Montag, 21. Februar 2011
Zwei Fragen zur Hamburg-Wahl
Zunächst, was das Prozedere betrifft: Da sind die beiden Favoriten ja diesmal bis in die Nähe der magischen 50%-Marke vorgedrungen: die SPD mit 48% und die Nichtwähler mit 43%. Das Ergebnis der SPD gilt als absolute Mehrheit. Aber ab wann gilt ein Wahlboykott als erfolgreich?
Auch die Aussagen, mit denen diese Ergebnisse erzielt wurden, finde ich fragwürdig. Offenbar gab es ja einen Wettkampf darum, wer am wenigsten davon verrät, was er nach der Wahl vorhat. Olaf Scholz von der SPD hat diesen Wettkampf bravourös gewonnen: Selbst ein „Ich sage gar nichts.“ war ihm für seine Wahlplakate zu viel – er titelte einfach: „Klarheit“. Dass sich die CDU entschlossen hat, tatsächlich typische CDU-Wahlziele auf ihre Plakate zu schreiben („Weniger Kriminalität“, „Starke Unternehmer, schwache Schüler“) – war diese Entscheidung schon eine vorweg genommenes Eingeständnis ihrer gewiss kommenden Niederlage?

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Dienstag, 16. Oktober 2007
Die Tagung, Teil 2 und Ende
Mir leuchtete das ein, ich hätte gern noch ein paar Für- und Gegenargumente gehört, aber es war ja schon spät, die Zeit überschritten, man musste sich schnell noch über Reisekostenabrechnung und Tagungsband verständigen, bevor es zum gemeinsamen Abendessen ging. Ich war ja nur Gast und ging allein zu meinem Rad. Als ich nach Hause fuhr, wurde ich an der Ecke Wilhelm-Kaisen-Brücke – Osterdeich vom Straßenrand aus angerufen: Astrid und ihr Freund mit Fahrrädern, Christian war auch dabei, er schob einen Kinderwagen mit der kleinen Johanna. Das war schön, wir freuten uns alle. Aber es war dunkel und kalt, die Gruppe löste sich bald auf. Als mich Astrid zum Abschied am Arm fassen wollte, war ich schon aufs Rad gestiegen.
Der Sonntag war das beste. Ich hatte mich eingewöhnt in meinem Stuhl und saß gemütlich da und genoss die Vorträge: über den „Weiberroman“, den ich kenne und liebe, auch einen schönen Überblick über die Popliteraten inklusive geistesgeschichtlicher Einordnung. E.s Vortrag bildete den Abschluss der Tagung. Es ging auf Sonntag Mittag, man lehnte sich zurück, um ein paar kluge Worte über Michel Houellebecq, den Modeautor unserer Tage, zu hören. Als die Moderatorin des Tages wie üblich den Redner vorstellen wollte, wurde sie von E. unterbrochen: Das wäre doch nicht nötig. Seine Auszeichnung bestand darin, nicht vorgestellt werden zu müssen. Und er enttäuschte nicht: Sachlich und farbig, mit ins Ohr gehender Leichtigkeit näherte er sich diesen selbst- und menschenhasserischen Texten, erleichterte Verstehen und weckte Wohlwollen, ohne den Autor zu überschätzen. Es schien mir, als übertrage sich E.s eigenes Verstehenwollen der sperrigen Materie sympathethisch auf seine Zuhörer. Aber natürlich nicht auf Professor A. Der fragte in der anschließenden Diskussion seinen gleichaltrigen Kollegen, wie denn das möglich sei, was er eben gehört habe, dieses identifizierende Lesen von Anti-68er-Literatur durch einen 68er. Wahrscheinlich durfte die Konferenz nicht enden, bevor nicht dieser Gegenschlag getan war. E. schluckte. „Was soll der Analysant sagen, wenn der Analytiker gesprochen hat?“ konterte er dann, und das verschaffte seiner Verteidigungsrede einen sicheren Ort. Dann mauerte er weiter: 68er sei er in dem Sinne ja nie gewesen ... er stockte, eine Sekunde kämpfte er sichtlich mit sich. Dann argumentierte er plötzlich ganz anders: „Ich finde das keinen Verrat ...“ – „Verrat habe ich nicht gesagt.“ warf A. ein – „... wenn ich das, was ich damals mit Marquis Posa gedacht habe, nämlich dass man nie um Haaresbreite von seiner Überzeugung abweichen dürfe, wenn ich das jetzt nicht mehr finde.“ Einen Augenblick nur gab es ein erstauntes Schweigen in der Runde ob dieses Bekenntnisses, dann hatte wieder der Lektor das Wort und es wurde scharf geschossen: Es müsse doch auch gesagt werden dürfen, wie der unbewusste Hedonismus der 68er zur Ausweitung der kapitalistischen Kampfzone geführt habe. Oder so. Ich beugte mich vor, um das Gesicht des Redners in den Blick zu bekommen – er saß heute ganz hinten, noch hinter A., der sich mit linker Bescheidenheit mitten ins Publikum platziert hatte. Ich beugte mich vor, aber ich fuhr gleich zurück, um nicht der schönen Blonden ins Auge blicken zu müssen, die direkt neben dem Lektor saß. Im Zurücklehnen nahm ich nur noch kurz wahr, wie A. langsam und mit verachtungsvoller Würde den Kopf zur Seite wendete, um nach hinten, um dem Lektor ins Gesicht zu sehen.

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Freitag, 12. Oktober 2007
Die Tagung, Teil 1
Am Freitag war ja noch alles gut gegangen – die ersten zwei Vorträge hatte ich mir nämlich gespart und war erst zur Abendveranstaltung gekommen, einer Autorenlesung, und da war Nicola in einem langen schwarzen Kleid, ich hatte also eine Frau zum Mich-Festhalten. Wir standen am Büchertisch, ich mischte mich in ihr Gespräch mit dem Buchhändler und gab meine Meinungen zum Besten. Der Buchhändler war beleidigt. Nicola lachte. Dann kam auch Professor E. vorbei und wandte lächelnd ein paar leutselige, allgemeine Worte an die jungen Gäste seiner Veranstaltung.
Samstag war ich allein. Herbstsonne überflutete den wohlbekannten Saal des Gästehauses, die Glastüren ließen den Blick über den Fluss frei, so dass gleich hinter den an der Seite Sitzenden die Gebäude am anderen Ufer zusehen waren: die Häuser am Hafen, die rote Backsteinfront der Martinikirche, das golden blitzende Ziffernblatt der Turmuhr. Zuerst redete Professor A., er trug ein weiches, dunkles Sakko und das gütig-vernünftige Gesicht eines weise gewordenen Aufklärers. Mit überlegener Offenheit wandte er den Diskursbegriff der Jüngeren auf die Literatur der ganz Jungen an. Befragte die Fragwürdigkeit eines Generationenbegriffs, der sich, eine angriffslustige Konstruktion, gegen die emanzipatorischen Ideen seiner eigenen Generation, der 68er, richte. Wenn schon etwas die junge Generation geprägt habe, schloss er, dann die „revolutionsartigen Ereignisse“ des Jahres 1989, in denen er eine Vollendung von 1968 sah. Mir stockte der Atem: Kaum eingewöhnt in die kluge Wärme seines verständnisvollen Tones nun diese Wendung zu selbstbezogener Arroganz, war er mir nur noch der etablierte Westdeutsche, der die Interpretationshoheit über Ostdeutschland behauptet. In das Schweigen im Saal hinein war plötzlich E.s Stimme zu vernehmen. Er eröffnete die Diskussion elegant mit sachlicher Kritik an der Methodik des Vortrags. Den folgenden Emotionsausbrüchen Jüngerer war die Spitze genommen.
Diese Jüngeren bildeten natürlich den Ton auf der Tagung: ein skurriler Mann mit Halbglatze, der darüber spottete, mit 45 Jahren noch als Nachwuchswissenschaftler zu gelten, ein Lektor, der habilitierter Germanist war, Herr P., der an der Uni Landeskunde für Ausländer unterrichtet. Auch Frauen waren einige vertreten, eine von ihnen war die eigentliche Organisatorin der Veranstaltung. Als Wissenschaftlerinnen hatten sie aber eine weniger gewichtige Stimme, was sich vor allem dadurch ausdrückte, dass ihre Beiträge übermäßig höflich gelobt wurden.
Eine von ihnen war Schwedin, d. h. eigentlich war sie scheinbar gar keine Schwedin: Sie hatte in Jena studiert, den Nachnamen verdankte sie wohl ihrem Ehemann, und es war eine Entkommene wie ich. Den Eindruck musste ich jedenfalls haben, da sie ein so tadelloses Deutsch sprach mit einem leichten sächsischen Einschlag, der sich in meiner Wahrnehmung mit ihrer Henna-Kurzhaarfrisur und der metallenen Brille zu einer zwingenden Vorstellung von Schulzeit und Erzieherin verband. Sie sprach über „Kindheitsheimat – ihre Darstellung in den Texten junger ostdeutscher Autoren“. Sie vertiefte sich in diese Geschichten von gebrochenen Biografien, von Gewalterfahrungen, von Macht und Ohnmacht. Sie sprach nicht darüber, wie Literatur funktioniert und was sie auslösen kann, nicht über Freude oder Leid. Sie sprach über Heimat und über kollektive Identität.
Draußen kam die Nacht. Der Moderator stand auf und schaltete das Deckenlicht ein. Das aber funzelte nur und gab dem schwächer werdenden Licht von draußen eine ebenso schwache gelbliche Note. Irgendwann erinnerte sich Professor E. des Dimmers und verwandelte das Zwielicht in Helle. Dann war der Vortrag vorbei. Die Diskussion begann mit einem flammenden Redebeitrag des Lektors, der bei Kiepenheuer & Witsch die Pop-Literatur herausgibt und hier als Anwalt der jüngsten Generation fungierte. Er betonte die Unterschiedlichkeit der besprochenen Texte, ja er feierte sie. Sie im Sinne einer gemeinsamen Identität zusammenzudenken, hielt er für wenig produktiv. Ein anderer Redner stimmte bei: ob das Erzählangebot an die Ostdeutschen, immer wieder solche Viktimisierungsgeschichten über sich darzubieten, nicht sogar eine Falle darstelle.

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Samstag, 8. September 2007
Willkommen in der New Economy - Ossi als Westloser
Ich erinnere mich an ein Betriebsfest. Natürlich musste ich kommen, ich hatte keine Lust und also kam ich zu spät. Ich war zuvor noch nie im Hauptsitz unseres Unternehmens gewesen. Man muss dazu sagen, dass das Unternehmen eigentlich eine Unternehmensgruppe war, und keiner stieg durch, wozu eigentlich was gehört. Jedenfalls keiner der – wie ich – erst kürzer dazu Gehörenden. Es handelte sich um ein Unternehmen der Weiterbildungsbranche, also eine der Firmen, die im Zuge von Hartz IV in das Gebiet unverhoffter Schwierigkeiten, aber auch unerwarteter Chancen geraten sind.
Ich kam also an – und das Ankommen war schon symptomatisch. Ich kenne sonst keine S-Bahn-Linie, die um sieben Uhr abends so überfüllt ist. In dieser Gegend der Stadt bin ich bisher nur gewesen, um (zu miserablen Konditionen) meinen Arbeitsvertrag zu unterzeichnen. Einmal war ich zu einem Vorgespräch bei einem Psychotherapeuten in dieser Straße, aber allein die Tatsache, dass sich seine Praxis in Sichtweite zu meinem Arbeitgeber befindet, ließ mich bald Abstand nehmen.
Die Firma residierte offenbar in einem denkmalgeschützten Gebäude mit Backsteinschick von 1913 (außen). Innerlich hatte man das Gebäude auch schon 1913 in Stahlskelettbauweise errichtet (die Backsteinfassade also nur Dekoration), auch jetzt (nach der Bombardierung im 2. Weltkrieg) war es innen büro-0/8/15.
Hinter dem Haupthaus, in einer alten Lagerhalle, machte man Party. Als ich kam, sprach gerade der Geschäftsführer. Er verkündete, dass er die Blumensträuße, die er gestern auf einer Messe bekommen habe, jetzt direkt an verdiente Mitarbeiter weiterleiten wolle. Das geschah auch. Das Publikum applaudierte pflichtschuldigst. Dann gab es Grillfleisch und Bier und Wein.
Ich erinnerte mich an Bernd Begemanns „Ich komme um zu kündigen“ und seinen Satz „Zum Betriebsfest gab es Bier und Bockwurst und rassistische Witze“ – Tja, damals waren die Fronten noch klar. Jetzt war das anders. War nun unsere Firma ausbeuterisch, weil sie schlecht bezahlte, oder war das der Not der Situation geschuldet?
Ich saß zwischen meiner Chefin, einer eher massigen Büromieze, die sich für den Abend Locken in ihr Blond gedreht hatte, und meiner Kollegin, mit der ich die Skurrilitäten unserer Kunden durchhechelte. Dann ging sie – die mit ihrem Freund und ihren Schwiegereltern irgendwo in der Provinz wohnt – und die mit dem Gehalt sicher nicht klarkäme, würden nicht die Schwiegereltern das Haus und die Wohnung besitzen.
Ich sagte „Tschüß“ und wechselte nach draußen zu den Rauchern: die taffe (oder schreibt man "toughe"?) Frau Hocker und Ihre Bürokraft mit dem Namen Nada Ichweißnichtwie („Nada“ pflegte meine Sommersonja https://zeitnehmer.blogger.de/stories/886818/ zu sagen, wenn sie nein meinte) – bei denen hatte ich meine ersten Stunden für dieses Unternehmen abgeleistet hatte – wir redeten über Filme, irgendeine der Dozentinnen liebte Tarantino, Frau Hocker Woody Allen, Frau Nada natürlich Kusturica, und als sich herausstellte, dass ich „Als Papa auf Dienstreise war“ kannte, bei dem ihre Klassenkameradin eine Statistenrollen innegehabt hatte ... wie schön war das bei den Prolls!
Nachher spielte der DJ in Anbetracht der Altersstruktur der Mitarbeiter noch ACDC und „Radar Love“ – und ich konnte schön den Alkohol austanzen.
Hmh, komisch – soll das nun bedeuten, dass man in diesem Milieu nun (unterbezahlt auf Honorar) bei den Prollchaoten aus Ost-Deutschland oder –europa reinpasst, nicht aber bei den fest angestellten und minimal besseer bezahlten und überangepassten Wessilosern?
Eine Erzählung über meine Erfahrungen in diesem Bereich in den letzten Jahren soll demnächst Klarheit in diese Frage bringen.

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