Samstag, 1. Dezember 2018
So war das, Teil 14
Und mit diesem „nein“, da war es wie im Herbst mit meinem Ja. Ich grübelte danach tagelang, ob das richtig war oder nur Trotz und Enttäuschung. Ich kam zu keinem Ergebnis und schob die Grübelei einfach beiseite. Als ich eine Woche später zwei Tage frei hatte – Ausgleich für den Wochenenddienst – da drängte es mich, irgendwas trieb mich, und um das Gefühl der Unruhe zu bekämpfen, ging ich los. Vor Kerstins Haus blieb ich stehen. Ich zog an der riesigen, verwitterten Haustür – sie war offen. Im Hausflur empfing mich Modergeruch, angenehm kühl und mild. An Kerstins Wohnungstür klebte ein Zettel mit ihrem Selbstportrait, die Klingel funktionierte. Aber sie war nicht da. Ich wartete einige Zeit, dann steckte ich einen Zettel neben dem Portrait in die Türritze und ging wieder. Draußen empfing mich eine Windbö. Die Leere hatte mich wieder und trieb mich durch Merseburg, am Bahnhof vorbei, durch die Altstadtstraßen. Es dauerte nicht lang, und ich stand am Fluss.

Aber auf das „komische Brückchen“ wollte ich nicht, ich bog ab zum Saaleufer. Es gibt einen Fußweg am Deich, den ich mit den Großeltern oft gegangen war. Von Leuna bis hier waren wir manchmal zu Fuß unterwegs gewesen, um dann im „Haus des Handwerks“ einzukehren, wo es Fassbrause gab, Kaffee für die Großeltern und ein Bier für den Großvater. Jetzt nahm ich den umgekehrten Weg. Und Sommer war es auch nicht gerade. Eher das Gegenteil. Ungemütliches Wetter, wenn auch kein Regen. Aber auf die Saale war Verlass. Sie floss wie immer träge in ihrem Bett. Ich ging ihr entgegen, weg von Merseburg, weg von der verschlossenen Tür, vorbei an dürrem Gestrüpp, dicken Rohren der Fernwärmeleitung, kahlem Brachland und nutzlosen Weidezäunen. Früher hatten hier Kühe gestanden, und die Mutprobe hatte für uns Kinder darin bestanden, den Elektrozaun anzufassen. Jetzt waren hier keine Tiere mehr zu sehen. Aber es war nicht trostlos, es war nur vorbei. Und so, wie ich damals mit den Großeltern nach Merseburg aufgebrochen war, voll Vorfreude auf das Schloss, auf den Raben und die Fassbrause, so ging ich jetzt zurück, nur dass ich nicht wusste, wohin. Ich folgte einfach dem vertrauten Pfad. Solange die Saale neben mir gurgelte, war alles gut.

Irgendwann rückte die Bebauung aus dem Hintergrund näher an den Weg, und dann war ich auch schon in Leuna. Ich ging die zwei Straßen vom Uferweg hinauf zu dem Haus, in dem immer noch meine Mutter wohnte. Ich sah hoch zu ihrem Küchenfenster, dann ging ich weiter zur Straßenbahnhaltestelle und fuhr nach Halle zum Bahnhof. Ich nahm den nächsten Zug nach Berlin.

Zwei Tage später war ich zurück, und die Sache war klar. Ich kündigte die Wohnung und den Arbeitsplatz, noch bevor ich mit irgendwem geredet hatte. Erik war schockiert, als er von meinen Plänen hörte. „Ich versteh das nicht“, meinte er, „du lernst in der Disko eine Frau kennen und beschließt ein paar Tage später, alles aufzugeben und zu ihr zu ziehen.“ - „Ja, sie stand neben mir an der Theke und sagte, du bist bestimmt schwul, aber sprech dich jetzt mal trotzdem an. Ich hab sie angesehen, und da wusste ich, dass sie die Richtige ist.“ So kitschig hab ich das Erik gesagt, und deshalb hat er mir vermutlich nicht geglaubt. In Wahrheit hab ich ihre alberne Punkfrisur im ersten Moment da im Kneipenschummerlicht auch überhaupt nicht gemocht. Ich war einfach nur haltlos. Und ich mochte die Art, wie sie mich in ihr Bett – nein, nicht zerrte, sondern freundlich einlud, und ich verstand sehr bald, warum es mit Kerstin nichts werden konnte.

Margit hatte Zeit, sie war neugierig, vorurteilsfrei. Wir lagen in einem riesigen Bett in einem leeren Zimmer, dahinter eine Reihe von Sälen, mit Stuckdecken und Doppelfenstern, so schien es mir. Vor diesen Fenstern, von denen die Farbe bröckelte, Straßenbäume und entfernte Geräusche der Stadt. Die Straße vorm Haus leer, wir beide allein mit uns und unseren weißen, nackten Körpern. Die DDR: vergessen, das Leben: möglich.

So war das Jahr 1989, so war es für viele: ein überraschendes Jahr. Für mich trägt es den Namen von Margit, auch wenn sie damals nicht so genannt werden wollte. Ich erfuhr, dass die Welt größer ist als Merseburg, und dass groß nicht grausam bedeutet. Wir nahmen uns die Freiheit zu sehen, was kommt. Natürlich hatten wir Angst, Margit hatte sich ein Visum für Ungarn besorgt für den Sommer, für alle Fälle. Aber sie nutzte es nicht. Sie saß mit mir in Cafés und wir fuhren in alle die Provinzstädte, nach Bautzen, nach Tangermünde, nach Stralsund an die Ostsee, natürlich auch nach Merseburg und Leuna, als wollten wir uns alles noch einmal ansehen. Aber meistens waren wir in Berlin unterwegs. Was um uns herum passierte, die Foren, die sich gründeten, die Künstler, die auftraten, und die Diskussionen, die alles begleitete, das nahmen wir hin wie ein Fest, auf das wir aus Versehen geraten waren.

Ganz nach Berlin gezogen bin ich erst im Herbst. Und dann kamen andere Zeiten. Ein Studium. Eine Familie. Und natürlich irgendwann eine süddeutsche Großstadt, denn da gibt es die Jobs.

Knut oder Kerstin hab ich nicht wieder getroffen. Nur Johanna ruft manchmal noch an. Sie lebt mit Erik in Dresden. Und sie meint, dass Knut doch ein IM gewesen sein muss, anders könne sie sich das nicht erklären, dass er 1989 so spurlos verschwand und nie wieder auftauchte. Und neulich kam sie mir sogar mit der Nachricht, Kerstin solle jetzt mit einer Frau zusammenleben. So genau will ich das alles gar nicht wissen. Es lag nicht an Kerstin, es lag nicht an Knut. Vielleicht lag es an Merseburg.

Wenn ich, selten genug, nach Leuna fahre, dann steige ich dort nicht aus, ich seh nicht mal aus dem Straßenbahnfenster. Und spätestens, wenn ich am Leunator und am „Heiteren Blick“ vorbeikomme, dann freue ich mich einfach, dass die Stadt und die Zeit so weit hinter mir liegen und dass ich irgendwie aus ihr herausgefunden habe.

So war das.

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