Montag, 10. Dezember 2018
Ein antisemitischer Vorfall
Es ist schon ein paar Jahre her, es gab da eine neue Berufsschulklasse. In Deutsch ging es erstmal darum auszuprobieren, was die Neuen so können, wie es um die Rechtschreibung, wie um den Wortschatz steht, ob sie sinnvolle Sätze formulieren können und ihren Texten vielleicht sogar intuitiv Anfang und Schluss verpassen. Ich machte das mit Personenbeschreibung, sie konnten sich ein Portraitfoto ihrer Wahl aus dem Internet ziehen zur Beschreibung. Natürlich bekam ich die üblichen schrillen Gestalten zu sehen, Rapper, Glamour-Promis, gruftimäßige Figuren. Am schrillsten aber die Wahl einer wortkargen, blonden, etwas hektischen 18-jährigen mit osteuropäischem Hintergrund: Sie beschrieb das altertümliche Schwarz-weiß-Foto eines älteren Mannes mit langem Bart. Theodor Herzl, wie sich auch Nachfrage herausstellte.

Zwei Wochen später: Dieselbe Schülerin vertraut sich in ihrer Not der Schulsekretärin an, es ging um einen hässlichen Judenwitz-Post (über den Holocaust) in der Klassen-WhatsApp-Gruppe, der sie direkt traf. Die Sekretärin wandte sich zunächst an mich, da die Klassenlehrerin gerade stellvertretende Schulleiterin und eigentliche Organisatorin der ganzen Schule geworden war und ihre Klassenleitung so nebenher laufen ließ. Also organisierte ich eine Gesprächsrunde mit Klassenlehrerin und Klasse. Damit die Betroffene nicht so blöd als Opfer dasteht, hatte ich mir ausgedacht, dass vorab jeder erzählt, was ihm wichtig ist, was ihn verletzen würde, bevor sie dann drankam.

Es stellte sich nicht nur dabei nicht nur heraus, dass der Urheber des blöden Posts sich nicht ansatzweise klar gewesen war über das Hasspotential seines irgendwo aus dem Netz gezogenen Bildchens und auch angesichts von Theodor Herzl nicht geschnallt hatte, dass eine bekennende Jüdin neben ihm in der Klasse sitzt, es stellte sich auch heraus, dass von den 15 Schülern 5 heftige Mobbing-Erfahrungen mitbrachten 3 - 4 weitere familiäre Probleme, bei deren Schilderung mir der Mund offen stehen blieb. Als dann am Ende die Betroffene selbst zu Wort kam, war schon eine derart intime Atmosphäre im Raum entstanden, dass sie gar nicht mehr auf das eigentlich auslösende Problem eingehen wollte – sie schilderte stattdessen ihr persönliches Leiden, nämlich unter ihrem autoritären Vater, ihre Sehnsucht, einfach so, jenseits der Leistung, akzeptiert zu werden.

Was aus der Geschichte noch geworden ist, weiß ich nicht: Zwei Monate später ergab sich für mich eine unerwartete Karrierechance und ich verließ die Schule und damit auch diese Klasse, der ich, ohne es zu wollen, so nah gekommen war.

Was ich mitgenommen habe: die Erkenntnis, dass all die politischen Schlagwörter, der Antisemitismus, die Nation, die Migration oder was auch immer, das allerletzte sind, worum es wirklich geht, hier unten an der Basis, im wirklichen Leben. „Denke global, handele lokal!“ hieß es mal. Vielleicht sollten wir auch wieder mehr lokal reden, statt empörungsgierig Weltprobleme zu verhandeln, nur um von unseren eigenen, echten Problemen abzulenken.

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Ich stimme insoweit zu, dass hinter jeder hasserfüllten Äußerung oder Tat eher ein psychisches Problem als ein politisches steckt. Aber man darf sich dies nicht zu einfach machen, denn die Ursachen von Hass sind sehr komplex und unterliegen Wechselwirkungen. Wenn jemand zum Beispiel einem Passanten dessen Kippa vom Kopf schlägt, dann hat derjenige ein psychisches Problem, das er auf die politische Ebene projiziert, weil ihm dies ermöglicht, jemand anderes verantwortlich zu machen und sich nicht mit den eigenen Defiziten beschäftigen zu müssen. Gleichzeitig kann aber das vorhandene psychische Problem auch mitverursacht sein durch gesellschaftliche Faktoren. Wenn jemand in einem Glaubenssystem lebt, das mit sehr viel persönlicher Unfreiheit verbunden ist, weil es streng hierarchische Strukturen vorschreibt und jede Form von nichtehelicher Sexualität rigoros untersagt, dann wird ein gesellschaftliches Problem zu einem psychischen, denn hierdurch entstehen Frustration, Ärger, Enttäuschung und Neid (auf diejenigen, die freier und somit glücklicher leben). Die politische Ausrichtung ist dabei tatsächlich nebenrangig. Ulrike Meinhof würde höchstwahrscheinlich einen völlig anderen Weg eingeschlagen habe, wenn sie mit einem liebevollen und respektvollem Mann verheiratet gewesen wäre und nicht mit einem empathielosen Kotzbrocken. Der Pegida-Fan aus Chemnitz würde wahrscheinlich eine andere Entwicklung durchgemacht haben, wenn er nicht in Verhältnissen aufgewachsen wäre, die ihn zum Loser gemacht und nur Perspektivlosigkeit vermittelt hätten.

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Genauso ist es. Mir ging es auch nicht darum zu entpolitisieren. Natürlich bringen Vorgaben gesellschaftlicher Gruppierungen ihre Anhänger durchaus manchmal in psychische Bedrängnis, aufgrund irgendwelcher ideologischer Vorgaben und manchmal sogar ohne jeden Nutzen für die Gruppierung (manchmal auch mit einem solchen Nutzen, wie Ihr Beispiel auf Unterdrückungs-Ideen im islamischen Kontext zeigt).
Was mir aber wichtig ist, dass man die politisch oder religiös motivierten Vorgaben unvoreingenommen betrachtet - nicht, was die Gruppierungen wollen, ist entscheidend (denn das ist so gut wie immer, auch bei extremsten islamischen Ideologen, etwas Gutes), sondern was sie tatsächlich tun. Ein Beispiel: Innerhalb des Christentums sind mir die Gruppierungen ideell besonders nahe, die besonders stark auf Jesus abheben, also auf die Figur, die das große Göttliche (das mich wenig interessiert) in unsere menschlichen Verhältnisse einbettet. Eine sehr liberale Vorstellungswelt also. Umso erstaunlicher, wie illiberal es oft gerade in diesem evangelikal ausgerichteten Kreisen dann tatsächlich zu geht. Oder: Wie viel Menschenverachtendes und Verbrecherisches wurde und wird nicht gerade im Namen der Aufklärung betrieben?
An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

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