Montag, 9. August 2010
Eine Innenansicht der Gauck-Behörde, Teil 3
Man sieht, es kann nicht gelingen, was Fuchs sich vornimmt. Warum nur tut er es? Wahrscheinlich kann er nicht anders. Mir scheint, er ist zu sehr verletzt, zu tief gedemütigt worden von seinen Häschern, als dass er je von ihnen loskommen kann. Als ich in den achtziger Jahren Anfang zwanzig war und das noch ziemlich verboten, waren Fuchs‘ „Gedächtnisprotokolle“ für mich ein wesentliches Leseerlebnis, die Unvoreingenommenheit, Genauigkeit und Unbestechlichkeit seines Blicks faszinierten mich, und ich vermute, diese Eigenschaften sind auch der Grund, weshalb kein anderer DDR-Regimekritiker – kein Biermann, kein Loest, keine Bohley – von der Stasi mit einem derart infernalischem Hass verfolgt wurde. Fuchs findet u. a. einen IM-Bericht folgenden Inhalts über die Zeit nach seiner Ausbürgerung: Der IM berichtet von einem Gespräch mit dem für Fuchs zuständigen SPIEGEL-Redakteur. Der meint, Fuchs werde langsam paranoid, sehe sich auch im Wedding überall von Stasi umzingelt. Aber er hätte das durch den Staatsschutz prüfen lassen – da seien keine Spitzel in seiner Nähe. Tatsächlich war Fuchs in Westberlin von 40 IM umgeben, einige sägten an seinem Auto, andere zündeten einen Brandsatz vor dem haus, als seine Tochter zur Schule ging.
Ich glaube, man kann – Unbestechlichkeit hin oder her – sowas nicht erleben, ohne ein bisschen die Relationen zu verlieren. Fuchs hofft, dass sich das Blatt gewendet haben könnte. Das hat es tatsächlich, aber er kann nicht verstehen, dass den neuen Eliten stabile Verhältnisse wichtiger sind als eine konsequente Verfolgung der Täter. Und in seiner Wut, dass man nun, in der Bundesrepublik, vieles gelassen unaufgeklärt lässt, verrennt er sich völlig. So ist ein nicht unerheblicher Teil seines Buches dem ungeklärten Tod seines Jenaer Mitstreiters Matthias Domaschk gewidmet. Auch die Staatsanwaltschaft nach der Wende hat den Fall nicht klären können, nun versucht es Fuchs – und scheitert auf der ganzen Linie. Doch was er dabei, quasi unterwegs, noch alles an Details herausfindet, ist dennoch aufschlussreich.
Es war 1981. Die Stasi bekam die Jenaer Oppositionsgruppe einfach nicht unter Kontrolle (etwas in der DDR ganz Ungewöhnliches), stand entsprechend unter Erfolgsdruck. Da reisen zwei davon am Wochenende nach Berlin – zu einer privaten Geburtstagsfeier – aber das weiß die Stasi nicht und argwöhnt schlimme Aktionen, da in Berlin grade ein SED-Parteitag läuft (ganz typisch, dieser Irrtum, wie wichtig die ihre albernen Politshows nahmen, ein Leben jenseits davon konnten sie sich nicht vorstellen). In Jüterbog holen sie die Leute aus dem Zug, schleppen sie ins Bezirksquartier nach Gera, verhören sie zwei Tage und zwei Nächte, müssen aber ihren Irrtum einsehen und sie laufen lassen. Damit sie aber wenigstens irgendeinen Erfolg melden können, pressen sie einem von ihnen, Matthias Domaschk, noch eine IM-Verpflichtungserklärung ab – mit welchen Methoden, das kann später nicht mehr geklärt werden. Eine Stunde später, Domaschk war einige Zeit unbewacht in einem Raum, ist der Mann tot, erhängt. Selbstmord? Fuchs zweifelt daran und findet jede Menge Ungereimtheiten. Zunächst empört ihn, dass alle beteiligten Stasi-Leute sich gegenseitig decken und hält dies für eine besondere Stasi-Infamie. Falsch! Ein solches Verhalten ist, so mies es ist, auch nahe liegend und schon auf vielen Polizeistationen auf der ganzen Welt beobachtet worden, auch auf bundesrepublikanischen. So etwas kann leicht passieren, wenn es nur parteiische Beteiligte gibt, die einander kollegial verbunden sind und die gemeinsam gehandelt haben, so dass keiner ganz ohne Schuld ist. Fuchs beschäftigt sich auch mit der Untersuchung des Falls durch die bundesdeutsche Staatsanwaltschaft Erfurt nach 1990. Er weist nach, dass diese bei der erneuten Vernehmung und Aktenprüfung auf plumpe Stasi-Lügen hereingefallen ist, und er zeigt, dass und warum sie darauf hereinfallen wollte. Natürlich ist das unschön (bei genauerem Hinsehen vermutlich sogar rechtswidrig), aber stasifreundliche Tendenzen bei einer ostdeutschen Staatsanwaltschaft finde ich nicht besonders verwunderlich. Fuchs setzt sich hier selbst ins Unrecht, indem er vergeblich einen Mord zu beweisen versucht, der vermutlich gar keiner gewesen ist. Und er zementiert dieses rhetorische Eigentor, indem er das am Ende der ellenlangen Ausführungen auch eingesteht. Letztendlich lenkt er damit selber von der Tatsache ab, dass die Geschichte von ungesühnten Straftaten wimmelt (von der Freiheitsberaubung durch die Transportpolizei am Beginn bis hin zur Rechtsbeugung durch die Erfurter Staatsanwaltschaft am Ende). Deshalb soll das hier noch einmal betont werden.

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