Sonntag, 7. November 2021
Nichts Neues am Büchermarkt
Es ist die tote Zeit nach dem Sonntagsfrühstück. Auf dem Fernsehbildschirm sieht man eine Kaffeemaschine und wie Kaffee in so eine Gastronomietasse rinnt. Am unteren Bildrand der Buttom "lesenswert". Damit ist mein Interesse geweckt: Ich will wissen, um welches Buch es geht.

Bald ist klar: "Glitterschnitter" von Sven Regener. Ich mag Sven Regener, hab alle seine "Herr-Lehmann"-Romane gelesen. Zwei fand ich richtig gut (bezeichnenderweise die beiden, die nicht in Kreuzberg spielen: "Neue Vahr Süd" und "Magical Mystery"), die anderen mehr oder weniger amüsant. Nur in "Glitterschnitter" bin ich kürzlich nach der Hälfte steckengeblieben und hatte keine Lust mehr weiterzulesen. Es war weniger das zunehmend Konservative, das mir schon in "Wiener Straße" nicht so recht gefiel, sondern dass ich die immergleichen Witze einfach auch mal satt hatte und außer diesen Witzen fand in "Glitterschnitter" leider rein gar nichts statt.

Denis Scheck, der Moderator von "lesenswert", dagegen outete sich als begeisterter Leser. Er traf den Autor an einem Biergartentisch in Berlin. Regener nahm große Schlucke aus seinem Weißbierglas und machte auch sonst kein Hehl aus seiner Verwurzelung in den 80er Jahren. Er schnatterte munter drauflos, amüsant und eloquent, und streute ab und zu einen klugen Gedanken ein. Scheck hatte dem nichts hinzuzufügen. Er saß in dem gewohnten, für die Situation viel zu eleganten Anzug dabei und nippte an seinem Pils. Sein Resümee: Das Buch sei "ein Fest". Offenbar leicht zufriedenzustellen, der Mann.

Dann folgte ein (in den Feuilletons viel diskutiertes) Ritual: Scheck verreißt ein einst sehr beliebtes Buch plakativ und in wenigen Worten. Diesmal traf es den "Tod eines Märchenprinzen" von Svende Merian, einen wohl etwas in die Jahre gekommenen sogenannten Frauenroman, in dem sich eine Frau einfach autobiografisch ihre Geschichte von der Seele schreibt.

Das verwunderte mich, denn gleich darauf folgte ein großes Lob für einen ebensolchen, nur halt aktuellen Frauenroman, das neue Buch von Julia Franck, "Welten auseinander". Scheck traf die Autorin in einem nostalgisch eingerichteten Café, zu dem sein Anzug dann schon besser passte. Franck trug ihr Mädchengesicht (in dem ich das ihrer Großmutter wiedererkannte) und erzählte aus ihrem Leben. Ich fand daran vor allem eins interessant: wie eindringlich sie ihr Fremdheitsgefühl (als Ossi und Ökö-Tochter) darstellte, das sie bewog, sich immer anzupassen, ganz hinter dieser Anpassung zu verschwinden. Und dieses Angepasste, ganz in der Norm Verschwindende, das zeichnet ja auch ihre Bücher aus. Scheck genoss das Gespräch sichtlich, groß in den Dialog ging ist er aber auch hier nicht, er hörte einfach zu, die einzige tiefergehende Frage (warum sie denn als Ausgereiste so problemlos zwischen Ost und West hatte pendeln können in den 80er Jahren) beantwortete sie nicht, er hakte nicht nach, sondern beendete das Gespräch mit einem Blick auf die Armbanduhr und einem väterlich-jovialen "Na".

Und ich hoffe, dass ich jetzt nicht so herablassend gegenüber Scheck agiert habe wie er gegenüber Franck. Das ist nunmal sein Job, er muss sich an dem orientieren, was auf dem Buchmarkt los ist, dann soll es auch noch irgendwie interessant und unterhaltsam sein, mit genug Feier und plakativem Verriss. Das ist auch nicht einfach, da noch eine interessante Sendung hinzubekommen, wenn rein gar nichts los ist auf dem Bestsellermarkt.

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Donnerstag, 29. Juli 2021
Spielfilme gucken für die Bildung?
Ich habe endlich "Gandhi" von Richard Attenborough gesehen. War eine Idee meiner Frau: damit wir mal was zu dritt gucken können. Mein Sohn hatte nämlich ein Buch über Gandhi gelesen, das ihm sehr gefiel. Zwar liest er eigentlich nicht mehr, seit er in die Pubertät gekommen ist, aber vor 2 Jahren hat ihn mein Vater zu seinem Geburtstag in eine gut sortierte Buchhandlung geschleppt und aufgefordert, als Geschenk ein beliebiges Buch auszusuchen. Das tat er, und er las es dann auch, offenbar mit Gewinn. Anregungen nimmt er immer gern auf.

Der Gandhi-Film war dann eher mau, fanden wir alle drei. Schön anzusehen, angenehm, unterhaltsam und zumindest so fesselnd, dass die Überlänge nicht stört, aber nichts, was einen tiefer bewegt, was einem noch länger im Sinn bleibt. Mich persönlich störte vor allem die Sache mit den Moslems und der Entstehung von Pakistan, da blieben mir die Vorgänge doch viel zu sehr im Nebel.

Schade - ich hatte mir sowas wie "Schindlers Liste" erhofft. Der (also jetzt Spielbergs Film) war zwar künstlerisch viel schlechter, aber von atemberaubender historischer Präzision. Eigentlich muss man ihn als Dokumentarfilm gucken, um ihn genießen zu können.

Vielleicht sollte man Sachtexte/Sachfilme doch wieder stärker von fiktionalem Erzählen trennen. Die Illusion, man könnte sich Sachwissen gemütlich über Spielfilme/Romane erschließen, die funktioniert eben doch nicht. Ich lese gerade den neuen Gert-Loschütz-Roman "Besichtigung eines Unglücks", wieder ein sehr waches Buch, was die Beschreibung gesellschaftlicher Umstände betrifft, da kann man durchaus das eine oder andere lernen, aber das nur am Rande, das würde kein ganzes Buch rechtfertigen. Worum es im Kern geht, was einen umtreibt, noch nachdenken lässt, das ist eben etwas, das über einen Sachtext nicht erzählt werden kann. Dafür sind Spielfilme und Romane da.

Und eben das fand ich in "Gandhi" zu schwach ausgeprägt, von "Schindlers Liste" mal ganz zu schweigen.

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Mittwoch, 28. April 2021
Was soll denn das? (Shida Bazyar: Drei Kameradinnen)
Es kommt selten vor, dass ich so schnell bin und mir tatsächlich einen soeben erschienenen Roman kaufe. Aber der Zufall wollte es, dass ich vor ein paar Wochen Bazyars Debüt "Nachts ist es leise in Teheran" gelesen habe, ein wunderbares Buch, und da will man dann das nächste natürlich auch haben. In diesem wunderbaren Buch, der Geschichte einer Flüchtlingsfamilie aus dem Iran in Deutschland aus verschiedenen Perspektiven, da fand ich wiederum ein Kapitel besonders anrührend, das handelt vom Sohn Mo und seinen Erlebnissen in der deutschen Studentenwelt. Das wirkt auf den ersten Blick etwas oberflächlich mit seinem studentischen Plaudertonfall, aber man spürt doch genau die Verlorenheit des jungen Menschen, aber auch seine Wachheit, sein Gespür für das, was in dieser Studentenwelt nicht stimmt. Natürlich funktioniert das nur im Gesamtzusammenhang des Romans, weil man seinen Hintergrund kennt und weiß, warum er verloren wirkt, und auch, woher sein kritischer Geist stammt.

Ich erwähne das, weil der neue Roman in demselben Tonfall gehalten ist, von drei jungen Frauen erzählt, von ihren Gesprächen, ihren Sehnsüchten, ihren Besäufnissen, allerdings bewusst die biografischen Hintergründe der Figuren verschweigt, abgesehen von der Tatsache, dass sie nicht biodeutsch sind. Das ist schon mutig von der Autorin, die Erzählerin da so 300 Seiten lang schwadronieren zu lassen, inklusive Nörgeleien und Flunkereien, Klischees und Vorurteilen, Wut und Aggressionen. Also, ich hätte das Buch bestimmt nach der Hälfte weggelegt, hätte nicht der etwas dick aufgetragene Suspense-Effekt - mehrfach wird angedeutet, dass am Ende die Sache mit dem Brand und mit der Verhaftung aufgeklärt wird - letztendlich doch funktioniert: Ich wollte einfach wissen, wie's ausgeht, und raste weiter durchs Buch, wobei mir das, was unterwegs als Handlung passierte, immer mehr egal wurde.

Und dann, wie gesagt nach 300 Seiten, da sagt die Erzählerin plötzlich: Natürlich alles Quatsch, was ich hier erzähle, aber da seht ihr mal, wie das ist, wenn man so ständig mit Klischees und Vorurteilen bombardiert wird als Nicht-Weiße. Da hat sie sicher Recht. Ich frage mich bloß, welchen Sinn das haben soll, das 1:1 zu spiegeln und damit die Menge der Vorurteile zu verdoppeln. Und vor allem frage ich mich, was die Autorin sich davon verspricht. Denn Leser gewinnt man auf diese Weise nicht - oder schlimmer noch: Man gewinnt nur Leser, die die Wahrheit im Grunde nicht hören wollen, sondern sich lieber an Nörgeleien, Klischees und Vorurteilen ergötzen.

Vor allem aber ärgerte mich eins: In dem Buch gibt es viele kleine Episoden, gut und eindringlich erzählte Episoden, die am konkreten Beispiel erfahrbar machen, wie Diskriminierung funktioniert. Diese Episoden hätten es verdient, zum Leuchten gebracht zu werden, in einem direkten, deutlichen, ehrlichen Buch. So - verwoben in ein Netz aus Banalität und Missgunst - verlieren sie einiges an Glaubhaftigkeit. Und das ist schade.

Vielleicht bin ich auch nur für diese Sorte Humor zu ehrpusselig.

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Montag, 12. April 2021
Verriss des Verrisses
Das wird ja ein reines Nörgelblog hier, und wenn ich mal was richtig Schönes erlebt habe, dann kommt mir das erst dann zu Bewusstsein, wenn ich mich im Zusammenhang damit über etwas aufregen kann.

Und zwar über Denis Scheck mal wieder. Scheck ist wunderbar, wenn er sich im bildungsbürgerlichen Literatur-Diskurs so richtig wohlfühlen kann. Ich habe ihn vor einem Jahr live erlebt, im Gespräch mit Heinrich Steinfest, da ging es um Grunde um nichts: um Gedankenspielereien, um Verrücktheiten bei Sinneswahrnehmungen, die beiden klugen Männer warfen sich die Bälle zu - es war eine wahre Freude!

Aber schick Denis Scheck mal in ein Gebiet, in dem sich nicht auskennt - das wird nix. Als er den "Turm" des Emporkömmlings Tellkamp rezensieren sollte, der seine Wahrhaftigkeiten zwischen überangepasstem Kitsch, zwischen Über- und Untertreibungen versteckt, da hat sich der Bürger Scheck gar nicht erst auf die Suche begeben, da fand er, dass das "nach Schweiß" stinkt, und wandte sich naserümpfend ab.

Und jetzt lese ich hier, dass er dort behauptet hat, Deniz Ohde könne nicht denken, ihr fehle jede Intellektualität. Tja, was sagt man dazu? Na ja, so denken wie Denis Scheck, das kann sie wahrscheinlich nicht, sie kommt ja auch aus einem ganz anderem Milieu - aber hingucken, vorurteilsfrei und differenziert hingucken, das kann sie, im Gegensatz zu Scheck. Da kann er sich eine Scheibe abschneiden.

Na ja, vielleicht ist es nicht nur das. Vielleicht ist es auch eine bestimmte psychische Disposition. Wie anders wäre es erklärbar, dass ich, der ich keine Türkin bin und auch nicht aus der Unterschicht komme, dass ich "Streulicht", ihren Debütroman, so identifizierend lesen, ja verschlingen konnte, dass ich in jeder Zeile verstanden habe und mich verstanden fühlte, dass ich - so irrational das ist - beim Lesen eine Genugtuung empfand, dass mal eine von uns auf die Bestsellerlisten klettert? Und mich einfach nur freute, freute?

Oder ist es im Grunde viel einfacher und Deniz Ohde kann einfach nur richtig gut schreiben?

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Samstag, 20. Februar 2021
Unsensibel
Gestern bin ich kurz vor acht vom Familienabendbrotstisch aufgesprungen, um schnell den 20.15-Uhr-Film auf arte zu programmieren, den ich später noch gucken wollte.

Der Film selber war ganz gut gemacht und von Anfang an schön spannend, er fußte aber auf einer derart billigen antiislamischen Ideologie, dass ich nach einer halben Stunde genervt ausschaltete. Das war so weit okay und völlig normal - schließlich fußen die allermeisten Thriller auf irgendeiner billigen Ideologie, nur selten ist einer dabei, den ich mit Spaß zuendegucke. Und mit meinem Roman im Bett, wo auch meine Frau vor sich hin schmökerte, da wars auch ganz nett.

Nur hinterher, da fragte ich mich, ob das wirklich sein muss, an so einem Tag, an dem andere der Opfer von Hanau gedenken, da um 20.15 Uhr so einen Film zu zeigen. Man zeigt doch auch nicht "Das Leben des Bryan" am Heiligen Abend oder "Inglorious Basterds" am Tag des Holocaust-Gedenkens.

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Freitag, 15. Januar 2021
nd, der alte Nörgler ...
… wie auch sonst manchmal – wenn man mal vornehm über seine Neigung zu Pathos und Übertreibung hinwegsieht - hat er auch hier völlig Recht: Sofern Sie irgendwo in Ihrer Umgebung ein Netflix-Abo nutzen können – gucken Sie diese Serie!

(Und wenn ich mir was wünschen dürfte: dann eine deutsche Serie über kulturelle Konflikte in Deutschland, die ebenso klug, differenziert und menschlich bewegend ist wie „Bir Baskadir - Acht Menschen in Istanbul“.)

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Freitag, 18. Dezember 2020
Kritik der Kritiken
Meine Fernsehzeitschrift mochte ich schon immer, seit es sie gibt, weil sie so schöne Kurzkritiken schreibt. Besonders die Verrisse machen Spaß. Die hohe Kunst aber sind die Lobeshymnen, die aus markttechnischen Gründen als „Tipp des Tages“ verkauft werden müssen, obwohl sie von minderer Qualität sind. Wie uns da zwischen den Zeilen die Wahrheit mitgeteilt wird, das finde ich immer wieder elegant.

Hier zwei aktuelle Beispiele: „Mit aufdringlich heiterer Musik untermalt … drohen ‚Die Weihnachtstöchter‘ anfangs zielsicher ins Kitschige zu steuern. Doch dank der drei tollen Protagonistinnen … pendelt sich der Film … ein. Das Ende mag dann zwar nicht zu überraschen, doch der Weg dahin ist unterhaltsam anzusehen.“

Oder (Beispiel 2): „Herfurths … Regiedebüt ist eine … Liebesgeschichte, die … immer den richtigen Ton trifft, bevor es ein wenig kitschig wird. Die Besetzung ist perfekt …, am Drehbuch schrieb auch Til Schweigers ‚Keinohrhasen‘-Autorin Anika Decker mit. Irgendwie hätte man Karoline Herfurth zwar einen etwas persönlicheren Film für ihr Debüt hinter der Kamera gewünscht. Andererseits: Was könnte persönlicher sein als die Liebe?“

Besonders diesen Schlusssatz finde ich genial: Denn natürlich weiß sich der Kritik-Autor mit dem Leser einig, dass es in TV-Plots kaum etwas Unpersönlicheres, Klischeehafteres gibt als „die Liebe“. So wird dem Leser deutlich mitgeteilt, dass es sich bei beiden „Tipps des Tages“ um schlechte Filme handelt, es wird bei genauerem Lesen sogar deutlich, dass das erste Beispiel wahrscheinlich noch einigermaßen erträglich, das zweite aber ein völliges No-Go ist.

Und das nicht etwa, weil ich TV-Banalität grundsätzlich ablehnen würde – ganz im Gegenteil. Ich gucke ganz gern mal am Abend eine nette, belanglose Geschichte zur Unterhaltung, auch Liebe darf mit dabei sein. Solche Filme werden aber von meiner Zeitschrift wie folgt annonciert: „Voller Gefühl und erstaunlich kitscharm zeigt Austro-Argentinierin Catalina Molina, was im Leben wirklich zählt.“

P.S. Ich hab das jetzt ganz wertfrei ohne Ansehen der Person, d.h. des jeweiligen Films geschrieben. Beispiel 1 und 2 werd ich mir natürlich nicht ansehen, Nr. 3 wartet auf der Festplatte auf einen passenden, gemütlich-gelangweilten Abend.

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Samstag, 28. November 2020
Trübe Tage
(Vorsicht: Das ist nur wieder eine Sammelrezension des in den letzten Monaten konsumierten Medienwusts - scrollen Sie einfach kurz durch, ob was für Sie Interessantes dabei ist.)

Es ist grad eine stressige Zeit. Dabei sind die Einschränkungen durch die Pandemie nur nur das i-Tüpfelchen. Aber davon will ich nicht reden, verkriech mich lieber in die Medien. Dabei hab ich nicht mal ein ordentliches Buch zur Hand! Das letzte vernünftige, das ich in den Fingern hatte - „Das letzte Jahr“ von Martin Groß – das hab ich nun auch schon seit ein paar Wochen ausgelesen. Immerhin hat es mir mit seiner stillen Größe so einige trübe Herbstabende vergoldet (um mit Th. Storm zu sprechen). Ich werd es sicher nochmal zur Hand nehmen, wenn ich besser drauf bin – kluge Bücher haben ein zweites Mal verdient.

Also lese ich, was sich sonst so an Büchern angesammelt hat. Aber es ist nichts: „In Plüschgewittern“, berühmtes Buch, fand ich neulich in einem Verschenke-Karton in unserer Straße - ein grässliches Buch, ich gab nach ca. einem Drittel auf: Es erinnert mich an das furchtbare „Faserland“; auch wenn es etwas schöner geschrieben ist, so geht mir doch diese nörgelige, männlich-egozentrische Ichlosigkeit mit ihrem Hass auf alles, was schön ist, ziemlich auf die Nerven.

Na, dann eben die zwei Heinrich-Steinfest-Romane, die meine Schwester bei mir entsorgt hat: „Kannst du damit was anfangen?“ Von Steinfest hab ich ja immerhin mit großem Spaß „Der Allesforscher“ und „Das grüne Rollo“ gelesen, also warum nicht? „Die Büglerin“ griff ich mir zuerst, weil so ein gebundenes Buch mit elegantem Schutzumschlag ja zum Zugreifen verleitet. Leider ein völlig hohles Buch, wenn auch sehr geistreich und elegant geschrieben (viele schöne Bonmots und sprachliche Einfälle) und mit einer ordentlichen und abwechslungsreichen Romanhandlung versehen, sodass ich es dann doch zuende gelesen habe. Aber insgesamt hat sich für mich daraus kein Sinn erschlossen, sodass ich es am Ende mit einem ziemlich flauen Gefühl zuklappte. Und dann das überdicke Taschenbuch „Das Leben und Sterben der Flugzeuge“, das war äußerst witzig, aber sinnloser Unfug (oder wie würden Sie das nennen, wenn ein Spatz! seinen Tag mit den Worten „Die Zeit verging, der Mittag drehte sich wie eine Schraube in den Nachmittag und machte ihn fest.“ beschreibt) – darüber schmunzelt man 30 Seiten lang, danach reichts einem.

Also Fernsehen: Aber da kommt ja rein gar nichts, wenn man den Ankündigungen von TVSp**** glauben darf, die kürzlich wieder mal die Anzahl ihrer Spielfilmkritiken reduziert hat, um sich dem Schrott-Niveau ihrer FS-Zeitungs-Konkurrentinnen anzupassen – ich glaube, ich habe seit Monaten keinen Film mehr gesehen, der nicht auf arte lief.

Zum Glück sorgt die nächste Generation für Innovationen: Mein Sohn finanziert von seinem Taschengeld ein Netflix-Abo, ich dachte erst, das ist nichts für mich (aus reiner Neugier hab ich mal eine Folge von „Braking Bad“ mitgeguckt, ich fand das völlig abstrus und auch nicht witzig – als mein Sohn versuchte, mir die Sache durch eine Einführung in die größere Handlungslogik schmackhaft zu machen, glaubte ich immerhin zu verstehen, dass das wohl wie so eine Art Schachspiel funktioniert, wo ja menschliche Beziehungslogik und psychologische Wahrscheinlichkeit ebenfalls keine Rolle spielen) – jetzt hab ich zum ersten Mal seit Lars von Triers „Geistern“ (und das war damals in den 90ern!) eine ganze Serienstaffel durchgehalten und mich durchaus amüsiert: „Das letzte Wort“ von und mit Thorsten Merten (den ich seit „Stilles Land“ ja mag und gerne sehe) und Anke Engelke. Das ist wirklich lustig.

Gestern Abend hab ich dann zum Wochenende mal „Netflix Arthouse“ gegoogelt und tatsächliche einige Angebote bekommen. Ich entschied mich für "Atlantique“, einen in Cannes prämierten Film aus dem Senegal: Der war von Beginn an schön langsam und emotional intensiv, danach noch mit einer etwas seltsamen typisch westafrikanischen Geistergeschichte. Das war schonmal was.

Und heute morgen les ich auf taz.de von einer türkischen Netflix-Serie, die interessant klang: „Bir Baskadir – Acht Menschen in Istanbul“. Ich sah mir gleich die erste Folge an und war gleich zu Tränen gerührt. Das traf meinen Nerv, ich werd gleich die nächste Folge gucken. Denn die Welt da draußen, so schön sie optisch ist,

beginnt schon wieder im Dunkel zu versinken.

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Mittwoch, 6. Mai 2020
Abbas Khider
Ich habe seinen neuen Roman gelesen: „Der Palast der Miserablen“. Ich meine, der Mann kann gar keine schlechten Bücher schreiben, das ist ja unglaublich, wie farbig und eindringlich er erzählen kann. Dennoch: An die Eleganz von „Der falsche Inder“, an die Klugheit von „Brief in die Auberginenrepublik“ kommt er diesmal nicht ganz ran.

Was mich ein bisschen störte: Er lässt seine Geschichte eines Heranwachsens unter ganz normal besitzlosen Verhältnissen im Irak von einem Simpel erzählen. Dadurch sind wir als Leser dicht an den Ereignissen, erfahren hautnah, was es heißt, in einem Land aufzuwachsen, in dem den politischen Akteuren die Lebensumstände, ja selbst das reine Überleben der Bevölkerungsmehrheit völlig egal sind. Andererseits weiß dieser Ich-Erzähler ein bisschen zu gut Bescheid über alles - das ist hilfreich für uns ahnungslose Leser (Was wissen wir schon über den Irak?), macht den Text aber manchmal etwas lehrhaft und mindert seine Suggestivkraft.

Na, und die Idee, das bittere Ende gleich vorwegzunehmen, fand ich auch nicht so gut. Das war mir zu melodramatisch. Wie gefährlich das Leben für ihn und seinesgleichen ist, das wird doch schon deutlich genug – sicher ein Dutzend Mal geht es grademal noch gut, kommt er gradeso noch durch - dass es ihm dann doch einmal an den Kragen geht, das ist ja eben nicht die große Ausnahme und Katastrophe, sondern das ist, was seinesgleichen halt passieren kann, wenn es dumm läuft. Und das, diese alltägliche Gefahrensituation fand ich erschütternder als den brutalen Schluss.

Trotzdem – und dafür liebe ich Khiders Bücher – ist das alles andere als weinerliches Elendstheater: Die Figuren sind keine kurz skizzierten Beispielcharaktere, die eine soziologische Situation illustrieren – es sind Menschen mit individueller Geschichte, individuellem Charakter, individueller Entwicklung, denen Gutes und Böses widerfährt wie allen Menschen – und deren Weg deshalb auch so spannend zu beobachten ist: weil jeder individuelle Weg spannend zu beobachten ist.

Khider erzählt sprunghaft und anekdotisch, oft scheint ein Textabschnitt gar nichts mit dem vorherigen zu tun zu haben, wirkt wie eine spontan hingeworfene Idee, und doch rundet sich mit jeder Anekdote das Bild, geht die Geschichte voran, vertieft sich das Verständnis … es ist einfach ein Genuss. Lesen Sie Abbas Khider!

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Donnerstag, 12. März 2020
Kurze Notiz: „Die rechtschaffenen Mörder“
Das ist mir auch schon lange nicht mehr passiert: dass ich in einem Rutsch in zwei Ferientagen einen Roman verschlungen habe. Ich kannte Ingo Schulze (ich habe bisher einen Roman und einen Erzählungsband von ihm gelesen) bisher als sympathischen, so halb guten Autor: unprätentiös, treffend in der Beschreibung, klar in der Haltung, manchmal ein bisschen banal oder sogar ein bisschen spießig. Jetzt erscheinen überall Besprechungen zu seinem neuen Roman, die mich sehr neugierig machten – ich holte ihn mir und war begeistert.

Inhaltlich gehts um die Biographie eines Antiquars, zu DDR-Zeiten widerständig, nach der Wende erfolglos, endlich Gefallen findend an rechten Provokationen, eine schräge Heldenfigur, die (obwohl sich von Anfang an kleine Boshaftigkeiten finden) im Verlaufe des Romans immer weiter demontiert wird, und einen Kriminalfall gibts der Spannung halber auch noch.

Was alle schrieben, machte mich neugierig: die Konstruktion des Romans in drei Teilen, wobei der zweite Teil den ersten widerruft und der dritte den zweiten. Irgendein Rezensent meinte, der einzige Fehler sei, dass der zweite Teil so kurz und der dritte noch kürzer sei und vermutete, dem Autor sei „der Atem ausgegangen“. Dabei muss das doch so sein: Die auf die langwierige Eingangserzählung folgende Desillusionierung muss natürlich kürzer sein als diese selbst – wie langweilig wäre eine Entzauberung, die umständlicher daher kommt als der vorherige Zauber?! Usw.

Der Autor setzt übrigens noch eins drauf: Er legt dem Leser nahe, den Widerruf des Widerrufs, mit dem das Buch endet, seinerseits zu widerrufen. Denn die Erzählerin des dritten Teils glaubt am Ende zu wissen, wer der Mörder ist, obwohl deutliche Texthinweise noch eine ganz andere Tätergruppe infrage kommen lassen (das Buch heißt ja auch „Die rechtschaffenen Mörder“ im Plural): nicht den knorrigen Antiquar mit seiner Rechtsaußen-Rhetorik, nicht den angepassten Biedermann von Schriftsteller, sondern die Gruppe junger Rechtsradikaler, die nun wirklich ein Motiv hätte. Fast könnte man meinen, dass sich der Autor Schulze hier über die Wessis lustig macht, die in ihrem Entsetzen über die rechtsradikale Rhetorik die tatsächlichen rechtsradikalen Gewalttaten übersehen.

… aber ich schweife schon wieder ins Politische ab, dabei macht das Literarische doch viel mehr Spaß. Der ZEIT-Rezensent fand die ganze Geschichte „überdeterminiert“ und „konstruiert“. Zu Recht. Aber das fand ich gerade gut daran. Dass Ingo Schulze kein Vollblut-Erzähler ist – zu ambitioniert, zu kopflastig – hatte ich schon erwähnt. Aber diesmal treibt er die Konstruktion so weit, dass sie richtig intelligent wird: Er überdeterminiert, damit er genug Material zum Spielen hat. Und genug zum Nachdenken gibt uns das Buch wirklich.

Es erinnert mich ein bisschen an einen kleinen Vortrag, den mir mein Dr.-Vater einst im Nebenbei zu Mörike und Heine gab (um Verständnis für meine Mörike-Liebe zu zeigen und seine Liebe zu Heine zu erklären): Mörikes Gedichte, so seine Einschätzung, seien immer authentisch, ehrlich, echt empfunden und daher öfter auch sentimental oder kitschig. Denn echte Gefühle sind nicht selten sentimental oder kitschig. Heine seien die eigenen Gefühle aber nur das Material, das er in seinen durchkonstruierten Gedichten genial in Szene setze. Und daher so große Kunstwerke. Natürlich sei an den behaupteten Gefühlen nichts echt. Und dennoch liege das Echte irgendwo noch spürbar zugrunde.

Und das tut es auch bei Schulzes Roman, trotz aller Verkopftheit.

… so, und nun hoffe ich, 1 – 2 Menschen angeregt zu haben, dieses Buch zu lesen. Und wenn sie es selbst nicht lesen wollen, empfehlen Sie es bitte wenigstens weiter ...

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