Montag, 3. August 2020
Augenblicksemotion
Eben beim Kochen nebenher Deutschlandfunk: Gespräch mit einem Fotografen, Jahrgang 1977: Der hat in den USA gelebt und sich für "Pop" interessiert, was bedeutet, Portraits von Popmusikern mit Zitaten von diedrich Diederischen oder Heinz Bude zu kombinieren, er hat die einstigen Machtzentren in Bonn fotografiert, erstaunt über und fasziniert von dem verblüffend Kleinstädtischen dieser Macht, von einer Zeit, in der er lieber gelebt hätte.

Mir fremd mir das alles ist: die USA, Bude und Diederichsen, das alte Bonn! Ich bin so froh und dankbar, in der "Berliner Republik" zu leben, die von so vielen Wessis und Ossis emotional (aus unterschiedlichen Perspektiven) abgelehnt wird. Bin ich schon wieder in der Minderheit?

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Ehrlicherweise muss ich sagen, dass mir das alte Bonn trotz der geringeren geographischen Entfernung kaum näher war als Berlin. Und Diedrichsen, meine Güte, dessen Diskurse erreichten eine ganz bestimmte Sorte von Spezialnerds, von meinem Abijahrgang (knapp hundert Leute), dürften vielleicht sechs oder sieben einigermaßen à jour gewesen sein damit, was in der Spex verhandelt wurde. Durch die mediale Rückschaulinse betrachtet wirken solche Zeitgeistphänomene (Tempo war da sicher viel wirkmächtiger als Spex) geradezu monströs groß, während es in Wahrhheit nur Nischenererignisse waren.

Das Thema USA müsste man mal noch gesondert abhandeln, da macht es womöglich einen entscheidenden Unterschied, ob man in der US-Besatzungszone aufgewachsen ist oder woanders.

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Das mit Spex hätte ich in der Tat ganz anders vermutet - danke für die Relativierung: Da wundert es ja nicht, dass Spex untergegangen ist, während Melodie und Rhythmus immer noch existiert (wie ich neulich im Zeitungsladen erstaunt feststellte - ich hatte aber nach den Schlagzeilen auf dem Cover keine Lust, mir eine kaufen).

Zum Thema USA eine kleine Anekdote: Als ich am 11. September 2001 abends zum Kino verabredet war ("Die fabelhafte Welt der Amelie"), erzählte mein Bekannter irgendwas von "World Trade Center" und Flugzeugen. Ich glaubte, er will mich veräppeln, denn mir war nur das 1 km entfernte World Tade Center in Bremen bekannt, und das hätte ich doch wohl mitgekriegt. Anschließend verwickelte er mich in ein Gespräch über Usama bin Laden, und ich war stolz, den Namen überhaupt zu kennen (durch eine aus Usbekistan stammende Freundin, deren Vater, als Russe Vertreter der alten Kolonialmacht, bin Laden inbrünstig hasste). Erst als ich nach dem Kino noch die Glotze anschaltete, wurden mir die Zusammenhänge klar.

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So ähnlich war es Bekannten gegangen, die in der Pampa Backpacker-Urlaub machten und erst Tage später realisierten, was sie da an News verpasst hatten. Soviel auch zum Thema der medialen Erzählungen à la "danach wird die Welt nicht mehr die gleiche sein". Einerseits natürlich richtig, dass die Welt am 12. September nicht mehr exakt die gleiche war wie am 11. aber realistischerweise bliebe doch festzuhalten, dass für das Gros der Weltbevölkerung das Leben grad so weiterging. In meinem Umfeld war das Platzen der Dotcom-Blase und der resultierende Downturm am Aktienmarkt im April 2000 die viel größere Katastrophe und ein entscheidenderer Wendepunkt.

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Weiß gar nicht, was Sie gegen Heinz Bude haben. Der ist zwar Jahrgang 1954, aber quasi ein halber Berliner, er studierte und promovierte an der FU. Und habilitierte sich auch erst nach der Wiedervereinigung. Einer seiner Schwerpunkte ist übrigens die Exklusionsforschung.

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Mag sein, dass ich Heinz Bude Unrecht tue. Aber der Fotograf hat ihn nunmal in einem Atemzug mit Diederichsen genannt. Mir ist Bude ein Begriff, weil ich mal ein Buch von ihm gelesen habe, das mir ein Kollege empfahl und das mich thematisch interessierte ("Die Ausgeschlossenen") und das mich enttäuschte: Ich empfand den Text als sehr ehrenhaft, aber irgendwie lau, eben doch nach68er wie Diederichsen, irgendwie nicht an dem Punkt, wo's wirklich wehtut.

Ich will die Leute ja auch gar nicht schlechtmachen, ich sage nur, dass sie mir fremd sind. Wenn ich mich in der jetzigen Berliner Republik wohl fühle, in der es ja offensichtlich mehr Stress und Konflikte gibt als in den paradiesischen westdeutschen 70er/80ern, sag ich ja auch nicht, dass ich die Zustände jetzt besser finde - ich sag nur, dass mir (um ein Beispiel zu nennen) die Filme von Dresen, Ade oder Akin mehr geben als die von Faßbinder oder Herzog. (Ich mag z.B. die deutschen Trümerfilme - inkl. meines absoluten Lieblings "Der Verlorene" - lieber als die berühmten expressionistischen Kunstwerke wie "Die Nibelungen" oder "Caligari", obwohl ich wirklich keine Lust hätte, in besagten Trümmern zu leben.)

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Die westdeutschen 70er/80er waren paradiesisch, konflikt- und stressfrei? Da muss ich jetzt aber sehr lachen.

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Ich hab sie nicht erlebt - vermutlich ist das nur meine romantische Vorstellung von ihnen: dass es damals wenige Sozialhilfemepfänger statt vieler Hartzer gab, die Gastarbeiter alle Arbeit hatten, die renitenten 68er mit neuen Stellen an Unis und im Bildungswesen ruhiggestellt wurden und die Gehälter des Mittelstandes wuchsen und sie sich alle Häuschen bauten in den Speckgürteln, wo dann ihre Söhne Spex lasen - oder so ähnlich.

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Fremdenfeindlichkeit
Indem ich versuchte, diffuse Fremdheitsgefühle rational zu erklären, geriet ich in ein ganz falsches Fahrwasser und begann, Dinge schlechtzureden, die nicht schlecht sind, sondern einfach nur fremd. Also noch einmal:

Nicht alle Filme von Dresen, Ade, Akin mag ich, einige haben mich regelrecht wütend gemacht (wie ich hier schon schrieb) - aber keiner ließ mich kalt. Von Faßbinder hab ich mir eine ganze Retrospektive angesehen und fast sofort wieder vergessen. Selbst "Angst essen Seele auf", den ich sehr gut fand, hat mich nicht tiefer berührt.

"Die Mörder sind unter uns" ist sicher etwas ktischig und "Unter den Brücken" hat eine mir ein bisschen unangenehme Frivolität (dass meine Frau ihn nicht leiden kann, verstehe ich gut), und doch gehen sie mir auch bei wiederholtem Sehen zu Herzen. "Das Kabinett des Dr. Caligari" und "Nosferatu" sah ich mir an wie fremde, schöne Schmuckstücke. In "Berlin Alexanderplatz", sicher große Literatur, bin ich zweimal steckengeblieben. Und auch bei Heinz Bude sprang der Funke einfach nicht über.

Das ist die Crux bei diesem Identitäts-Nachdenken. Je mehr man versucht, das Bauchgefühl mit irgendwelchen rationalen Argumenten zu unterfüttern, desto gerät man in die Abwertung des Fremden. Das heißt nicht, dass das Bauchgefühl Unrecht hat. Es funktioniert nur anders.

Vielleicht sollte man über das Fremde erst schreiben, wenn man es liebgewonnen hat.

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fremdheit (oder nicht)

ich könnte ihnen diese beiden sendungen sehr empfehlen: literarische innenansichten der alten bundesrepublik und kindheit in ost und west - „so verschieden waren wir nicht“.

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Das soziale Netz war enger geknüpft, und so erscheint im Rückblick manches kuschliger in der alten Bunzrepublik. Aber gleichzeitig war manches auch muffiger und kleingeistiger, und eine harmonische Konsensgesellschaft (wie etwa in den Niederlanden) war die Bundesrepublik eigentlich nie.

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