Sonntag, 12. April 2015
Aktuelle Nörgelei: Georg Elser allerorten
Am Donnerstag hatte ich frei, d.h. ich musste schon am Mittwochabend nichts mehr vorbereitend arbeiten und konnte mich gemütlich vor den Fernseher hocken und einen der vielen auf der Festplatte wartenden Filme wegglotzen. Als ich fertig war, geriet ich ins Fernsehprogramm (irgendein Drittes) und in eine Kultursendung und natürlich – Georg Elser. Was jeweils im Schwange ist, wird ja dann in allen Sendungen hoch und runter durchgenudelt.
Jedenfalls erklärte uns der Off-Kommentar, Elser sei ein „unpolitischer Pazifist“ gewesen. Passend dazu sah man den Elser-Darsteller heimatfilmmäßig durch ein Dorf wandern. Dann kam der Regisseur, Oliver Hirschbiegel (der, der den unsäglichen „Untergang“ verzapft hat und noch vorher „Das Experiment“), und erklärte, Elser sei als Widerstandskämpfer so wichtig gewesen wie Stauffenberg, eigentlich noch wichtiger, eigentlich „der einzige Widerstandskämpfer“.
Was sagt man dazu? Zuerst fiel mir dazu ein alter russisch-realsozialistischer Spruch ein: Da heben sie ihn auf einen Sockel, so hoch, dass man bloß noch seinen Arsch sehen kann. Dann dachte ich: Ja, vielleicht ist es wie beim „Untergang“, der Hitler aus Sicht seines Gefolges dämonisiert. Wenn Hitler der Böse an sich ist, dann hat er nichts mit uns zu tun. Dann können wir gar nichts dafür, das war halt Schicksal. Und wenn Georg Elser der über allen schwebende Held ist, wenn er der einzige Mensch in ganz Deutschland war, dem dieser Hitler ein Graus war, dann sind wir auch unschuldig. Es wäre ja übermenschlich (so übermenschlich wie Elser) gewesen, irgendwie seinen Verstand zu benutzen. Wir sind halt schwach und verführbar, wir Menschen.
Man könnte natürlich auch verschwörungstheoretisch denken: Dass die ganze Heiligenverehrung dazu dient zu vertuschen, dass Elser Kommunist war – ja, schlimmer noch, dass er als Kommunist nicht auf Moskauer Befehl, sondern aus eigenem Ethos handelte. Dass es vielleicht noch andere Menschen wie ihn gab in Deutschland.
Wahrscheinlicher ist aber, dass man sich so viel Gedanken gar nicht gemacht hat. Es braucht halt neuen Stoff: Hitler ist abgefrühstückt, Stauffenberg auch, die „Weiße Rose“ sowieso, jetzt ist eben Elser dran. Hauptsache Heimatfilm, Hauptsache Dreißiger-Jahre-Look.

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Samstag, 14. Februar 2015
Back to Banalität
Als letzten Herbst das leidige Weihnachten nahte, glaubte ich eine gute Idee zu haben: Ich legte eine Bücherliste an und ließ mich daraus beschenken. Fühlte sich im ersten Augenblick gut an. Ich hatte zu Jahresbeginn einen Stapel Bücher da liegen und stöberte nach, mit welchem ich beginne.
Sprachlich am schönsten war „Wolkenfern“ von Joanna Bator. Das nahm ich mir zuerst vor und legte mich genüsslich rein in die ihre poetisch funkelnden Boshaftigkeiten. Erst nach hundert Seiten dämmerte mir, dass da so eine lesbisch wirkende Ideologie dahintersteckt, die den Männern als solchen die Alleinschuld für alles und insbesondere die Irrungen der deutschen Geschichte vor 1945 zuschiebt. Das schmälerte meine Begeisterung dann doch und bald blieb ich stecken.
Das nächste Buch auf dem Stapel war „Das Ende der Arbeiterklasse“ (herrlicher Titel) von Aurélie Filippetti. Ich hatte irgendwann beim Autofahren im Deutschlandfunk daraus vorlesen gehört und wusste, dass es wunderbar pathetisch ist. Beim Lesen ging mir das aber schnell auf die Nerven. Das leicht Überzogenene an dem Pathos mochte ich zwar. Aber leider war es gar nicht so überzogen und leicht schon gar nicht, eher von marxistisch-machohafter Schwerfälligkeit: überall geschichtliche Katastrophen und finstere kapitalistische Mächte, nirgends Lebendigkeit, stattdessen Terror, Kampf und vorzugsweise bittere Niederlagen.
Nee, dann doch lieber das nächste probieren: „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche. Das klappte ich aber am schnellsten wieder zu, maßlos enttäuscht darüber, dass es sich bei diesem historischen Roman, der im 19. Jahrhundert auf der Pfaueninsel spielt, tatsächlich um einen gepflegten historischen Roman aus dem Milieu des preußischen Königshofes handelt. Wie hatte ich auch auf die Idee kommen können, nur weil die Pfaueninsel ein wunderschöner Ort ist, dass ich in einem Buch über die Pfaueninsel von dem üblichen Historienkram verschont bleibe?!
Zum Glück kam dann mein Freund T. mit dem neuen Sven Regener daher, den er grad ausgelesen hat, und der ist wirklich schön. Regener nörgelt ebenso umher wie Joanna Bator, wesentlich banaler sogar, aber eben unbekümmert alltäglich und sehr nah dran an dem Leben, das wir nunmal alle leben. Da fühlt man sich zu Hause bei sich selbst (wenn z. B. der Nutzen von Esoterik, den ich meinen Freunden auch hier so oft vergeblich zu erklären suche, in anderthalb Sätzen auf den Punkt gebracht wird).
Schön auch die Beobachtung, wie die Karl Schmidts und Frank Lehmanns vor 1989 in Schwarz-Weiß, wie die Helden in einem Schwarz-Weiß-Film, gelebt haben. Kann ich nur bestätigen. War auf der Ost-Seite auch so. Nicht umsonst schmunzeln T. und ich gern über die Gleichartigkeit von „Sonnenallee“ und „Herr Lehmann“, wobei ich die natürlich „Sonnenallee“ etwas erheiternder finde, er als Wessi „Herr Lehmann“. Also jedenfalls jetzt, was die Filme betrifft (dass der Roman „Herr Lehmann“ besser ist als „Am anderen Ende der Sonnenallee“, das dürfte klar sein).
Also: diese schwarz-weißen 80er. Was Ost und West dabei unterscheidet, ist, dass es bei uns (bei mir jedenfalls) deprimäßiger zuging. Dass man sich mit dem echten Konflikten ausweichenden Jugend-Schluri-Leben nicht als Held fühlte, sondern so albern, wie man war. Auch bei uns wurde diese furchtbare schlumheimerische Installationskunst à la Eimer auf Stuhl fabriziert, wurden diese affig poesielosen Gedichte im Sascha-Anderson-Stil verfasst. Nur fand ich das damals schon blöd, während hier Fluxus immer noch in Ehren ist.
Einfach arbeiten gehen ist doch da das mindeste, was man besser machen kann, für mich jedenfalls fühlt sich das so an. Und ich habe den Eindruck, Karl Schmidt sieht das ähnlich.

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Mittwoch, 4. Februar 2015
Ganz komische Geschichte
Da habe ich eine ganz komische Geschichte erlebt, ich schreib sie jetzt erst auf, da ich Ewigkeiten brauchte mal nachzufragen.
Also, Sie wissen ja, dass ich mich für diese NSU-Geschichte interessiere. Letzten Herbst gab es einen Vortrag eines Journalisten, Thomas Moser, zu dem Thema, veranstaltet von der evangelischen Kirche. Ich ging hin und war sehr verwundert, dass ich am Eingang von einer älteren Frau aufgefordert wurde, mich mit Namen und Adresse in eine Liste einzutragen. Fand ich schon ungewöhnlich bei einem öffentlichen Vortrag und lehnte ab. Kurz darauf kam die Frau nochmal bettelnd auf mich: Man brauche diese Namensliste unbedingt, um staatliche Fördergelder zu erhalten, für die die Teilnehmer nachgewiesen werden müssten. Ob ich nicht wenigstens meinen Namen nennen wolle. Da tat ich es. Na ja.
Der Vortrag war übrigens sehr gut: solide und genau, jenseits jeder Aufbauschung oder Verharmlosung, einfach informativ. Man erfuhr auch so interessante Kleinigkeiten, z.B. dass die Landeszentrale für Politische Bildung auf der letzten Du-und-deine-Welt-Messe einen gemeinsamen Stand mit dem Verfassungsschutz hatte. Was ja in Hinsicht auf demokratische Regeln gar nicht geht. In der abschließenden Diskussion warb jemand von der Gewerkschaft für eine Veranstaltung einen Monat später, bei der es um einen eventuellen Untersuchungsausschuss zur missglückten Aufklärung des Hamburger NSU-Mordes gehen sollte.
Da ging ich auch hin. Es war im Besenbinderhof (schon für meinen Großvater vor hundert Jahren eine wichtige Adresse, als er als ganz junger Mann einige Zeit bei Blohm&Voss arbeitete). Das Komische: Auch da trat die Frau wieder auf: In der Pause ging sie rum und sammelte Unterschriften für ein Volksbegehren für ein HVV-Sozialticket für Rentner. Natürlich unterschrieb ich nicht, war aber auch nicht locker genug, sie auf unsere vorige Begegnung anzusprechen.
Stattdessen rief ich bei der Kirche an und fragte, ob das denn seine rechte Bewandtnis habe mit der Namensliste. Ja, erhielt ich zur Antwort, die Landeszentrale für Politische Bildung verlange das, damit sie die Sache fördert. Ach, dachte ich, also die Leute, die auf der Messe mit dem Verfassungsschutz ... und in den Förderrichtlinien der Landeszentrale, die man auf www.hamburg.de nachlesen kann, steht auch nichts von Adresslisten. Also rief ich bei der Landeszentrale selbst an. Die Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit hatte ich zuerst dran, die wusste nichts von diesem Prozedere, zeigte sich erstaunt, da man ja zum Teilnehmerzählen nicht unbedingt Adressen braucht. Aber sie gab mich weiter an den verantwortlichen Mitarbeiter für Förderungen. Ja, das stimmt, sagte der. Was mit den Listen geschehe? „Machen Sie sich keine Sorgen.“ Und dann hub er zu einer Erklärung an, die ich aber nicht verstand, da das Telefonat für 10-15 sec ganz merkwürdig unterbrochen wurde, es klang als würde man auf dem MP3-Player fastforward drücken. Als die Verbindung wieder klar war – er selbst hatte nichts von der Störung bemerkt, wie er versicherte, fragte ich nach: Ob die Listen archiviert würden? Ja. Ob sie denn nicht vernichtet würden? Doch, nach gegebener Zeit schon. „Aber wissen Sie, wenn jetzt der Rechnungshof nachprüft, da müssen wir doch beweisen können ... aber wie gesagt, machen Sie sich keine Sorgen, die Listen verlassen nicht das Haus, sie kommen nicht an die Öffentlichkeit.“ Aha.
Soll ich jetzt den Rechnungshof anrufen? Oder lieber weiter meinen Verdächten frönen? Was meinen Sie?

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Mittwoch, 21. Januar 2015
Hamburg wählt Blau
Kaum hat der wochenlange Regen mal kurz ausgesetzt und die Sonne kommt hervor, schon sprießen wieder überall in Hamburg die Wahlplakate. Und die sind nach dem Erfolg bei der Fußballweltmeisterschaft, als überall in der Stadt so lächerliche blaue Tore aufgestellt wurden, ganz auf die Farbe Blau eingestimmt.
Es gibt die Volksmeinung in Dunkelblau für die eher Wirtschaftsliberalen

und in Hellblau für die die Befürworter von Staatsdirigismus

und wer gegen alles ist, kann auch auch Dunkelblau und Hellblau gleichzeitig wählen - bei der AFD

Gegen diesen mainstream der Saturierten hat natürlich die Linke mit ihren Wahlplakaten im Stil realsozialistischer Presseerzeugnisse keine Chance

ganz zu schweigen von den siffig braun-orangen Statements der Piraten

Allenfalls die Grünen mit ihrem satten Grün (von dem mir auf meinem Arbeitsweg jetzt kein gutes Beispiel zum Abfotografieren begegnete), sind saturiert genug, dieser bürgerlichen Selbstgefälligkeit etwas Entsprechendes entgegenzusetzen.
Anderererseits: Wahlplakate sind immer das Dümmste der jeweiligen Parteien: Letzte Woche war ich auf einer Wahlkampfveranstaltung der Grünen (zum Thema Ernährung) und musste zugeben, dass ganz unabhängig von der ätzenden Ausstrahlung des Spitzenkandidaten Kerstan ein offensichtlich lebendiges und kluges Wahlvolk der Grünen vorhanden ist (und mit dem Gaststar Robert Habeck war auch ein authentisch wirkender grüner Funktionär an Ort und Stelle). Aber das ist eine andere Geschichte.

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Dienstag, 20. Januar 2015
Wasserstandsmeldung
Minus 800! Und das zehn Tage, bevor die Gehälter kommen! Mir war ja klar, dass es knapp wird, jetzt im berühmten Januarloch. Aber so schlimm? Warum schaffen wir es nie? Ich hatte ja in meinem Leben schonmal wenig Geld, sehr wenig Geld und auch mal gar kein Geld, jetzt ist es "einigermaßen" - das Problem bleibt das gleiche, ganz unabhängig vom monatlichen Limit: Es reicht nie!
Die Familien Quandt, Albrecht und Oetker werden mir sicher zustimmen.

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Donnerstag, 11. Dezember 2014
Ausreise in die Mündigkeit: „Westen“ von Christian Schwochow
Nach allem Gemecker über "Bornholmer Straße" und „Novemberkind“ habe ich nun einen richtig guten Schwochow-Film gesehen: „Westen“. Eigentlich wollte ich ja das Drehbuch lesen, da ich es so verrückt fand, dass es sowas im Netz gibt, wie arboretum verriet. Aber dann hab ich mir s doch mit einem Wein vorm Fernseher bequem gemacht.
Ästhetisch machte der Film erstmal nicht so viel her, was auf mich dann besonders stark wirkte, denn nach der Optik der ersten Minuten erwartete ich einen der üblichen DDR-Aufarbeitungsfilme und war dann umso überraschter, als ich hier in eine Geschichte verwickelt wurde, die es wirklich in sich hat.
Die Hauptfigur, Nelly, reist nach dem Tod ihres Mannes mit ihrem Sohn in den Westen aus, per Scheinheirat. Dort, im Notaufnahmelager, nimmt sie der amerikanische Geheimdienst in die Mangel, denn ihr verstorbener Mann war, wie sie nun erfährt, ein Doppelagent, und man vermutet, dass sein Tod nur fingiert war. Nelly lässt sich auf eine kurze Affäre mit dem amerikanischen Geheimdienstmann ein, wohl auch, um mehr, Genaueres zu erfahren. Aber der scheint gar nicht mehr zu wissen, warnt sie nur vor möglichen Stasi-Spitzeln in ihrem persönlichen Umfeld. Daraufhin fällt Nellys Verdacht auf Hans, einen ehemaligen DDR-Häftling, den sie im Lager kennen gelernt hat und der im Begriff ist, sich mit ihrem Sohn und ihr anzufreunden. Am Ende verlassen Nelly und ihr Sohn das Lager und damit die Zone der gegenseitigen Verdächtigungen. Sie ziehen in die Wohnung, die Hans ausfindig gemacht hat, und lassen diesen dort auch ein, als er zu Weihnachten klingelt.
In „Westen“ werden neben Deutsch zwei weitere Sprachen oft gesprochen: russisch und amerikanisches Englisch. Und tatsächlich bestimmt die Grundstruktur des Kalten Krieges auch diese Geschichte. Die Hauptfigur Nelly weiß es anfangs nur noch nicht. Sie muss erst in den „Westen“ gehen, um ihr bisheriges DDR-Leben nachträglich zu begreifen. Wie wahr!
Am Beginn ist Nelly naiv. Ihr Mann, der Russe, ist geheimnisvoll und zärtlich, und pflegt in Abständen immer wieder zu verschwinden. Nelly bewundert das. Als der Mann dann irgendwann für immer wegbleibt, hält es auch sie nicht mehr in der DDR, und prompt begegnet sie dem westlichen Spiegelbild ihres schönen Russen, dem schönen Amerikaner, einem attraktiven Schwarzen. Neben diesem wirken der westdeutsche Geheimdienstler und überhaupt die ganzen westdeutschen Lagerverwalter piefig, beinahe fies in ihrer subalternen Art. Nicht anders als die Subalternen in der DDR, die auch nicht mehr zu ertragen waren, nachdem Nelly ihren Mann, ihren Kontakt ins Internationale und nach Moskau, verloren hatte.
Das Leuchten, das erste Glücksgefühl, endlich im Westen und entronnen zu sein, vergeht schnell. Nelly und ihr Sohn Alexej schließen sich einer deutsch-russischen Familie an, die vital die Möglichkeiten des Westens nutzt. Später entsteht der Kontakt zu Hans, dem DDR-Oppositionellen, dem verkorksten Charakter, dem der Absprung aus dem Lager in die westdeutsche Wirklichkeit nicht gelingen will. Mich hat dieser Erzählstrang besonders bewegt: Denn es ist ja der kleine Alexej, der Vaterlose und Verlorene, der in dem seelisch zerstörten Hans eine gleichgesinnte Seele und einen Vaterersatz erkennt und ihn zu sich heranzieht, während die Mutter Nelly, frisch vom Rendevous mit dem Amerikaner kommend, in ihm vor allem einen Stasi-Spitzel sieht.
Am Ende kulminiert der Konflikt darin, dass die Lagerinsassen, dominiert von den Russen, Hans verprügeln und demütigen. Alexej nimmt Partei für Hans. Nelly ist sich unschlüssig.
Doch dann – die Russen sind inzwischen auch aus dem Lager ausgezogen – nimmt sie Hans‘ Vorschlag an und mietet die Wohnung, die Hans für sie gefunden hat. Es ist Weihnachten und Alexej und sie sind glücklich. Der Film endet damit, dass Hans, der mit dem deutschesten aller Namen, klingelt, und es scheint, dass ihm aufgetan wird.
In dem Interview zum Film betont die Drehbuchautorin Heide Schwochow, dass es ihr wichtig war, nicht aufzulösen, ob Hans nun ein Spitzel war oder nicht. Emotional und was die Filmlogik betrifft, ist er es nicht. Keine seiner Verhaltensweisen im Film ist auffällig verdächtig. Einzig sein Charakter, sein Gebrochensein, sei Loser-Zynismus könnten in diese Richtung deuten. Aber das ist sehr vage: Durch Diktaturen Gebrochene eignen sich gut zu Spitzeln (Sascha Anderson), vielleicht sind sie aber einfach nur gebrochen (Jürgen Fuchs). Vielleicht müssen sie sich zwischen beidem entscheiden („Der Kuss der Spinnenfrau“).
Letztendlich ruft der Film dazu auf, einen Schlussstrich zu ziehen unter die Logik des Kalten Krieges. Deutlich wird das an der ergreifenden Geschichte des Kindes. Der Kalte Krieg nahm ihm den Vater, der Kalte Krieg konfrontierte ihn mit der Verachtung durch die Westdeutschen, die Erfüllungsgehilfen der Amerikaner. Nur Hans, der mit dem einheimischen Schicksal, kann ihm ein Vater sein. Und wenn es zu diesem Schicksal gehören sollte, in Stasi-Fiesheiten verstrickt gewesen zu sein – nun, dann war es so. Das lese ich aus dem Film. Und bin nicht sicher, ob ich es unterschreibe. Aber wahrscheinlich schon.

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Montag, 24. November 2014
Aus dem Leben meiner Schüler: Freiwilliger Arier-Nachweis
Einer meiner Schüler – er stammt klischeehafterwiese aus der ostdeutschen Provinz – hatte neulich schon Aufsehen erregt, da er sich als begeisterter Anhänger der schwachsinnigen Reichsbürgeridee outete. Jetzt haben ihm seine rechten Freunde wohl einen neuen Blödsinn eingeflüstert: Der Vermerk „deutsch“ im Pass reiche nicht aus, um ihn juristisch sattelfest als wahrhaften Deutschen auszuweisen. Er ist mit Herkunftsnachweisen zu den Behörden gegangen, wurde zu seiner Enttäuschung an die Ausländerbehörde verwiesen (wo er doch Deutscher ist!) und hat dort für 25 Euro einen Schrieb erhalten, der ihm sein Deutschsein ausreichend nachweist. Wohin einen doch verbohrter Nationalismus bringen kann!
Allerdings gibt es diesen natürlich auch auf der anderen Seite des Behördentresens : Ein anderer Schüler (er trägt einen etwas osteuropäisch klingenden Nachnamen) erzählte in diesem Zusammenhang von der Auseinandersetzung mit einem Beamten des Ortsamtes, der blöde Bemerkungen über seine vermeintlich erschlichene deutsche Staatsangehörigkeit machte.
So oder so: Die Rechten lieben offenbar Pässe und gestempelte Bescheinigungen, misstrauen dem Gegenüber und der eigenen Identität.

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Freitag, 7. November 2014
Kürzestrezension: „Bornholmer Straße“
Ich weiß nicht, ob Sie das gesehen haben (ich als bekennender Ossi musste natürlich): „Bornholmer Straße“ von Christian, Heide und Rainer Schwochow in der ARD. Um mein Urteil vorweg zu nehmen: Das war ganz okay, regte keinen auf, war aber völlig verzichtbar – ein glattes, witziges Stricken an einem Mythos, den man sich getrost um 20.15 Uhr ansehen kann, der keinem weh und jedem wohltut und jegliche ernsthaften Konflikte außen vor lässt.
Wie kommt sowas zustande? Ganz einfach: Heide Schwochow hat in der DDR erst Pädagogik, dann Philosophie studiert („ein Studium, das in diesem Land kein Studium, sondern eine Gehirnwäsche war“, wie Martin Ahrends richtig bemerkte), bevor sie zum Rundfunk der DDR ging, also dem so ziemlich einzigen staatsnahen Bereich in der DDR, wo es nicht völlig doof zuging. Dort lernte sie Rainer Schwochow kennen, der nach einer gescheiterten Republikflucht zwar nicht wie üblich inhaftiert wurde, aber einige Jahre „Bewährung in der Praxis“ als Hilfsarbeiter absolvieren musste, ehe er ebenfalls beim Rundfunk unterkriechen konnte. Die beiden, die abtrünnige Funktionärin und der reuige Sünder, heirateten und gründeten eine Familie. Ihr Sohn Christian Schwochow verfilmt jetzt ihre Drehbücher.
Was für eine Familienverstrickung! Das ist ja klar, was dabei rauskommt! (Wenn meine Frau, in der DDR Ausreisekandidatin, und ich, damals Elitestudent, unsere Erinnerungen zusammenpacken wollten, da würde eine ähnliche Klischeesoße rauskommen, halt der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle irgendwie einigen können).
Was das Stilistische betrifft, orientiert sich „Bornholmer Straße“ natürlich an „Feuerwehrball“ von Milos Forman, der damit 1967 die Form vorgab, mit der man den realen Sozialismus am besten parodiert. Ja, eigentlich ist „Bornholmer Straße“ ein „Feuerwehrball“-Remake, nur ohne das anarchische Element, ohne Biss und ohne eine irgendwie lebendige Bevölkerung. Im Gegenteil: Bei den Schwochows sind die Ossis alle lieb, angepasst und doof, wie es sich gehört. Da mag ja ein Stückchen Wahrheit dran sein. Schön ist es nicht.

... und wenn Christian Schwochow mal Lust haben sollte, einen tatsächlich spannenden Film zu drehen, dann könnte er doch das Leben seiner Eltern verfilmen.

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Wie vor 25 Jahren?
1989 fiel in Deutschland eine Grenze – und ich werd immer dankbar sein, denn so wurde ich, ohne etwas dafür tun zu müssen, auf einmal ein Westeuropäer.
Jetzt, 25 Jahre später, gibt es diese Grenze immer noch, es sterben auch immer noch Menschen an ihr, wie eine linke Initiative (gefunden via che) richtig betont. (Ob dafür natürlich gleich Gedenkkreuze geklaut werden müssen, ist fraglich. Wenn man eine aktuelle Opfergruppe ehren will, indem man eine ältere verächtlich macht, dann ist das kein guter Stil.) Und auch sonst steht die Sache heute etwas anders: Damals konnten alle, Ost- wie Westdeutsche, letztendlich nur profitieren. Heute wissen wir Deutschen ganz genau, dass jedes Mitleid, jede Fairness gegenüber denen, die jetzt hier reinwollen, unseren Wohlstand nur noch weiter schmälern kann.
Aber darauf wollte ich gar nicht hinaus. Ich wollte meine Überzeugung ausdrücken, dass eine andere Sache auch ganz so ist wie damals: Die Aktenschredder laufen wieder heiß, wie 1989/90, wie 2011/12. Denn in der NSU-Geschichte scheint sich der Wind langsam zu drehen. Nachdem schon der Bundestags-Untersuchungsausschuss recht erfolgreich gewesen ist (so viel hat bisher kein Geheimdienstuntersuchungsausschuss ans Licht gebracht) und also abgewürgt werden musste, läuft nun der NSU-Prozess, der doch eigentlich dazu dienen sollte, alles Beate Zschäpe in die Schuhe zu schieben, in dieselbe Richtung. Diese Woche sollte (gegen den heftigen Widerstand des brandenburgischen Innenministeriums) der V-Mann Piatto vernommen werden, zum Glück hat ihm Beate Zschäpe durch Krankmeldung noch eine Galgenfrist gewährt und der Verfassungsschutz darf noch ein paar Tage schreddern, dann muss Piatto aussagen, wie das nun war mit seinen Waffengeschäftsverhandlungen mit dem NSU, geführt über das vom Staat Brandenburg bezahlte Handy, und was sein Führungsoffizier (der jetzt Chef des Verfassungsschutzes in Sachsen ist) dazu gesagt hat. Und wie das nun eigentlich war in Heilbronn, wer dem NSU den Dienstplan von Michèle Kiesewetter übermittelt hat und wer die falsche Spur mit dem „Heilbronner Phantom“ gelegt hat, das werden wir auch noch erfahren.
So weit, so gut. Eins wird, fürchte ich, aber bleiben: „Mauertote“ in Griechenland, im Mittelmeer wird es weiter geben. Und auch der Verfassungsschutz wird nicht aufhören zu existieren wie einst die Stasi. Er wird sich wohl blamieren. Aber das wird die Struktur nicht hindern weiter zu wuchern.

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Montag, 3. November 2014
Wahlen verändern nichts, sonst ...
Den kennen Sie sicher auch, den blöden Spruch. Na ja, wie dem auch sei – jedenfalls, als ich heute Morgen schlaftrunken in die Küche kam, um mir von den 6-Uhr-Nachrichten des Deutschlandfunks ein bisschen von den Absurditäten der Weltpolitik erzählen zu lassen, da erfuhr ich, dass in Burkina Fasu das Militär geputscht hat. Der Gewaltakt solle aber, so ließen die neuen Machthaber verlauten, in allernächster Zeit durch Wahlen abgesegnet werden. Nicht anders in der Ostukraine: Auch dort wurden zunächst mit Waffengewalt Fakten geschaffen, jetzt legt man mit Wahlen ein dünnes demokratisches Mäntelchen über die anrüchige Sache.
Wenn man das so hört, dann kann man doch froh sein, dass in Deutschland der Bundespräsident seinen Unmut darüber äußert, dass in Thüringen die Wahlergebnisse umgesetzt werden. Immerhin beweist dieses Nörgeln, dass es zumindest in Thüringen doch einen Unterschied macht, wie gewählt wurde.
Und auch von der Bundeswehr ist ja nicht zu erwarten, dass sie putscht. Oder dass der Geheimdienst einen Mitarbeiter zum „Igor Schützenkönig“ ernennt und die Rolle des Revolutionärs spielen lässt, so schmierig-kitschig wie einst Sascha Anderson. Im Gegenteil: Hierzulande muss sich der Verfassungsschutz vom Gericht rügen lassen, wenn er einfach Politiker bespitzelt, und wenn er Kriminelle unterstützt, wird er sogar vor Untersuchungsausschüsse gezerrt.
Recht so! Mehr davon!

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Mittwoch, 29. Oktober 2014
Wie die Menschen, so die Katzen ...

... z. B. glotzt unsere gern schnurrend auf Bildschirme und schläft wohl auch mal davor ein .. nein, mal im Ernst:

Es ist schon verblüffend, wie doch die Tiere zu den Menschen passen. Bei Cassie, der engagierten christlichen Mutter aus der bremischen Diaspora, ist es natürlich ein irgendwo aufgelesener Straßenkater, der so sehr in die – etwas größere – Kleinfamilie integriert wird, dass dort auch die Menschenkinder grundsätzlich als Tiger bezeichnet werden. Bei Frau Morphine, Single, Großstädterin, Clubgängerin, weiß man gar nicht, woher manchmal diese Katzen auftauchen, die sich für ein paar Wochen in ihrer Wohnung einnisten und dann wieder spurlos verschwinden.
Wieder anders ist es bei meinem Schwager, der im Einfamilienhaus wohnt mit Frau, zwei Kindern, Meerschweinchen, Hand und natürlich auch Katze. Hier hat die Katze eine ebenso klare Herkunft wie auch Zukunft. Und einmal durfte sie auch Junge bekommen, dieses Frühjahr. Denn die Kinder wünschten sich das und es wurde ihnen und ihr auch genehmigt. Mit drei Monaten – das entspricht etwa dem Alter, in dem Menschenkinder in die sozialen Systeme von Kindergarten oder Schule gegeben werden – wurden die Kleinen weggeben, zumeist in die Nachbarschaft verschenkt. Zu Hause blieb nur eines der Kätzchen, natürlich ein Kater, Vincent mit Namen: Es sind immer die Jungs, die bei der Mama bleiben. Vincent ist jetzt halbwüchsig. Vincent wird schon lang nicht mehr gesäugt, stattdessen tritt er die Mama (die das geduldig erträgt), frisst ihr das Futter weg. Deshalb gibt es neuerdings endlich getrennte Näpfchen für die beiden.
Eine seiner Schwestern, Lilly, kam zu uns. Anfangs litt sie am Stockholm-Syndrom und liebte mich besonders, denn ich habe sie über 300 km Autobahn zu uns geholt, allein, nur einen Finger konnte ich der zu Tode Geängstigten in den Käfig stecken, unter latenter Gefährdung des Straßenverkehrs. Dann aber stellte sie sich schnell auf die Bedingungen hier ein: Wir sind zwei Erwachsene, berufstätig, und ein schulpflichtiges Kind in einer Mietwohnung (1. Etage) in der Großstadt. Der Vorgarten vor dem Haus gehört den Leuten unten bzw. deren Katze. Also ist Lilly ab Viertel vor Acht allein in der Wohnung, mindestens bis um zwei. In die verbleibenden Nachmittag- und Abendstunden (wenn endgültig das Licht ausgeht, legt auch sie sich zur Ruhe – in eins der Betten) muss sie Schmusestunden, Spiel mit den Menschen und Rausgehabenteuer reinbekommen. Also nimmt sie, was sie kriegen kann. Das Treppenhaus hat sie sich schnell erobert. Aber auch in den Garten mit der dicken roten Katze wagt sie sich allein – weil wir ihr klargemacht haben, dass die Haus- und Wohnungstür nicht ewig zu Katzenfluchtzwecken offen bleiben kann (bei uns in der Gegend wird gern geklaut und kalt wird es jetzt auch). Und wir Menschen sind stolz auf ihre Selbstständigkeit, als wäre es ein Menschenkind.

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