Mittwoch, 29. Oktober 2014
Wie die Menschen, so die Katzen ...

... z. B. glotzt unsere gern schnurrend auf Bildschirme und schläft wohl auch mal davor ein .. nein, mal im Ernst:

Es ist schon verblüffend, wie doch die Tiere zu den Menschen passen. Bei Cassie, der engagierten christlichen Mutter aus der bremischen Diaspora, ist es natürlich ein irgendwo aufgelesener Straßenkater, der so sehr in die – etwas größere – Kleinfamilie integriert wird, dass dort auch die Menschenkinder grundsätzlich als Tiger bezeichnet werden. Bei Frau Morphine, Single, Großstädterin, Clubgängerin, weiß man gar nicht, woher manchmal diese Katzen auftauchen, die sich für ein paar Wochen in ihrer Wohnung einnisten und dann wieder spurlos verschwinden.
Wieder anders ist es bei meinem Schwager, der im Einfamilienhaus wohnt mit Frau, zwei Kindern, Meerschweinchen, Hand und natürlich auch Katze. Hier hat die Katze eine ebenso klare Herkunft wie auch Zukunft. Und einmal durfte sie auch Junge bekommen, dieses Frühjahr. Denn die Kinder wünschten sich das und es wurde ihnen und ihr auch genehmigt. Mit drei Monaten – das entspricht etwa dem Alter, in dem Menschenkinder in die sozialen Systeme von Kindergarten oder Schule gegeben werden – wurden die Kleinen weggeben, zumeist in die Nachbarschaft verschenkt. Zu Hause blieb nur eines der Kätzchen, natürlich ein Kater, Vincent mit Namen: Es sind immer die Jungs, die bei der Mama bleiben. Vincent ist jetzt halbwüchsig. Vincent wird schon lang nicht mehr gesäugt, stattdessen tritt er die Mama (die das geduldig erträgt), frisst ihr das Futter weg. Deshalb gibt es neuerdings endlich getrennte Näpfchen für die beiden.
Eine seiner Schwestern, Lilly, kam zu uns. Anfangs litt sie am Stockholm-Syndrom und liebte mich besonders, denn ich habe sie über 300 km Autobahn zu uns geholt, allein, nur einen Finger konnte ich der zu Tode Geängstigten in den Käfig stecken, unter latenter Gefährdung des Straßenverkehrs. Dann aber stellte sie sich schnell auf die Bedingungen hier ein: Wir sind zwei Erwachsene, berufstätig, und ein schulpflichtiges Kind in einer Mietwohnung (1. Etage) in der Großstadt. Der Vorgarten vor dem Haus gehört den Leuten unten bzw. deren Katze. Also ist Lilly ab Viertel vor Acht allein in der Wohnung, mindestens bis um zwei. In die verbleibenden Nachmittag- und Abendstunden (wenn endgültig das Licht ausgeht, legt auch sie sich zur Ruhe – in eins der Betten) muss sie Schmusestunden, Spiel mit den Menschen und Rausgehabenteuer reinbekommen. Also nimmt sie, was sie kriegen kann. Das Treppenhaus hat sie sich schnell erobert. Aber auch in den Garten mit der dicken roten Katze wagt sie sich allein – weil wir ihr klargemacht haben, dass die Haus- und Wohnungstür nicht ewig zu Katzenfluchtzwecken offen bleiben kann (bei uns in der Gegend wird gern geklaut und kalt wird es jetzt auch). Und wir Menschen sind stolz auf ihre Selbstständigkeit, als wäre es ein Menschenkind.

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Montag, 20. Oktober 2014
NS-Aufarbeitung: Schuld-Klischee und wirkliche Schuld
In der letzten Zeit habe ich zwei Bücher gelesen, in denen Söhne nach ihren Vätern fragen, was die so gemacht haben in der Nazizeit: „Mein Vater, der Deserteur“ von René Freund (sehr gut) und „Heimat. Eine Suche“ von Thomas Medicus (weniger). Jetzt war ich in den Ferien eine Woche wandern im Harz und da stand in der Buchhandlung von Thale etwas dazu Passendes: „Meines Vaters Land“ von Wibke Bruhns, das Buch einer Tochter über ihren Vater in der Nazizeit. Es war wahrscheinlich deshalb dort so prominent ausgelegt, weil Bruhns’ Vater, Johannes G. Klamroth (genannt HG), Harzer war: der Sohn des maßgeblichen Industriellen von Halberstadt am Harz, später selbst ein Harzer Honoratior. Ich nahm mir das Buch gleich mit und las es dieses Wochenende.
Ich mochte daran vor allem das, was Bruhns aus spezifisch weiblicher Sicht mit hineinbringt: die Geburten der Mutter und welche Rolle der Vater dabei spielt, die Ehebruchsgeschichten, sein Charme und seine Aufschneidereien in geselligem Kreise ... Von dieser Seite her nähert sie sich ihrem Vater auf eine Weise, die den Charakter sehr gut deutlich werden lässt: Es war ein konventioneller, etwas labiler Mensch.
In politischer Hinsicht war das Buch leider ziemlich enttäuschend: Die Autorin versucht sich ihren Vater (den sie nie richtig gekannt hat – er wurde, als sie sechs war, im Zusammenhang mit dem 20. Juli hingerichtet) mithilfe platter 68er-Klischees zu erklären: Sie fragt nach der Schuld des Vaters und biegt ihre Beobachtungen dabei auf Teufel komm raus auf das Klischee vom ideologischen Kollektivversagen der Vätergeneration zurecht – wobei sie die tatsächliche Schuld ihres konkreten Vaters glatt übersieht. Da mir dieser Denkfehler symptomatisch zu sein scheint, will ich ihn hier kurz erläutern.
Zunächst die Fakten, soweit ich sie dem Buch entnehmen konnte: J. G. Klamroth pubertiert spät und heftig, der ihm vorgezeichnete Weg als Firmenerbe will ihm gar nicht passen. Das kann man verstehen. In dieser Situation bietet sich ihm als Ausweg die Bewährung als Offizier im Ersten Weltkrieg an: Viel zu jung bekommt er viel zu viel Macht, an der er sich berauscht – seine Aufzeichnungen von der Ostfront sind von einer überheblichen Menschenverachtung gekennzeichnet. Die Autorin, seine Tochter, sieht hier schon eine Brutstätte dessen, was dann im Zweiten Weltkrieg geschieht. Das mag sein. Tatsache ist aber, dass er sich keiner außerordentlichen Kriegsverbrechen schuldig macht und nach dem Krieg – anders als seine Ideologie es nahelegt – auch nicht zu den Freikorps geht, sondern zurück auf den vom Vater vorgezeichneten Berufsweg, inklusive lokalpolitischer Betätigung, die traditionell gemäßigt rechts ist, nicht antibürgerlich rechtsradikal wie die mancher seiner bewunderten Offizierskameraden.
1933, Klamroth ist weder Antisemit noch mag er die Nazis besonders, gibt es, wie man weiß, einen Umsturz in Deutschland, die neuen Machthaber demonstrieren sehr schnell, dass es vorbei ist mit der Demokratie. Klamroth erwägt einen Kompromiss, ein Engagement beim „Stahlhelm“, konsultiert einen Bekannten, der dort im Vorstand tätig ist. Doch letztendlich entscheidet er sich, der deutlichen Aufforderung der neuen Machthaber nachzukommen, und tritt noch schnell vor dem Aufnahmestopp vom 1.Mai 1933 in die NSDAP ein – und, da ihm das allein doch zu blöd und proletarisch ist, auch in die SS, wo er sich als Reiter betätigen will (natürlich merkt er bald, dass er auch da verkehrt ist, und lässt die Sache ruhen). Als nicht verkehrt erweist sich aber das mit der NSDAP - sein guter Bekannter vom „Stahlhelm“ wird im Zuge des „Röhm-Putschs“ erschossen.
Im Krieg wird Klamroth, der aufgrund familiärer Verbindungen gut Dänisch kann, als Spionageoffizier nach Dänemark geschickt. 1941 bewirbt er sich an die Ostfront, wo er an verantwortlicher Stelle zur Partisanenbekämpfung eingesetzt wird. 1944 wird er im Zusammenhang mit dem 20. Juli verhaftet, und, da er von den Putschplänen wusste, ermordet.
Aber wie beurteilt nun Wibke Bruhns dieses Leben ihres Vaters? Zunächst zieht sie eine Verbindungslinie von den militaristischen Großmachtphantasien des jungen Offiziers aus dem Ersten Weltkrieg zu seinem Eintritt in die SS 1933. Das ist sicher richtig, Ob, wie sie meint, auch die Tatsache, dass Klamroth so überschnell seinen Frieden mit den Nazis gemacht hat, damit zusammenhängt, da bin ich mir schon nicht so sicher.
Überhaupt: Seitenlang kann sie sich darüber empören, dass im Hause ihrer Eltern Hitler-Lieder gesungen wurden – so als bestände darin die eigentliche Schuld. Bruhns will uns weismachen, dass 1936/37 alle glücklich waren, bei den Klamroths wie in ganz Deutschland: „Man kann Autos kaufen zu moderaten Preisen ... Siedlungen über Siedlungen von Arbeiterhäuschen werden gebaut, die auch bezahlbar sind.“ Also, meine beiden Großväter (der eine eher rechts und der andere eher links) konnten die Nazis nicht leiden, so viel Kultur hatten sie schon (und J.G. Klamroth vermutlich auch). Barlach schuf seine berühmte Plastik „Das schlimme Jahr 1937“. Und vernünftige Arbeiterwohnungen wurden in den von Bruhns als so unsicher gekennzeichneten 20er Jahre Jahren, glaube ich, mehr gebaut als später zu Hitlers Zeiten.
Vor allem aber: Während Klamroths kritikloses, teilweise in der Tat übereifriges Sich-Einlassen mit dem Naziregime ziemlich dämonisiert wird von Bruhns („Großer Gott, ich dachte, ich hätte meinen Ekel und meinen Zorn verbraucht in all den Jahren, mein Entsetzen über die Gleichgültigkeit, die Anbiederei“), fällt ihr Urteil über die Kriegsverbrechen, die er später wirklich verübt, milde, ja verharmlosend aus: Klamroth hat 1942-43 die Erschießung etlicher Partisanen zu verantworten. Bruhns schreibt dazu: „Ich weiß nicht, wie ich mich dazu verhalten soll ... Soll ich mich empören, dass HG sie erschießen lässt? Keine Besatzungsarmee der Welt lässt sie gewähren und im Krieg schon gar nicht.“ Und später sogar offen lobend: „In dem einen Jahr hat er einen gut funktionierenden Laden dort installiert.“
Nimmt Bruhns in ihrer auch sonst manchmal spürbaren Aktengläubigkeit die Selbstschutz-Lüge Ihres Vaters (die Russen würden „zu diesem Weg gepresst, an dessen Ende nach völkerrechtlichen Bestimmungen der Tod durch Erschießen steht“) für bare Münze? Oder nimmt sie ihn bewusst in Schutz?
So oder so: Das Ende vom Lied ist, dass eine irgendwie allgemein böse Naziideologie den großen Dämon darstelllt, hinter dem konkrete Verbrechen einzelner Menschen, die aus dieser Ideologie heraus geschahen, verblassen. Das hat Wibke Bruhns sicher nicht gewollt, aber so wirkt es.
Das ist heute nicht anders, und wenn Sie mich kennen, wissen Sie, dass ich an den NSU-Skandal denke. Auch hier erkenne ich dieses Denkmuster: Da heißt es doch allgemein, gerade auch von links, schuld an dem Desaster sei die Tatsache, dass die Behörden auf dem rechten Auge blind gewesen seien. Und es sei alles nur passiert, weil die Polizisten, die Gesellschaft also letztendlich wir alle irgendwie viel zu rassistisch denken. Das ist alles nicht verkehrt. Aber es verschleiert den Blick auf konkrete Schuld: Da mögen doch Polizisten und Verfassungsschutzmitarbeiter denken, wie sie wollen. Es kommt darauf an, ob sie sich von solchem Denken zu Straftaten hinreißen lassen oder ob ihnen rechtsstaatliche Normen mehr wert sind als ihre privaten Ressentiments. Denn der NSU-Terror ist nicht passiert, weil alle weggesehen haben. Im Gegenteil: Er ist passiert, weil viele den Tätern aktiv geholfen haben. Und das ist strafbar und gehört ermittelt und bestraft. Und in diesem dringenden Auftrag hilft allgemeines Lamentieren über Rassismus nicht weiter, sondern nur konkrete Arbeit. Gott sei Dank gibt es Menschen, die diese Arbeit tun.

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Dienstag, 23. September 2014
Rassistische Vorurteile im Alltag
Da der Zeitgeist sich mal wieder deutlich nach rechts neigt, möchte auch ich nicht zurückstehen und offenbare hier meine rassistischen Vorurteile.
Also, da war die Geschichte mit X., der vor zwei Jahren neu in die Klasse von damals junior kam, ein Junge mit – es heute so schön heißt – überwiegend russischen Wurzeln. Irgendwie, hatte ich den Eindruck, suchte er näheren Kontakt zu meinem Sohn. Allerdings war er zwar vielleicht zu freundschaftlichen Gefühlen fähig, keineswegs aber zu freundschaftlichem Verhalten, kurz: Er trat und provozierte meinen Sohn, wo er nur konnte. Dieser wiederum, der körperliche Auseinandersetzungen scheut und sich bei nötigen Prügeleien meist von seinem Freund Z. helfen lässt, traf dann im Sportclub auf X. und kein Z. war in der Nähe und damals jr. steckte die Sticheleien und Tritte ein und sparte seine Wut für den nächsten Morgen, an dem er X. in der Schule gegenübertrat und vor der versammelten Mannschaft anschrie: „Du bist ein Arschloch!“ Darauf fing X. an zu heulen. Er hatte doch nur Kontakt gesucht.
So weit die Rekonstruktion der Geschehnisse, als wir Eltern davon erfuhren. Meine Frau: „Der kann es einfach nicht, sich anders zu verhalten.“ – Ich: „Ist doch kein Wunder. Erinnerst du dich, wie er neu in der Klasse war und wie du was Nettes zu der Mutter sagen wolltest und ihr deine Bewunderung erklärtest, so ein schwieriges Schicksal zu meistern - als alleinerziehende Nomadin über verschiedene Länder bis nach Deutschland zu gelangen. Da wusste sie doch gar nicht, wovon du sprichst. Für sie war das selbstverständlich. Ob schwierig oder nicht oder irgendwelche anderen Gefühle, dafür hat die doch überhaupt keinen Sinn.“ – „Eben ein richtiger Russe, der X.“, warf daraufhin damals jr. ein.
Ich (Rassismus witternd): „Wieso denn das?“ – „Na, wie Putin.“, erklärt er mir. Der hätte doch auch irgendwie verständliche Interessen, aber sein Benehmen sei einfach nur „unverschämt.“ Da musste ich passen: Die Argumentation schien mir schlüssig und entspricht auch meinen eigenen antirussischen Vorurteilen.
Jetzt ist damals jr. auf dem Gymnasium und außer X. ist noch eins der schrecklichen Kinder aus seiner Grundschule mitgekommen: Y., ein Junge aus einer türkischen Familie: „Das sind die einzigen, mit denen es jetzt schon Stress gibt“, meint damals jr., „eigentlich sind sie umgekehrt. X. ist eigentlich gar nicht böse, nur nach außen, er kriegt es eben nicht hin, er tritt andere, stört im Unterricht und wird ständig von den Lehrern ermahnt. Y. fällt nicht auf, er ist mehr von innen böse. Er weiß ganz genau, dass er nicht schlagen darf. Er tut es nicht, solange ein Lehrer in der Nähe ist. Aber wenn nicht …“
Womit unsere Vorurteile vollständig sind. Aber wie immer bei Vorurteilen: Ist nicht irgendwie auch was dran?

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Dienstag, 26. August 2014
Religiöse Etiketten
Seit einigen Wochen beschießt, so hört man, die „radikal-islamische Hamas“ Ziele in Israel mit Raketen. Gestern sind auch wieder Raketen eingeschlagen. Allerdings waren die Urheber diesmal „militante Palästinenser“, wie der Deutschlandfunk meldete. Nanu, dachte ich beim Zuhören: War es diesmal tatsächlich jemand anderes? Oder zeigt die neue Sprachregelung nur einen Bündniswechsel an – so wie bei der Organisation mit dem anmaßenden Namen „Islamischer Staat“: Die Leute firmierten ja vor einem Jahr auch noch als „Aufständische“ in Syrien, die nur ein ideologisch verblendeter Assad als „Terroristen“ bezeichnen konnte.
Was in diesen Gegenden wirklich vor sich geht, erfahre ich (als täglicher Nachrichtenkonsument, der keine Lust zu tiefer gehender Recherche hat) ja sowieso nicht, mich ärgert nur (und über Politik schreibt man ja nur, wenn man sich ärgert) dieser offensichtliche Missbrauch religiöser Bezeichnungen für militärische Propaganda-Zwecke – egal, ob nun als Feindbild gemeint („radikalislamisch“) oder ganz aus der eigenen Anmaßung entstanden („Islamischer Staat“). Erinnert mich irgendwie an den dreißigjährigen Krieg, in dem ja die Kriegsparteien auch versuchten, ihrem Machtkampf den Anschein einer religiösen Auseinandersetzung zu geben. Ob die es im Nahen Osten auch so weit treiben werden wie einst hier in Mecklenburg, wo am Ende ganze Landstriche entvölkert waren?

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Donnerstag, 14. August 2014
Das Schiedsgericht und die Gerechtigkeit: Zum YUKOS-Urteil
Selbst die taz hält das Schiedsgerichtsurteil für gerecht, das Chodorkowski und den Seinen Milliardenentschädigungen zuspricht. Wie kann man nur so kurzsichtig sein?
Chodorkowskis Reichtum kommt nicht aus dem Nichts. Ihm und den Seinen wurde Anfang der Neunziger ein ehemals staatliches Ölunternehmen zugeschoben, damit die Filetstücke des zerfallenden Sowjetimperiums in die Hände treu schlitzohriger Komsomol-Funktionäre fallen, nicht in die Hände westlicher Geschäftsgeier, die schon auf die leichte Beute am toten Körper des exkommunistischen Kolonialreiches lauerten.
Gut: Chodorkowski hat das ihm zugefallene Erbe gut verwaltet, den Profit gemehrt. Dass er aber Jahre später glaubte, das Ganze gehöre doch ihm persönlich und er könne Anteile davon nach Belieben ins Ausland, gar in die USA, verkaufen, das war dann doch Selbstüberschätzung: Logisch, dass die, die ihm den Reichtum einst beschert, einschritten und ihm das Unternehmen wieder wegnahmen, um es in die Hände loyalerer Untertanen zu legen. Nur ein paar Millionen Privatvergnügen durften die Leute jeweils behalten, zur Sicherung des eigenen Lebensunterhalts.
Wenn jetzt ein Schiedsgericht Chodorkowski eine Entschädigung zuspricht, weil ihm durch Betrug genommen wurde, was ihm einst durch Betrug zufiel, dann geht es keinesfalls um irgendeine Gerechtigkeit diesen Leuten gegenüber.
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich – so ist das nunmal. Warum bemühen sich internationale Gerichte mit der Nachverfolgung dieser gegenseitigen Gaunereien? Und warum rege ich mich darüber auf?

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Dienstag, 12. August 2014
Den Staat zur Räson bringen
Gestern las ich in der Süddeutschen Zeitung, die Sicherheitspartnerschaft der Bundesrepublik Deutschland zu den USA sei Staatsräson und stehe als solche in ihrer Gewichtung über den Forderungen des Grundgesetzes. Komisches Wort: „Staatsräson“. Ich kannte es ich bisher nur von der Freundschaft zu Israel, die ja auch „Staatsräson“ sein soll. Für mich klingt es irgendwie nach „räsonieren“, also „besserwisserisch herumnörgeln“. Mit Vernunft jedenfalls, wie die Wortherkunft nahelegt, scheint es nichts zu tun zu haben.
Wahrscheinlich ist „Staatsräson“ so etwas wie eine politische Richtlinie oder Willensbekundung. An sich ja etwas Sympathisches in unserer pragmatismus-verseuchten politischen Landschaft. Nur wieso solche Willensbekundungen sich über die demokratischen Forderungen des Grundgesetzes erheben sollen, das will mir nicht einleuchten.

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Schön war er wieder, der Urlaub ...


... wie das Bild von damals junior zeigt. Jetzt bin ich wieder da und werde mich bemühen, mein Blog wiederzubeleben, ab und an etwas zu schreiben, vielleicht wag ich mich sogar an die Kommunikation mit anderen.

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Donnerstag, 26. Juni 2014
Man kann ja mit Klischees spielen ...
... aber wird man dann auch verstanden?
Bei uns an der Straßenecke hängt dieses Plakat an einem Verteilerkasten. Heute komme ich vorbei und sehe, wie zwei junge Frauen - üppig, lange schwarze Haare, migrantisches Aussehen - daran herumpolken und versuchen es abzureißen. Ich: "Warum reißen Sie denn das Plakat ab?" Darauf eine der beiden: "Na, hier, steht doch dran: Diskriminierung. Meine Feundin ist selber Sinti. Wir sind gegen Diskriminierung!" Als sie mein entgeistertes Gesicht sieht, stockt sie und sagt. "Was bedeutet denn das?" Ich erklär es ihr. Sie darauf: "Ach so".
So viel zur Wirksamkeit politischer Plakate.

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Dienstag, 24. Juni 2014
Auch das hatte der Datenstrudel verschluckt ...
.. und da ich nicht willens bin, meine Politik-Jammereien noch letzter Woche noch noch einmal zu wiederholen, folgt hier nur der Link, der mir des Weitergebens wert war, ich hab ihn über "anders deutsch" gefunden.
Was ich dazu denke, können Sie sich denken.

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Dienstag, 27. Mai 2014
Der Wohnsaal als Statussymbol
Zum ersten Mal sah ich einen solchen Saal bei J., Ende der 80er in Berlin-Friedrichshain. Das war eine langbeinige Szenefrau mit Hennahaar und Lederhosen, sie lebte auch ganz illegal vom privaten Schneidern und Verkaufen solcher Hosen. Irgendwie hatten sie und ihr Freund es zu einer 4-Zimmer-Wohnung in einem gründerzeitlichen Mietshaus nahe der Karl-Marx-Allee gebracht, und bei den beiden Zimmern nach vorne raus, da hatten sie die Zwischenwand rausgerissen, so dass ein vierfenstriger Saal entstand, in dem man schlief, aß, herumsaß oder feierte. J. residierte da prinzessin-auf-der-erbse-mäßig: feudal in proletarischem Ambiente.
Vermutlich war J.s Wohnidee nur eine späte Reaktion auf Westberliner Fabriketagen zehn Jahre vorher, aber das weiß ich nicht genau – ich hab nur bei E. S. Özdamar und S. Regener davon gelesen. Es hielt auch nicht lange: Die 90er kamen und der Kommerz. Szene-Fiesling A. stand eines Tages stolz in der Wohnung: „Ich hab einen A4! Ich hab einen A4!“ J. sah aus den Fenstern ihres Saals und witzelte: „Ich seh hier keinen R4!“ Kurze Zeit später wurden die Eigentumsverhältnisse geklärt, J. musste ausziehen.
Und vielleicht war auch das eine Reaktion auf die Fabriketagen, eine westdeutsch-bürgerliche halt: dieser 70er-Jahre-Bau nahe der City Nord in Hamburg, wo Y. wohnte, als sie hier beim Fernsehen arbeitete: ein Saal mit Glaswand und Balkon (Schreib- und Esstisch sahen ziemlich verloren aus darin), dazu eine winzige Küche, in der man kaum mehr als Tütensuppen zubereiten konnte, und ein ebenso winziges Schlafzimmer (das Doppelbett füllte es vollständig aus) sowie eine Duschzelle - eine Single-Wohnung für den Feierabend, die Nacht und gelegentliche Partys, warum nicht?
Später wird man dann erwachsen. J. wohnt schon lange nicht mehr in Berlin, sondern mit ihrer Tochter in einer Kleinstadt an der Ostsee. Und Y. arbeitet nicht mehr in Hamburg, sondern in der Hauptstadt, sie hat sich eine Villa in Babelsberg gekauft. Ich hab zu beiden keinen Kontakt mehr. Nur der Wohnsaal, der ist plötzlich wieder da.
Ja, es ist schon komisch, dass diese sympathisch überspannte Jugend-Architektur-Idee, der Wohnsaal als Ausdruck eines individuellen Freiheits- bzw. Freizeit-Anspruchs, neuerdings vermehrt in ganz normalen Mittelstands-Mietwohnungen auftaucht, wo sie auf den ersten Blick überhaupt keinen Sinn ergibt.
Ich erwähnte schon, dass unsere Genossenschaft uns unsere Wohnungsgenossenschaft neulich eine derartige Wohnung anbot. Jetzt ist auch N., eine Freundin meiner Frau, in so eine Wohnung gezogen. Für sie allerdings passt es: Sie ist alleinerziehend mit Kind. Betritt man ihre neue Wohnung, dann fällt man von der Wohnungstür direkt in einen großen Saal, zu dem auch eine Küchenecke gehört und von dem ein großer Balkon in den begrünten Innenhof mit abgeht (letzterer meines Erachtens der schönste Ort in der Wohnung). Außerdem gehören zu der 90m²-Wohnung noch zwei Zimmer zur Straße raus sowie zwei(!) kleine Bäder ohne Fenster. („Na ja, wenn meine Tochter dann in die Pubertät kommt ...“, meinte N. zu diesem Luxus.) Für zwei Personen eine sehr schöne Wohnung. Natürlich teuer. Ich frage mich nur, weshalb es dafür nun einen Architekturpreis gab: 90m², die man mit mehr als zwei Personen nicht mehr vernünftig bewohnen kann, ist das nicht ein bisschen dekadent?
Als die Leute vor hundert Jahren in viel kleineren Wohnungen leben mussten, da sehnten sie sich nach mehr Platz. Berühmt geworden ist Virginia Woolfs Essay „A Room of One’s own“, der deutlich machte: Wo kein Platz ist für Privatsphäre, da ist kein Platz für Individualität. Tja, und jetzt haben wir diese Wohnungen, von deren stattlicher Größe Menschen unseres Standes vor hundert Jahren nur träumen konnten – und es fehlt immer noch der Platz für den eigenen Raum. Warum?
Vielleicht erhellt das der Blick in eine weitere Wohnung. N. meinte nämlich: „Da wird eine Wohnung frei bei uns im Hof, die brauchen dringend einen Nachmieter. Vielleicht habt ihr ja Interesse? Ist ganz hübsch, auf zwei Etagen. ... Ja, ganz tragisch, er arbeitet wissenschaftlich, es hat nie geklappt mit einer festen Stelle, und sie verdient gar nichts, ist mit den Kindern zu Hause, engagiert sich außerdem ehrenamtlich. Jetzt geht er auf die Fünfzig und kriegt die Panik ...“ Na, jedenfalls hat er eine Stelle in Bremen angenommen, obwohl er sie irgendwie als unter seiner Würde empfindet (Gymnasium? Fachhochschule? Irgendsowas.), und die Familie zieht weg. Wir durften uns die Wohnung ansehen.
Auch diese Besichtigung beginnt damit, dass man ohne Flur gleich auf die Küchenzeile zustolpert, die Garderobe im Küchendunst. Aber davon mal abgesehen, macht die Wohnküche einen gemütlichen Eindruck. Das Zimmer dahinter: der unvermeidliche Wohnsaal, mit riesiger Glasfront zu einem reihenhausmäßigen Mini-Rasenstück, dahinter eine weiße Mauer, die den Blick auf benachbarte Hinterhöfe abschneidet. Irgendwie mehr Schein als Sein.
Von der Wohnküche die Treppe nach oben. Dort ein weiterer Wohnsaal (derzeit genutzt als Kinderzimmer für die beiden Kinder), ein kleines fensterloses Bad, ein Schlafzimmer mit Blick in den Hof. Ein kleiner Schreibtisch neben dem Doppelbett, für mehr ist kein Platz. Nirgendwo in dieser Wohnung können sich die Ehepartner mal zurückziehen zum Schmollen, Arbeiten, Meditieren. Und den Kindern wird ihr gemeinsamer Saal auch wenig nützen, wenn sie erst mal in die Pubertät kommen. Dabei wäre von den Quadratmetern her locker Platz gewesen für zwei Kinderzimmer.
Und: „Ein bisschen teuer ist es schon“, meint N.: deutlich über tausend Euro kalt. „Also, mit allen Kosten zusammen bleiben sie aber unter 1.4.“ Ich: „Wie bezahlen sie denn das, ohne ein festes Gehalt in der Familie?“ – „Ich glaube, die Eltern geben was dazu.“
Also ein reines Status-Objekt das Ganze, das man sich eigentlich nicht leisten kann. Und man schämt sich, wenn man dann doch zurück muss in seine Heimatstadt. Irgendwie erinnert mich das an E. und I. Auch bei diesem Paar ist es der Frau nicht gelungen, Tritt zu fassen im Beruflichen, sie konzentriert sich ersatzweise auf das Kind. Auch sie sind aus der Großstadt weggezogen, weil E. eine schöne Gymnasiallehrerstelle im Dörfchen seiner Herkunft ergattern konnte. Sie kauften sich (mit Hilfe der Ersparnisse von E.s Vater, einem pensionierten Schuldirektor) ein Sechziger-Jahre-Einfamilienhaus mit Satteldach, das insgesamt doch ein wenig piefig wirkt. Aber es gibt ein schönen großen Garten und innen genug Platz: eine Küche und ein großes Doppelzimmer mit Schiebetür unten, drei Zimmer (mit schrägen Wänden) in der oberen Etage. Ausreichend für drei Personen, aber natürlich nirgends großzügig. Also planten sie einen Anbau: Es wurde ein unförmiger Kubus mit zwei Glaswänden, in dem jetzt die schönen Antikmöbel aus ihrer Stadtwohnung stehen und die Bücherregale. Für die alltägliche Benutzung viel zu groß. Gegessen wird in der Küche. Und das, was man wirklich braucht, den Rückzugsort, das hat jeder für sich in seinem Zimmer unterm Dach.
Der Anbau ist ein reines Party- und Besucherzimmer. Na ja, bei meinen Großeltern (das waren Aufsteiger aus dem proletarischen Milieu) gabs das auch, damals um 1930, als die Moderne in die Piefigkeit zurückfiel: Da hieß das „Gute Stube“, war meistens abgeschlossen, nie geheizt und roch komisch. Ich mochte das nie leiden und mag es auch in seinen aktuellen Formen nicht.

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Freitag, 2. Mai 2014
Eine Heldin meiner Jugend: Emily Dickinson
Obwohl es in meiner Familie keine Westverwandtschaft gab, tauchten manchmal in meinem Elternhaus Westler auf, Menschen von einem anderen Stern, die sich aufgemacht hatten, dieses unbekannte Territorium hinter dem Eisernen Vorhang zu erkunden.
Das betraf zunächst einmal meine Eltern. Ich war nur der Sohn. Natürlich nahm ich an den Gesprächen teil, ich interessierte mich durchaus auch für Kunst und Politik. Aber die Themen der Elterngeneration waren zweitrangig, solange meine eigenen Verhältnisse nicht geklärt waren. Nur einmal, ich war schon erwachsen, wohnte aber noch bei den Eltern, war dieser Westbesuch auch für mich etwas Besonderes: Eine Frau von Klemperer, US-Bürgerin, sprach in einer Begegnung nebenher mich selbst an, und wir kamen in einen guten, aufbauenden Dialog. Dessen Ergebnis: dass nach einiger Zeit ein Büchlein mit Versen von Emily Dickinson eintraf, die mir sie empfohlen hatte.
Ich habe das schmale Buch sofort in mein Herz geschlossen. Emily Dickinson machte mich vertraut mit einem religiösen Weltverständnis, in dem das Ich als kraftvolles Einzelnes seinen Platz hat im Weltganzen. Nicht wie bei den politischen Diskussionen, die ich kannte, wo es immer um „die da oben“ ging, die alles bestimmen und denen man machtlos ausgeliefert ist. Bei Emily Dickinson konnte das Ich durchaus auch mikroskopisch klein sein, sich nähren von Krümeln, die von Gottes Tisch fallen. Aber manchmal stand es auch als geladene Waffe in der Ecke. Bei ihr lagen die Toten unter den Marmorbögen der Ewigkeit und sprachen. Sie waren tot, keine Handelnden, aber nicht einmal sie waren stumm oder ohnmächtig. Dickinson zeigte mir, dass man nicht zu sich kommt, ohne nach innen zu gehen. Und ich begann, ihre Gedichte – nur für mich – ins Deutsche zu übersetzen.
Daran änderte sich nichts, als zwei Jahre später die DDR und mein bisheriges Leben zuende gingen. Es verschlug mich nach dem Westen, ich vergrub mich in einer Bremer Souterrainwohnung, abonnierte eine links-katholische Zeitung, die ich niemandem aus meinem Umfeld zeigen konnte, und übersetzte weiter Dickinson. Dass ihre Verse in Westdeutschland zum Allgemeingut gehörten und in ordentlichen Übersetzungen vorlagen, ignorierte ich, die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verweigerte ich, sofern sie über den Medienkonsum hinausging. Einmal schrieb ich einen Leserbrief an die taz, weil mich die zögerliche Haltung der Linken im Jugoslawienkrieg nervte. Er wurde veröffentlicht und ich bekam kurz darauf Post von der militärpolitischen Sprecherin der Grünen: ob ich nicht mitarbeiten wolle. Ich erschrak und zog mich wieder weiter zurück.
Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Deutschland, das neue Deutschland, das jetzt schon über 20 Jahre das vereinigte ist, hat sich verändert. Der Sozialstaat bröckelt, die Tarifverträge schwinden dahin, die kritischen Fernsehmagazine, die damals den Ton angaben, gibt es fast gar nicht mehr. Die Grünen sind regierungsfähig, d.h. sie befürworten die Installation von Kriegen und Kohlekraftwerken. Allerdings kaufen jetzt auch normale Menschen Bio-Produkte, Türken können Minister oder Spielfilmregisseur werden und Ostdeutsche Bundeskanzler. Außenseiter-Meinungen muss man nicht mehr als Graswurzel-Blättchen vom Straßenverkäufer im Uni-Viertel erstehen – sie sind für jedermann im Internet einsehbar. Und werden auch eingesehen. Das Leben ist unsicherer und unübersichtlicher geworden, aber auch bunter, weniger normiert, und vielleicht fühle ich mich deshalb jetzt im neuen Deutschland zu Hause, gehe einem Beruf nach und habe eine Familie gegründet. An Emily Dickinson denke ich nur noch manchmal. Seit ich mich Mitte der neunziger Jahre wagte, bei Reclam eine zweisprachige Ausgabe ihrer Gedichte zu kaufen, habe ich nichts mehr von ihr übersetzt.

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