Mittwoch, 6. Mai 2020
Abbas Khider
Ich habe seinen neuen Roman gelesen: „Der Palast der Miserablen“. Ich meine, der Mann kann gar keine schlechten Bücher schreiben, das ist ja unglaublich, wie farbig und eindringlich er erzählen kann. Dennoch: An die Eleganz von „Der falsche Inder“, an die Klugheit von „Brief in die Auberginenrepublik“ kommt er diesmal nicht ganz ran.

Was mich ein bisschen störte: Er lässt seine Geschichte eines Heranwachsens unter ganz normal besitzlosen Verhältnissen im Irak von einem Simpel erzählen. Dadurch sind wir als Leser dicht an den Ereignissen, erfahren hautnah, was es heißt, in einem Land aufzuwachsen, in dem den politischen Akteuren die Lebensumstände, ja selbst das reine Überleben der Bevölkerungsmehrheit völlig egal sind. Andererseits weiß dieser Ich-Erzähler ein bisschen zu gut Bescheid über alles - das ist hilfreich für uns ahnungslose Leser (Was wissen wir schon über den Irak?), macht den Text aber manchmal etwas lehrhaft und mindert seine Suggestivkraft.

Na, und die Idee, das bittere Ende gleich vorwegzunehmen, fand ich auch nicht so gut. Das war mir zu melodramatisch. Wie gefährlich das Leben für ihn und seinesgleichen ist, das wird doch schon deutlich genug – sicher ein Dutzend Mal geht es grademal noch gut, kommt er gradeso noch durch - dass es ihm dann doch einmal an den Kragen geht, das ist ja eben nicht die große Ausnahme und Katastrophe, sondern das ist, was seinesgleichen halt passieren kann, wenn es dumm läuft. Und das, diese alltägliche Gefahrensituation fand ich erschütternder als den brutalen Schluss.

Trotzdem – und dafür liebe ich Khiders Bücher – ist das alles andere als weinerliches Elendstheater: Die Figuren sind keine kurz skizzierten Beispielcharaktere, die eine soziologische Situation illustrieren – es sind Menschen mit individueller Geschichte, individuellem Charakter, individueller Entwicklung, denen Gutes und Böses widerfährt wie allen Menschen – und deren Weg deshalb auch so spannend zu beobachten ist: weil jeder individuelle Weg spannend zu beobachten ist.

Khider erzählt sprunghaft und anekdotisch, oft scheint ein Textabschnitt gar nichts mit dem vorherigen zu tun zu haben, wirkt wie eine spontan hingeworfene Idee, und doch rundet sich mit jeder Anekdote das Bild, geht die Geschichte voran, vertieft sich das Verständnis … es ist einfach ein Genuss. Lesen Sie Abbas Khider!

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Donnerstag, 12. März 2020
Kurze Notiz: „Die rechtschaffenen Mörder“
Das ist mir auch schon lange nicht mehr passiert: dass ich in einem Rutsch in zwei Ferientagen einen Roman verschlungen habe. Ich kannte Ingo Schulze (ich habe bisher einen Roman und einen Erzählungsband von ihm gelesen) bisher als sympathischen, so halb guten Autor: unprätentiös, treffend in der Beschreibung, klar in der Haltung, manchmal ein bisschen banal oder sogar ein bisschen spießig. Jetzt erscheinen überall Besprechungen zu seinem neuen Roman, die mich sehr neugierig machten – ich holte ihn mir und war begeistert.

Inhaltlich gehts um die Biographie eines Antiquars, zu DDR-Zeiten widerständig, nach der Wende erfolglos, endlich Gefallen findend an rechten Provokationen, eine schräge Heldenfigur, die (obwohl sich von Anfang an kleine Boshaftigkeiten finden) im Verlaufe des Romans immer weiter demontiert wird, und einen Kriminalfall gibts der Spannung halber auch noch.

Was alle schrieben, machte mich neugierig: die Konstruktion des Romans in drei Teilen, wobei der zweite Teil den ersten widerruft und der dritte den zweiten. Irgendein Rezensent meinte, der einzige Fehler sei, dass der zweite Teil so kurz und der dritte noch kürzer sei und vermutete, dem Autor sei „der Atem ausgegangen“. Dabei muss das doch so sein: Die auf die langwierige Eingangserzählung folgende Desillusionierung muss natürlich kürzer sein als diese selbst – wie langweilig wäre eine Entzauberung, die umständlicher daher kommt als der vorherige Zauber?! Usw.

Der Autor setzt übrigens noch eins drauf: Er legt dem Leser nahe, den Widerruf des Widerrufs, mit dem das Buch endet, seinerseits zu widerrufen. Denn die Erzählerin des dritten Teils glaubt am Ende zu wissen, wer der Mörder ist, obwohl deutliche Texthinweise noch eine ganz andere Tätergruppe infrage kommen lassen (das Buch heißt ja auch „Die rechtschaffenen Mörder“ im Plural): nicht den knorrigen Antiquar mit seiner Rechtsaußen-Rhetorik, nicht den angepassten Biedermann von Schriftsteller, sondern die Gruppe junger Rechtsradikaler, die nun wirklich ein Motiv hätte. Fast könnte man meinen, dass sich der Autor Schulze hier über die Wessis lustig macht, die in ihrem Entsetzen über die rechtsradikale Rhetorik die tatsächlichen rechtsradikalen Gewalttaten übersehen.

… aber ich schweife schon wieder ins Politische ab, dabei macht das Literarische doch viel mehr Spaß. Der ZEIT-Rezensent fand die ganze Geschichte „überdeterminiert“ und „konstruiert“. Zu Recht. Aber das fand ich gerade gut daran. Dass Ingo Schulze kein Vollblut-Erzähler ist – zu ambitioniert, zu kopflastig – hatte ich schon erwähnt. Aber diesmal treibt er die Konstruktion so weit, dass sie richtig intelligent wird: Er überdeterminiert, damit er genug Material zum Spielen hat. Und genug zum Nachdenken gibt uns das Buch wirklich.

Es erinnert mich ein bisschen an einen kleinen Vortrag, den mir mein Dr.-Vater einst im Nebenbei zu Mörike und Heine gab (um Verständnis für meine Mörike-Liebe zu zeigen und seine Liebe zu Heine zu erklären): Mörikes Gedichte, so seine Einschätzung, seien immer authentisch, ehrlich, echt empfunden und daher öfter auch sentimental oder kitschig. Denn echte Gefühle sind nicht selten sentimental oder kitschig. Heine seien die eigenen Gefühle aber nur das Material, das er in seinen durchkonstruierten Gedichten genial in Szene setze. Und daher so große Kunstwerke. Natürlich sei an den behaupteten Gefühlen nichts echt. Und dennoch liege das Echte irgendwo noch spürbar zugrunde.

Und das tut es auch bei Schulzes Roman, trotz aller Verkopftheit.

… so, und nun hoffe ich, 1 – 2 Menschen angeregt zu haben, dieses Buch zu lesen. Und wenn sie es selbst nicht lesen wollen, empfehlen Sie es bitte wenigstens weiter ...

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Mittwoch, 19. Februar 2020
„Gundermann“ - nun endlich die eigentliche Filmkritik
Da mag ich als Ostdeutscher voreingenommen sein, aber ich fand schon, dass „Gundermann“ große Kunst ist – im Gegensatz zum „Leben der Anderen“.

Der Film ist ja ein Biopic – es geht um das Leben des ostdeutschen Liedermachers Gerhard Gundermann. Und da, wie in solchen Filmen üblich, ein Star gefeiert werden soll, fragte ich mich schon, wie Dresen die Stasi-Spitzelei da einbauen will – und war dann beeindruckt von dem Mut, mit dem er das Problem angeht: Es stellt es in dem Mittelpunkt des Films und erzählt dann, ausgehend von der Stasi-Sache, überhaupt vom Leben dieses Mannes, auch von seinen liebenswerten Seiten, und zwar in stetem Wechsel zwischen 70er- und 90er-Jahre-Szenen, also zwischen während und danach. So entsteht ein rundes, differenziertes, ausgesprochen authentisches Bild.

Entsprechend setzt die Handlung damit ein, wie Gundermann in den 90ern einen Freund besucht, um ihm zu beichten, dass er ihn bespitzelt hat. Er verhält sich dabei linkisch, hilflos und ein bisschen bockig, eine Entschuldigung kriegt er nicht raus, angeblich weil er sich an nichts Konkretes erinnern könne (als ob es irgendeine Rolle spielte, was er nun genau gemeldet hat). Auf der Rückfahrt mit dem Auto hält er an, um einen sterbenden Igel von der Straße zu retten, er verwahrt ihn vorläufig in einem Brotkorb, den er im Kofferraum liegen hat. Zu Hause stellt er den Korb mit dem Verblutenden auf den Küchentisch und fängt an, die Küche zu verwüsten, auf der Suche nach der Obstschale, die ihm einst die Stasi als Dank geschenkt hat – er hofft, sie könne seiner Erinnerung auf die Sprünge helfen. So findet ihn seine Frau: im Chaos zwischen Schüsseln und Töpfen, und dazwischen eine blutige Igelleiche.

Das ist ein genialer Einstieg: Er illustriert auf drastische Weise das Gefühlschaos der Leute, die ihr Herz in der DDR an die halbtote Idee des Realsozialismus gehängt hatten (wobei die Vorsilbe „real-“ schon das Sterbende, Verblutende andeutet) und bis zum Schluss nicht von ihr lassen wollten. Und in der verzweifelten Suche Gundermanns nach den Inhalten seiner Spitzelberichte zeigt sich die Unmöglichkeit, das Problem rational-dialektisch-argumentativ wegzudiskutieren: Er hat seine Freunde verraten – wie weit und womit konkret, ist angesichts dieser Tatsache eher nebensächlich. Gundermann fasst das später im Film in den in seiner entwaffnenden Ehrlichkeit wunderbaren Satz: „Ich glaub mir mein Leben nicht.“

Wer ihm sein Leben glaubt, das sind Stieler und Dresen, die im Nachhinein gelassener und genauer hinschauen können. Sie zeigen in wenigen prägnanten Szenen sein Vater-Problem, in dem das Motiv des Verrats schon angelegt ist – die Stasi findet später das im ganz Kleinen schon vorhandene Böse in Gundermann und bringt es zum Blühen (so wie gute gesellschaftliche Verhältnisse dasselbe Böse verkümmern und sterben lassen könnten). Sie zeigen, mit welcher idiotischen Verbissenheit Gundermann sein Herz an die realsozialistischen Mythen hängt, die die Machthaber selbst nicht mehr ernst nehmen: Er verpflichtet sich freiwillig zur Armee (sogar, wie ich bei wikipedia nachlas, als Politoffizier, also dem anrüchigsten Teil dieser anrüchigen NVA), wird aber aufgrund seines Querulantentums bald wieder hinausgeworfen; er klammert sich an seinen Job als Baggerfahrer (auch so ein DDR-Mythos: die Braunkohle wird uns retten und Baggerfahrer sind noch echte Kerle), obwohl er schon als Liedermacher erfolgreich und von der DDR-Obrigkeit akzeptiert ist. Und beim Besuch der Obrigkeit vor Ort beginnt er mit dem Parteifunktionär zu diskutieren, was natürlich in Pöbeleien endet, denn mit autoritären Herrschern lässt sich nicht diskutieren (was alle außer Gundermann schon begriffen haben).

Und sie zeigen, wie organisch die Stasi diesem DDR-Leben eingeschrieben ist: eine großartige Szene, wie Gundermann da allein auf seiner Gitarre spielt und dann kommt die Stimme des Stasi-Offiziers aus dem Off, aus dem Dunkel und bewegt ihn ihn zur Zusammenarbeit, noch lange bevor er später die offizielle Verpflichtungserklärung unterschreibt - Gundermanns Band bekommt die West-Auftrittsgenehmigung, im Gegenzug soll er einen Schleuser zwecks Festnahme in die DDR locken. Dass er dabei mitmacht (auch wenn er den Lock-Versuch aufgrund seiner Naivität verpatzt), gilt dann als Probe für die spätere feste Zusammenarbeit.

Gezeigt wird auch die Enge der DDR: Gundermann kommt endlich mit dem Schwarm seiner Jugend zusammen – deren Ehe zerbricht, und dann tauschen die beiden Männer einfach die Wohnungen! Gundermann zieht ins Reihenhaus, der frisch geschiedene Ehemann in Gundermanns Ein-Zimmer-Wohnung im Plattenbau. Beim wechselseitigen Umzug begegnen sich die beiden auf der Straße und wechseln gequält ein paar Worte. Das konnt ich beim Zugucken kaum aushalten, diese Enge. Aber so war es wohl.

Sie sehen also: Dresen spart mal wieder nicht mit schmerzhaft hässlichen Szenen, wenn sie nur wahrhaftig sind. Unecht wird es nur dort, wo es „schön“ wird: in der erwähnten kitschigen Schlusszene zum Beispiel. Oder wenn Dresen versucht, Gundermanns Zerrissenheit etwas Schönheit abzugewinnen, indem er ihm eine angepasste Ossi als kitschiges Negativbild gegenüberstellt: Eine Journalistin befragt ihn empört zu der Stasi-Sache, er kontert: „Du hast doch damals auch alles mitgemacht.“ - „Ja, aber ich schäm mich dafür.“ Diese Journalistin trägt übrigens Minirock und fährt ein rotes Kabrio. Lust, Leidenschaft oder öffentlich sichtbare Gefühle (wie Scham), na, die sind eben grundsätzlich negativ für Dresen - Sprödig-, Bockig-, Ehrlichkeit dagegen positiv. Wenn man diese fragwürdige Dresen-Grundkonstante hinnehmen kann, dann kann man auch das Positive an „Gundermann“ genießen: den differenzierten, authentischen, ehrlichen Blick auf ein untergegangenes Land, das alles andere als ehrlich war.

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„Gundermann“: Wie so oft bei Dresen - …
… ein großartiger Film mit fragwürdiger Aussage. Das ging mir schon so bei „Stilles Land“ (auch hier schon war übrigens Laila Stieler seine Drehbuchautorin), dass ich irritiert war, wie man eine so lächerliche Ossifigur in all ihrer Unbedarft- und Angepasstheit, in ihrer Feigheit als positiven Helden in den Mittelpunkt stellen kann (zumal ich mich in dieser Figur ziemlich wiederfand und alles, was ich an mir selber nicht mag, getreulich abgezeichnet). Noch viel mehr in seinem noch besseren Film „Halbe Treppe“, diesem flammenden Plädoyer gegen die Liebe und für das brav solidarische Aushalten im schmuddeligen Unterschichtenmilieu. Oder gar in „Die Polizistin“, der eine besonders unangenehme Art Ossi portraitiert – cool und ruppig und gleichzeitig labil-untertänig – und als Heldin feiert, ohne auch nur irgendetwas an ihr zu beschönigen.

„Gundermann“ also, ein Gegenfilm zum „Leben der Anderen“, wie Stieler und Dresen in Interviews betonten. In der Tat: „Das Leben der Anderen“ fragt nach den inneren Nöten des kleinen Stasi-Spitzels – und erzählt diese Geschichte in Form eines kitschigen Hollywood-Melodrams. „Natürlich ist das alles ganz falsch dargestellt“, meinte damals ein Freund, „aber ich find das gut: So verstehen es die Wessis wenigstens.“ Dresen stellt dieselbe Problematik ossi-kompatibel dar: In der Abschlusszene lässt er Gundermanns öffentliches Stasi-Geständnis nahtlos in eine Feier des Ossi-Wir-Gefühls münden. Das ist schon dreist: Die Mehrheit der Ostdeutschen hat nicht für den Geheimdienst gepitzelt, und selbst viele derjenigen, die dazu erpresst wurden, haben das als persönliche Schande, nicht wie Gundermann als Dienst an der guten Sache erlebt. Die Szene erweist die ganze Verlogenheit dieser Idee einer „ostdeutschen Identität“ (und es geschieht den Ex-Bonzen ganz recht, dass diese Lüge, die sie da erfunden haben, nun von den rechten Bonzen gekapert und in deren Sinne umgedreht wird).

Fortsetzung folgt …

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Sonntag, 12. Januar 2020
Glücklich mit Büchern


Das Schöne am Januar ist, dass nach der Geschenkorgie des Jahresendes (Geburtstag und Weihnachten) der Nachttisch wieder voller Bücher ist.

Angefangen hab ich mit „Flutgebiet“ von Malte Borsdorf – mein Vater hatte Lobendes darüber in der FAZ gelesen und inhaltlich geht es um die Hamburger Flut von 1962. Wahrscheinlich ist ihm nicht aufgefallen, dass das überschwängliche FAZ-Lob von einem DDR-Journalisten kommt, der es irgendwie in die FAZ geschafft hat. Denn das Buch ist genau so, wie es Ostalgie-Ossis (und offenbar nicht nur die) lieben: historisch korrekt und aufschlussreich, aber inhaltlich voller Platitüden, sprachlich ebenfalls korrekt, brav, kitschig bis zur völligen Langeweile. Erinnerte mich an die derzeit üblichen, kaum erträglichen historischen Fernsehfilme und Serien von „Weißensee“ bis „Charité“. Ich legte das Buch beiseite und werd es (da es mich inhaltlich interessiert) fertiglesen, wenn gar nichts mehr anderes zum Lesen auf dem Nachttisch liegt.

Sicher erfährt man bei Borsdorf einiges Interessante über das Leben in den 50er/60er Jahren im Hamburger Raum – aber wie viel farbiger, witziger, detailreicher und reflektierter liest sich das, wenn Frank Schulz von den Jugendjahren seines Vaters berichtet! Nachzulesen in einem Erzählungsband mit dem wunderschönen Titel „Anmut und Feigheit“. Hat mir meine Frau geschenkt, mit den Worten: „Das versteh ich nicht: Du liebst Frank Schulz und dann kennst du seine neueren Bücher nicht!“ Recht hat sie. Neben mäßig guten Texten gibt es in dem Band Perlen der Komik, etwa wenn eine „Schnurre“ so beginnt: „Als Busenfreundin kriegt frau ja so einiges zu hören. Die dollsten Dinger aber die Busenfreundin von Eva Schoff, heute bekanntlich erfolgreiche Filmproduzentin, einst jedoch berüchtigte Bacchantin, Hasardeurin und Femme fatale aus dem Schanzenviertel. Sie haben Sie mal kennengelernt? Wundert mich nicht. “ Da könnte ich mich schon kringeln vor Vergnügen. Und es wird noch komischer – und nirgends platt. Köstlich!

Von der Buchhändler-Schwägerin hab ich „Brüder“ von Jackie Thomae gekriegt, denn die kennt die Schnittmenge von Buchpreistiteln mit meinem Geschmack: Es geht um DDR und um Schwarze, nämlich zwei Brüder von DDR-Müttern mit einem schwarzen Vater. Die NZZ verriss das Buch wegen seiner Trivialitäten - ein typischer NZZ-Denkfehler: sachlich korrekt, aber ohne Gespür für die Zwischentöne, auf die es im Leben ankommt. Der Roman (ich hab ihn jetzt halb durch) ist auf amerikanische Weise rasant geschrieben, was natürlich nicht ohne Trivialitäten in der Handlungsführung abgeht. Großartig aber ist, wie treffsicher in kleinen Bemerkungen da Zeitkolorit skizziert wird. Im Klappentext steht, die Autorin hat vorher Sachbücher verfasst. Und fast les ich das auch wie ein Sachbuch: Man erfährt, wie es gewesen ist, wie im Sachbuch, nur mehr auf den Punkt (zumindest erkenne ich die Bereiche, die mir vertraut sind, und nehme an, dass mir Fremdes ebenso korrekt und detailgenau geschildert ist). Allein schon die Charakterisierung der beiden DDR-Mütter! Selten habe ich eine so exakte Darstellung typischer DDR-Charaktere gelesen, die überhaupt nichts Pauschalisierendes oder gar Diffamierendes hat. Oder dieser Satz über ein paar Typen, die Ende der 90er Jahre, eine halblegale Party-Gründung legalisieren müssen: „Fabian hatte seine Flipcharts herangezogen, die er neuerdings für Meetings verwendete. […] Flipcharts hatten eine Ausstrahlung von heißer Luft, andererseits schien heiße Luft im Moment einen beträchtlichen Marktwert zu haben.“ Kann man es besser sagen?

Aprpos Fachbücher: Von meinem politischen Bruder hab ich mir „Die geführte Familie“ von Paul Ginsborg gewünscht (ein Tipp aus Philipp Thers hervorragendem Buch „Das andere Ende der Geschichte“, da ich im Herbst las), eine Darstellung der Familienverhältnisse unter europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts: Spanien, Italien, Türkei, Deutschland, Sowjetunion. Da hab ich bisher nur ein bisschen Sowjetunion gelesen, dann hat es mir meine Frau weggeschnappt, die jetzt schon einige Stunden drin schmökert. Ich hab auf den wenigen Seiten bisher schon manches entdeckt: die Biographie von Alexandra Kollontai z. B. und ihr phänomenal modernes Familiengesetz aus der russischen Revolutionszeit. Oder Aspekte des russischen Bauernlebens im 19. Jahrhundert, die ich sofort wiedererkannte, da sie sich offenbar über die Kolchosen bis hin zu den LPGs vererbt haben … ach, man müsste reich oder krank oder arbeitslos sein und die Zeit haben, einfach ein paar Wochen lang nur zu lesen …

(Und, lieber schizophrenist, nehmen Sie mir den letzten Satz nicht übel, ich hab sie wohl kürzlich gelesen, die Kehrseite dieses Zeithabens, sie ist mir durchaus bekannt.)

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Sonntag, 5. Mai 2019
Beim Lesen alter Liebesliteratur
Ich lese gerade aus der Grabbelkiste erworben eine vor einigen Jahrzehnten erschienene Anthologie mit Liebesgeschichten und -gedichten("Wiedersehen mit der Liebe", Kreuz-Verlag 1991). Schon interessant, sich mal was ein bisschen Veraltetes anzugucken . Da gibt es eine Erzählung von Hermann Kesten, „Gabriel und Giulia“. Es geht um zwei ihren jeweiligen Partnern untreue Eheleute, die sich aus einem irgendwie noch komplexerem System gegenseitigen Betrugs entwinden und aus diesem Verrat ein Begehren füreinander generieren. Aber natürlich, nach der Liebesnacht verrät der Mann auch seine neue Liebe, indem er sie wiederum verlässt.

Wie lächerlich, dieses Sich-Berauschen am Verrat, das so typisch ist für das 20. Jahrhundert! Natürlich gibt es Verrat, und der ist schmerzhaft für den Verratenen. Aber das geht vorüber. Auf der anderen Seite gibt es dann auch Treue. Die ist schmerzhaft für den Treuen, wenn er der Versuchung widersteht. Und das geht ebenso schnell vorüber. Es gibt wirklich Wichtigeres, Interessanteres, Erregenderes.

Aber seien wir nicht zu überheblich! Eine andere Lächerlichkeit dieses 20. Jahrhunderts, jedenfalls seiner 2. Hälfte, nämlich die Manie, alles und jedes in ökonomische Beziehungen umzurechnen („Die auf Widerruf gestundete Zeit“ usw.), die treiben wir im Moment ja gerade auf die Spitze. Was werden künftige Generationen den Kopf schütteln über unsere Blödheit!

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Donnerstag, 3. Januar 2019
Glückliche Leseabende in Sicht
Zum Fest bin ich reich mit Lesematerial beschenkt worden, teils hatte ich mir die Sachen gewünscht, teilweise kamen sie unerwartet. Ich freu mich auf alles - wären Sie nicht auch glücklich bei dieser Zusammenstellung?

* Inger-Maria Mahlke: Archipel
* Marina Leky: Was man von hier aus sehen kann
* Harald Meller/ Uli Michel: Die Himmelsscheibe von Nebra
* Ulli Lust/ Marcel Beyer: Flughunde, graphic novel
* Stephen King: Der Outsider
* Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste
* Susanne Röckel: Der Vogelgott
* J. D. Vance: Die Hillbilly-Elegie

Ganz unüblich für mich sind diesmal auch zwei amerikanische Titel dabei, und da ich ja neulich auch "Unschuld" von Jonathan Franzen am Wickel hatte, möchte ich demnächst hier eine USA-Sammelrezension einfügen, wenn ich erst alles gelesen habe.

Nur so viel vorweg: Ich stieß gerade bei Stephan King auf eine Szene, die ich kurz zuvor genau so bei Mariana Leky gelesen hatte: Der Arzt muss den Angehörigen auf dem Krankenhausflur erlären, dass der Patient verstorben ist (wahrscheinlich eine Standard-Szene in Romanen). Also, das war bei Leky um Meilen besser geschildert: zurückhaltend, originell, fast elegant, während King unbeholfen und grob geschnitzt daherkam. Was natürlich nur einen Aspekt betrifft: das Stilistische. Was der jungen Deutschen (jedenfalls im Vergleich mit dem alten Hasen aus USA) an Spannung, an politischem Interesse, ja Durchblick, fehlt, das macht sie locker mit sprachlichem Können wett. Und ich mag beides.

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Sonntag, 2. September 2018
Longlist vom Buchpreis 2018 – mein subjektiver Eindruck
In manchen Momenten ist es wirklich schön, in der Großstadt zu wohnen: Das war vor ein paar Tagen ein Leseabend mit fast allen der Nominierten für den Buchpreis. Ich konnte da einfach hinradeln und mir das angucken. Ich stelle meine Eindrücke hier ins Netz – vielleicht ist ja das eine oder andere für Sie interessant.
Insgesamt war das ein bisschen wie ein Sportereignis – in einer großen Halle, die etwas von einer Sporthalle hatte, und zeitlich straff durchorganisiert: immer 5 min Interview und 10 min Lesen und schwupps der Nächste.
Zuerst kam Franziska Hauser auf die Bühne. Sie las aus „Die Gewitterschwimmerin“ – das war nett, anekdotisch, belanglos. Die Autorin erzählte im einleitenden Interview von den Schwierigkeiten und Wirkungen, ein Buch über die eigene Familie zu schreiben, schreibend herauszufinden, warum ihre Mutter „ein Biest“ gewesen sei und welche Bedeutung ihr Großvater, ein ostdeutscher Prominenter und Kulturfunktionär, für seine Frau und für die ganze Familie gehabt hatte. Ich konnte mir gut vorstellen, wie so ein Text in einer Familie funktioniert als Katalysator. Als Außenstehender fand ichs aber langweilig. Zumal wir Geschichten aus dem ostdeutschen Funktionärsmilieu nun wirklich schon genug, eigentlich zu viele gehört haben.
Gleich danach wieder ein Buch über eine Mutter, nun aber westdeutsch-individualistisch, von Susanne Fritz („Wie kam der Krieg ins Kind?“), die dem Schicksal ihrer Mutter in einem polnischen GPU-Lager der Nachkriegszeit nachforschte. Statt Plauderei gabs hier Psychologie, die volle Dosis: Eindrucksvoll, stimmig wirkte das auf mich, leider auch ein bisschen weinerlich.
Auch Adolf Muschgs Lesung aus „Heimkehr nach Hiroshima“ begeisterte mich nicht, umso mehr dagegen der Autor selbst, der im Interview in wenigen Worten Kluges vermitteln konnte über das Verhältnis von Natur und Mensch: wo z.B. bei Adalbert Stifters meisterhafter Naturidylle der Knackpunkt ist, nämlich beim eigenen körperlichen Ich des Autors, das in den Beschreibungen so auffällig fehlt („und diesen Körper hat er dann ja auch umgebracht“), oder warum er pessimistisch ist betreffs der zukünftigen Entwicklung der Menschheit: weil der Mensch Dinge zu tun in der Lage ist, deren Folgen außerhalb seiner Wahrnehmungsfähigkeit liegen. Ob Muschgs Buch gut ist, weiß ich nicht, klug ist es sicher.
Ganz anders „Lebt wohl, ihr Genossen und Geliebten!“, bereits das zweite Buch der rumänischen Funktionärstochter Carmen-Francesca Banciu über ihren Vater: ein balkanesisch sprudelndes Dokument der Vaterfixierung. Sicher witzig. Aber brauchen tut das keiner.
Da gefiel mir der Text der Schweizerin Gianna Molinari „Hier ist noch alles möglich“ besser: eine mysteriöse, offenbar hochsymbolische Geschichte über eine Nachtwächterin in einer fast verlassenen Fabrik, über das Gelände streift laut Überwachungskamera ein Wolf. Der gelesene Ausschnitt war trocken, distanziert erzählt, mit viel Konjunktiv I, und dennoch interessant. Könnte was sein.
Eckhart Nickel dagegen ist sicher nichts: ein promovierter Kunsthistoriker mit nach hinten gegelten Haaren, der Thomas Bernhard verehrt und schon mit Christian Kracht in Nepal der Atmosphäre des Ortes nachgespürt hat. Auch in seinem Textausschnitt gab er den Décadent: Der männliche Protagonist hieß Bergheim, die weibliche Charlotte, also mit Vornamen, und Bergheim war natürlich narzisstisch und paranoid, vielleicht stand er auch unter Drogen.
Christina Viragh war die nächste, von ihr hatte ich schon im Internet gehört und eine Leseprobe probiert: „Eine dieser Nächte“ erzählt eine Nacht im Flugzeug, in der ein penetranter Ami die anderen zum Reden bringt und selbst ungeahnte innere Katastrophen offenbart. Das war ganz korrekt erzählt, mir sagte das nichts.
Dann wieder ein Ostdeutscher, ausgebildet am Leipziger Literaturinstitut: Matthias Senkel, „Dunkle Zahlen“, es geht um eine „Spartakiade“ realsozialistischer Informatiker 1985 in Moskau. Von der in den Feuilletons gerühmten und teils auch bekrittelten überbordenden Wildheit des Textes war an dem Abend nichts zu spüren: Ich fand den Ausschnitt sehr schön erzählt, nur thematisch interessierte mich das gar nicht.
Das mag persönliche Gründe haben (meine Abneigung gegen Osteliten), und persönliche Gründe hatte es auch, dass das nächste Buch mich begeisterte. Im Interview war mir Gert Loschütz erstmal noch nicht so sympathisch – er wirkte ein bisschen wie Erich Loest oder Henry Hübchen: ein älterer Ossi, der seine Intellektualität mit burschikoser, gespielt prolliger Attitüde überspielt. Sein Text aber war großartig: konventionell erzählt, aber sensibel, eindringlich, ernsthaft – und bar jeder Attitüde. Inhaltlich geht es um die Geschichte einer Flucht von Ost- nach Westdeutschland, auch das für mich interessant.
Auch Susanne Röckel gefiel mir. Sie erzählte im Interview von ihrem Erstberuf als Übersetzerin (Frage: „Muss der Übersetzer nicht mit der Übersetzung immer auch ein neues Kunstwerk schaffen?“ – „Ja, wenns schlecht ist, ganz besonders.“). So war auch der Text aus „Der Vogelgott“, den sie las: fein boshaft, satirisch ohne jede Grobheit. Sehr schön.
Maria Cecilia Barbetta las dann aus „Nachtleuchten“, eine ebenfalls satirische Geschichte aus dem Argentinien des Jahres 1974. Gefiel mir nicht so, da ich mit der blumigen lateinamerikanischen Art nicht so klarkomme (Barbetta begeisterte sich an der Gruseligkeit des Umstands, dass sie zur Lesung zu spät gekommen war, da ihr Zug in eine Schafherde gerast war in der Lüneburger Heide: „Ich bin abergläubisch.“), vor allem aber, denke ich, kann ich als in der Materie völlig Unwissender den vermutlichen Anspielungsreichtum des Textes nicht genießen. Ist was für Experten.
Auch Josef Oberhollenzer war mir fremd, ein Südtiroler Spät-68er: Warum er seine Bücher in Kleinschreibung verfasse? Er tippe auf einer alten Olivetti, bei der die Taste für Großbuchstaben unnötig viel Kraft verbrauche. Mir erschien er wie ein trotzköpfiger Chaot, der sein Chaos schlitzohrig als Kunst tarnt. Sein Buch „Sülzrather“ handelte von einem Querschnittsgelähmten, der Schuhfetischist ist, der gelesene Ausschnitt befasste sich mit Schuhsorten und bestand zum großen Teil aus von Sülzrather vergebenen Schuhsortennamen. Zerhackt wurde der Text von Fußnoten, die der Autor grundsätzlich mitlas, um anschließend den zerhackten Satz nochmal ohne Fußnote zu wiederholen. So ein Spiel mit Fußnoten kann witzig sein (ich erinnere mich an Polityckis „Weiberroman“, in dem das zum Kranklachen war), hier diente es offenbar der Herstellung von Chaos.
Daher war es von den Organisatoren ganz clever ausgedacht, nun Inger-Maria Mahlke folgen zu lassen, Juristin, Hochschulassistentin der Kriminologie, nun im wahrsten Wortsinn professionelle Schriftstellerin (die Liste der von ihr besuchten Seminare und errungenen Preise liest sich wie die Veröffentlichungsliste auf einer Uni-Webseite). Eine hohe, schlanke, schöne – nein, eher attraktive Frau, die Perfektion ausstrahlte und einen ebensolchen Text vorlas. „Archipel“ (es geht darin um Teneriffa und dessen Geschichte) ist sicher ein gutes Buch, sicherlich besser als ihr etwas unterkühlter Auftritt.
Zu Arno Geiger interessant fand ich, wie er davon erzählte, wie er schon einmal den Buchpreis bekommen hatte: „Ich weiß nicht warum, das Buch, das ich vorher geschrieben hatte, >Schöne Freunde<, fand ich eigentlich genau so gut, und das hat niemand beachtet ... Der Preis hat mein Leben verändert. Ich kann das eigentlich nur jedem empfehlen.“ Sein aktuelles Buch heißt „Unter der Drachenwand“, eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg. Was er las, fand ich gut und genau erzählt, der Funken des Interesses sprang dennoch nicht über.
Und zum Schluss Helene Hegemann, die Berühmte. Ich hab ihre Biografie nochmal bei Wikipedia nachgelesen hinterher – das grenzt ja an Kindesmissbrauch, was der Vater mit ihr gemacht hat. Und das erklärt auch manches: Sie wirkte auf der Bühne wie 16 (deshalb hab ich nachgelesen: wie alt sie nun wirklich ist), und was sie vorlas, wirkte auch so: authentisch, pubertär, ein bisschen simpel. „Vielleicht muss sie was nachholen.“ meinte meine Frau, als ich ihr davon erzählte. Na, und das wollen wir ihr mal gönnen.
So, Ende der Geschichte. Schreiben Sie mir doch, wenn Sie eins der Bücher besser kennen als ich durch diese winzigen Ausschnitte!

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Sonntag, 13. Mai 2018
Ein Tag in den Vatikanischen Museen II – Bei der Heiligen Patchwork-Familie
Viele dieser Erzählungen hatten natürlich die Heilige Familie zum Thema: eine junge Frau, schwanger, der Vater des Kindes ist abwesend, irgendwo in höheren Sphären; Joseph, der das akzeptiert und mit dieser Frau und dem fremden Kind eine Familie bildet; das Kind, das später seinen Vater suchen wird und auf diesem vergeblichen Weg zu ihm wie nebenher seine Leistungen vollbringt.
Vor einem Bild blieb ich länger stehen, einer Verkündigungsszene (Sie wissen schon: wo der Engel Maria sagt, dass sie schwanger ist): Maria ist da alles andere als die liebliche, reine Jungfrau. Natürlich ist sie jung, hat ein feines Gesicht, ist aber eher altklug-skeptisch als lieblich, halt die Sorte Mädchen, die sich aus dem üblichen derben Geschlechtergetümmel der jungen Leute raushält und sich auf einmal als Geliebte eines älteren Mannes wiederfindet.
Da kann man auch mal schwanger werden. Und dann verschwindet der Mann in den Wolken, von wo er die Szene beobachtet, und schickt nur einen Boten – auch der sehr gut dargestellt: ein frömmelnder Untertan.
Sie sehen schon: Dieser Vater ist jetzt in moralischer Hinsicht nicht gerade anbetungswürdig. Das verlangt auch niemand. Er ist halt Gott.
Und der Junge, der vaterlos aufwächst, aber die Gene des Gottes in sich hat, der muss ja auch irgendwie anders sein als die anderen Menschen.
Und jetzt ist es doch verrückt, dass gerade dieser Sohn Jesus aufgrund seiner halben Göttlichkeit auf eine Art moralisch gut sein kann, weil ihm die sündige, vitale, machthungrige Seite der Renaissance-Menschen fehlt, die wir Menschen alle haben, haben müssen, die offenbar auch Gottvater hat. Jesus nachzufolgen hieße dann nicht, dass man versucht zu sein wie er (das ginge nur unter Verleugnung der eigenen Natur), sondern sein Sein als Vorbild anzunehmen, gütig zu sein, auch wenn es die göttliche Ordnung nicht ist.
Mein Fazit: Es ist gut, sich mal wieder Kunst anzusehen, auch viel Kunst – man findet dann schon das Richtige und die Anregung, das zu denken, was man eh schon immer denken wollte und im Alltag nicht dazu kam.

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Ein Tag in den Vatikanischen Museen I - Sammelrezension
Wir haben sie besucht, und es war zu voll. Das war mein erster Eindruck: zu viele Menschen, zu viel Kunst. Erst nach einiger Zeit gelang es mir, mich zu orientieren und genauer hinzugucken: Es gab vor allem zu viel antike Plastik, immer die gleichen harmonischen Posen, immer die gleichen fein gearbeiteten Marmoroberflächen, einfach langweilig. Während mich die Architektur der alten Römer draußen schon beeindruckt hatte – die technischen und organisatorischen Leistungen, die Vernunft, die Harmonie der Bauformen – ließen mich ihre Statuen kalt. An einer Stelle wurde es geradezu lächerlich, da hatten die kunstsinnigen Päpste oder wer auch immer eine ewig lange Galerie mit Regalreihen voller Altmännerköpfe befüllt.
Dass mich zum ersten Mal etwas berührte in diesem Museum, das war an einer einer Stelle, an der es ich nun zu allerletzt vermutet hätte: bei den etruskischen Vasen. Auch hier auf den ersten Blick nur: Räume über Räume voller Töpfe. Auf diesen Töpfen aber fanden sich zarte, oft witzige und teils sogar richtig elegante Ritzzeichnungen, lebendiges Leben.
Wir haben uns natürlich auch die Sixtinische Kapelle angeguckt, die berühmte renaissancene Wiedergeburt der Antike. Auf Abbildungen hatte ich den Szenen immer wenig abgewinnen können, das war mir zu kraftmeierisch. Kraftmeierisch sind die Fresken auch im Original, aber das ist ja auch keine Kapelle, sondern ein riesiger Saal – unten treiben grobe italienische Aufseher Aberhunderte von Touristen durch den Raum – an dem weit oben irgendwo ebenso pralles Leben sich tummelt. Das war schon gut. Ich stand lange da und konnte hier und da und dort interessante Details entdecken.
Raffael, dessen Madonnen ich als Jugendlicher sehr geliebt habe, hat mich dagegen enttäuscht: Das schien mir nur handwerklich sensibel gestaltete Frömmelei und Theatralik. Der Raffael-Saal bildete den Wendepunkt im Durchgang durch die chronologisch geordnete Gemäldesammlung. Dieser Logik der Ausstellungsmacher folgte auch meine Aufmerksamkeit: In den Räumen nach Raffael hat mich nichts mehr interessiert, während ich mich vorher in den Mittelalter-Räumen wohl und zu Hause gefühlt hatte, wo die Heilgen, wo die Beter meditativ versunken „auf den goldnen Gründen prangen“, so dass man ihnen – anders als bei Raffael - die Frömmigkeit auch glaubt: statt Theaterdonner comichaftes Erzählen.

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