Mittwoch, 12. März 2014
Ein Selbstportrait der alten Bundesrepublik (Rezension zu Per Leo: Flut und Boden)
Mal wieder hat mich ein Buch richtig gepackt: Es trägt zwar einen etwas dämlichen Titel, „Flut und Boden“, ist aber ansonsten außerordentlich klug – und erzählt eine altbekannte Geschichte auf faszinierende Weise: indem sie das Prototypische daran herauskitzelt. Bitte entschuldigen Sie, dass sich meine Faszination zunächst einmal darin äußert, dass ich an dem Buch rummeckere.
Der Text nennt sich Roman, ist aber eher ein autobiografischer Essay: Der Autor nennt sich selbst einen „Nazienkel“. Er hat die ererbte Bürde angenommen, ist Historiker geworden, hat die Biografie seines Großvaters genau recherchiert und auch eine Dissertation zu dessen geistigem Umkreis geschrieben. Nun merkt er, dass auch das ihn nicht von der Last der Schuld befreit, er versucht es jetzt mit einer größer angelegten Analyse seiner Familie. Angeregt wird er dazu von seinem Vater (dem Nazisohn). Man hat den Eindruck, der Vater will den abtrünnigen Sohn und Nazijäger damit wieder in die Familie zurückholen, indem er die Fährte auf den unbelasteten Onkel (den Bruder des Nazis) legt.
Was der Autor, Per Leo, aus der aufgenommenen Fährte macht, ist ein Familienportrait, das, so finde ich, exemplarisch für das Geschichtsbild Bundesrepublik stehen kann.
Sein Großvater ist der missratene Sohn eines Gymnasiallehrers, dessen Familie ganz buddenbrooksch unter der Last vergangenen Unternehmerruhms und –reichtums leidet. Er findet Halt im rechten Milieu, engagiert sich in der bündischen Jugend, lernt Forstwirtschaft, träumt davon, Siedler zu werden. Die Diktatur eröffnet ihm dann eine Karriere, mit der er eine Familie gründen kann: als Parteibonze im „Rasse- und Siedlungsamt“ der SS ist er für die Einbürgerung nach rassischen Kriterien zuständig, eine Position, die man sich anrüchiger kaum vorstellen kann. Nach dem Krieg dann deklassiertes Weiterleben, erst auf dem Dorf, später (noch demütigender) in der Villa der Vorfahren.
Und was macht nun Per Leo, der Enkel, aus dieser Geschichte? Zunächst sucht er nach den Wurzeln der großväterlichen Ideologie und findet sie im Irrationalismus der Jahre um 1900 – dessen Innovationsfreude er entsprechend als „Dornröschenschlaf“ missversteht (S. 106). Wie sein Vater, der Ingenieur, sein Großonkel, der Chemiker geworden ist, gilt ihm der Materialismus als Schutz vor amoralischen Versuchungen.
Entsprechend baut er seinen Großonkel als Gegenbild zum Großvater auf (eine Erzählweise, die ich auch aus meiner Familienüberlieferung kenne): einen anständigen Menschen, der aufgrund einer Krankheit von den Nazis sterilisiert wurde, der sich in den dunklen Jahren und auch danach in Pedanterie und Technikbegeisterung zurückzog.
Dann versucht der Autor, die Schuld des Großvaters aufzulösen, indem er sie anhand der Akten erklärt. Das funktioniert natürlich nicht. Von einer Schuld, die der Täter selbst nicht eingestanden hat, kann ein Nachfahre sich schwer und auf rationale Weise schon gar nicht lösen. Denn worin das Verbrecherische bestand, das lässt sich so zwar erschließen, nacherlebbar wird es nicht: Die Opfer, die Tatorte bekommen kein Gesicht, nur immer wieder der Täter und seine Lügen selbst. Ebenso, wie außen vor bleibt, was seine Frau eigentlich so lange macht, wo und wie sie lebt, wie seine Kinder aufwachsen.
Irgendwie fehlt da die Bodenhaftung. Wenn der Großvater 1945 in amerikanischer Gefangenschaft und gemeinsam mit anderen SS-Gefangenen ein Pamphlet verfasst, das seinen Kindern als moralischer Ratgeber dienen soll, dann hat es wenig Sinn, diesen Text brav ideologiekritisch zu analysieren, wie Per Leo es tut. Denn natürlich kann man da nicht viel mehr rauskriegen, als dass die Verfasser wohl „nicht mehr alle Tassen im Schrank“ hatten, wenn sie z. B. forderten: „Erkenne, daß das größte Unheil [...] durch Schwatzhaftigkeit weniger Wissender entstand.“ (S. 267) Denn natürlich ist das alltagspraktisch zu verstehen: „Verpetzt mich nicht bei den Allliierten!“
Dieses Theoretisieren ist, finde ich, das typische Geschichtsverhalten der alten Bundesrepublik: Der Blick auf die Täter wie das Kaninchen auf die Schlange. Akteneinsicht statt persönliches Annehmen der Schuld. Das Verschieben der Schuld auf die Neuromantik der Jahrhundertwende. Der sehnsüchtige Blick auf die Unternehmer und dass Armut der Bevölkerungsmehrheit ausschließlich als demütigend wahrgenommen wird. Und natürlich die Vernachlässigung der weiblichen Sphäre.
Ganz typisch, wie Leo diese Schieflage ausgleicht: wieder durch Lob des Großonkels. Der hat (als Chemiker in Bitterfeld) in der DDR gelebt und sich anthroposophisch betätigt. Ist das nicht auch wieder ganz typisch westdeutsch: Alles Gefühlige verdammen – aber dann als Ventil ausgerechnet die Anthroposophen akzeptieren und natürlich die nette Familie im Osten?
Tja, und jetzt, was ich so toll finde an Per Leos Buch: Der Autor weiß das alles, was ich hier aufführe, an den schönsten Stellen lässt er dieses Wissen ironisch aufblitzen, etwa wenn er ein Kapitel „The making of a Nazienkel“ betitelt. Und ganz deutlich im großartigen letzten Kapitel des Buches, in dem der Analysierer Per Leo sich wieder zurück in den Menschen Per Leo verwandelt: der – wie sein Großvater – eigentlich keinen bürgerlichen Beruf hat, der wie sein Großvater vieles nicht weiß und eine sehr subjektive Weltsicht an den Tag legt, der aber – anders als sein Großvater – diese Beschränktheit einsieht und versucht, sein Kind so gut wie möglich großzuziehen. Denn darum geht es letztendlich: sich nicht über andere zu erheben.

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