Dienstag, 26. August 2014
Religiöse Etiketten
Seit einigen Wochen beschießt, so hört man, die „radikal-islamische Hamas“ Ziele in Israel mit Raketen. Gestern sind auch wieder Raketen eingeschlagen. Allerdings waren die Urheber diesmal „militante Palästinenser“, wie der Deutschlandfunk meldete. Nanu, dachte ich beim Zuhören: War es diesmal tatsächlich jemand anderes? Oder zeigt die neue Sprachregelung nur einen Bündniswechsel an – so wie bei der Organisation mit dem anmaßenden Namen „Islamischer Staat“: Die Leute firmierten ja vor einem Jahr auch noch als „Aufständische“ in Syrien, die nur ein ideologisch verblendeter Assad als „Terroristen“ bezeichnen konnte.
Was in diesen Gegenden wirklich vor sich geht, erfahre ich (als täglicher Nachrichtenkonsument, der keine Lust zu tiefer gehender Recherche hat) ja sowieso nicht, mich ärgert nur (und über Politik schreibt man ja nur, wenn man sich ärgert) dieser offensichtliche Missbrauch religiöser Bezeichnungen für militärische Propaganda-Zwecke – egal, ob nun als Feindbild gemeint („radikalislamisch“) oder ganz aus der eigenen Anmaßung entstanden („Islamischer Staat“). Erinnert mich irgendwie an den dreißigjährigen Krieg, in dem ja die Kriegsparteien auch versuchten, ihrem Machtkampf den Anschein einer religiösen Auseinandersetzung zu geben. Ob die es im Nahen Osten auch so weit treiben werden wie einst hier in Mecklenburg, wo am Ende ganze Landstriche entvölkert waren?

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Donnerstag, 14. August 2014
Das Schiedsgericht und die Gerechtigkeit: Zum YUKOS-Urteil
Selbst die taz hält das Schiedsgerichtsurteil für gerecht, das Chodorkowski und den Seinen Milliardenentschädigungen zuspricht. Wie kann man nur so kurzsichtig sein?
Chodorkowskis Reichtum kommt nicht aus dem Nichts. Ihm und den Seinen wurde Anfang der Neunziger ein ehemals staatliches Ölunternehmen zugeschoben, damit die Filetstücke des zerfallenden Sowjetimperiums in die Hände treu schlitzohriger Komsomol-Funktionäre fallen, nicht in die Hände westlicher Geschäftsgeier, die schon auf die leichte Beute am toten Körper des exkommunistischen Kolonialreiches lauerten.
Gut: Chodorkowski hat das ihm zugefallene Erbe gut verwaltet, den Profit gemehrt. Dass er aber Jahre später glaubte, das Ganze gehöre doch ihm persönlich und er könne Anteile davon nach Belieben ins Ausland, gar in die USA, verkaufen, das war dann doch Selbstüberschätzung: Logisch, dass die, die ihm den Reichtum einst beschert, einschritten und ihm das Unternehmen wieder wegnahmen, um es in die Hände loyalerer Untertanen zu legen. Nur ein paar Millionen Privatvergnügen durften die Leute jeweils behalten, zur Sicherung des eigenen Lebensunterhalts.
Wenn jetzt ein Schiedsgericht Chodorkowski eine Entschädigung zuspricht, weil ihm durch Betrug genommen wurde, was ihm einst durch Betrug zufiel, dann geht es keinesfalls um irgendeine Gerechtigkeit diesen Leuten gegenüber.
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich – so ist das nunmal. Warum bemühen sich internationale Gerichte mit der Nachverfolgung dieser gegenseitigen Gaunereien? Und warum rege ich mich darüber auf?

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Dienstag, 12. August 2014
Den Staat zur Räson bringen
Gestern las ich in der Süddeutschen Zeitung, die Sicherheitspartnerschaft der Bundesrepublik Deutschland zu den USA sei Staatsräson und stehe als solche in ihrer Gewichtung über den Forderungen des Grundgesetzes. Komisches Wort: „Staatsräson“. Ich kannte es ich bisher nur von der Freundschaft zu Israel, die ja auch „Staatsräson“ sein soll. Für mich klingt es irgendwie nach „räsonieren“, also „besserwisserisch herumnörgeln“. Mit Vernunft jedenfalls, wie die Wortherkunft nahelegt, scheint es nichts zu tun zu haben.
Wahrscheinlich ist „Staatsräson“ so etwas wie eine politische Richtlinie oder Willensbekundung. An sich ja etwas Sympathisches in unserer pragmatismus-verseuchten politischen Landschaft. Nur wieso solche Willensbekundungen sich über die demokratischen Forderungen des Grundgesetzes erheben sollen, das will mir nicht einleuchten.

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Schön war er wieder, der Urlaub ...


... wie das Bild von damals junior zeigt. Jetzt bin ich wieder da und werde mich bemühen, mein Blog wiederzubeleben, ab und an etwas zu schreiben, vielleicht wag ich mich sogar an die Kommunikation mit anderen.

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Donnerstag, 26. Juni 2014
Man kann ja mit Klischees spielen ...
... aber wird man dann auch verstanden?
Bei uns an der Straßenecke hängt dieses Plakat an einem Verteilerkasten. Heute komme ich vorbei und sehe, wie zwei junge Frauen - üppig, lange schwarze Haare, migrantisches Aussehen - daran herumpolken und versuchen es abzureißen. Ich: "Warum reißen Sie denn das Plakat ab?" Darauf eine der beiden: "Na, hier, steht doch dran: Diskriminierung. Meine Feundin ist selber Sinti. Wir sind gegen Diskriminierung!" Als sie mein entgeistertes Gesicht sieht, stockt sie und sagt. "Was bedeutet denn das?" Ich erklär es ihr. Sie darauf: "Ach so".
So viel zur Wirksamkeit politischer Plakate.

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Dienstag, 24. Juni 2014
Auch das hatte der Datenstrudel verschluckt ...
.. und da ich nicht willens bin, meine Politik-Jammereien noch letzter Woche noch noch einmal zu wiederholen, folgt hier nur der Link, der mir des Weitergebens wert war, ich hab ihn über "anders deutsch" gefunden.
Was ich dazu denke, können Sie sich denken.

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Dienstag, 27. Mai 2014
Der Wohnsaal als Statussymbol
Zum ersten Mal sah ich einen solchen Saal bei J., Ende der 80er in Berlin-Friedrichshain. Das war eine langbeinige Szenefrau mit Hennahaar und Lederhosen, sie lebte auch ganz illegal vom privaten Schneidern und Verkaufen solcher Hosen. Irgendwie hatten sie und ihr Freund es zu einer 4-Zimmer-Wohnung in einem gründerzeitlichen Mietshaus nahe der Karl-Marx-Allee gebracht, und bei den beiden Zimmern nach vorne raus, da hatten sie die Zwischenwand rausgerissen, so dass ein vierfenstriger Saal entstand, in dem man schlief, aß, herumsaß oder feierte. J. residierte da prinzessin-auf-der-erbse-mäßig: feudal in proletarischem Ambiente.
Vermutlich war J.s Wohnidee nur eine späte Reaktion auf Westberliner Fabriketagen zehn Jahre vorher, aber das weiß ich nicht genau – ich hab nur bei E. S. Özdamar und S. Regener davon gelesen. Es hielt auch nicht lange: Die 90er kamen und der Kommerz. Szene-Fiesling A. stand eines Tages stolz in der Wohnung: „Ich hab einen A4! Ich hab einen A4!“ J. sah aus den Fenstern ihres Saals und witzelte: „Ich seh hier keinen R4!“ Kurze Zeit später wurden die Eigentumsverhältnisse geklärt, J. musste ausziehen.
Und vielleicht war auch das eine Reaktion auf die Fabriketagen, eine westdeutsch-bürgerliche halt: dieser 70er-Jahre-Bau nahe der City Nord in Hamburg, wo Y. wohnte, als sie hier beim Fernsehen arbeitete: ein Saal mit Glaswand und Balkon (Schreib- und Esstisch sahen ziemlich verloren aus darin), dazu eine winzige Küche, in der man kaum mehr als Tütensuppen zubereiten konnte, und ein ebenso winziges Schlafzimmer (das Doppelbett füllte es vollständig aus) sowie eine Duschzelle - eine Single-Wohnung für den Feierabend, die Nacht und gelegentliche Partys, warum nicht?
Später wird man dann erwachsen. J. wohnt schon lange nicht mehr in Berlin, sondern mit ihrer Tochter in einer Kleinstadt an der Ostsee. Und Y. arbeitet nicht mehr in Hamburg, sondern in der Hauptstadt, sie hat sich eine Villa in Babelsberg gekauft. Ich hab zu beiden keinen Kontakt mehr. Nur der Wohnsaal, der ist plötzlich wieder da.
Ja, es ist schon komisch, dass diese sympathisch überspannte Jugend-Architektur-Idee, der Wohnsaal als Ausdruck eines individuellen Freiheits- bzw. Freizeit-Anspruchs, neuerdings vermehrt in ganz normalen Mittelstands-Mietwohnungen auftaucht, wo sie auf den ersten Blick überhaupt keinen Sinn ergibt.
Ich erwähnte schon, dass unsere Genossenschaft uns unsere Wohnungsgenossenschaft neulich eine derartige Wohnung anbot. Jetzt ist auch N., eine Freundin meiner Frau, in so eine Wohnung gezogen. Für sie allerdings passt es: Sie ist alleinerziehend mit Kind. Betritt man ihre neue Wohnung, dann fällt man von der Wohnungstür direkt in einen großen Saal, zu dem auch eine Küchenecke gehört und von dem ein großer Balkon in den begrünten Innenhof mit abgeht (letzterer meines Erachtens der schönste Ort in der Wohnung). Außerdem gehören zu der 90m²-Wohnung noch zwei Zimmer zur Straße raus sowie zwei(!) kleine Bäder ohne Fenster. („Na ja, wenn meine Tochter dann in die Pubertät kommt ...“, meinte N. zu diesem Luxus.) Für zwei Personen eine sehr schöne Wohnung. Natürlich teuer. Ich frage mich nur, weshalb es dafür nun einen Architekturpreis gab: 90m², die man mit mehr als zwei Personen nicht mehr vernünftig bewohnen kann, ist das nicht ein bisschen dekadent?
Als die Leute vor hundert Jahren in viel kleineren Wohnungen leben mussten, da sehnten sie sich nach mehr Platz. Berühmt geworden ist Virginia Woolfs Essay „A Room of One’s own“, der deutlich machte: Wo kein Platz ist für Privatsphäre, da ist kein Platz für Individualität. Tja, und jetzt haben wir diese Wohnungen, von deren stattlicher Größe Menschen unseres Standes vor hundert Jahren nur träumen konnten – und es fehlt immer noch der Platz für den eigenen Raum. Warum?
Vielleicht erhellt das der Blick in eine weitere Wohnung. N. meinte nämlich: „Da wird eine Wohnung frei bei uns im Hof, die brauchen dringend einen Nachmieter. Vielleicht habt ihr ja Interesse? Ist ganz hübsch, auf zwei Etagen. ... Ja, ganz tragisch, er arbeitet wissenschaftlich, es hat nie geklappt mit einer festen Stelle, und sie verdient gar nichts, ist mit den Kindern zu Hause, engagiert sich außerdem ehrenamtlich. Jetzt geht er auf die Fünfzig und kriegt die Panik ...“ Na, jedenfalls hat er eine Stelle in Bremen angenommen, obwohl er sie irgendwie als unter seiner Würde empfindet (Gymnasium? Fachhochschule? Irgendsowas.), und die Familie zieht weg. Wir durften uns die Wohnung ansehen.
Auch diese Besichtigung beginnt damit, dass man ohne Flur gleich auf die Küchenzeile zustolpert, die Garderobe im Küchendunst. Aber davon mal abgesehen, macht die Wohnküche einen gemütlichen Eindruck. Das Zimmer dahinter: der unvermeidliche Wohnsaal, mit riesiger Glasfront zu einem reihenhausmäßigen Mini-Rasenstück, dahinter eine weiße Mauer, die den Blick auf benachbarte Hinterhöfe abschneidet. Irgendwie mehr Schein als Sein.
Von der Wohnküche die Treppe nach oben. Dort ein weiterer Wohnsaal (derzeit genutzt als Kinderzimmer für die beiden Kinder), ein kleines fensterloses Bad, ein Schlafzimmer mit Blick in den Hof. Ein kleiner Schreibtisch neben dem Doppelbett, für mehr ist kein Platz. Nirgendwo in dieser Wohnung können sich die Ehepartner mal zurückziehen zum Schmollen, Arbeiten, Meditieren. Und den Kindern wird ihr gemeinsamer Saal auch wenig nützen, wenn sie erst mal in die Pubertät kommen. Dabei wäre von den Quadratmetern her locker Platz gewesen für zwei Kinderzimmer.
Und: „Ein bisschen teuer ist es schon“, meint N.: deutlich über tausend Euro kalt. „Also, mit allen Kosten zusammen bleiben sie aber unter 1.4.“ Ich: „Wie bezahlen sie denn das, ohne ein festes Gehalt in der Familie?“ – „Ich glaube, die Eltern geben was dazu.“
Also ein reines Status-Objekt das Ganze, das man sich eigentlich nicht leisten kann. Und man schämt sich, wenn man dann doch zurück muss in seine Heimatstadt. Irgendwie erinnert mich das an E. und I. Auch bei diesem Paar ist es der Frau nicht gelungen, Tritt zu fassen im Beruflichen, sie konzentriert sich ersatzweise auf das Kind. Auch sie sind aus der Großstadt weggezogen, weil E. eine schöne Gymnasiallehrerstelle im Dörfchen seiner Herkunft ergattern konnte. Sie kauften sich (mit Hilfe der Ersparnisse von E.s Vater, einem pensionierten Schuldirektor) ein Sechziger-Jahre-Einfamilienhaus mit Satteldach, das insgesamt doch ein wenig piefig wirkt. Aber es gibt ein schönen großen Garten und innen genug Platz: eine Küche und ein großes Doppelzimmer mit Schiebetür unten, drei Zimmer (mit schrägen Wänden) in der oberen Etage. Ausreichend für drei Personen, aber natürlich nirgends großzügig. Also planten sie einen Anbau: Es wurde ein unförmiger Kubus mit zwei Glaswänden, in dem jetzt die schönen Antikmöbel aus ihrer Stadtwohnung stehen und die Bücherregale. Für die alltägliche Benutzung viel zu groß. Gegessen wird in der Küche. Und das, was man wirklich braucht, den Rückzugsort, das hat jeder für sich in seinem Zimmer unterm Dach.
Der Anbau ist ein reines Party- und Besucherzimmer. Na ja, bei meinen Großeltern (das waren Aufsteiger aus dem proletarischen Milieu) gabs das auch, damals um 1930, als die Moderne in die Piefigkeit zurückfiel: Da hieß das „Gute Stube“, war meistens abgeschlossen, nie geheizt und roch komisch. Ich mochte das nie leiden und mag es auch in seinen aktuellen Formen nicht.

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Freitag, 2. Mai 2014
Eine Heldin meiner Jugend: Emily Dickinson
Obwohl es in meiner Familie keine Westverwandtschaft gab, tauchten manchmal in meinem Elternhaus Westler auf, Menschen von einem anderen Stern, die sich aufgemacht hatten, dieses unbekannte Territorium hinter dem Eisernen Vorhang zu erkunden.
Das betraf zunächst einmal meine Eltern. Ich war nur der Sohn. Natürlich nahm ich an den Gesprächen teil, ich interessierte mich durchaus auch für Kunst und Politik. Aber die Themen der Elterngeneration waren zweitrangig, solange meine eigenen Verhältnisse nicht geklärt waren. Nur einmal, ich war schon erwachsen, wohnte aber noch bei den Eltern, war dieser Westbesuch auch für mich etwas Besonderes: Eine Frau von Klemperer, US-Bürgerin, sprach in einer Begegnung nebenher mich selbst an, und wir kamen in einen guten, aufbauenden Dialog. Dessen Ergebnis: dass nach einiger Zeit ein Büchlein mit Versen von Emily Dickinson eintraf, die mir sie empfohlen hatte.
Ich habe das schmale Buch sofort in mein Herz geschlossen. Emily Dickinson machte mich vertraut mit einem religiösen Weltverständnis, in dem das Ich als kraftvolles Einzelnes seinen Platz hat im Weltganzen. Nicht wie bei den politischen Diskussionen, die ich kannte, wo es immer um „die da oben“ ging, die alles bestimmen und denen man machtlos ausgeliefert ist. Bei Emily Dickinson konnte das Ich durchaus auch mikroskopisch klein sein, sich nähren von Krümeln, die von Gottes Tisch fallen. Aber manchmal stand es auch als geladene Waffe in der Ecke. Bei ihr lagen die Toten unter den Marmorbögen der Ewigkeit und sprachen. Sie waren tot, keine Handelnden, aber nicht einmal sie waren stumm oder ohnmächtig. Dickinson zeigte mir, dass man nicht zu sich kommt, ohne nach innen zu gehen. Und ich begann, ihre Gedichte – nur für mich – ins Deutsche zu übersetzen.
Daran änderte sich nichts, als zwei Jahre später die DDR und mein bisheriges Leben zuende gingen. Es verschlug mich nach dem Westen, ich vergrub mich in einer Bremer Souterrainwohnung, abonnierte eine links-katholische Zeitung, die ich niemandem aus meinem Umfeld zeigen konnte, und übersetzte weiter Dickinson. Dass ihre Verse in Westdeutschland zum Allgemeingut gehörten und in ordentlichen Übersetzungen vorlagen, ignorierte ich, die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verweigerte ich, sofern sie über den Medienkonsum hinausging. Einmal schrieb ich einen Leserbrief an die taz, weil mich die zögerliche Haltung der Linken im Jugoslawienkrieg nervte. Er wurde veröffentlicht und ich bekam kurz darauf Post von der militärpolitischen Sprecherin der Grünen: ob ich nicht mitarbeiten wolle. Ich erschrak und zog mich wieder weiter zurück.
Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Deutschland, das neue Deutschland, das jetzt schon über 20 Jahre das vereinigte ist, hat sich verändert. Der Sozialstaat bröckelt, die Tarifverträge schwinden dahin, die kritischen Fernsehmagazine, die damals den Ton angaben, gibt es fast gar nicht mehr. Die Grünen sind regierungsfähig, d.h. sie befürworten die Installation von Kriegen und Kohlekraftwerken. Allerdings kaufen jetzt auch normale Menschen Bio-Produkte, Türken können Minister oder Spielfilmregisseur werden und Ostdeutsche Bundeskanzler. Außenseiter-Meinungen muss man nicht mehr als Graswurzel-Blättchen vom Straßenverkäufer im Uni-Viertel erstehen – sie sind für jedermann im Internet einsehbar. Und werden auch eingesehen. Das Leben ist unsicherer und unübersichtlicher geworden, aber auch bunter, weniger normiert, und vielleicht fühle ich mich deshalb jetzt im neuen Deutschland zu Hause, gehe einem Beruf nach und habe eine Familie gegründet. An Emily Dickinson denke ich nur noch manchmal. Seit ich mich Mitte der neunziger Jahre wagte, bei Reclam eine zweisprachige Ausgabe ihrer Gedichte zu kaufen, habe ich nichts mehr von ihr übersetzt.

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Mittwoch, 30. April 2014
Angeblich
In einer Stadt, von der wir alle noch nie gehört haben (wer interessiert sich schon für diese ganzen slawischen Völkerschaften?), haben ein paar Männer, die angeblich im Interesse der russischen Bevölkerung agieren, ein paar Menschen verhaftet, die angeblich Vertreter der OSZE sind. Was die OSZE da will, wissen wir zwar auch nicht (wer interessiert sich schon für die Bundeswehr?), aber natürlich sind wir empört, weil wir irgendwie noch von vor 1989 erinnern, dass die Russen eine Gefahr darstellen.
Einige von uns, die vor 1989 friedensbewegt waren oder Funktionsträger in der DDR, erinnern sich dagegen, dass die Russen eigentlich ganz liebe Menschen sind, denen ihre Interessen zu gönnen sind. Und die das erinnern, sind natürlich auch empört: über den „Westen“.
Und wenn diese Empörungen sich dann gegenseitig hochschaukeln, angefeuert von Medien, dann nennt sich das politische Meinungsbildung mündiger Bürger. Ach, bleibt mir doch vom Halse mit diesem Gespinst sich wechselseitig widersprechender Propagandalügen!

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Samstag, 5. April 2014
Ein Event nach meinem Geschmack
Ein großzügiges öffentliches Gebäude aus der Zeit der Industrialisierung, ein bisschen pathetisch die Architektur und noch mehr bürokratisch: Das war schonmal ein guter Anfang. Auf der Freitreppe zum Eingang lauter junge Menschen, offenbar Studenten. Weit offen stehende Tür. Der Hörsaal selbst gefüllt mit Menschen verschiedenen Alters. Gemeinsam erwartete man den Star.
Und der kam pünktlich – und underdressed, wie es sich für einen Star gehört: eine ältere Frau in ollem schwarzen Anorak, mit einem ebensolchem Einkaufsbeutel betrat den Saal, lange, üppig schwarze Haare, dazu ein Großmuttergesicht: Emine Sevgi Özdamar.
Aber zuerst musste natürlich eine Vorgruppe spielen: Ein „Vizepräsident der Universität“ trat auf, der diese Rolle ideal verkörperte: Halbglatze und Anzug, ein gebildeter, offenbar staubtrockener Mensch, der keine Ahnung von der Materie hatte, aber gekonnt ein paar freundliche Grußworte äußerte. Dann die Vertreterin des Sponsors, eine blonde Ische mittleren Alters, die Brille ins offene Haar geschoben – sie bestritt mit ihrem kenntnisreichen, etwas zickigen Vortrag die inhaltliche Einführung. Endlich kam dann die Frau vom Fach dran. Auch sie ging ganz in ihrer Rolle auf: Literaturprofessorin. Geblümtes Kleid, hochgesteckte Haare, große kullerige Augen, eine sanfte und kluge Sprache – und dann hieß sie auch noch „Gutjahr“.
Frau Gutjahr also führte das Gespräch mit Frau Özdamar. Aber so richtig kam sie nicht zum Zuge. Sie wollte immer auf grundsätzliche Fragen kommen: Worum es in Emine Özdamars Texten eigentlich geht, wie ihre Anfänge waren, wie sie sich jetzt positioniert. Özdamar ging auch auf diese Fragen ein, aber vor allem machte sie immer wieder das, was sie am besten kann: erzählen - von den Urinverkäufern in Istanbul, von der unterschiedlichen Benutzungsweise von Gehwegen in Ost- und Westberlin, von den großspurigen Posen ihres Vaters (die sie herrlich nachmachen konnte), ... So wurde es ein echtes Gespräch, keine der beiden Frauen führte das Gespräch, sie führten es miteinander. Und ich fand sie alle beide entzückend.
Als ich am Ende rausging zu meinem Fahrrad, dachte ich zuerst: Guck mal an, keinen Cent bezahlt und doch besser unterhalten worden als bei einem normalen Kinobesuch. Aber das war es gar nicht. Es war ein Gruß aus einer anderen Welt, aus der Welt der Heimatlosen, der ich auch entstamme. Emine Sevgi Özdamar gehört nach eigener Aussage auch zu den Menschen, die sich in der Eisenbahn am wohlsten fühlen, zwischen den Orten. Aus dieser Sicht erzählt sie und das macht ihre Erzählungen so schön, so berührend. Ich lebe längst hier. Aber das, das war ein Gruß aus der Heimat.

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Freitag, 21. März 2014
Die Dampfwalze im Theater
Am Mittwoch habe ich mich wieder einmal meines Bürger-Daseins erinnert und mir Olaf Scholz im Thalia-Theater angesehen, der da eine Grundsatzrede zur Flüchtlingsproblematik gehalten hat. Ursprünglich hatte ich an dem Abend ja zum Körber-Forum gehen wollen und eine Diskussion zum selben Thema mit dem Innensenator Neumann anhören. Aber dessen scharfmacherische Position kennt man ja – und was eigentlich sein Chef dazu sagt, darauf war ich schon lange gespannt gewesen.



Denn es gibt einen aktuellen Hintergrund dazu, der so etwas die Nagelprobe ist darauf, wie man nun steht zur Flüchtlingsproblematik: Eine Gruppe von Afrikanern tauchte hier auf. Sie waren als Gastarbeiter in Libyen von den dortigen neuen Herren nach Italien abgeschoben worden. Die Italiener drückten den Leuten ein paar hundert Euro in die Hand und empfahlen ihnen, es anderswo in Europa zu probieren. Nun sind 300 davon in Hamburg. Rein rechtlich gibt es natürlich keinerlei Verpflichtung, diese Menschen in Hamburg aufzunehmen, aber mit rechtlich korrekten Vorgängen hat das Ganze ja auch nichts zu tun. Da kann man nur großherzig sein oder engherzig. Die Position der Stadt bisher: Die Leute müssen Asylanträge stellen, die – wie man in Verhandlungen vorab deutlich machte – höchstwahrscheinlich nicht bewilligt werden. Mehr könne man nicht tun. Also wollten die Afrikaner lieber illegal bleiben. Und das tun sie bis heute.
So, und jetzt äußert sich endlich der Erste Bürgermeister zu dem Fall im Thalia-Theater. Das war zunächst einmal ein Event. Vor dem Theater demonstrierten die Afrikaner und ihre autonom bis freakig aussehenden Unterstützer. Drinnen mischte sich gutbürgerliches Theaterpublikum mit offensichtlich Bürgerbewegten und ein paar nach Politik aussehenden Schlips- und Anzug-Typen. An der Garderobe sah ich Wolf Biermann herumstehen. Er wirkte alt und einsam. Die Kartenabreißer waren junge Männer, auch sie trugen Anzüge – und dazu blasse ML-Studenten-Gesichter (wenn mir die DDR-Assoziation gestattet sei): offenbar SPD-Karriere-Nachwuchs. Scholz selbst kam, von Demonstranten aufgehalten, eine halbe Stunde zu spät, und auch im Theater selbst gab es ein paar Krakeeler, wurden Transparente entrollt und Flugblätter geworfen.
So weit, so üblich. Aber was hat er denn nun eigentlich gesagt? Genau genommen gar nichts. Das aktuelle Problem mit den Lampedusa-Flüchtlingen sprach er nicht an. Wie eine Dampfwalze zog er eine routinierte, kluge und in sich stimmige Rede durch, die sich weder durch die Krakeeler vor und im Theater noch durch die Realität in der vom ihm regierten Stadt irgendwie beirren ließ. Scholz skizzierte ein künftig mögliches System zur Regulierung der Einwanderung, das ich sehr vernünftig fand. Wie er sich zu verhalten gedenkt, solange dieses System noch nicht Realität ist, sagte er nicht; er sagte auch nicht, was er zu tun gedenkt, um diesem Ziel näher zu kommen.
Scholz sparte stattdessen nicht mit Spitzen auf die Italiener, die sich einer europäischen Einwanderungspolitik versperren würden (und die ihm das Hamburger Problem eingebrockt haben). Er hätte als Hamburger Bürgermeister eine hervorragende Gelegenheit, den Italienern mal zu demonstrieren, wie man menschlich mit Flüchtlingen umgehen kann. Da er diese Gelegenheit nicht nutzt, traut man auch seiner schönen Rede nicht.
Das versuchte ihm im folgenden Podiumsgespräch auch Ilja Trojanow klarzumachen: dass es nicht genügt, schöne Ideen zu entwickeln, dass man etwas wollen muss, aus moralischer Überzeugung, sonst wird es nie was. Scholz ging darauf nicht ein, fühlte sich von Trojanow nur politisch angegriffen und reagierte beleidigt. Er kenne die Probleme doch und habe auch die Bücher der Dritte-Welt-Autoren gelesen. Tja, Kennen und Wissen ist das eine, Handeln etwas anderes.
Man mag es für richtig halten, seiner eigenen Bevölkerung den Wohlstand (und sich selbst damit deren Wohlwollen) zu sichern, indem man alle anderen aussperrt. Dann muss man zu dieser Überzeugung stehen. Aber erst seine Polizisten Schwarze jagen lassen im Stadtgebiet, und dann im Theater den Menschenfreund mimen, das geht nun wirklich nicht.

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