Mittwoch, 23. Oktober 2013
Dunkle Jahre, Teil 3
In G., der Universitätsstadt, war der Umbruch dagegen schon deutlich spürbar. Knut P., Initiator des Friedenskreises und zentrale Gestalt der lokalen Opposition, hatte die Stadt mit unbekanntem Ziel verlassen, jetzt wurden Gerüchte über seine Stasi-Zuarbeit laut. Siegfried Merz, einstiger Bausoldat, der sein Theologiestudium nur über den Umweg einer Dachdeckerausbildung erlangt hatte, predigte zum ersten Mal in der Marienkirche. Thomas und Karin hatten geheiratet und erwarteten ein Kind. Thomas' kleine Schwester war inzwischen auch Studentin. Ich traf sie in der Wohnung ihres Bruders, einer engen, hellen Neubauwohnung, nicht weit vom Markt. Sie sah schön aus und sagte nichts. Karin schämte sich ein bisschen für die Wohnung. „Ja, ich weiß …“, sagte sie. Natürlich hatten wir die Platenbauten gehasst, die in der Spät-DDR nach und nach die verwahrlosten Altstadthäuser verdrängten. „Aber heißes Wasser aus der Wand und die Heizung musst du nur aufdrehen, das ist schon was, wenn das Baby kommt.“
Partys fanden natürlich eher in einer der Schwarz-Wohnungen statt, die inzwischen legalisiert worden waren, da gab es große Zimmer, Höfe, Gärten. An eine davon erinnere ich mich. Mit Johanna, das war Thomas' Schwester, hatte ich am Mittag bei einem Cafébesuch spontan verabredet, demnächst ein paar Tage nach Paris zu fahren. Das hatte mich aufgekratzt, regelrecht verliebt gemacht, und jetzt sollte ich hier allen, also auch ihrem Freund, begegnen. Ich meisterte die Situation gut, obwohl die Nachricht die Runde machte und für vielerlei Witze sorgte. Zur Erheiterung sorgte auch das reichlich vorhandene Bockbier. Die ums Überleben kämpfende G.er Brauerei hatte es auf 50 (Ost-)Pfennig pro halben Liter gesetzt und mehre Gäste je einen Kasten davon mitgebracht. Thomas betrank sich fürchterlich. Seine hochschwangere Frau musste ihn am Ende beim Nachhauseweg stützen und war sauer. Kathrin verkündete ihren Entschluss, das Studium abzubrechen und für ein Jahr in die Toscana zu gehen.
Und ich fuhr mit Johanna nach Paris. „Mal sehen, was passiert.“, erklärte sie die Situation unserer Mitfahrgelegenheit, einem schmalen Endzwanziger mit klapprigen Auto, der uns bis Paris mitnahm und dann weiter nach Südfrankreich wollte. Leider passierte gar nichts, zwischen uns jedenfalls nicht. Zwischen der zurückhaltend runden Theologentochter und meiner verklemmten Persönlichkeit war einfach kein Weg. Wir trotteten gemeinsam die Sehenswürdigkeiten der französischen Hauptstadt ab, und ein bisschen Schwung in die Sache kam erst, als ich „Jumièges“ auf ein Trampschild schrieb, um einer meiner Lieblingskirchen aus den Mittelaltervorlesungen einen Besuch abzustatten. Denn das Schild mit dem provinziellen Ziel stachelte die Heimatliebe eines jungen Nordfranzosen an, der an uns vorbeifuhr. Er stoppte und lud uns ein. Obwohl die Verständigung zwischen uns schwierig war – er konnte so viel Englisch wie ich Französisch – nur ein paar Brocken – wurde aus der kleinen Trampertour ein ganzer Tag. Er zeigte uns nicht nur Jumièges, sondern auch das Nachbarkloster, das noch in Betrieb war dann den Hafen von Le Havre, schleppte uns sogar zu seinen Schwiegereltern nach Etretat und zum Abschied machten wir ein Picknick am Strand.
Als wir von Remis fort waren, war sofort die Verlegenheit wieder da, es war nur noch furchtbar: die Ankunft in Deutschland, in Köln, ein paar Stunden Wartezeit auf dem nächtlichen Bahnhof, ehe unser Regionalzug fuhr, der mich Gott sei Dank schon in Nordwestdeutschland zu meinem Ziel brachte, während Johanna bis G. weiterfuhr. Ich meine, so richtig kapiert habe ich das da noch nicht, ich bin ihr sogar nachgefahren, einen Monat später, nach Warnemünde, wo sie ein Praktikum bei der Gemeinde machte. Natürlich wusste ich, dass das keinen Sinn hat – ich verkaufte die Fahrt vor mir selber als Fahrt zum Schulamt in Rostock, um auch meinerseits ein Schulpraktikum im Osten vorzubereiten. Den Schulrat traf ich an, Johanna zum Glück nicht. Ich erinnere mich, wie ich durch die idyllischen Straßen von Warnemünde geirrt bin und einsam am Strand gestanden habe – und wie ich zurücktrampte mit einem Medizinstudenten mit Liebeskummer: „Du kannst es nicht ändern.“, erklärte er mir, „wenn du das mit den Beziehungen nicht hinkriegst. Ich war ein paar Jahre in Kanada. Es war das Gleiche. Du schleppst es einfach mit.“

... link (2 Kommentare)   ... comment


<