Donnerstag, 10. September 2020
Oberflächliche Gedanken
Als ich gestern im Radio hörte, dass die Zahl der ungewollt kinderlosen Paare deutlich angestiegen ist, dachte ich zuerst: Ah, es muss doch einen Gott geben – jemand, der erkennt, dass unser Lebensstil nicht gesund ist, und mal eine kleine Bremse einbaut. Dabei ist das Quatsch, denn dieser Lebensstil, der dazu führt, dass hier zu wenige Kinder geboren werden, der führt ja auch dazu, dass anderswo viel zu viele geboren werden. In der Summe gibt es keine Bremse für den Wahnsinn. Auch wenn das brennende Moria weit weg scheint und Timbuktu, das versandet und verislamistet, noch weiter - insgesamt ist es unser Planet. Und bis Gott die Notbremse zieht, da muss noch mehr passieren.

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Dienstag, 16. Juni 2020
Das Recht auf Privatheit
Ich habe gestern Abend spontan einen Text in mein Blog getippt, der mir, obwohl ich völlig nüchtern war, dennoch zu privat geriet, sodass ich ihn heute Morgen wieder löschen musste.

Das ließ mich mal wieder über das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem nachdenken, dessen Schieflage unsere Gesellschaft ja seit Kafka ("Amtsentscheidungen sind scheu wie junge Mädchen.") zunehmend beschäftigt. Und prompt kam heute Morgen im Deutschlandfunk eine passende Meldung: Da will jemand juristisch erstreiten, dass seine persönlich empfundene Geschlechtsidentität auch genau so in den Pass eingetragen wird, auch wenn die von der Öffentlichkeit beauftragten Experten (Ärzte) das anders sehen. Was für ein Quatsch!

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Es muss ein selbstverständliches Recht sein, eine andere Geschlechtsidentität zu leben, als im Pass steht. Und jeder hat das im alltäglichen Umgang anzuerkennen.

In meinem langjährigen LieblingsfilmCalendar“ gibt es diesen schönen Dialog:
Er: "Was heißt das, du betrachtest dich als Ägypterin?"
Sie: "Einer meiner Großväter war Ägypter. Und vielleicht fahre ich da mal hin."
Er: "Ja, jetzt, wo du es sagst: Die Art, wie du gehst, dein Gang, das ist irgendwie - ägyptisch."
So soll es sein.

Stellen Sie sich doch einfach mal vor (um nun wieder privat zu werden), in meinem Ausweis wäre die Anmerkung "Angsterkrankung" eingetragen und ich hätte als Nachteilsausgleich die behördliche Berechtigung, 5-6 Tage im Jahr spontan blau zu machen, weil ich nicht aus dem Bett komme. Das wär doch mehr peinlich, als es mir helfen würde.

Außerdem meinte mein Therapeut, die Angsterkrankung wäre überstanden und auskuriert. Mag sein. Aber es hilft mir, mich weiter ein bisschen behindert zu fühlen und ab und an mal in mich hineinzuweinen. Was geht das die Öfentlichkeit an?

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Montag, 23. März 2020
Manchmal ist es sinnvoll, einen Film mit 25 Jahren Verspätung zu sehen …
… denn damals, Anfang der Neunziger, hätte ich das so klar wahrscheinlich nicht kapiert.

Jetzt brachte 3sat „Weiblich, ledig, jung, sucht ...“ um 23.15 Uhr, und da ich dank Coronona-Krise und Wochenende eher zu viel als zu wenig geschlafen hatte, dachte ich, das kann ich mir mal erlauben, nachdem ich ihn Jahrzehnte lang verpasst habe.

Am Anfang dachte ich noch, das liegt halt an dem inzwischen veralteten Mode- und Schönheitsideal, dass die Hauptdarstellerin und Identifikationsfigur Bridget Fonda viel weniger sexy wirkte als ihr zeitlos femininer Gegenpart Jennifer Jason Leigh als Verkörperung des Bösen.

Aber dann wird es sehr bald klar, dass das einen Sinn hat: Die Hauptfigur ist eine androgyne flotte attraktive Karrierefrau, die die Zähne zusammenbeißt und sich in der Männerwelt behauptet, ihr Lover ein laxes, liebes Weichei, das sich auf den Privilegien des Männlichseins ausruht. Herzenswärme findet sie nicht bei ihm, sondern bei ihrem schwulen Nachbarn. Ihr Arbeitgeber ist ein sexistisches A*loch, das ihre Freiberuflichkeit für sexuelle Ausbeutung zu missbrauchen versucht. So weit, so realistisch.

Der eigentliche Thriller-Plot stellt dieser Figur nun eine neue Mitbewohnerin zur Seite, die ganz offensichtlich ihre verdrängte Weiblichkeit verkörpert: Indem diese spielerisch-flirtend im Nebenbei den Lover um den Finger wickelt, demonstriert sie dessen Wankelmütigkeit; indem sie knallhart den Arbeitgeber bedroht, verweist sie dessen Herrschaftsallüren in die Schranken.

Dann passiert, was passieren muss: die bedrohliche Weiblichkeit wird gefährlich, wird zum Monster. Zuerst schlägt sie den schwulen Freund k.o., dann verführt (eine völlig unglaubhafte Szene, so verführbar ist selbst der schwächste Mann nicht) und tötet sie den Lover und bedroht die gefesselte Hauptfigur mit dem Tod. Der sexistische Arbeitgeber kommt zu Hilfe, ist aber zu schwach und wird erschlagen. Endlich erwacht der schwule Freund und greift ein – das Blatt beginnt sich zu wenden. Die Hauptfigur küsst das Monster und stoppt es dadurch, endlich kann sie die mörderische Weiblichkeit im Heizungskeller zur Strecke bringen.

Ach, es ist traurig, wie Hollywood die Ideologien prägt, die sich bis heute als progressiv und unabhängig gebärden: Identifikationsfigur ist die Geschäftsfrau die ihre Weiblichkeit verleugnet, ihr natürlicher Verbündeter der schwule Mann. Heteromänner sind im Bett willkommen, aber als Partner ahnungslos und unbrauchbar, Macho-Chefs immerhin etwas verlässlicher, in der Not aber auch zu schwach. Der Hauptfeind der emanzipierten Frau sind die Ansprüche ihrer verdrängten Weiblichkeit, die in Notwehr erschlagen gehören.

Wollen wir („wir“ darf ich sagen, da Drehbuch wie Regie männlichen Hirnen entsprungen sind) diese Ideologie nicht langsam hinter uns lassen?

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Samstag, 7. März 2020
Schattenseiten von individueller Freiheit und Frauenemanzipation und wie man sie aufhellen kann
Dieser Tage sollte man erwarten, dass in Blogs Stellungnahmen zu aktuellen Problemen auftauchen – Gott sei Dank entbindet mich der Titel des meinigen von solchen Pflichten. Denn für so was bin ich zu langsam, immer noch fällt es mir schwer, nicht ständig mit den Fingern ins eigene Gesicht zu fahren (wie oft hab ich mir schon Herpes eingefangen auf diese Weise!). Grad vorgestern wurde mir das wieder bewusst, als ich bei einer solchen Geste leichten Desinfektionsgeruch verspürte – offenbar war irgendjemand in der Innenstadt, wo ich herkam, vernünftiger gewesen.

Und was die aktuelle Flüchtlingsproblematik anbetrifft, bin ich auch noch nicht sicher, was und wie ich denken soll. Ist es nun peinlich oder in pragmatischem Sinne als „immerhin“ zu bewerten, dass es eine gezielte Provokation durch Erdogan braucht, um das schon länger andauernde Flüchtlingselend auf den griechischen Inseln ins allgemeine Bewusstsein zu rufen? Und soll man jetzt froh sein, dass einige Politiker einiger EU-Staaten wenigstens über eventuelle kleinliche Linderungen verhandeln, nachdem Großzügigkeit seit Jahren in immer weitere Ferne rückt? Ich weiß nicht …

Deshalb rede ich lieber über damals, und zwar lese ich gerade darüber, ob und wie vor hundert Jahren Revolution und Diktatur die Familienverhältnisse in Europa beeinflusst haben. Auch was damals darüber gedacht wurde. Mir fällt auf, dass die Progressiven damals (in Russland, in Spanien, …) Ideen entwickelten, die erst lange Zeit später, nämlich heute, allgemeine Wirklichkeit werden: dass Kinderkriegen immer eine bewusste Entscheidung der Eltern sein soll und Familienplanung und Abtreibung normale Instrumente zu dieser Entscheidung, dass die freie Wahl des Sexualpartners ein hoher Wert ist, dem gegenüber die Idee einer lebenslang monogamen Liebespartnerschaft im Zweifelsfall zurückzustehen hat, dass Kinder frühzeitig auch außerhalb der Kernfamilie erzogen werden sollten , …

Besonders interessant sind dabei (wie bei jeglichen Ideen) die Schattenseiten der gewünschten Entwicklungen. Der Autor Paul Ginsborg nennt hier z. B. das Problem des Liebeskummers, mit dem damalige Revolutionäre ziemlich naiv umgingen, sofern sie es überhaupt bemerkten. Nun, ich finde das grundsätzlich gar nicht so schlimm: Wo es mehr Glück (durch sexuelle Freiheit) gibt, gibt es natürlich auch mehr Unglück, alles in der Welt hat seinen Preis. Solche Selbstverständlichkeit zu ignorieren gibt nur reaktionären Spinnern wie Houellebeque (ich hoffe, ich schätze ihn mit dieser Formulierung richtig ein, ich kann mich nicht überwinden ihn direkt zu lesen) Raum für ihre Misanthropien. (Problematisch bleibt natürlich der notwendige Ausgleich zwischen denen mit mehr und denen mit weniger Glück. Aber dazu später mehr.)

Noch bedenkenswerter finde ich den zweiten Aspekt: Es findet sich da – ich lese grade über die spanischen Anarchisten - eine Vorliebe für „Eugenik und bewusste Familienplanung mit der Absicht, … gesunden und schönen Nachwuchs hervorzubringen“, so eine Resolution von 1936. Auch wenn damit natürlich in erster Linie Verhütung und Abtreibung gemeint sind, tun solche Formulierungen schon weh. Wir Nachgeborenen denken da natürlich an Hitlers Rasse-Experimente. Aber ich denke auch an heutige Gepflogenheiten wie den Trisomie21-Test.

Auch sonst ist an der heutigen Freiheit manches fragwürdig: die späte Mutter- und Vaterschaft zum Beispiel. Kenn ich aus eigener Erfahrung. Wieso soll eine Mutter rechtzeitig dem Ruf ihres Körpers folgen und schwanger werden, wenn die Lebensverhältnisse für ein Kind noch gar nicht passen? Weshalb soll sie auf ihren Teil des Kuchens (ich rede hier nicht von „Karriere“, sondern von ganz normaler Berufslaufbahn, ohne deren zumindest zeitweise Unterbrechung mit entsprechenden Nachteilen es nunmal nicht geht) verzichten für das Kind?

Also macht man es dann so wie meine Kollegin, die einen Monat nach ihrer Verbeamtung schwanger wurde und drei Tage nach ihrer Rückkehr aus der Elternzeit in die nächste ging. Ich frag mich nur, ob die arme Frau mit dem Kalender in der Hand Sex hatte.

Und ich denke an den ganzen anderen Wahnsinn: sich Kinder zu organisieren über Leihmutterschaft oder (etwas weniger schlimm) sich gleich ein fertiges Kind zu besorgen aus einem Dritte-Welt-Land. Usw.

Und hier ist der große Unterschied zu den Ideen von vor hundert Jahren: Wenn man damals von der Familie wegwollte, dann in eine Gemeinschaft Gleichgesinnter. Und die Idee, ein Kind in die Kollektivbetreuung zu geben, verband sich mit der Erwartung, dass es ihm dort vielleicht sogar besser geht. Die Idee der Familienplanung meinte die Freiheit der Frau, ob sie sich der existenziell heftigen Erfahrung des Gebärens aussetzen will oder vielleicht auf eine ganz andere, kinderlose Weise ein sinnvolles Leben in der Gemeinschaft führen – und nicht: ob man sich ein Kind finanziell leisten kann …

... ich merke schon, ich gerate in nicht beweisbare Idealisierung alter Zeiten. Dennoch fällt mir auf, dass die einst progressiven Ideen heute mit einem großen Egoismus gelebt werden, der nicht nur persönlich hässlich ist (Sie kennen alle diese Eltern, die Ihr Kind als zielgerichtet zu führendes Projekt ihres persönlichen Ehrgeizes managen) und den Ideen ihren ursprünglichen Freiheitsimpuls raubt, sondern der vor allem schwach macht. Wer nur privat für sein Ego vor sich hinmurkelt, wird die sozialen Errungenschaften, die seine Vorfahren solidarisch erzwungen haben, nicht halten können.

Dafür müssen viele zusammenhalten und sind die jeweils Stärkeren den weniger Starken verpflichtet: Eltern den Kindern (auch wenn sie unterschiedliche Vorstellungen vom Leben haben), glücklich Liebende den Unglücklichen, erfolgreiche Facharbeiter den Arbeitsmigranten (aus dem östlichen Deutschland, dem östlichen Europa, Afghanistan oder dem nördlichen Afrika).

Und insofern sind wir dem aus dem Elend in Afghanistan Entflohenen, der jetzt in Griechenland oder gar noch auf der anderen Seite des Zauns festsitzt, mehr verpflichtet als dem Arbeitgebervertreter, der jetzt nach Corona-Hilfen schreit (denn der kommt auch ohne uns klar).

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Sonntag, 8. September 2019
Blick zurück: Wie sehr sich doch das Geschlechter-Verhältnis zum Positiven verändert hat!
Es ist schon komisch: Seitdem wir in einer neuen, größeren Wohnung leben, scheint plötzlich alles zu funktionieren. Was hatte ich Probleme, den Fernseher mit dem Internet zu verbinden! Mit Wlan, das ging gar nicht (obwohl der Router im selben, winzigen Wohnzimmer stand), ich musste bei Bedarf eine Strippe durch den Raum zum Router ziehen, um den Empfang von youtube und netflix (sowie unseres bevorzugten anderen streaming-Dienstes) zu ermöglichen. Jetzt im neuen Wohnzimmer geht das auf einmal.

Natürlich sieht alles noch pottenhässlich aus: das Sofa viel zu klein für den großen Raum, der Fernseher steht provisorisch in einem leeren weißen Billy-Regal und scheppert mit Billig-Ton, da er sich, wo er steht, nicht an die Anlage anschließen lässt. Aber ansonsten:

Gestern Abend musste ich nur das WLAN-Passwort eingeben und schon konnte ich mir die ersten beiden Folgen von „When they see us“ (auf die Serie war ich schon lange neugierig) in aller Seelenruhe reinziehen. Und heute zum Bügeln stellte ich fest, dass mit 1 -2 Steckerverbindungen auch der Plattenspieler problemlos über die Anlage lief. Ich kramte ein paar Scheiben raus und …

… damit komme ich zu meinem eigentlichen Thema: Ich hörte electra, zum ersten Mal seit zehn oder zwanzig Jahren. „Einmal ich, einmal du ...“, den Song mochte ich zu DDR-Zeiten sehr. Jetzt, beim Wiedeerhören, befremdete mich das Lied doch sehr: diese Mischung aus Uralt-Patriarchalismus (selbstverständlich näht die Freundin ihrem Freund die fehlenden Knöpfe ans Hemd) und männlicher Weicheierei (die hohen Kastratenstimmen) -irgendwie schrill und daneben. Ja, sicher, das mag auch dem Spießertum des Texters Kurt Demmler geschuldet sein (verwiesen sei auf die vergleichsweise freie, emanzipatorische Rolle der Frau bei „Paul und Paula“ von Plenzdorf, der allerdings auch ein widerständigerer Charakter war als Demmler), aber dennoch ….

Andererseits: Im Westen sah es nicht besser aus. Neulich sah ich mal wieder „Der amerikanische Freund“ - dabei begeisterte mich der Blick auf Hamburg, meine jetzige Heimatstadt, Ecken, die ich täglich sehe, wie sie sich verändert haben, wie sie damals aussahen, und dann auch noch in solch exquisiter Kameraarbeit. Was darin allerdings an story und insbesondere an Mann-Frau-Interaktion zu sehen war, da schweigen wir mal lieber drüber - kein Ruhmesblatt für Wim Wenders.

Allerdings muss man sagen, dass der Westen in der Lage war, vorwärts zu gehen, auch den machismo der 68er (wie er sich in Wenders` Film manifestiert) hinter sich zu lassen. Im Osten hat electra noch bis 2015 existiert, und was mir youtube zum Thema zuerst anbietet, ist eine unerträglich verschlagerte Version von „Einmal ich, einmal, du ….“. Irgendwie kann man verstehen, dass die Kinder der electra-Fans dann dumpfe Nazis wurden.

Mal als Vergleich: Wie elegant liest sich das bei meinem derzeitigen Lieblingsautor Gert Loschütz! Ein Erzählstrang in „Ein schönes Paar“, den ich besonders mag, handelt von der Ex-Freundin des Ich-Erzählers. Er hatte (wie im electra-Song) gehofft, die ständig Männerwechselnde von ihrer Manie befreien können, derjenige zu sein, welcher … – und es auf seine Weise geschafft: In seinen Armen begriff sie, dass sie lesbisch ist. Und blieb im Weiteren (nun mit weiterhin wechselnden, allerdings weiblichen Sexualpartnern) seine zuverlässige, treue Freundin. Was für eine schöne Idee!

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Mittwoch, 3. April 2019
Best Practise
Ich kannte den Begriff gar nicht, musste erst bei Wikipedia nachgucken, um zu erfahren, dass er aus der angloamerikanischen Betriebswirtschaft stammt und so viel wie “Erfolgsrezept“ bedeutet.

Und jetzt flattert mir die Einladung zu einer Informationsveranstaltung „Vielfalt leben“ herein. Es ging da irgendwie um geschlechtlche Vielfalt und ich dachte im ersten Moment: Warum nicht?

Aber dann sah ich, dass die Veranstaltung nur aus den „Best-Practise“-Referaten dreier Marketing-Beauftragter besteht. Da werden also die betriebswirtschaftlichen Erfolgsrezepte folgender Firmen zum Besten gegeben: Facebook, Barclaycard Hamburg, Uni Hamburg. Bin ich jetzt voreingenommen, wenn ich die Vielfalt lieber woanders lebe?

(Geschlechtliche Vielfalt schätze ich außerordentlich, allerdings vor allem da, wo sie mit geistiger Vielfalt einhergeht.)

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Sonntag, 24. Februar 2019
„Flughunde“ (Beyer/ Lust) - graphic novel und Politschmonzette
Habe gestern/ heute das nächste Buch von meinem Lesestapel konsumiert. Vorweg das Positive: Das Buch ist wirklich gut gezeichnet, manchmal etwas textlastig, häufig aber doch so, dass in meinem Kopf, Stimmungen, Töne, Bilder (auch über das Gezeichnete hinaus) entstanden – wirklich eindrucksvoll, bewegend. Aber doch nicht geistig anregend, und das liegt eindeutig an der klischeehaften Geschichte. Der mystisch klingende Titel „Flughunde“ führt ganz in die Irre, hier ist nichts mystisch, wir haben es mit dem üblichen Nazikitsch zu tun – der treffendere Titel wäre „Goebbels Kinder oder Der Mitläufer im Führerbunker“.
Da gibt es also einen versponnenen Wissenschaftler, der so versponnen ist, dass er rein gar nichts von der Wirklichkeit um sich herum mitkriegt (über diese Ausreden hat sich schon Billy Wilder in „1,2,3“ lustig gemacht: „Ich hab bei der U-Bahn gearbeitet, ich hab gar nicht gemerkt, was oben los war.“), aber von dem irgendwie mit ihm befreundeten Goebbels vor der Front in ein SS-Menschenversuchs-Projekt gerettet wird (dieser Umstand immerhin scheint mir realistisch), bei dem er mit schweren innerlichen Skrupeln aber doch ziemlich aktiv mitmacht. Irgendwann landet er im Führerbunker und fungiert dort als Stimme des Menschlichen, vor allem für die Goebbels-Kinder, insbesondere die älteste, Helga. Helga und die Kinder müssen natürlich sterben, er aber entkommt, entkommt auch der Bestrafung nach 45, wird alt, erinnert sich, voller Reue.
Das ist nun wirklich der typischste Schuldverdrängungskitsch: Natürlich muss es das Leiden im Führerbunker sein, die Leiden der Zigtausenden in den anderen Bunkern, die machen sich nicht so gut, da haben wir ja das Tragische der Schuld nicht so schön dramatisch. So wollen wir den Mann sehen: als schuldlos in Schuld Geratenen – aber bitte auf der höchsten Führungsebene. Und gibt es etwas Schöneres als Gegenstück zu ihm als eine Frau, die sterben muss? Ja, gibt es: ein pubertierendes Mädchen, eine Frau im Werden. Weshalb wir in der Erzählung aufs Genaueste über Brustwarzen, Schamlippen und Hymen dieses Mädchens informiert werden.
„Und das wiederholt sich doch nochmal auf einer anderen Ebene“, meinte meine Frau, als ich ihr nach dem Zuklappen des Buches berichtete: „Es ist eine geschickte und talentierte Zeichnerin, die die hier die Männergeschichte des männlichen Autors kolportiert.“ War mir gar nicht aufgefallen. Aber so ist es – weshalb ich mir erlaube, diese Rezension nicht unter dem Thema „Rezensionen“, sondern unter „Genderfragen“ abzulegen.

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Mittwoch, 10. Oktober 2018
Sex und Zuckerrübensirup
Vielleicht ist das ein Grund, warum ich mich mit den aktiven, selbstbestimmten, direkten Frauen und den zugehörigen Männern, die auf unerschütterliche Weise auf dem Boden irgendwelcher Tatsachen (meist finanzieller Natur) stehen und entsprechend agieren, so schlecht verstehe (obwohl wir uns mitunter sogar mögen): Meine Sexualität tickt anders.

Eine dieser Frauen ist offenbar auch die Autorin des Romans, den ich gerade lese (und dessen rationale Seite mir außerordentlich gefällt). Sie zeichnet folgendes Negativbild schlechter Sexualität: „Unmaßgeblicher, bewährter Sex hat sich durch mein Leben gezogen wie Zuckerrübensirup, bis ich glaubte, so sei es eben, es müsse wohl so sein.“ Ein schöner Satz.

Nun, was mich betrifft: Ich liebe Zuckerrübensirup, habe ihn schon immer geliebt und esse ihn auch jetzt oft, nicht den dünnen, flüssigen von Gr***er, nein, den vom örtlichen Bio-Großbetrieb, der so schön süß, schwarz und zäh und klebrig ist. Macht schwerfällig und glücklich.

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Freitag, 22. Dezember 2017
Wer fegt die Treppen?
Ich habe jetzt bewusst nicht nachgegoogelt, um rauszubekommen, woher der Brauch stammt, dass junge, unverheiratete Männer die Rathaus- oder Kirchtreppen fegen müssen, sobald sie dreißig Jahre alt werden (man macht das in Norddeutschland halt so) – sondern ich verfahre nach der wissenschaftlichen Methode, die der Volksmund den Soziologen nachsagt: Ich kombiniere zwei Fallbeispiele und konstruiere daraus einen gesellschaftlich relevanten Zusammenhang:
Also:
Auch ich kam an meinem 30. Geburtstag nicht drumrum und das beiliegende Foto mit sein Unschärfen , Kratzern und Fusseln und mit dem Schnapsglas, das zeigt deutlich, dass ich mich da grad am tiefsten Punkt meiner persönlichen Laufbahn befand. (Danach kam glücklicherweise die Katastrophe namens Referendariat, die mich so durchschüttelte, dass ich wieder ins Leben fand.)
An dieses Ereignis musste ich denken, als ich dieser Tage am Rathaus Altona vorbeikam und es mal wieder aussah wie Sau.
Denn es gibt da noch einen anderen Brauch auf den Rathaustreppen: Frisch verheiratete Paare werden mit Reis oder noch besser mit eigens dazu vorgefertigten Konfettis (denn der bewusste Bürger nutzt natürlich möglichst industriell hergestellte Produkte, um das Bruttosozialprodukt zu stärken) überschüttet, danach feiert man irgndwo teuer und fegen tut natürlich keiner.
Also, ich finde, nicht die Singles sollten fegen, sondern, die den Müll da hinschütten.

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Montag, 13. November 2017
Nachwirkungen patriarchaler Leidenschaft im Feminismus der Gegenwart
Als meine Eltern sehr jung waren in den 50er Jahren, hörten sie gern die scharfe Stimme von Ernst Busch, und das waren wahrscheinlich die allerletzten Jahre, in denen man sich noch ehrlich für den Machismo der Arbeiterbewegung begeistern konnte. Als etwa der Altkommunist Theo Balden in den 1980er Jahren allen Ernstes noch ein Denkmal namens „Herz und Flamme der Revolution“ gestalten sollte, versuchte er sich mit etwas weich Wallendem aus der Affäre zu ziehen. Die alte Macho-Leidenschaft, die ging einfach nicht mehr.
Dass es aber in der Geschichte nicht immer nur vorwärts, sondern manchmal auch rückwärts geht, zeigte sich mir, als ich heute in der Schanzenstraße (neben einem sich zärtlich liebkosenden Pennerpärchen) dieses Plakat entdeckte:

Interessant fand ich, dass die Autoren die Redewendung „Feuer und Flamme sein“ benutzen, ohne zu merken, dass diese sprachlich schon so verschlissen ist, dass sie nur noch für gänzlich unglaubwürdige Werbekampagnen (Olympia in Hamburg) oder einfach nur ironisch gebraucht wird:

Auch kennen die Autoren die Redewendung selbst gar nicht mehr, sonst wüssten sie, dass man nur Feuer und Flamme für etwas sein kann, nicht dagegen.
Ein paar Straßen in der Gaußstraße weiter fand ich folgendes Bild gegen den Müllcontainer gelehnt:

Das hat ja wenigstens noch Witz, indem es ein berühmtes altes Arbeiterheldenbild mit weiblichem Personal nachstellt
- illustriert damit aber ein Kernproblem des Feminismus: Ein Feminismus, der weibliche Gleichberechtigung mit der Nachahmung männlichen Machogehabes, männlichen Gerangels um Macht und Posten verwechselt, der ist den Namen nicht wert. Die jungen Kreativen, die da in der Gaußstraße ansässig sind, haben das Bild zu Recht auf den Müll geworfen.
Täusch ich mich oder war der Feminismus damals in den 90er Jahren schonmal weiter: basisdemokratischer, freier, menschlicher?

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