessen?

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Freitag, 22. Dezember 2017
Wer fegt die Treppen?
Ich habe jetzt bewusst nicht nachgegoogelt, um rauszubekommen, woher der Brauch stammt, dass junge, unverheiratete Männer die Rathaus- oder Kirchtreppen fegen müssen, sobald sie dreißig Jahre alt werden (man macht das in Norddeutschland halt so) – sondern ich verfahre nach der wissenschaftlichen Methode, die der Volksmund den Soziologen nachsagt: Ich kombiniere zwei Fallbeispiele und konstruiere daraus einen gesellschaftlich relevanten Zusammenhang:
Also:
Auch ich kam an meinem 30. Geburtstag nicht drumrum und das beiliegende Foto mit sein Unschärfen , Kratzern und Fusseln und mit dem Schnapsglas, das zeigt deutlich, dass ich mich da grad am tiefsten Punkt meiner persönlichen Laufbahn befand. (Danach kam glücklicherweise die Katastrophe namens Referendariat, die mich so durchschüttelte, dass ich wieder ins Leben fand.)
An dieses Ereignis musste ich denken, als ich dieser Tage am Rathaus Altona vorbeikam und es mal wieder aussah wie Sau.
Denn es gibt da noch einen anderen Brauch auf den Rathaustreppen: Frisch verheiratete Paare werden mit Reis oder noch besser mit eigens dazu vorgefertigten Konfettis (denn der bewusste Bürger nutzt natürlich möglichst industriell hergestellte Produkte, um das Bruttosozialprodukt zu stärken) überschüttet, danach feiert man irgndwo teuer und fegen tut natürlich keiner.
Also, ich finde, nicht die Singles sollten fegen, sondern, die den Müll da hinschütten.

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Montag, 27. November 2017
Psychosomatisches Erlebnis
Heute Morgen musste ich einen Schüler im Praktikum besuchen, Abschlussgespräch, und radelte die Luruper Hauptstraße runter. Auf einmal fiel mir etwas ein, etwas Scheußliches, Widerliches, das irgendwie mit meinem Traum von dieser Nacht (an den ich mich nicht erinnern kann) zu tun hatte und mit dieser Straße – oder einer ähnlichen Straße, mehr in Richtung Eppendorf. Und zwar kein wirkliches Erlebnis, sondern etwas Geistiges: ein Traum, eine Gedanke, eine Entscheidung oder so. Ich versuchte mich zu erinnern, da überkam es mich: Mir wurde schlecht, ich musste anhalten und würgte und hustete, Tränen traten mir in die Augen – und nach einer halben Minute war es vorbei, und ich stand da, desorientiert und mit einem Gefühl der Enttäuschung, da ich mich doch nicht übergeben hatte und das namenlose Schlechte somit nicht los war. Zehn Minuten später vor dem Schüler wusste ich das Datum nicht, auch nicht, wann nun der letzte Praktikumstag ist (Zahlen verschwinden aus meinem Gehirn immer zuerst, wenn es mit dem Vergessen losgeht). Ich habe einigermaßen rumgestottert, entschuldigte mich wahrheitsgemäß damit, eben Stress gehabt zu haben.
Dies nur als Notiz, da mir so etwas noch nie passiert ist – und man ja im Alltag meist geneigt ist, psychischen Prozessen die konkrete körperliche Relevanz abzusprechen. Ich jedenfalls will mich bemühen, dieses Erlebnis in mir zu behalten und das Schlechte, wenn ich es mit dem Bewusstsein nicht zu fassen kriege, irgendwie anders zu bannen.

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Montag, 13. November 2017
Nachwirkungen patriarchaler Leidenschaft im Feminismus der Gegenwart
Als meine Eltern sehr jung waren in den 50er Jahren, hörten sie gern die scharfe Stimme von Ernst Busch, und das waren wahrscheinlich die allerletzten Jahre, in denen man sich noch ehrlich für den Machismo der Arbeiterbewegung begeistern konnte. Als etwa der Altkommunist Theo Balden in den 1980er Jahren allen Ernstes noch ein Denkmal namens „Herz und Flamme der Revolution“ gestalten sollte, versuchte er sich mit etwas weich Wallendem aus der Affäre zu ziehen. Die alte Macho-Leidenschaft, die ging einfach nicht mehr.
Dass es aber in der Geschichte nicht immer nur vorwärts, sondern manchmal auch rückwärts geht, zeigte sich mir, als ich heute in der Schanzenstraße (neben einem sich zärtlich liebkosenden Pennerpärchen) dieses Plakat entdeckte:

Interessant fand ich, dass die Autoren die Redewendung „Feuer und Flamme sein“ benutzen, ohne zu merken, dass diese sprachlich schon so verschlissen ist, dass sie nur noch für gänzlich unglaubwürdige Werbekampagnen (Olympia in Hamburg) oder einfach nur ironisch gebraucht wird:

Auch kennen die Autoren die Redewendung selbst gar nicht mehr, sonst wüssten sie, dass man nur Feuer und Flamme für etwas sein kann, nicht dagegen.
Ein paar Straßen in der Gaußstraße weiter fand ich folgendes Bild gegen den Müllcontainer gelehnt:

Das hat ja wenigstens noch Witz, indem es ein berühmtes altes Arbeiterheldenbild mit weiblichem Personal nachstellt
- illustriert damit aber ein Kernproblem des Feminismus: Ein Feminismus, der weibliche Gleichberechtigung mit der Nachahmung männlichen Machogehabes, männlichen Gerangels um Macht und Posten verwechselt, der ist den Namen nicht wert. Die jungen Kreativen, die da in der Gaußstraße ansässig sind, haben das Bild zu Recht auf den Müll geworfen.
Täusch ich mich oder war der Feminismus damals in den 90er Jahren schonmal weiter: basisdemokratischer, freier, menschlicher?

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