Montag, 6. August 2007
Brief 22, 23, 24 - das Jahresende: Scham, Verwirrung, Abschied
* Dezember, von Monika
... Ich verstehe nicht, warum du dich schämst, daß es Dir gut geht, wenn es Deinen Eltern schlecht geht. ...

* Dezember, von Isabelle
Lieber Martin!
Hier ist grad Sonnabend gegen 23.30 h, draußen ekelhaft kaltes Nebelwetter und im Radio das Geseier der Liedermacher im HdJT („Haus der jungen Talente“). ... Letzte Woche traf ich Monika in der Bersarinstraße, als ich grad von 5 Stunden Pegeltrinken mit Tom kam und war so für diesen ihren Abschiedsbesuch nicht mehr gut drauf. Was ich nicht so schlimm finde, da sich ja inzwischen die Dinge gewendet haben ...

* Dezember, von Monika
... erst noch von Hamburg. Ich fand das Stadtklima dort nämlich schlichtweg beschissen. Übervolle Kaufhäuser, Weihnachtstrubel, Lichter und an manchen Stellen, z.B. am Jungfernstieg rechts und links des Wassers, hohe tote Häuser, daneben gr. Schaufenster, wenig, aber exklusiv dekoriert, beleuchtet, und man konnte eine Weile laufen, ohne einen Menschen zu sehen. Furchtbar. Sonntagmittag bin ich um die Alster gelaufen und eine Menge Pelze kamen an mir vorbei. Vornehm, aber stinklangweilig. Ich hatte Reif im Haar, weil es so kalt war. In London ist es - so finde ich lebendiger und normaler. Die Stadt ist sehr groß, und Sehenswürdigkeiten gibt es überall. Mittendurch geht die Themse lichtblau in der Sonne, und es fahren darauf Schiffe und Schiffchen. Ein weiter Himmel, ein breiter Fluß und doller Verkehr. Autos wie Menschen. Aber die Autos z.B. hupen nicht ...

* Tagebuch vom 3. Dezember
"... ich habe in Westberlin geschlafen - nicht aus politischen Gründen - sondern weil ich dort das bessere Bett hatte: Da lag meine Frau drin." Wolf Biermann im Ostfernsehen. Die Welt steht auf dem Kopf. Gestern ein Konzert in Leipzig, heute im Berliner HdJT mit Bettina Wegener, Eva-Maria Hagen, Gerulf Pannach und leider auch Stephan Krawczyk sowie Ostkollegen. Die Hagen hat von allen am besten gesungen, er machte die große Show draus, fast schon penetrant, "... aber die Lieder gehen doch durch und durch." <- ein Theologe, der mit uns vorm Fernseher saß. Überhaupt die Nachrichten dieser Tage - allein gestern und heute: Es brettert dich weg: Jugendradio versucht vergeblich, zu Honi nach Wandlitz vorzudringen, Wenzel und Mensching sich durch ein Spottlied auf Krenz zu legitimieren. Haftbefehle gegen den Direktor vom Wohnungsbaukombinat sowie den SED-Bezirkssekretär (wegen Anstiftung) von Suhl. Waffenschmuggel-Lager im Kreis Rostock entdeckt. Erste Schlagzeile heute im ND: "Führungsrolle der SED wurde aus der Verfassung gestrichen", und auf der Geschichtsseite listet man Dutzende von Todesdaten in der SU umgekommener deutscher Kommunisten auf. Diskussionen gibt es um den Generalstreikaufruf des Neuen Forums Karl-Marx-Stadt und um die Kommission zur Aufdeckung von Amts- und Machtmißbrauch: Man kann sich vor Sonderjagdgebieten und -maschinen der Interflug, vor unter Wert verkauften Häusern, Autos und Westwaren schon gar nicht mehr retten. Nie hätte ich’s gedacht, daß dies vertrockneten Greise solche Lebemänner waren. Stoph z.B. (von den Kindern und Enkeln - das leuchtet mir schon eher ein) ... Vielleicht fing es überall mit so kleinen Sachen an. Und dann saßen Ernst und Hannelore "auf den berühmten Hügeln von Groß Zicker" vor ihrem Ferienhaus und machten DDR-Unipolitik. Und ein paar Etagen höher wird diese Schmuddelidylle direkt kafkaesk: Beim Verantwortlichen für Wirtschaft und Finanzen des DTSB wird "ein Betrag von insgesamt 291 000 DM West in Büroschubladen und anderen Behältnissen" gefunden, Herkunft und Verwendungszweck unklar. Der "Verantwortliche" begeht Selbstmord. Aber ich denke auch an Monika, die meint - obwohl oder weil sie Opfer ist - daß es eines übermenschlichen Charakters bedurft hätte, sich dem Zwang der Privilegien nicht zu beugen, was gehießen hätte, das System abzulehnen. Statt Schuldige zu bestrafen (und schuld sind im Prinzip alle, die Verantwortung hatten), sollte man lieber das System ändern. Hoffentlich geschieht's und auf eine gute Weise. Und ich denke an uns beide: Wir gehen dahin, wo (noch) munter fortlebt, was hier gerade aufbricht (um sich anders neu zu bilden?), in eine "festgefahrene" Gesellschaft (Monika). Aber es geht nicht anders, wenn wir ganz ehrlich anfangen wollen: Dieser politische Aktivismus, wohl notwendig, ist mir äußerst unangenehm. Die öffentlichen Auftritte mir so lieber Menschen wie Martin oder Harald mir widerwärtig, wie erst die der anderen: Karsten W. bei der Studentendemo: locker-studentisch in Filzmantel und Schal, lächelnd selbstsicher-freundlich guckt er über die Massen hinweg, ein Schild um den Hals: "Kunstwissenschaftsstudenten aller Unis, vereinigt euch". Ich möchte kotzen. Und die Leute mit der einfachen Vernunft hintenan. Monika M. Liane K. Wie wird das alles werden? "Ich möchte am liebsten fortgehn und bliebe am liebsten hier."

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