Sonntag, 21. Juni 2009
Halt auf freier Strecke, Teil 8
Cornelia war geschafft. Sie warf sich den Schaukelstuhl, die Kanne mit dem Saft und ihren Roman griffbereit. Dabei wusste sie, dass sie jetzt nicht lesen würde. Sie liebte die Arbeit mit dem Kinderchor, aber noch mehr liebte sie die schrägen Wände ihrer Wohnung ... das Klavier, das Bücherregal der Oma, die Postkarten und Zettel, die überall an die Tapete geheftet waren. Es war schon richtig gewesen, sich diesen Zufluchtsort zu schaffen, die kleine Dachwohnung überm Gemeindehaus. Eigentlich nur für diese schlaffen Stunden nach der Arbeit, da war sie sich selbst genug und wollte niemand sehen. Sie sah an sich herunter, wie sie im Schaukelstuhl fläzte, mit den lustigen gestreiften Sommerhosen, die runden Zehen guckten aus den Sandalen, unter dem T-Shirt zu ahnen das Wogen der Brüste. Sie wusste, sie war schön, aber was nutzte ihr das? Die Verehrung von Mitprovinzlern war es nicht, was sie suchte. Warum überhaupt hatte sie letztes Jahr den Küsterjob hier in Wismar angenommen, warum war sie in die winzige Stadt ihrer Geburt zurückgekehrt? „Sicher nicht, weil Pfarrer Schröder so gebettelt hat.“ Cornelia musste lachen, als sie merkte, dass sie laut gesprochen hatte. Sie stand auf und streckte sich. Natürlich war es die Orgel, die große Silbermannorgel. Auf der man so leicht, beinahe nebenher spielen konnte wie damals zu Hause auf dem Flügel, wenn Eltern und Bruder nicht da waren. Hier aber füllte sie den ganzen gotischen Kirchenraum mit ihren Tönen, selbst noch mit den leisesten, verhuschtesten. Die Momente, wenn sie die kühlen Porzellanknöpfe der Register berührte und im Handumdrehen eine Welt sich änderte, erregten sie noch jetzt in der plötzlichen Erinnerung. Sie rannte raus, über die Straße zum Pfarrhaus, um sich die Schlüssel zu holen, um noch ein bisschen zu üben.
Als sie die Straße zum zweiten Mal überquerte, nun mit den riesigen Kirchenschlüsseln in der Hand, fühlte sie sich so stark, so eins mit der Welt. Die Abendsonne ließ die Westfassade von St. Georg aufleuchten, ein riesiges Rot. Cornelia lachte, als sie davor eine magere Yuppiefrau erblickte, die mit forschem Schritt einen blauen Rucksack über den Platz transportierte. So ein Leben war ihr also erspart geblieben. Fünf Minuten später erdröhnte St. Georg unter den ersten Orgeltönen.

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