Donnerstag, 2. Oktober 2008
Griechenland, Teil 1
Wir hatten Robert, unseren vierjährigen Sohn, von seinen Großeltern abgeholt, wo er die erste Ferienwoche verbracht hatte, und fuhren alle zusammen auf der alten Sputnikstrecke nach Schönefeld zum Flughafen. Bezahlen musste niemand, weil die Automaten kaputt waren. Die Frau, die im Auftrag der BVB statistische Daten über Fahrkarten und Reiseziele erfragte, hatte Schwierigkeiten, ihre Formulare zu füllen. Es war ziemlich voll, meine Frau überließ mir den einzigen freien Fensterplatz im Waggon und setzte sich anderswo. „Große Jungs gucken gern aus dem Fenster.“ meinte der Mann, der mir gegenüber saß, und dann wandten wir den Blick nach draußen, auf grasüberwucherte Bahnsteige und eintönige Kiefernwälder. „Auch eine schöne Ecke.“ sagte der Mann.
Der Billigflieger brachte uns mit einer Stunde Verspätung ruhig und sicher über Alpen und Balkan hinweg, Der Imbiss kostete 15,55 €, und im Abenddämmer segelte das Flugzeug über die Bucht von Thessaloniki und setzte auf der kurzen Landebahn auf.
F. holte uns ab, mit einem ziemlich müden Budschi im Arm, dem einjährigen Sohn, den sie mit A., unserem Hamburger Nachbarn, hat. Wir packten unsere Sachen in ihr Auto, eines der Autos ihrer Eltern (beides uralte Opels), und fuhren zu ihr. Auf er Fahrt erzählte sie – „A. muss ja nicht alles wissen.“ – von der Wiederbegegnung mit einem griechischen Exfreund, den sie wohl immer noch spannend, aber immer noch unangenehm fand, und von ihrem Krankenhaus, wie es sie nervt, wie da kreuz und quer gevögelt wird während der Nachtschichten - „Man traut sich ja gar nicht mehr, irgendeine geschlossene Tür aufzumachen.“ – und wie die Frauen mit gefüllten Schminkkoffern zur Schicht erscheinen. In diesen Worten, in F.s Eingesogen- und Abgestoßensein von ihrer Heimatkultur, funkelte mir das fremde Land entgegen, während durchs offene Autofenster die immer noch drückend warme Luft des letzten Abenddämmers hereinströmte, zusammen mit dem bunten Geblinker fremdsprachiger Werbetafeln (das griechische Alphabet war ich natürlich zu faul gewesen, vollständig zu lernen) – mehr sah man nicht von Thessaloniki.

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