Freitag, 17. Juli 2015
Als Ehrenamtlicher bei den Flüchtlingen, Teil 3: Die Konkurrenz von der Alster
Ein Schüler gab mir den Tipp: Wir waren ins Gespräch gekommen über die Flüchtlingsthematik. Er erzählte, dass er jetzt bei einer Flüchtlingsinitiative mitmacht, und die würden noch männliche Deutschlehrer suchen. Er gab mir die Visitenkarte der Chefin.
Hier traf ich nun auf ein ganz anderes Milieu. Denn diese Initiative stammt nicht aus einem kleinbürgerlichen Stadtteil wie unserem, sondern direkt von der Alster. Dort steht in bester Lage ein altes Kreiswehrersatzamt der Bundeswehr leer, und die Stadt hatte sich gewagt, dort Flüchtlinge unterbringen zu wollen. Sofort gab es Bürgerproteste, die natürlich nicht auf der Straße stattfanden wie im tumben Ostdeutschland, sondern juristische Mittel anwendeten und so tatsächlich einen vorübergehenden Baustopp erreichten. Aber auch die Gegenseite ist juristisch fundiert: Es gründete sich eine Flüchtlingsinitiative, um die zu erwartenden Menschen willkommen zu heißen, richtig mit Vereinsstruktur und Kassenwart, mit Vollversammlungen und Einzel-AGs und mit einer Rechtsanwältin an der Spitze.
Diese rief mich auf meine E-Mail hin auf dem Handy an (für mich Altmodischen bemerkenswert, da ich selten öfter als einmal die Woche einen Handy-Anruf bekomme - es war Glück, dass ich es dabei und eingeschaltet hatte). Ich kann ihren Tonfall, ihr Vokabular jetzt schlecht beschreiben, auch mich wirkte es fremd und yuppihaft ("das ist lieb"), also abstoßend und anziehend zugleich. Sie verwies mich an die Sprach-AG, zu deren nächsten Vorbereitungstreffen ich dann ging.
Ein Samstag an der Uni, oben im Philturm. Merkwürdig, wie vertraut mir alles vorkam nach über zwanzig Jahren. Auch das Treffen selbst in schönster Studentenatmosphäre, mit Befindlichkeitsübungen und sich mal richtig, grundsätzlich klarmachen, was wir hier untenehmen. Ein ziemlicher Gegensatz zu dem planlosen Rumgehühner zuvor in der Kirchengemeinde. Schön auch, dass dieses Studentische unter uns Alten funktionierte: Die Mehrheit war in der zweiten Lebenshälfte, nur drei - vier Leute von den ca. zwölfen eher noch in den Dreißigern, eine einzige konnte vom Alter her wirklich als studentisch gelten, und die war die konservativste, fand philosophisches Nachdenken überflüssig und die Vorstellung eher peinlich, vielleicht bald in direkte emotionale Beziehungen zu den Fremden zu geraten.
Mich störte eher, dass noch gar keine Flüchtlinge in Sicht waren, aufgrund des Baustopps. Eine der jüngeren Frauen versprach, sich auf die Suche nach solchen zu machen bei anderen Flüchtlingsinitiativen. Mit einem "Man wird sehen." ging die Gruppe am Nachmittag auseinander, ich hatte schon ein "Wieder nichts!" im Hinterkopf, schlenderte über den Uniflur gen Ausgang, als mir einfiel, dass es ja gar nicht 25 Jahre her ist, dass ich ja vor 8 - 9 Jahren nochmal hier gewesen bin, einer meiner vielen verspäteten Versuche, an einen Ort zurückzukehren, wo es mir mal gut gegangen war. Dass ich hier, auf diesem Flur, Herrn D. begegnet war, der mich damals so freundlich aufnahm und mit in seinen "Deutsch-für-Japaner"-Kurs aufnahm, von dem ich dann später wieder wegging, weil ich immer überall weggehe. Da stand ich auch schon vor seiner Tür - und las: "Die Universität Hamburg trauert um H. D. usw.“
Ich machte, dass ich fortkam. Und war froh, als nach ein paar Tagen eine E-Mail von der Flüchtlingssucherin kam, die mich wieder auf neue Gedanken brachte. Doch davon in der nächsten Folge (schreib ich aber erst nach meinen Ferien).

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Samstag, 11. Juli 2015
Als Ehrenamtlicher bei den Flüchtligen, Teil 2: Nachtrag
Gestern Schuljahresabschlussparty in der Klasse meines Sohnes, mit Eltern Ich trinke ein alkoholfreies Becks mit B., deren Tochter auch in die Klasse geht. Man könnte jetzt spotten, weil man den Typ Frau kennt: lange offene Haare, Leidensmiene, sozial engagiert, alleinerziehend mit zwei verschrobenen Töchtern. Aber ich mag die Frau und hab vor allem Respekt vor ihr: Sie organisiert die gesamte Kirchengemeinde, wohnt überm Kirchencafé ohne Feierabend und Privatsphäre, zur Klassenparty bringt sie den Gasgrill mit, bei den Linken im Stadtteil sitzt sie bei jeder Diskussionsrunde auf dem Podium, und als ein einziges Mal kurz ein Kontakt stattfand zwischen unserer Flüchtlingsorganisatorin und dem städtischen Betreuungsverein von der Erstaufnahme, dann deshalb, weil B. ihn vermittelt hatte. Jetzt fragt sie mich, warum ich denn nicht mehr mitmache bei ihnen. Und ich bin wieder zu höflich und sage nur dezent, dass das mit der Organisation wohl nicht so gutgeklappt hat und ich jetzt „bei der Konkurrenz“ bin. Aber die Kleiderkammer funktioniere ja wohl immer noch sehr gut. Ja ,schon, erwidert sie, aber das werde ja in Zusammenarbeit mit einem „freien Träger“ gemacht. Der mache das zwar organisatorisch recht gut, aber persönlich gebe es da doch einige Reibereien.
Fazit: Der Organisatorin gelingt die Organisation der Kleiderkammer auch nur, weil andere Leute das für sie tun. Ihr Anteil ist nur, für persönliche Reibereien zu sorgen. Ich glaube, ich muss B. doch einmal anrufen. Sie ist zu lieb: Sie reibt sich auf für wenig Geld, und dann holt sie noch Leute ins Boot, die für genauso viel Geld schlicht gar nichts tun und den Ablauf stören.

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Donnerstag, 2. Juli 2015
Als Ehrenamtlicher bei den Flüchtlingen, Teil 1
Dass ich seit einigen Jahren nicht mehr „Deutsch als Fremdsprache“ unterrichte, aus rein finanziellen Gründen, das hinterließ doch ein Gefühl der Leere in mir. Daher kam es mir ganz gelegen, als eines Tages der Gemeindebrief im Briefkasten lag und mitteilte, dass Deutsch Lehrende gesucht würden für ein Flüchtlingsprojekt im Stadtteil. Immerhin wusste ich, dass eine riesige Erstaufnahme sich in unserem Stadtteil befindet, irgendwo hinter der Autobahn. Hatte mich eh schonmal interessiert, wie es da so zugeht. Und außerdem fühlte es sich wesentlich besser an, gar kein Geld für seine Arbeit zu kriegen als so wenig wie damals bei den „gemeinnützigen“ GmbHs der Weiterbildungsmaloche.
Die Zuständige von der Gemeinde war echt nett, hatte eine herzliche Art und schmale, dunkle Augen zur Hakennase, die ihr etwas Zigeunerisches gaben. Sie verwaltete eine gut gehende Kleiderkammer, in der ein Überfluss an Kleidung an die Flüchtlinge verteilt wurde, die einmal in der Woche mit dem Bus herangeschafft wurden. Unter diesen Leuten warb sie einige für den Deutschkurs und die kamen auch, wenn auch in sehr unregelmäßiger Anzahl – so zwischen ein und acht Personen.
Aber irgendwie klappte gar nichts: Ich verstand mich nicht mit meinem Mit-Ehrenamtlichen, einem Lehramtsstudenten iranischer Herkunft, der den Unterricht knallhart autoritär durchführen wollte und damit vor allem die beiden Frauen verschreckte, die es tatsächlich gewagt hatten, sich zwischen wildfremde Männer in unseren Unterricht zu setzen. Sie sprangen ab – und zwei Wochen später auch mein Kollege. Ich machte allein weiter, dann fanden sich neue Unterstützer: zwei ehemalige Lehrinnen und ein Student, der etwas geheimnisvoll Diplomatisch-Militärisches studierte. Außerdem eine Rentnerin, ehemalige Inhaberin eines Naturkostladens im Hamburger Westen, das war die netteste. Aber einen Monat nach ihrem ersten Auftritt bei uns musste sie sich wegen eines Krankenhausaufenthalts abmelden, ein paar Wochen später erfuhren wir von ihrem Krebstod. So blieben wir vier. Dennoch reichte es nicht wirklich dazu, den Kurs an mehreren Tagen laufen zu lassen, was wiederum die Flüchtlinge enttäuschte.
Die Organisatorin akquirierte inzwischen eine studentische Praktikantin, die ihr einen Antrag auf Durchführung eines Integrationskurses schreiben sollte, damit wir Geld vom Innenministerium bekommen. Ich musste ihr erklären, dass ein zertifizierter Dozent (ich) noch lange nicht ausreicht, einen offiziellen Integrationskurs mit Einstufung, Fahrgeld, verschiedenen Niveaustufen und einer abschließenden Prüfung zu organisieren. Daraufhin verschwand die Studentin wieder, stattdessen kam ein Filmteam vom Hamburg-Journal, das einen lobenden Bericht über unsere Arbeit drehte.
Nur Flüchtlinge kamen bald keine mehr. Unsere treuesten Schüler bekamen nach und nach bessere Papiere und damit einen Platz in einem echten Integrationskurs – und um neue zu bekommen, hätte unsere Organisatorin mit den Mitarbeitern der Erstaufnahme in Kontakt treten müssen, was sie aber aus unerfindlichen emotionalen Gründen verweigerte. Ich weiß noch, wie ich einmal spontan und naiv mit einer der Lehrerinnen selbst dorthin ging, um vielleicht jemanden anzutreffen. Aber wir wurden vom Wachschutz nicht eingelassen, stattdessen bekamen wir den Hinweis, wir sollten mal besser aufpassen mit unserer Kleiderkammer: Die Flüchtlinge würden das meiste auf dem Flohmarkt weiterverkaufen. (Warum auch nicht, geschenkt ist geschenkt, meinte meine Frau abends dazu.)
Da die Kleiderkammer weiter florierte (es wurde unverdrossen weiter gespendet und weiter kamen die Busse mit den Abholern), zu unserem Kurs aber mehrfach nacheinander gar keiner mehr kam, spendierte die Stadt einen eigenen Container für die Kleidung, die das Gemeindehaus schon stark belastet hatten. Er wurde auf dem ehemaligen Gelände einer Gärtnerei aufgestellt. Die Organisatorin hatte die Idee, die Flüchtlinge dort direkt abzufangen und in dem ehemaligen Aufenthaltsraum der Gärtner zu unterrichten. Als ich mir das ansah, war es ein winziger ebenerdiger Schuppen, der stark muffig roch. Da begriff ich endlich und verabschiedete mich.
... und von der nächsten Flüchtlingsinitiative dann demnächst.

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Sonntag, 7. Juni 2015
Sind Verschwörungstheorien allergische Reaktionen?
Ich hege ja geheime Sympathie für Verschwörungstheorien und bin im Grund eher geneigt, sie zu verteidigen, ich sage zum Beispiel: Verschwörungstheorien entstehen einfach aus Mangel an Transparenz. Wo der durchschnittlich Interessierte keine Chance mehr hat, die Dinge zu verstehen, da wird er anfangen, sich aus den ihm vorliegenden lückenhaften Informationen eine Erklärung zusammenzubasteln. Und daher sind Politiker und Journalisten die letzten, die sich aufregen dürften über die wilden Thesen der politischen Laien. Denn sie selber sind es ja, die unzureichend informiert, die zu wenig recherchiert haben und die nun Mitschuld daran tragen, dass die Unkundigen unkundig bleiben und sich stümperhaftes Zeug zusammenreimen müssen.
Das ist natürlich nur eine Seite der Medaille. Denn es gibt natürlich Theorien, die nicht in erster Linie entstehen, weil der Betreffende es nicht wissen kann, sondern weil er es nicht wissen will. Da meint zum Beispiel einer auf blogger.de, in Deutschland ständen die Grünen kurz vor der Machtübernahme und der Installation eines totalitären Reiches, ein anderer verlinkt zu einem Korea-Experten, der uns erklärt, dass Nordkorea eigentlich ein ganz normales Land sei, wenn man es nur nicht zu sehr mit europäischen Augen betrachte. Auch von den „Reichsbürgern“ bleibt Bloggersdorf nicht verschont, den Leuten, die glauben, dass die Bundesrepublik gar nicht existiert und dass sich Deutschland immer noch in einem Kriegszustand befinde, der ungefähr dem Zustand in ihrer eigenen Seele entspricht. Und neulich erklärte sogar jemand allen Ernstes, sein ganz persönlicher Fremdenhass erkläre sich aus einer „a priori“ im Menschen angelegten Abneigung gegen alles Fremde.
Nun könnte man es sich einfach machen und behaupten, solche Äußerungen wären einfach ideologisch motivierte Täuschungsversuche, ein bewusstes Zurechtbiegen der Wirklichkeit zum Zwecke politischer Missionierung. In dem einen oder anderen Fall mag das auch stimmen. Meistens spüre ich in den abstrusen Aussagen aber ehrliches Entsetzen darüber, dass viele Menschen die Regeln des Grundgesetzes einhalten, die Grünen wählen oder sich gar mit dunkelhäutigen Menschen anfreunden. Das kommt mir dann vor wie eine Autoimmunerkrankung, eine allergische Reaktion des Geistes: Da hat jemand als kleines Kind schon nicht gelernt, sich mit fremden Meinungen, mit nicht genehmen Tatsachen, mit Täuschung und Betrug auseinanderzusetzen, und jetzt als Erwachsener setzt ihn die nicht mehr verdrängbare Erkenntnis in Panik, dass sehr viele Menschen anders denken als man selbst und dass auch diese Menschen ihre Interessen vertreten. Dann können harmlose Anlässe Wut und Angstattacken auslösen und man hält das 15%-Wahlergebnis des politischen Gegners für so etwas wie einen Staatsstreich. Oder man hat davon gehört, dass auch Wikipedia-Artikel nicht immer ganz wertfrei sind und nun traut man sch gar nicht mehr dort nachzuschlagen und zieht lieber „Die Achse des Guten“ zu Rate.
Ich verstehe das alles ziemlich gut, denn auch ich bin jenseits jeder Streitkultur großgeworden und die kommunikativen Fähigkeiten meiner westdeutschen Sozialkontakte ängstigen mich oft und machen mich bockig. Sonst würd ich ja auch nicht immer wieder auf den lächerlichen Seiten derer nachlesen, denen es auch so geht.

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Dienstag, 26. Mai 2015
Fundstück: Mein erster Mietvertrag
Ist mir beim Aufräumen in die Hände gefallen.



Ich erinnere mich noch, dass ich die leeren Flaschen des Vormieters weggebracht habe und damit eine halbe Monatsmiete bestreiten konnte. Und da die Firma es nicht schaffte, einen Zähler einzubauen, blieb auch der Strom kostenlos. Ich konnte eine "Ersatzheizung für Partygrill" den Tag über auf dem Blech vorm Ofen laufen lassen, damit es nicht so arg kalt war, wenn ich ich von der Arbeit kam. Eine Bruchbude wars dennoch.

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Sonntag, 12. April 2015
Aktuelle Nörgelei: Georg Elser allerorten
Am Donnerstag hatte ich frei, d.h. ich musste schon am Mittwochabend nichts mehr vorbereitend arbeiten und konnte mich gemütlich vor den Fernseher hocken und einen der vielen auf der Festplatte wartenden Filme wegglotzen. Als ich fertig war, geriet ich ins Fernsehprogramm (irgendein Drittes) und in eine Kultursendung und natürlich – Georg Elser. Was jeweils im Schwange ist, wird ja dann in allen Sendungen hoch und runter durchgenudelt.
Jedenfalls erklärte uns der Off-Kommentar, Elser sei ein „unpolitischer Pazifist“ gewesen. Passend dazu sah man den Elser-Darsteller heimatfilmmäßig durch ein Dorf wandern. Dann kam der Regisseur, Oliver Hirschbiegel (der, der den unsäglichen „Untergang“ verzapft hat und noch vorher „Das Experiment“), und erklärte, Elser sei als Widerstandskämpfer so wichtig gewesen wie Stauffenberg, eigentlich noch wichtiger, eigentlich „der einzige Widerstandskämpfer“.
Was sagt man dazu? Zuerst fiel mir dazu ein alter russisch-realsozialistischer Spruch ein: Da heben sie ihn auf einen Sockel, so hoch, dass man bloß noch seinen Arsch sehen kann. Dann dachte ich: Ja, vielleicht ist es wie beim „Untergang“, der Hitler aus Sicht seines Gefolges dämonisiert. Wenn Hitler der Böse an sich ist, dann hat er nichts mit uns zu tun. Dann können wir gar nichts dafür, das war halt Schicksal. Und wenn Georg Elser der über allen schwebende Held ist, wenn er der einzige Mensch in ganz Deutschland war, dem dieser Hitler ein Graus war, dann sind wir auch unschuldig. Es wäre ja übermenschlich (so übermenschlich wie Elser) gewesen, irgendwie seinen Verstand zu benutzen. Wir sind halt schwach und verführbar, wir Menschen.
Man könnte natürlich auch verschwörungstheoretisch denken: Dass die ganze Heiligenverehrung dazu dient zu vertuschen, dass Elser Kommunist war – ja, schlimmer noch, dass er als Kommunist nicht auf Moskauer Befehl, sondern aus eigenem Ethos handelte. Dass es vielleicht noch andere Menschen wie ihn gab in Deutschland.
Wahrscheinlicher ist aber, dass man sich so viel Gedanken gar nicht gemacht hat. Es braucht halt neuen Stoff: Hitler ist abgefrühstückt, Stauffenberg auch, die „Weiße Rose“ sowieso, jetzt ist eben Elser dran. Hauptsache Heimatfilm, Hauptsache Dreißiger-Jahre-Look.

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Samstag, 14. Februar 2015
Back to Banalität
Als letzten Herbst das leidige Weihnachten nahte, glaubte ich eine gute Idee zu haben: Ich legte eine Bücherliste an und ließ mich daraus beschenken. Fühlte sich im ersten Augenblick gut an. Ich hatte zu Jahresbeginn einen Stapel Bücher da liegen und stöberte nach, mit welchem ich beginne.
Sprachlich am schönsten war „Wolkenfern“ von Joanna Bator. Das nahm ich mir zuerst vor und legte mich genüsslich rein in die ihre poetisch funkelnden Boshaftigkeiten. Erst nach hundert Seiten dämmerte mir, dass da so eine lesbisch wirkende Ideologie dahintersteckt, die den Männern als solchen die Alleinschuld für alles und insbesondere die Irrungen der deutschen Geschichte vor 1945 zuschiebt. Das schmälerte meine Begeisterung dann doch und bald blieb ich stecken.
Das nächste Buch auf dem Stapel war „Das Ende der Arbeiterklasse“ (herrlicher Titel) von Aurélie Filippetti. Ich hatte irgendwann beim Autofahren im Deutschlandfunk daraus vorlesen gehört und wusste, dass es wunderbar pathetisch ist. Beim Lesen ging mir das aber schnell auf die Nerven. Das leicht Überzogenene an dem Pathos mochte ich zwar. Aber leider war es gar nicht so überzogen und leicht schon gar nicht, eher von marxistisch-machohafter Schwerfälligkeit: überall geschichtliche Katastrophen und finstere kapitalistische Mächte, nirgends Lebendigkeit, stattdessen Terror, Kampf und vorzugsweise bittere Niederlagen.
Nee, dann doch lieber das nächste probieren: „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche. Das klappte ich aber am schnellsten wieder zu, maßlos enttäuscht darüber, dass es sich bei diesem historischen Roman, der im 19. Jahrhundert auf der Pfaueninsel spielt, tatsächlich um einen gepflegten historischen Roman aus dem Milieu des preußischen Königshofes handelt. Wie hatte ich auch auf die Idee kommen können, nur weil die Pfaueninsel ein wunderschöner Ort ist, dass ich in einem Buch über die Pfaueninsel von dem üblichen Historienkram verschont bleibe?!
Zum Glück kam dann mein Freund T. mit dem neuen Sven Regener daher, den er grad ausgelesen hat, und der ist wirklich schön. Regener nörgelt ebenso umher wie Joanna Bator, wesentlich banaler sogar, aber eben unbekümmert alltäglich und sehr nah dran an dem Leben, das wir nunmal alle leben. Da fühlt man sich zu Hause bei sich selbst (wenn z. B. der Nutzen von Esoterik, den ich meinen Freunden auch hier so oft vergeblich zu erklären suche, in anderthalb Sätzen auf den Punkt gebracht wird).
Schön auch die Beobachtung, wie die Karl Schmidts und Frank Lehmanns vor 1989 in Schwarz-Weiß, wie die Helden in einem Schwarz-Weiß-Film, gelebt haben. Kann ich nur bestätigen. War auf der Ost-Seite auch so. Nicht umsonst schmunzeln T. und ich gern über die Gleichartigkeit von „Sonnenallee“ und „Herr Lehmann“, wobei ich die natürlich „Sonnenallee“ etwas erheiternder finde, er als Wessi „Herr Lehmann“. Also jedenfalls jetzt, was die Filme betrifft (dass der Roman „Herr Lehmann“ besser ist als „Am anderen Ende der Sonnenallee“, das dürfte klar sein).
Also: diese schwarz-weißen 80er. Was Ost und West dabei unterscheidet, ist, dass es bei uns (bei mir jedenfalls) deprimäßiger zuging. Dass man sich mit dem echten Konflikten ausweichenden Jugend-Schluri-Leben nicht als Held fühlte, sondern so albern, wie man war. Auch bei uns wurde diese furchtbare schlumheimerische Installationskunst à la Eimer auf Stuhl fabriziert, wurden diese affig poesielosen Gedichte im Sascha-Anderson-Stil verfasst. Nur fand ich das damals schon blöd, während hier Fluxus immer noch in Ehren ist.
Einfach arbeiten gehen ist doch da das mindeste, was man besser machen kann, für mich jedenfalls fühlt sich das so an. Und ich habe den Eindruck, Karl Schmidt sieht das ähnlich.

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Mittwoch, 4. Februar 2015
Ganz komische Geschichte
Da habe ich eine ganz komische Geschichte erlebt, ich schreib sie jetzt erst auf, da ich Ewigkeiten brauchte mal nachzufragen.
Also, Sie wissen ja, dass ich mich für diese NSU-Geschichte interessiere. Letzten Herbst gab es einen Vortrag eines Journalisten, Thomas Moser, zu dem Thema, veranstaltet von der evangelischen Kirche. Ich ging hin und war sehr verwundert, dass ich am Eingang von einer älteren Frau aufgefordert wurde, mich mit Namen und Adresse in eine Liste einzutragen. Fand ich schon ungewöhnlich bei einem öffentlichen Vortrag und lehnte ab. Kurz darauf kam die Frau nochmal bettelnd auf mich: Man brauche diese Namensliste unbedingt, um staatliche Fördergelder zu erhalten, für die die Teilnehmer nachgewiesen werden müssten. Ob ich nicht wenigstens meinen Namen nennen wolle. Da tat ich es. Na ja.
Der Vortrag war übrigens sehr gut: solide und genau, jenseits jeder Aufbauschung oder Verharmlosung, einfach informativ. Man erfuhr auch so interessante Kleinigkeiten, z.B. dass die Landeszentrale für Politische Bildung auf der letzten Du-und-deine-Welt-Messe einen gemeinsamen Stand mit dem Verfassungsschutz hatte. Was ja in Hinsicht auf demokratische Regeln gar nicht geht. In der abschließenden Diskussion warb jemand von der Gewerkschaft für eine Veranstaltung einen Monat später, bei der es um einen eventuellen Untersuchungsausschuss zur missglückten Aufklärung des Hamburger NSU-Mordes gehen sollte.
Da ging ich auch hin. Es war im Besenbinderhof (schon für meinen Großvater vor hundert Jahren eine wichtige Adresse, als er als ganz junger Mann einige Zeit bei Blohm&Voss arbeitete). Das Komische: Auch da trat die Frau wieder auf: In der Pause ging sie rum und sammelte Unterschriften für ein Volksbegehren für ein HVV-Sozialticket für Rentner. Natürlich unterschrieb ich nicht, war aber auch nicht locker genug, sie auf unsere vorige Begegnung anzusprechen.
Stattdessen rief ich bei der Kirche an und fragte, ob das denn seine rechte Bewandtnis habe mit der Namensliste. Ja, erhielt ich zur Antwort, die Landeszentrale für Politische Bildung verlange das, damit sie die Sache fördert. Ach, dachte ich, also die Leute, die auf der Messe mit dem Verfassungsschutz ... und in den Förderrichtlinien der Landeszentrale, die man auf www.hamburg.de nachlesen kann, steht auch nichts von Adresslisten. Also rief ich bei der Landeszentrale selbst an. Die Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit hatte ich zuerst dran, die wusste nichts von diesem Prozedere, zeigte sich erstaunt, da man ja zum Teilnehmerzählen nicht unbedingt Adressen braucht. Aber sie gab mich weiter an den verantwortlichen Mitarbeiter für Förderungen. Ja, das stimmt, sagte der. Was mit den Listen geschehe? „Machen Sie sich keine Sorgen.“ Und dann hub er zu einer Erklärung an, die ich aber nicht verstand, da das Telefonat für 10-15 sec ganz merkwürdig unterbrochen wurde, es klang als würde man auf dem MP3-Player fastforward drücken. Als die Verbindung wieder klar war – er selbst hatte nichts von der Störung bemerkt, wie er versicherte, fragte ich nach: Ob die Listen archiviert würden? Ja. Ob sie denn nicht vernichtet würden? Doch, nach gegebener Zeit schon. „Aber wissen Sie, wenn jetzt der Rechnungshof nachprüft, da müssen wir doch beweisen können ... aber wie gesagt, machen Sie sich keine Sorgen, die Listen verlassen nicht das Haus, sie kommen nicht an die Öffentlichkeit.“ Aha.
Soll ich jetzt den Rechnungshof anrufen? Oder lieber weiter meinen Verdächten frönen? Was meinen Sie?

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Mittwoch, 21. Januar 2015
Hamburg wählt Blau
Kaum hat der wochenlange Regen mal kurz ausgesetzt und die Sonne kommt hervor, schon sprießen wieder überall in Hamburg die Wahlplakate. Und die sind nach dem Erfolg bei der Fußballweltmeisterschaft, als überall in der Stadt so lächerliche blaue Tore aufgestellt wurden, ganz auf die Farbe Blau eingestimmt.
Es gibt die Volksmeinung in Dunkelblau für die eher Wirtschaftsliberalen

und in Hellblau für die die Befürworter von Staatsdirigismus

und wer gegen alles ist, kann auch auch Dunkelblau und Hellblau gleichzeitig wählen - bei der AFD

Gegen diesen mainstream der Saturierten hat natürlich die Linke mit ihren Wahlplakaten im Stil realsozialistischer Presseerzeugnisse keine Chance

ganz zu schweigen von den siffig braun-orangen Statements der Piraten

Allenfalls die Grünen mit ihrem satten Grün (von dem mir auf meinem Arbeitsweg jetzt kein gutes Beispiel zum Abfotografieren begegnete), sind saturiert genug, dieser bürgerlichen Selbstgefälligkeit etwas Entsprechendes entgegenzusetzen.
Anderererseits: Wahlplakate sind immer das Dümmste der jeweiligen Parteien: Letzte Woche war ich auf einer Wahlkampfveranstaltung der Grünen (zum Thema Ernährung) und musste zugeben, dass ganz unabhängig von der ätzenden Ausstrahlung des Spitzenkandidaten Kerstan ein offensichtlich lebendiges und kluges Wahlvolk der Grünen vorhanden ist (und mit dem Gaststar Robert Habeck war auch ein authentisch wirkender grüner Funktionär an Ort und Stelle). Aber das ist eine andere Geschichte.

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Dienstag, 20. Januar 2015
Wasserstandsmeldung
Minus 800! Und das zehn Tage, bevor die Gehälter kommen! Mir war ja klar, dass es knapp wird, jetzt im berühmten Januarloch. Aber so schlimm? Warum schaffen wir es nie? Ich hatte ja in meinem Leben schonmal wenig Geld, sehr wenig Geld und auch mal gar kein Geld, jetzt ist es "einigermaßen" - das Problem bleibt das gleiche, ganz unabhängig vom monatlichen Limit: Es reicht nie!
Die Familien Quandt, Albrecht und Oetker werden mir sicher zustimmen.

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