Sonntag, 2. September 2018
Longlist vom Buchpreis 2018 – mein subjektiver Eindruck
In manchen Momenten ist es wirklich schön, in der Großstadt zu wohnen: Das war vor ein paar Tagen ein Leseabend mit fast allen der Nominierten für den Buchpreis. Ich konnte da einfach hinradeln und mir das angucken. Ich stelle meine Eindrücke hier ins Netz – vielleicht ist ja das eine oder andere für Sie interessant.
Insgesamt war das ein bisschen wie ein Sportereignis – in einer großen Halle, die etwas von einer Sporthalle hatte, und zeitlich straff durchorganisiert: immer 5 min Interview und 10 min Lesen und schwupps der Nächste.
Zuerst kam Franziska Hauser auf die Bühne. Sie las aus „Die Gewitterschwimmerin“ – das war nett, anekdotisch, belanglos. Die Autorin erzählte im einleitenden Interview von den Schwierigkeiten und Wirkungen, ein Buch über die eigene Familie zu schreiben, schreibend herauszufinden, warum ihre Mutter „ein Biest“ gewesen sei und welche Bedeutung ihr Großvater, ein ostdeutscher Prominenter und Kulturfunktionär, für seine Frau und für die ganze Familie gehabt hatte. Ich konnte mir gut vorstellen, wie so ein Text in einer Familie funktioniert als Katalysator. Als Außenstehender fand ichs aber langweilig. Zumal wir Geschichten aus dem ostdeutschen Funktionärsmilieu nun wirklich schon genug, eigentlich zu viele gehört haben.
Gleich danach wieder ein Buch über eine Mutter, nun aber westdeutsch-individualistisch, von Susanne Fritz („Wie kam der Krieg ins Kind?“), die dem Schicksal ihrer Mutter in einem polnischen GPU-Lager der Nachkriegszeit nachforschte. Statt Plauderei gabs hier Psychologie, die volle Dosis: Eindrucksvoll, stimmig wirkte das auf mich, leider auch ein bisschen weinerlich.
Auch Adolf Muschgs Lesung aus „Heimkehr nach Hiroshima“ begeisterte mich nicht, umso mehr dagegen der Autor selbst, der im Interview in wenigen Worten Kluges vermitteln konnte über das Verhältnis von Natur und Mensch: wo z.B. bei Adalbert Stifters meisterhafter Naturidylle der Knackpunkt ist, nämlich beim eigenen körperlichen Ich des Autors, das in den Beschreibungen so auffällig fehlt („und diesen Körper hat er dann ja auch umgebracht“), oder warum er pessimistisch ist betreffs der zukünftigen Entwicklung der Menschheit: weil der Mensch Dinge zu tun in der Lage ist, deren Folgen außerhalb seiner Wahrnehmungsfähigkeit liegen. Ob Muschgs Buch gut ist, weiß ich nicht, klug ist es sicher.
Ganz anders „Lebt wohl, ihr Genossen und Geliebten!“, bereits das zweite Buch der rumänischen Funktionärstochter Carmen-Francesca Banciu über ihren Vater: ein balkanesisch sprudelndes Dokument der Vaterfixierung. Sicher witzig. Aber brauchen tut das keiner.
Da gefiel mir der Text der Schweizerin Gianna Molinari „Hier ist noch alles möglich“ besser: eine mysteriöse, offenbar hochsymbolische Geschichte über eine Nachtwächterin in einer fast verlassenen Fabrik, über das Gelände streift laut Überwachungskamera ein Wolf. Der gelesene Ausschnitt war trocken, distanziert erzählt, mit viel Konjunktiv I, und dennoch interessant. Könnte was sein.
Eckhart Nickel dagegen ist sicher nichts: ein promovierter Kunsthistoriker mit nach hinten gegelten Haaren, der Thomas Bernhard verehrt und schon mit Christian Kracht in Nepal der Atmosphäre des Ortes nachgespürt hat. Auch in seinem Textausschnitt gab er den Décadent: Der männliche Protagonist hieß Bergheim, die weibliche Charlotte, also mit Vornamen, und Bergheim war natürlich narzisstisch und paranoid, vielleicht stand er auch unter Drogen.
Christina Viragh war die nächste, von ihr hatte ich schon im Internet gehört und eine Leseprobe probiert: „Eine dieser Nächte“ erzählt eine Nacht im Flugzeug, in der ein penetranter Ami die anderen zum Reden bringt und selbst ungeahnte innere Katastrophen offenbart. Das war ganz korrekt erzählt, mir sagte das nichts.
Dann wieder ein Ostdeutscher, ausgebildet am Leipziger Literaturinstitut: Matthias Senkel, „Dunkle Zahlen“, es geht um eine „Spartakiade“ realsozialistischer Informatiker 1985 in Moskau. Von der in den Feuilletons gerühmten und teils auch bekrittelten überbordenden Wildheit des Textes war an dem Abend nichts zu spüren: Ich fand den Ausschnitt sehr schön erzählt, nur thematisch interessierte mich das gar nicht.
Das mag persönliche Gründe haben (meine Abneigung gegen Osteliten), und persönliche Gründe hatte es auch, dass das nächste Buch mich begeisterte. Im Interview war mir Gert Loschütz erstmal noch nicht so sympathisch – er wirkte ein bisschen wie Erich Loest oder Henry Hübchen: ein älterer Ossi, der seine Intellektualität mit burschikoser, gespielt prolliger Attitüde überspielt. Sein Text aber war großartig: konventionell erzählt, aber sensibel, eindringlich, ernsthaft – und bar jeder Attitüde. Inhaltlich geht es um die Geschichte einer Flucht von Ost- nach Westdeutschland, auch das für mich interessant.
Auch Susanne Röckel gefiel mir. Sie erzählte im Interview von ihrem Erstberuf als Übersetzerin (Frage: „Muss der Übersetzer nicht mit der Übersetzung immer auch ein neues Kunstwerk schaffen?“ – „Ja, wenns schlecht ist, ganz besonders.“). So war auch der Text aus „Der Vogelgott“, den sie las: fein boshaft, satirisch ohne jede Grobheit. Sehr schön.
Maria Cecilia Barbetta las dann aus „Nachtleuchten“, eine ebenfalls satirische Geschichte aus dem Argentinien des Jahres 1974. Gefiel mir nicht so, da ich mit der blumigen lateinamerikanischen Art nicht so klarkomme (Barbetta begeisterte sich an der Gruseligkeit des Umstands, dass sie zur Lesung zu spät gekommen war, da ihr Zug in eine Schafherde gerast war in der Lüneburger Heide: „Ich bin abergläubisch.“), vor allem aber, denke ich, kann ich als in der Materie völlig Unwissender den vermutlichen Anspielungsreichtum des Textes nicht genießen. Ist was für Experten.
Auch Josef Oberhollenzer war mir fremd, ein Südtiroler Spät-68er: Warum er seine Bücher in Kleinschreibung verfasse? Er tippe auf einer alten Olivetti, bei der die Taste für Großbuchstaben unnötig viel Kraft verbrauche. Mir erschien er wie ein trotzköpfiger Chaot, der sein Chaos schlitzohrig als Kunst tarnt. Sein Buch „Sülzrather“ handelte von einem Querschnittsgelähmten, der Schuhfetischist ist, der gelesene Ausschnitt befasste sich mit Schuhsorten und bestand zum großen Teil aus von Sülzrather vergebenen Schuhsortennamen. Zerhackt wurde der Text von Fußnoten, die der Autor grundsätzlich mitlas, um anschließend den zerhackten Satz nochmal ohne Fußnote zu wiederholen. So ein Spiel mit Fußnoten kann witzig sein (ich erinnere mich an Polityckis „Weiberroman“, in dem das zum Kranklachen war), hier diente es offenbar der Herstellung von Chaos.
Daher war es von den Organisatoren ganz clever ausgedacht, nun Inger-Maria Mahlke folgen zu lassen, Juristin, Hochschulassistentin der Kriminologie, nun im wahrsten Wortsinn professionelle Schriftstellerin (die Liste der von ihr besuchten Seminare und errungenen Preise liest sich wie die Veröffentlichungsliste auf einer Uni-Webseite). Eine hohe, schlanke, schöne – nein, eher attraktive Frau, die Perfektion ausstrahlte und einen ebensolchen Text vorlas. „Archipel“ (es geht darin um Teneriffa und dessen Geschichte) ist sicher ein gutes Buch, sicherlich besser als ihr etwas unterkühlter Auftritt.
Zu Arno Geiger interessant fand ich, wie er davon erzählte, wie er schon einmal den Buchpreis bekommen hatte: „Ich weiß nicht warum, das Buch, das ich vorher geschrieben hatte, >Schöne Freunde<, fand ich eigentlich genau so gut, und das hat niemand beachtet ... Der Preis hat mein Leben verändert. Ich kann das eigentlich nur jedem empfehlen.“ Sein aktuelles Buch heißt „Unter der Drachenwand“, eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg. Was er las, fand ich gut und genau erzählt, der Funken des Interesses sprang dennoch nicht über.
Und zum Schluss Helene Hegemann, die Berühmte. Ich hab ihre Biografie nochmal bei Wikipedia nachgelesen hinterher – das grenzt ja an Kindesmissbrauch, was der Vater mit ihr gemacht hat. Und das erklärt auch manches: Sie wirkte auf der Bühne wie 16 (deshalb hab ich nachgelesen: wie alt sie nun wirklich ist), und was sie vorlas, wirkte auch so: authentisch, pubertär, ein bisschen simpel. „Vielleicht muss sie was nachholen.“ meinte meine Frau, als ich ihr davon erzählte. Na, und das wollen wir ihr mal gönnen.
So, Ende der Geschichte. Schreiben Sie mir doch, wenn Sie eins der Bücher besser kennen als ich durch diese winzigen Ausschnitte!

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Mir erschien er wie ein trotzköpfiger Chaot, der sein Chaos schlitzohrig als Kunst tarnt.
Was für eine perfekte Beschreibung.
Ich kenne genau so einen Menschen auch und gluckse hier grade vor Freude vor mich hin, weil sie mir damit die perfekte Ein-Satz-Charakterisierung geliefert haben.
Darf ich mir den Satz kopieren und in meine private Sammelliste der Lieblingssätze einfügen?

Im übrigen fand ich Ihre gesamte Lesebesprechung sehr schön, ich kenne keines der Bücher, aber ich habe Ihre Zusammenfassung mit großem Vergnügen gelesen und freue mich, dass ich im Zweifel auch wenig verpasse, wenn es mir, was absehbar ist, nicht gelingen wird, eines der Bücher bis zu meinem Tod zu lesen.

Die Apps auf Smartphones haben ja immer so Zahlen oben rechts in der Ecke, die anzeigen, wie viele ungeöffnete Nachrichten sich in dieser App befinden. In meiner Feedreader-App schleppe ich zB regelmäßig zweistellige Zahlenanzeigen mit mir rum (weshalb ich auch Ihren Beitrag auch erst gestern gelesen habe und erst jetzt dazu komme, etwas dazu zu sagen), aber würden nur die Papierbücher, die bei mir zu Hause noch darauf warten gelesen zu werden, in einer App als ungelesene Nachrichten angezeigt, dann wäre die Zahl hoch dreistellig und ich fürchte, dass es mir schon nicht gelingen wird, die bereits gekauften, vorhandenen Bücher alle bis zu meinem Tod zu lesen - wie sollte es mir dann mit neuen Bü+chern gelingen, die sich fairerweise ja hinten anstellen müssten.

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Den Satz können Sie gerne haben und weiterverwenden - es freut mich, wenn jemand meinem Schreiben mitunter einen praktischen Sinn gibt.
Im Gegenzug könnten Sie mir ja Ihre Liste der zu lesenden Bücher zuschicken - ich könnte Sie Ihnen sicher von dreistellig auf zweistellig runternörgeln, das kann ich ganz gut.
In der Tat fand ich auch an dem besagten Abend das meiste nicht so bedeutsam, das Buch von Gert Loschütz musste ich aber dringend haben und lese es grade: Es ist so schön, dass ich beim Lesen gar nicht mehr darüber nachdenke, ob das nun gut oder schlecht gemacht ist, sondern einfach nur lese und mich der Geschichte hingebe - hatte ich schon lang nicht mehr.
Aber vermutlich ist auch "Der Vogelgott" von Röckel ein gutes Buch, vielleicht sogar auch die Bücher von Molinari und Mahlke (ich werd mir die drei wahrscheinlich zu Weihnachten schenken lassen) - also so ca. 1 -4 gute Bücher bei 15 nominierten Autoren finde ich jetzt gar keine so schlechte Quote, das nur als Nachtrag.

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Ich kenne keines der Bücher, hörte aber heute im Deutschlandfunk Kultur Interview mit Stephan Thome zu seinem Buch "Der Gott der Barbaren", mit dem er auf der Shortlist für den Buchpreis steht. Ich fand, das klang ganz interessant.

Bei Ihren längeren Postings möchte ich immer so gern eine Leerzeile zwischen die Absätze hauen, damit man Ihre Texte besser lesen kann.

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Na, das mit der Leerzeile kann ich ja auch übernehmen - danke für den Tipp! (Vielleicht lindert das ein bisschen das leidige Problem, dass ich meine längeren Texte oft die besseren finde, ich sie aber kaum in diese enge blogger.de-Spalte gepresst kriege)
Von Stephan Thome kenn ich nur "Fliehkräfte", das Buch war ganz okay. "Grenzgang" soll ja viel besser sein (da kenn ich nur den Film, der auch sehr gut ist). Jetzt hat er sich offenbar in ein ganz anderes Themenfeld gewagt, vielleicht sollte man das wirklich mal probieren.
(Und dass mein neuer Liebling Gert Loschütz es nicht in die Shortlist geschafft hat, ist mir ganz recht - ich habe das Buch jetzt ausgelesen und finde es wunderbar, das muss ich nicht mit jedem teilen.)

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Ich habe von Thome noch gar nichts gelesen. In der Stadtbibliothek gibt es die beiden von Ihnen genannten Werke, sah ich eben im Online-Katalog ("Grenzgang ist aber noch bis Mitte Oktober ausgeliehen). Von Loschütz ist nur ein illustrierter Gedichtband vorhanden - in der Kinderbibliothek.

Ich finde Ihre längeren Texte auch toll und finde, sie verdienen, dass sie von der Optik gut lesbar sind. Durch Leerzeilen zwischen den Absätzen wirken sie nicht mehr so eng gequetscht, weil die blogger.de-Spalte an Luft gewinnt.

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